„Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Hier finden Sie Hilfe.“

Alle 53 Minuten stirbt ein Mensch, dessen Tod man vielleicht hätte verhindern können. Unsere Gastkolumnistin, Robin Urban, über die Odyssee von Depressiven auf der Suche nach einem Therapieplatz.


Diesen Satz habe ich die letzten Tage so oder ähnlich dutzende Male gelesen. Er findet sich zusammen mit den Nummern der Telefonseelsorge am Ende fast jeden Artikels zum Tode Chester Benningtons, der sich am 20. Juli das Leben genommen hat. Dieser kleine Zusatz ist die wohl sichtbarste Maßnahme, zu der sich viele Redaktionen seit Jahren selbstverpflichtet haben, um den Werther-Effekt zu vermeiden.

Der Werther-Effekt: Benannt nach Goethes tragischer Romanfigur beschreibt er die messbare Zunahme der Selbstmordrate in der Bevölkerung nach Suizidmeldungen. Aus diesem Grund empfiehlt der Deutsche Presserat, über Selbstmorde nur zu berichten, wenn sich das – wie bei einem Musiker mit Millionen Fans – nicht vermeiden lässt. Für solche Fälle gibt es wiederum einen von der Deutschen Depressionshilfe heraus gegebenen Katalog mit Richtlinien, welche die Gefahr der Nachahmung minimieren.

Nachahmungstaten sind tatsächlich deutlich zurückgegangen, seitdem sich zumindest die seriösen Medien daran halten. Der Grund ist offensichtlich. Wer will sich schon vorwerfen lassen, indirekt für den Tod von Menschen verantwortlich zu sein, noch dazu, wenn diese psychisch krank sind? Also werden Details zur Tat ausgespart, bei der Berichterstattung Distanz gewahrt, Hilfsangebote ergänzt. Und während der Richtlinienkatalog vorbildlich befolgt wird, erklärt man Kollegen und Lesern auch gleich wieso. Schreiben über den Werther-Effekt – sehr meta, aber auf diese Gefahr muss einfach hingewiesen werden.

„Hier finden Sie Hilfe.“ Leider kann ich nicht sagen, wie viele Selbstmorde durch dieses mustergültige Beispiel journalistischen Verantwortungsbewusstseins verhindert worden sind. Ich weiß nur, dass in den neun Tagen zwischen Benningtons Tod und dem Schreiben dieser Zeilen 246 Menschen in Deutschland Selbstmord begangen haben.

Mediale Belanglosigkeit

Zweihundertsechsundvierzig, im Schnitt natürlich. 27 jeden Tag, einer alle 53 Minuten. Insgesamt 10.000 jährlich. Die Zahl der versuchten Selbstmorde ist zehnmal so hoch, Dunkelziffer nicht mitgerechnet. Und 90% dieser Suizide betreffen Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Auch diese Zahlen liefert die Deutsche Depressionshilfe, sie stammen aus demselben Medienguide, in dem auch der Werther-Effekt beschrieben wird. Doch während die Infos dazu aufgeregt geteilt werden, ist diese unglaublich hohe Zahl an Selbstmorden keine große Meldung wert. Wieso auch, die Rate schwankt seit Jahren kaum und anders als die Tode durch den Werther-Effekts kann ein Journalist diese ja wohl nicht verhindern. Leute bringen sich eben auch um, ohne dass ein Star ihnen das vormacht. Leider.

Als depressiver Mensch, wie ich einer bin, leidet man ja zeitweise unter der fixen Idee, ein wertloser Schwächling zu sein. Bei all der Unwissenheit und Ignoranz, die sich nach Benningtons Tod wieder Bahn brach, ist das auch sehr leicht. Depression? Jeder ist doch mal traurig. Reiß dich halt zusammen!

Margarete Stokowski hat vor einigen Tagen gegen solche dämliche Ergüsse einen Artikel geschrieben. Mir hat er nicht besonders gefallen. Nicht nur beschreibt sie darin eigentlich Selbstverständlichkeiten (man staune – Depression ist tatsächlich eine ernste Krankheit! Ob diese schlichte Feststellung irgendeinen Internettroll nachhaltig überzeugt hat, wage ich zu bezweifeln) – sie liefert damit auch absolut nichts Neues. Solidarische Artikel dieser Art sind seit Jahren das einzige, was sämtliche Medien zu diesem Thema zustande bringen, gut gemeint, schlecht gemacht, immer neu aufgegossen, ohne Tiefgang. Fertig ist die neue „Depressionsdebatte“, als Sommerlochthema durchaus brauchbar.

