Die Kolumnisten

persönlich. parteiisch. provokant.

Straße brennt? – Ach was!

Gestern, am 8.9.2017, starb mein Freund, Christoph Becker, der unter seinem Facebooknamen Chris Beck, trotz seiner Krankheit und einem Leben im Rollstuhl, ein unermüdlicher Kämpfer gegen Rassismus und Nationalismus war. Ihm widme ich diese Kolumne. Maach et jood, Chris!

Wenn Ihnen das allgegenwärtige Wahlkampfgedöns ebenso auf den Geist geht wie mir, wir sind ja nicht gezwungen uns dem auszusetzen. Okay, am letzten Sonntag war es nicht einfach, im Fernsehen etwas anderes als Merkel vs. Schulz zu finden. Aber man kann ja auch was lesen, Musik hören oder sich einfach mit Freunden treffen.

Auch ich habe, wie bei jeder Wahl, Schwierigkeiten mich zu entscheiden, wem ich die Erst- und welcher Partei ich meine Zweitstimme geben werde. Sicher bin ich mir da auch heute noch nicht. Wenn Sie DieKolumnisten lesen, gehöre Sie vermutlich zu der Gruppe vom Bürgern, die sich vor der Wahl Gedanken machen, wen oder welches Programm sie wählen wollen. Sie wählen nicht danach, welche Farbe Ihnen am Besten gefällt, oder welche Buchstabenkombination schön aussieht oder an welchem Wahlkampfstand Sie den besseren Kugelschreiber bekommen haben. Sie finden vermutlich – wie ich – diese ganzen Werbeartikelschlachten eher albern. Alleine, wir an Politik interessierten Wähler sind genauso wenig das Wahlvolk, wie die Schreihälse, die von sich gar behaupten, sie seien das Volk. Und dennoch zählt meine Stimme nicht mehr und nicht weniger als Ihre und unsere beiden nicht mehr als die von zwei Vollidioten, die die Erde für eine Scheibe halten oder an die Existenz von Chemtrails glauben.

Bollidische Digdadur

Wer in den letzten Wochen die Statements von potentiellen Wählern bei Straßeninterviews gehört hat, der kann großen Zweifel daran bekommen, ob ein freies, gleiches, allgemeines Wahlrecht tatsächlich so eine gute Idee ist. Wer nicht gerade unter vollständiger Betreuung steht oder wem nicht das Wahlrecht nach einer Verurteilung vom Gericht entzogen wurde, der darf wählen. Voraussetzung ist nur, dass er mindestens 18 Jahre alt und Deutscher ist, also die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Wenn man sich die Meinungen von Menschen anhört, die „gegen Alles“ sind, die auf den „Staat verzichten“ können, die in der Bundesrepublik eine „bollidische Digdadur“ erkennen

und deren einziges Ziel „Merkelmussweg“ ist, dann zweifelt man daran, dass solche Wähler in der Lage sind, eine verantwortliche Wahl zu treffen. Dabei übersieht man allerdings, dass die Wahl überhaupt nicht verantwortlich sein muss. Aus welchen Motiven jemand sein Kreuz bei einer Partei macht, ist völlig egal. Er kann das auswürfeln, er kann bewusst eine verfassungsfeindliche Partei wählen, er kann Programme lesen und vergleichen – sofern er lesen kann – oder er kann auch blind mit dem Stift in der Wahlkabine Dart spielen.

Stabiles System

Das war schon immer so und obwohl die Wähler vermutlich im Schnitt weder schlauer noch dümmer geworden sind, hat es in all den Jahren, in denen die Bundesrepublik existiert, immer eine handlungsfähige Mehrheit gegeben, die auch jeweils eine im internationalen Maßstab brauchbare Regierung zustande gebracht hat. Man muss sich also nicht all zu sehr sorgen, dass in Deutschland eine rassistische, antisemitische oder fremdenfeindliche Partei eine echte Machtperspektive hätte. Das demokratische System ist stabil.

