Schopenhauers Stachelschweine

Der Misanthrop wünscht sich auf eine einsame Insel und sehnt sich zugleich nach körperlicher Nähe. Kolumne über einen Menschenschlag, der ständig zwischen Extremen pendelt

Bild (gemeinfrei): pixabay

Misanthropie oder: im Spannungsfeld von Menschenflucht und Humanismus

So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab,

lautet Schopenhauers Gleichnis von den Stachelschweinen. Klingt nicht schön. Steckt aber viel Wahrheit drin. Und bereits an dieser frühen Stelle des Textes müssen wir eine Entscheidung treffen: Wollen wir lieber  ungeachtet der oben zitierten Widrigkeiten – dauerhaft mit anderen zusammenleben, oder ziehen wir das Alleinsein einer schlechten Gesellschaft vor?

Jeder von uns hat einen Kumpel, der abends gerne daheim bleibt und an der Playstation zockt, während die anderen ins Nachtleben aufbrechen und eingezwängt zwischen hunderte schwitzender Körper in einem Club die Sau rauslassen. Man nennt die Zuhause-Fraktion: Stubenhocker, Eigenbrötler, Einzelgänger, Sonderling, Außenseiter; wenn man es nett umschreiben will auch Individualist. Im Alter mit zunehmender Tendenz zum Nörgeln und Granteln, ihr trauriges Umfeld nur durch galligen Humor ertragend. Alles Untergruppen aus der Gattung Misanthrop. Ein Kunstwort, abgeleitet von den altgriechischen Wurzeln „misein = hassen“ und „ánthrōpos = Mensch“. Ein Misanthrop ist also ein Menschenhasser oder Menschenfeind. Oh weh! Wer möchte das schon gerne sein?

Was sind das für Menschen, denen es zuwider ist, auf Partys zu gehen, im Treppenhaus Nachbarn zu begegnen oder auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt in Unterhaltungen verwickelt zu werden? Wird man als Misanthrop geboren, zu einem erzogen, oder kann ein traumatisches Erlebnis einen derart aus der Bahn werfen, dass man im Nachgang zum Menschenfeind mutiert?

Hierzu ein anonymer Autor: „Niemand wird als Misanthrop geboren. Weder ist es eine Persönlichkeitseigenschaft noch eine Krankheit. Man wird zum Misanthropen durch eigene Erlebnisse und Urteile, die man über diese Erlebnisse fällt“ (aus: „Wie wird man ein Misanthrop?“, in: Geist und Gegenwart, 23. Aug. 2014).

Das ist ja schon mal ein für alle werdenden Mütter tröstlicher Gedanke: sie werden keinen durch Erbmaterial prädisponierten Menschenfeind in die Welt setzen. Falls Sohn oder Tochter sich zu einem entwickeln, dann liegt es an Erziehung und Erfahrungen, die er/ sie im Berufs- und Liebesleben sammelt.

Geisteshaltung und nicht Handlungsweise

Nun behaupten zahlreiche Psychologen, dass Misanthropie gar keine konkrete Handlungsweise charakterisiert, sondern einzig eine Geisteshaltung. Ein Misanthrop muss also weder gewalttätig, aggressiv noch arrogant sein. Ganz im Gegenteil neigen viele dieser Menschen sogar zu altruistischem Verhalten. Wie ist dieses Paradoxon zu erklären?

Der weit überwiegende Teil der Misanthropen verachtet nicht den Menschen als Individuum, sondern den traurigen Zustand der Menschheit als Ganzes. Oft misst der Misanthrop seine Umgebung an der Elle eines Ideals (das utopisch sein kann), registriert die häufigen Abweichungen und gelangt so im Lauf der Jahre zu der Überzeugung, dass die meisten Menschen Mittelmaß darstellen oder gar boshaft sind. Sich selbst nimmt er von dieser Beobachtung nicht aus. Ein Misanthrop geht des Weiteren davon aus, dass der Anteil Idioten global gleichverteilt ist: und zwar auf alle Geschlechter, Alters- und Einkommensgruppen, Länder und Hautfarben. Einige Misanthropen sehen sich als Nihilisten und vertreten die Auffassung, dass der Mensch zwangsläufig die kosmische Sinnlosigkeit widerspiegelt. Wenn schon das Universum nicht weiß, wozu es gut sein soll, wie kann man dann vom Menschen verlangen, dass er sich zu mehr aufschwingt, als bloß seine tierischen Bedürfnisse zu befriedigen? Da die Welt aber nun mal nicht aus ihm alleine, sondern sieben Milliarden zusätzlichen Bewohnern besteht, ist der Misanthrop zu gewissen Kompromissen bereit und versucht, den Hass auf die eigene Spezies zumindest tagsüber, wenn er mit fünfzig Kollegen im Großraumbüro sitzt, auszublenden. So er noch kein Soziopath ist, gelingt ihm die Mimikry mühelos. Aber die freundliche Fassade ist halt antrainiert.

Denkt der Misanthrop tatsächlich so, wie E.A. Poe es ausdrückte?

Die angenehmsten Menschen sind jene, die nie gelebt haben.