„Die Betroffenen glauben, der Suizid sei ihr letzter Ausweg (…) ein krankheitsbedingter Irrtum: Es gibt Hilfe,“ schreibt Stokowski in diesem gefeierten Text. Für mich war der Satz ein Schlag in die Fresse. Hilfe? Ob sie damit wohl die Telefonseelsorge meint, die auch am Ende dieses Artikels wieder erwähnt wird? Die Telefonseelsorge, übrigens ein ehrenamtlicher Verein unter kirchlicher Trägerschaft, der kaum staatliche Mittel erhält und fast nur von Spenden lebt, rettet täglich Menschenleben, aber kein Telefongespräch kann eine psychische Krankheit heilen. Hilfe dieser Art können nur ausgebildete Psychologen bieten. Wenn man sie denn lässt!

Stokowski und all ihre Kollegen glauben offensichtlich, dass die Krankheit nur ihr Stigma verlieren muss und alle Probleme wären gelöst. Zumindest wäre dann ja der Weg frei zu einer Behandlung, vor der Betroffene dann nicht mehr aus Scham zurück schrecken würden.

Diese Scham existiert, ich kenne sie selber, aber der Rest ignoriert offensichtliche Missstände so gründlich, dass es mich jedes Mal erneut fassungslos macht.

Meine Depression wurde mit 20 diagnostiziert, vor 12 Jahren. Seitdem scheitere ich daran, eine adäquate Behandlung zu finden. Die Wurzel dieses Scheiterns liegt in der Krankheit selbst: völliger Antriebsmangel. Dieser lähmende Zustand, der gerne mit Faulheit verwechselt wird, ist für Nichtbetroffene schwer nachvollziehbar, aber dieser Text ist nicht dazu da, gesunden Menschen ein authentisches Gefühl von der Krankheit zu vermitteln. Es reicht, die Symptome zu kennen – und schon wird ersichtlich, wo die echten Probleme liegen.

Niemand kann einen Depressiven zwingen, sich Hilfe zu suchen, wenn dieser das nicht will. Doch ist dieser Entschluss gefasst, folgt eine Odyssee, die von jedem Betroffenen eigentlich haargenau das abverlangt, woran es ihm durch die Krankheit mangelt. Es ist, als ließe man einen Mann, der beide Beine verloren hat, erst das Matterhorn hoch kriechen, bevor auf dem Gipfel angekommen nagelneue Prothesen auf ihn warten.

Ein Sadismus, den Depressive aber über sich ergehen lassen müssen – und für den die Krankenkassen verantwortlich sind.

Der Sadismus der Krankenkassen

„Es gibt Hilfe.“ Selbstverständlich: Die Therapie einer potentiell tödlichen Krankheit wie Depression wird von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen. Soweit die Theorie. Bis es soweit ist, vergeht aber Zeit, und davon viel. Sofern man nicht schon am Telefon abgewimmelt wird, sind je nach Standort Wartezeiten bis zu 6 Monaten absolut üblich, in manchen Regionen dauert es sogar noch länger. Und das bezieht sich lediglich auf das Erstgespräch – in dem eigentlich nur festgestellt werden soll, ob Therapeut und Patient überhaupt miteinander klarkommen. Wie hoch allerdings die Hemmschwelle ist, einen unpassenden Therapeuten abzulehnen, auf den man so lange warten musste, ist leicht vorstellbar. Die Folge: fruchtlose Sitzungen, eine Therapie, die nicht hilft. Eben das erlebte ich, als ich gut 10 Jahre nach meiner Diagnose endlich eine ambulante Therapie beginnen konnte. Ich habe sie inzwischen abgebrochen.

Anders als häufig angenommen ist diese Situation kein Schicksal, dem man sich einfach fügen muss, weil nun mal in Deutschland nicht genügend Therapeuten existieren. Das Gegenteil ist richtig: Therapeuten gibt es reichlich – Kassensitze sind dagegen Mangelware. Die Anzahl dieser Sitze beruhen auf Bedarfsrechnungen der Krankenkassen, die nicht einfach nur veraltet sind, sondern auch schon zum Zeitpunkt ihrer Erhebung viel zu niedrig angesetzt waren.