Ist also alles gut? Nein, keineswegs. Denn was es der neuen rechten Bewegung zunehmend gelingt, ist einen ungesunden Spalt in die Gesellschaft zu treiben, indem sie den anderen Parteien sämtlich die demokratische Legitimation abspricht und sie als Systemparteien und Parteienclique denunziert. Da auch in der Politik – wie auch in allen übrigen Lebensbereichen – nicht alles so läuft, wie man sich das vorher vorgestellt hat, und Idealzustände ohnehin nicht möglich sind, fallen solche Parolen gerade bei einfach strukturierten Menschen auf fruchtbaren Boden. Die Gruppe der ewig Unzufriedenen, der Politiker-sind-Scheisse-Schimpfer, hat es schon immer gegeben. Neu ist nur, dass die nicht mehr, ihrer eingeschränkten Denkfähigkeit halbwegs bewusst, in der Defensive bleiben, sondern mit einem Honk wie Trump auf einmal ein Vorbild haben, das eine Wahl, ja die wichtigste Wahl der Welt gewonnen hat, auf einmal oben schwimmen. Die denken ernsthaft, dass die Autoren von sogenannten Kolumnen z.B. im Deutschland-Kurier ihre Sprache sprechen. Die merken nicht, dass sie von den sogenannten Rechtsintellektuellen – deren Erstarken ein Matthias Matussek auf FB mit Freude bejubelt –

Die „rechte“ Intelligenz lebt und ist virulent und erobert die Diskurshoheit, Meter um Meter / neuster Schritt (nach TE und TUMULT) CATO, Glückwunsch an Andreas Lombard für die gelungene erste Nummer!

in Wahrheit verachtet und lediglich als williges Stimmvieh missbraucht werden.

Wer glaubt, ein Rechtsanwalt Dr. Maximilian Krah könne keine besseren Texte schreiben, als er dies in seiner Kolumne „Hier kräht der Krah“ tut , der irrt. Würde er solche Schriftsätze bei Gericht schreiben, dann verlöre er jeden Prozess – außer vielleicht bei Jens Maier.

Adolf für Deppen

Die plumpe Propaganda folgt der bereits in Mein Kampf beschriebenen Agenda des deutschen Politikers, der diese Methode des Dummenfangs zur Perfektion entwickelt hat.

Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt. Damit wird ihre rein geistige Höhe um so tiefer zu stellen sein, je größer die zu erfassende Masse der Menschen sein soll. Handelt es sich aber, wie bei der Propaganda für die Durchhaltung eines Krieges, darum, ein ganzes Volk in ihren Wirkungsbereich zu ziehen, so kann die Vorsicht bei der Vermeidung zu hoher geistiger Voraussetzungen gar nicht groß genug sein. “ [6.Kapitel]

Vorsicht bei der Vermeidung zu hoher geistiger Voraussetzungen, ja, das trifft es. „Make Amerika great again“ versteht jeder Depp genauso gut wie „Burkas? – Wir steh`n auf Bikinis“ oder „Neue Deutsche? – Machen wir selber“. Ha ja, total lustig, Schenkelklopfer. Es ist derselbe Asihumor, den auch Gauland mit seiner Entsorgungsnummer abzieht. Mit 10 Bier im Schädel vielleicht als lustig empfunden und später ausgekotzt.

Für Menschen mit Bildung und Intelligenz aber schlichtweg unerträglich, dennoch höchst effektiv. Es geht den durchaus intelligenten Parteiführern doch weder um intelligente, noch um gebildete Anhänger. Die kommen in Form von Karriereristen ohnehin dazu, weil es bei einer neuen Partei noch was zu holen gibt. Nein, die wollen gezielt die geistig Minderbemittelten ansprechen, die, denen es reicht „Merkelmussweg“ und „Volkfahrräder“ zu grölen, weil sie das für „Widerstand“ halten.