Vor einigen Jahren schrieb ich eine Kurzgeschichte, der ich den Titel „Misanthropie am Donnerstagabend“ gab, in der sich ein notorischer Eigenbrötler zum zigten Mal die Frage stellt, ob sein Widerwillen gegen näheren Kontakt mit den Nachbarn nicht doch auf galoppierender Menschenfeindlichkeit gründet. Hieraus eine kurze Passage:

Misanthropie am Donnerstagabend

Im Moment spüre ich nichts. Bloß Zufriedenheit mit der Einsamkeit. Vielleicht ist ein langes Leben ja gar nicht erstrebenswert. Jeden Tag ab 7 Uhr derselbe, in dumpfer Regelmäßigkeit wiederkehrende Stumpfsinn. Nahezu alles ist Routine: sich waschen, Zähne putzen, kochen, essen, arbeiten, schlafen. Die Höhepunkte bestehen aus Sex, Kino, teuren Restaurants und in Urlaub fahren. Habe ich das nicht schon zehntausend Mal absolviert? Mittlerweile ist mir alles fade geworden. Zeit, endlich auszusteigen? Zwei Kilometer weiter marschieren , mich auf die Bahngleise legen und auf die nächste S-Bahn warten, die mich zu Brei zerquetscht. Dann verbrennen und die Asche über dem Fluss verteilen. Ob es aber in der Hölle so viel abwechslungsreicher zugehen wird, überlege ich. Wahrscheinlich nicht. Auch der Satan wird monotone Arbeit von mir fordern. Von fern kräht ein früher Hahn. Ich schaue auf die Uhr: vier Uhr vorbei. Mit leicht schmerzendem Rücken stehe ich auf und trotte zurück in unsere Siedlung. Neben der auf Blinklicht geschalteten Ampel hat sich in der Zwischenzeit jemand übergeben. Die Kotze stinkt erbärmlich. Der Westwind bläst immer noch stürmisch. Leere Kartons und Zeitungsseiten wirbeln über den Asphalt.

Ich schließe die untere Haustür auf. Lass sie alle noch bis zum Morgengrauen im Koma liegen, denke ich. Nur kein weiteres Gekläffe und Gesabber. Grabesstille im gesamten Haus, während ich die Treppen langsam nach oben steige. Wären sie alle von Andromeda-Killerviren getötet worden und ich hätte als einziger überlebt, weil ich mich zwei Stunden im Wald aufgehalten habe: würde mir das was ausmachen, geht es mir durch den Kopf. Nein! Völlig egal. Es gibt so viele von ihnen. Wen jucken da hundert weniger?

Du bist ein emotionsloser Menschenfeind geworden. Nichts berührt dich mehr, meldet sich das stets nervende Gewissen.  Ich schweige schuldbewusst, denn die innere Stimme hat recht. Einzig der Verlust Ludmillas täte mir ein wenig weh. Aber die liegt vermutlich nackt neben ihrem schnarchenden, viel zu alten Ehemann und träumt von der Schönheit Russlands. Ich werfe mich in voller Montur aufs Bett und starre an die dunkle Decke.

Auch als Misanthrop ist man nicht einzigartig

Etwas Linderung verschafft das Wissen, mit der Einstellung „lasst mich bloß alle in Ruhe mit eurem Mist!“ nicht völlig alleine auf diesem Planeten zu sein. Es gab und gibt viele Millionen Exemplare der Gattung „Haltet Abstand von mir!“:

Dass andere anders sind, anders denken, anders handeln, ist nur halb so schlimm wie die Tatsache, dass sie überhaupt da sind.
(c) Simone de Beauvoir

Charles Bukowski beschrieb den Zustand auf die für ihn typische Weise: „Ich mag Hunde lieber als Menschen. Und Katzen lieber als Hunde. Und mich, besoffen in meiner Unterwäsche aus dem Fenster schauend, am liebsten von allen“. Ein User eines Misanthropen-Forums erklärt in einem Kommentar: „Zu langfristiger Beziehung bin ich nicht fähig. Meine, oft bloß gespielte, Zuneigung zu den Menschen schwindet immer mehr. Am liebsten würde ich mich in eine Höhle verkriechen“. Sind Misanthropen enttäuschte Liebende? Verhält es sich tatsächlich so, dass der Misanthrop erst seine Eltern und dann die Arbeitskollegen hasst, bevor er sich in ein weit entferntes Dschungelcamp zurückzieht? Glücklich nur in der selbstgewählten Einsiedelei? Ja und nein. Insofern es sich bei ihm um einen 80%-Misanthrop handelt – und die stellen bei weitem die Mehrheit dieser Gattung – legt er durchaus Wert auf Tuchfühlung mit der Außenwelt. Allerdings konzentriert er seine Kontakte auf ein, maximal zwei Handvoll Personen. Zeitgenossen, deren Nähe und Urteil er schätzt: Lebenspartner, nahe Verwandte, ein paar Freunde. Deutlich mehr an zwischenmenschlicher Interaktion benötigt und verkraftet er jedoch nicht.

Diejenigen, die im Alter nicht zynisch werden, können lieben, Mitgefühl zeigen, helfen und trauern. Viele versuchen, bessere Menschen zu sein, weil sie zu überwinden trachten, was ihre Abscheu der Menschheit gegenüber verursacht. Den Unmut, den ein anderer User des Forums so in Worte kleidet: „Manchmal bin ich angeekelt von der Gier der anderen, von ihrem Egoismus, der Kurzsichtigkeit, dem Konsumwahn. Ich messe sie alle an einem Ideal. Wissend, dass ich genauso fehlerbehaftet bin wie sie. Ich hasse keine einzelnen Menschen, wohl aber die Abgründe der menschlichen Natur“.

Die Erkenntnis, dass wir alle aufgrund unseres angeborenen Egoismus in unserem Wollen und Können begrenzt sind, ist schon beinahe als weise zu bezeichnen. Unterm Strich bleibt festzuhalten, dass nicht alle Misanthropen Mordgedanken hegen oder sich auf eine einsame Insel sehnen, sondern sich bloß im Gegensatz zu den anderen mit einer reduzierten Dosis Kommunikation zufriedengeben. Was fehlt, ist ein neuer Fachbegriff. Denn Menschenfeind trifft es nicht richtig.

Stachelschweine gelten übrigens innerhalb ihrer kleinen Rudel als gesellige Tiere.

 

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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