Hinter solchen Rechnungen steckt ein kompliziertes System, aber man muss wirklich kein Experte sein, um zu erkennen, dass bei so langen Wartezeiten ganz offensichtlich mehr Kassensitze nötig sind. Genau diese Tatsache streiten die Kassen jedoch seit Jahren ab. Sie treten dabei auf wie Olaf Scholz, der in Anbetracht dutzender Zeugenvideos von prügelnden Polizisten weiterhin stur auf seinem Standpunkt beharrt, Polizeigewalt hätte es während G20 nicht gegeben. Die Kassen gehen allerdings noch einen gewaltigen Schritt weiter: Sie phantasieren eine Überversorgung herbei. So absurd, dass man darüber lachen müsste, wenn es hierbei nicht um kranke Menschen ginge, die während der langen Wartezeit nicht gesünder werden. Und anders als bei Olaf Scholz bleibt der kollektive Spott in den sozialen Medien aus.

Nun gibt es gesetzliche Vorgaben, um die Kassen für falsche Bedarfsrechnungen zu bestrafen: Wer unzumutbar lange auf einen Therapieplatz bei einem Kassentherapeuten warten müsste, kann sich eine Privatpraxis suchen und die Kosten (50-150 Euro pro Sitzung) dafür von der Krankenkasse zurück fordern. Aber auch das ist bloße Theorie.

Was bedeutet „unzumutbar“? Wie viele Absagen sind nötig, um sich für eine Kostenerstattung zu qualifizieren? Patientenvertreter finden: 3-5 Absagen sollten reichen. Halten müssen sich die Kassen an solche Empfehlungen allerdings nicht. Selbst wenn man alles richtig macht – heißt, den gesamten bisherigen Weg lückenlos dokumentiert, sich die Absagen der Kassentherapeuten schriftlich aushändigen lässt und bereits die Bestätigung eines Facharztes (auch hier gibt es allerdings exorbitante Wartezeiten) eingeholt hat, der die Dringlichkeit einer Therapie bescheinigt – werden 80% der Erstattungsanträge abgelehnt. Und das muss man schon fast Glück nennen: Wohl Dank des Internets, durch das sich Patienten leichter über ihre Rechte informieren können, hat sich die Zahl dieser Anträge seit Anfang des Jahrtausends zwar verfünffacht, aber sie werden bewusst verschleppt.

Achtzig Prozent. Das heißt nicht, dass ein zweiter (dritter, vierter, fünfter) Versuch nicht erfolgreich sein kann. Aber da hartnäckig zu bleiben, den Papierkram zu bewältigen – da würden auch viele gesunde Menschen kapitulieren. Als würde man dem Mann ohne Beine auf dem Gipfel des Matterhorns sagen: „Schön, dass du es geschafft hast, aber die Prothesen kriegst du erst, wenn du jetzt auch noch den Mount Everest besteigst. Und dieses Mal darfst du nur eine Hand benutzen.“ Ja, total zumutbar.

Im Januar 2016 wurden von den Krankenkassen Servicestellen eingerichtet zur zeitnahen Vermittlung von Facharztterminen. Innerhalb von vier Wochen sollen Patienten künftig Termine bekommen. Darüber wurde auch berichtet. Was vielen dabei allerdings nur eine Randnotiz wert war: Psychotherapeuten wurden aus dieser Regelung ausgenommen.

Nun weiß ich selbst, wie ätzend eine Facharztsuche ist. Aber als ich einmal einen Nuklearmediziner brauchte, bin ich dafür ins Krankenhaus gegangen. Ich musste zwar ein paar Stunden warten, aber dann wurde ich am selben Tag behandelt. Diese Möglichkeit haben Menschen mit körperlichen Erkrankungen oder Verletzungen jederzeit, wenn es dringend ist, aber für Depressive gibt es sowas nicht. Eine Psychiatrie ist da keine Alternative, dort finden keine Therapien statt. Man wird in einem sehr stressigen Umfeld verwahrt, stabilisiert und dann irgendwann wieder heim geschickt – ohne weitere Behandlung.

Erst am 1. April 2017 haben die Kassen diese neue Regelung ausgeweitet. Seitdem müssen die Therapeuten zwei Stunden die Woche für Sprechstunden freihalten, außerdem müssen sie 200 Minuten wöchentlich telefonisch erreichbar sein, wobei letzteres auch auf eine Praxishilfe abgewälzt werden darf. Unter Umständen soll also eine Sprechstundenhilfe, die im Regelfall keinerlei psychologische oder therapeutische Ausbildung hat, während eines Telefonats entscheiden, ob ein Patient wirklich krank ist oder nicht. Wow, ob das nicht schon fahrlässig ist?