Zwischen Volk und regierender Kaste

Matussek meinte vor ein paar Tagen auf Facebook:

Und wenn es tatsächlich erneut eine GroKo gibt, wird, das meine Prophezeiung, die Straße brennen. Es ist offensichtlich geworden – der Transmissionsriemen zwischen Volk und regierender Kaste ist längst gekappt, die Räder drehen ins Leere, und alle vier Jahre geisterhafte Placebo-Urnengänger, und Kugelschreiber an den Wahlständen. Ein Lacher! Und alle ALLE wissen es!!! Und wir wollen tatsächlich den Amis Demokratie beibringen? Seid ihr übergeschnappt , ihr sogenannten Qualitätsmedien??“

Ob es nur eine Prophezeiung eines freidrehenden Autors ist oder ob er bereits journalistische Informationen darüber hat, dass Derartiges geplant ist, weiß ich nicht, aber ich weiß´, dass es nicht die feinen Damen und Herren im Tweed oder schicker roter Hose sein werden, die die Straßen anzünden, sondern diejenigen, die auf die Parolen der geistigen Brandstifter vom Untergang des Vaterlandes reinfallen und auch glauben werden, dass das Finanzjudentum mit der Judenhure Merkel die Wahlen zuungunsten der wahre Patrioten gefälscht hat.

Nicht das zu erwartenden Wahlergebnis sollte uns Demokraten ängstigen, sondern dass offenbar bereits ein Straßenkampf ernsthaft in Betracht gezogen wird. Das neue an dieser Wahl ist das gefährliche Spiel mit dem Hass, das Hantieren mit Nationalismus, unverhohlenem Rassismus und der Drohung mit Gewalt, die zuletzt mein Freund Mike Kleiss am eigenen Leib erlebte, nachdem er eine lesenswerte Kolumne geschrieben hatte. Das ist gefährlich, aber dieses Feuer wird letztlich nicht zünden.

Keine Schicksalwahl

Wenn Ihnen jemand erzählt, es handele sich dieses Mal um eine „Schicksalswahl“, gibt es keinen Grund, das zu glauben. Diese Bundestagswahl ist eine Wahl, wie jede andere bisher und wird ein Ergebnis bringen, dass eine demokratische legitimierte Regierung hervor bringt. Die Erregungsbürger werden sich nach einiger Zeit verlaufen, wenn sie erkennen, dass die Kraftmaier und Großsprecher sich nach und nach als Laberkasper entpuppen und die erträumte Machtergreifung und die Säuberungsaktionen ein feuchter Landsertraum geblieben ist.

Die neue Regierung wird unaufgeregt ihre Arbeit tun, die Bürger sich wieder der Fußballbundesliga und der neuesten Diät zuwenden. Der Zeitgeist mag alles mögliche sein, aber ein rechtes Arschloch ist er nicht.

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8 comments
Klausi

Nun ist es aber leider so, dass die alten Parteien zusammengerückt sind (und zwar wortwörtlich, für jeden zu sehen und zu hören nach dem Abgang von Weidel bei Slomka incl. Vorstadtprolet Scheuer von der vermeintlichen law and order-Partei CSU), d.h. eine echte Opposition abseits der AfD ist nicht auszumachen. Die Altparteien streiten sich nur noch um Marginalien. Wen interessiert Rente mit 70, abschlagsfrei hier und da, wenn das Rentensystem ohnehin unter dem Zustrom von Millionen von Analphabeten zusammenbrechen wird? Wenn Vermögensaufbau wegen Null- und Strafzinsen unmöglich gemacht wird?

Das thematisiert nur die AfD, wie vieles andere, was die CLLG AK (Christliberal-linksgrüne Allparteienkoalition) unter den Tisch kehrt. Wen, wenn nicht die AfD, soll einer wählen, der mit dieser Entwicklung nicht einverstanden ist, auch auf die Gefahr hin, dass der grundgütige Herr Schmitz, der die ganze Welt umarmen möchte, ihn fortan als Nazi verachtet?