Die Sprechstunde dagegen ist eine ganz hervorragende Idee. Dann kann man sich seine Absage in Zukunft persönlich abholen – an den Wartezeiten für die Behandlung selber hat sich nämlich nicht das Geringste geändert. Wie sollte es auch, wenn die Zahl der Kassensitze gleich geblieben sind – und jedem dieser Therapeuten jetzt auch noch zwei Stunden in der Woche fehlen?

Nutzt eure Macht. Wofür habt ihr sie sonst?

„Es gibt Hilfe.“ Nein, die gibt es nicht. Dafür fehlen die Kassensitze und die Alternativen werden nicht genehmigt. Therapeuten protestieren regelmäßig dagegen. Die Krankenkassen wissen das, auch wenn sie es leugnen. „Man kann von solchen Wartezeiten nicht auf eine Unterversorgung schließen.“ Ja, worauf denn dann? Nicht einmal wirtschaftlich macht das Sinn: Eine unbehandelte Depression verursacht in der Folge wesentlich höhere Kosten als eine Therapie – durch Arbeitsausfälle, Klinikaufenthalte, Selbstmorde. Für die Kassen, für die Allgemeinheit. Es ist furchtbar, den Wert eines Menschenlebens aufzurechnen, aber in diesem Fall wäre eine streng kapitalistische Denkweise, darauf ausgelegt, Menschen schnell gesund und damit arbeitsfähig zu machen, tatsächlich die barmherzigste.

All das ist bekannt. Über all das wurde auch schon berichtet. Aber setzt man diese Berichterstattung in Relation zu dem Getue um den Werther-Effekt oder der Menge an gefühlsduseligen Artikeln über das harte Schicksal Depressiver, frage ich mich ernsthaft, wie es aktuell um das Selbstverständnis von Journalisten bestellt ist. Dummen Internettrollen zu erklären, dass eine Depression ja schon schlimm ist – habt ihr wirklich davon geträumt, als ihr diesen Berufsweg eingeschlagen habt und Teil der vierten Gewalt des Staates wurdet? Oder wolltet ihr eure Macht nicht sinnvoll einsetzen, um gnadenlose Reportagen zu liefern, welche die da oben zum Zittern bringen, pointiert, investigativ, knallhart recherchiert?

Die Aufgabe von Journalisten besteht auch darin, Missstände anzuprangern. Nur handelt es sich bei der Unterversorgung psychisch Kranker durch die Krankenkassen um keinen Missstand. Wenn viele Menschen leiden und sogar sterben, weil sie keine Hilfe bekommen, spricht man von einer humanitären Katastrophe. Natürlich ist der Begriff eher bei Kriegen gebräuchlich, aber genau darum handelt es sich hier: Einen Krieg der Kassen gegen psychisch Kranke. Sie versorgen sie nicht, sie helfen ihnen nicht, sie lassen sie sterben. Und obwohl das alles offen liegt… fehlt dieser Aspekt in eurer Depressionsdebatte.

Wo bleibt da der Aufschrei? Die journalistische Verantwortung? „Es gibt Hilfe.“ Dieser kurze Satz ärgert mich mehr, als es ein ungebildeter Troll jemals könnte. Es gibt keine Hilfe. Und das ist kein „krankheitsbedingter Irrtum“, weil ich selber depressiv bin. Bei Chester Bennington mag das ja zutreffen, als reicher Rockstar konnte er sich ganz unbürokratisch die besten Therapeuten leisten. Aber andere, die dem deutschen Gesundheitssystem ausgeliefert sind, das im internationalen Vergleich vorbildlich ist, aber ausgerechnet bei diesem Thema so völlig versagt, haben diese Möglichkeit nicht. Offensichtlich kann eine Therapie nicht jeden retten, aber das entbindet die Krankenkassen nicht von ihrer Pflicht, es wenigstens zu versuchen – und die Medien nicht von ihrem journalistischen Auftrag, genau da einzuhaken und nachzubohren, immer und immer wieder. Bis die Kassen endlich einknicken oder die Politik sie dazu zwingt.

Bis dahin stirbt weiterhin alle 53 Minuten ein Mensch, dessen Tod man vielleicht hätte verhindern können. Trotz Telefonseelsorge, die ohnehin meist besetzt ist.

Robin Urban

Robin Urban

Robin Urban stammt aus der saarländischen Provinz, worauf sie sehr stolz ist. Sie hat Germanistik studiert, obwohl sie Stephen King lieber mag als Goethe, und es irgendwie geschafft, ihre Examensarbeit in Geschichte über Comics schreiben zu dürfen. Sie bloggt über Superhelden, Filme, Popkultur, wenn sie gut drauf ist, aber redet auch über ihre Depression und andere Dinge, die sie nerven.

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