    Stefan Ossenkop

    Die Strasse brannte dieses Jahr doch schon. Nein, nicht im Osten bei Pegida oder wie Sie alle heißen. Dort ging bislang kein Auto in Flamen auf oder wurden Supermärkte geplündert. Die Straße brannte in Hamburg, es waren den „Antifaschisten“ alle Autos recht zum Abfackeln, SUpermärkte ausräumen und einfach nur zerstören. Man kann nicht die braunen Horden stigmatisieren, aus „Mein Kampf“ zitieren und dann auf dem linken Auge völlig blind sein. Aber ich gebe Ihnen Recht: Die Strasse wird brennen. Nur anders als sie es beschreiben. Wir haben nicht mehr 1930, als die SA gegen den Spartakusbund marschierte. Diesmal haben wir eine Polizei – wenn Sie Ihre Arbeit endlich machen DARF. Die Gesetze haben wir, da braucht es nur eine konsequente, freie Justiz in ALLEN Bundesländern.

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      Fred Groeger

      Nur mal zur Klarstellung:

      „Diesmal haben wir eine Polizei – wenn Sie Ihre Arbeit endlich machen DARF.“

      Ist einer der dämlichsten Sätze, den ich je gelesen habe. Die Polizei darf schon die ganze Zeit ihre Arbeit machen. Sie muss sich aber überraschenderweise auch an die Gesetze halten. Kapieren Sie das?

      Und das in diesem Zusammenhang mit „auf dem linken Auge blind“ zu setzen, ist schon irgendwie makaber, da gerade Polizei, Verfassungsschutz und co. eher Defizite in der Arbeit gegen Rechtsextremisten zeigten. Siehe NSU, siehe der Zeitraum, bis der VS endlich erkannte, dass die Identitäre Bewegung nur eine Neonaziorganisation mit gelbem Logo ist.

      Aber unabhängig davon, schreiben Sie sich gefälligst hinter die Ohren:

      Die Polizei darf auch nur das, was die Gesetze nicht überschreitet.

      Wir sind kein faschistoider Polizeistaat und sollten auch keiner werden.

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    Michael Schnickers

    Unfug. Das Rentensystem wird nicht zusammenbrechen. Ich habe gerade gestern syrisch-deutsche Ärzte, Journalisten, Buchautoren und Poeten kennengelernt, die ein sehr gutes Deutsch sprachen und in unsere Rentenkassen mehr einzahlen werden als die meisten Deutschen.

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      Volker Matschke

      Toll. Wie viele waren das? Ich habe mal einen Ägypter kennengelernt, der deutsche Literatur studierte, Krawatte und Dreiteiler trug, nach seinem Doktor (Magister hatte er schon) wieder in seine Heimat zurückkehren wollte, und prompt im TV eingeladen war. Er musste herhalten für gelungene Integration – und gab sich auch große Mühe.

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derblondehans

… meno, H.S., Sie tappern dem Mainstream hinterher. Die sind schon längst weiter, als Sie es sind: https://www.youtube.com/watch?v=R1Pl1Yd_2qQ&feature=youtu.be

Übrigens die Straße brennt, wenn Sozialisten, wie kürzlich in Hamburg, marschieren.

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Oliver Keinke

Danke Herr Schmitz für diesen Text. Auch ich glaube an unser System. Wir brauchen dennoch Mut zum richtigen Handeln (die Rechte – ich meine das Gesetz – und das Richtige – da meine ich Anstand, Menschlichkeit etc .)- verteidigen und dafür einstehen). Wer die Nachtigall stört… Die Dummen sind manchmal gefählrlich, daher darf man sie nicht unterschätzen, die Schlauen auch, machen aber auch dumme Fehler, daher sollten wir sie nicht überschätzen. Wer die Leitplanken unserer Kultur ( im o.g. Sinn von Recht und Anstand) beachtet und praktiziert und sich anderen gegenüber nicht überhöht, sondern sich um sie bemüht, trägt dazu bei, dass unser System weiterhinstabil bleibt und sich der Spalt vielleicht auch wieder schließt

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Gabi

Nun ja, aber leider war der Zeitgeist vor ca 70 Jahren schon mal ein rechtes Arschloch. Wollen wir hoffen, dass sich Geschichte nicht wiederholt.