In Feuilletons und unter popkulturellen Meinungsführern wird in den letzten Jahren gemeinhin die These vertreten, dass durch verändertes Konsumverhalten (erst Pay-TV/Pay-Per-View, nun ganze Staffeln im Onlinestream) die Serie zu einer eigenständigen Kunstform herangereift sei, die immer mehr zu DEM Medium werde, in dem komplexe Geschichten und Charakterentwicklungen unserer Zeit am adäquatesten dargestellt werden können. Besonders gelobt wird, so etwa auch von Katharina Grosse im lesenswerten Kulturmagazin Postmondaen, der Verzicht auf geschlossene Episoden zu Gunsten einer staffel- oder serienübergreifen Erzählstruktur sowie das Wegfallen sogenannter Cliffhanger.
Roman in Bildern reicht nicht
Ich möchte dem entgegensetzen, dass die Serie als Kunstform aus genau den gelobten Gründen kurz davor ist ihren Zenit zu überschreiten (oder es schon hat), dass die Serie, die immer mehr versucht zum Roman epischer Breite in Bilder zu werden die Spezifik ihres eigenen Mediums schädlich negiert und am Ende Gefahr läuft als der Groschenroman des neuen Jahrtausends zwar sicherlich ihr wirtschaftliches Potenzial zu realisieren – auch Groschenromane verkaufen sich gut – aber das künstlerische Potenzial nie ganz.
Wieso? Man wird doch kaum bestreiten können, dass in den letzten 20 Jahren so viel gute Serien wie nie zuvor entstanden sind? Bestreite ich auch nicht. Die spätestens mit Seinfeld und Roseanne bereits mächtig begonnene Bewegung hin zu Multi-Episoden-Handlungsbögen und kritischer Selbstbezüglichkeit hat die Serie aus dem Immergleichen ihres unveränderlichen Universums hinaus katapultiert. Über Zwischenstationen waren hochdynamische Serienhits wie die Sopranos und The Wire die fast zwingende Folge. Die Kunst das eine spezifisch Serielle, die Eigenständigkeit der Folge – also eine komplexe Geschichte innerhalb von weniger als einer Stunde zu erzählen – mit dem anderen – einem Handlungsbogen epischer Breite – zu verknüpfen, das war das Neue, die prekäre Ballance, die das Erzählen in starken Serien fortan hätte ausmachen können. Beides sauber zu komponieren, das Kleine und das Große, und beides miteinander in Beziehung zu setzen ohne sich dabei zu verzetteln, das ist die Meisterschaft die einige der Serien des sogenannten „goldenen Zeitalters“ ausmachte, und obwohl hier noch viel Luft nach oben gewesen wäre (für gewöhnlich wird entweder das Eine oder das Andere eben doch vernachlässigt) – hier wurde zeitweise eine Perfektion erreicht wie sie etwa in der Literatur, im klassischen Fortsetzungsroman, mit dem man die moderne Serie gerne vergleicht, nicht einmal angestrebt wurde.
Einzelne Folgen vernachlässigt
Mittlerweile ist das Interesse an der kleinen Form Vergangenheit. Schon das hochgelobte Breaking Bad war im Großen und Ganzen eine sehr traditionelle Geschichte mit, abgesehen von der provokativen Prämisse, seeeeeeehr traditionellen Inhalten, deren Unterteilung im Kleinen vor allem noch durch eher willkürlich gesetzte Cliffhanger gesichert wurde. Und auch im Großen wird man dann schnell nachlässig: Hier strukturieren neben dem von Rushdie in der Literatur so treffend kritisierten „what happens nextism“ vor allem einige penetrant wiederholte Leitmotive das Ganze. In dem ebenfalls fürs Erzählerische gepriesenen Game of Thrones hält dann schon wieder praktisch nur noch die Frage wie es weitergeht zum Weiterschauen an – ablesbar auch an der Wut der Fans darüber wenn es nicht weitergeht wie erhofft. Nebenbei:
„Seit den frühen 90er Jahren ist Martin besonders für zwei Eigenheiten bekannt: eine hohe Komplexität des Narrativs sowie die Skrupellosigkeit im Umgang mit seinen ständig wechselnden Hauptcharakteren, die teilweise eine sehr kurze Lebensdauer haben“,
schreibt Martin Kulik ebenfalls bei Postmondaen. Ich widerspreche in beiden Fällen: Viel Stoff und Komplexität sind einfach nicht das gleiche. Und George RR Martin hat, vorausgesetzt dass Jon Snow noch am Leben ist, wofür bis heute alles spricht, noch nicht einen einzigen Hauptcharaktere um die Ecke gebracht. Er hat einfach die Kontrolle über ein ursprünglich in drei Teilen geplantes Buch verloren, weshalb einige Leser sich im Missverständnis darüber befinden, wer eigentlich die Hauptcharaktere sind.
Statt 2 – gleich 20 Stunden Mittelmaß?
Dass nun ganze Staffeln in einem Rutsch veröffentlicht werden befeuert diese Entwicklung, so viel ist an der Beobachtung richtig, natürlich noch weiter. Wenn Game of Thrones, House of Cards und andere neuere Exponate des Genres aber ein guter Gradmesser sind, wird das vor allem dazu führen, dass Autoren und Regisseure, denen es schon selten genug gelingt einen zweistündigen Film stringent zu entwickeln, sich nun bemüßigt fühlen 20-stündige Filme mit willkürlichen Brüchen zu drehen. Gewiss, auch dabei könnte ein stilistisches wie erzählerisches Meisterwerk herauskommen. Doch wahrscheinlicher scheint, dass wo der äußere Zwang zur Form fehlt, dessen konsequentes Ausfüllen und spielerisches Überschreiten das goldene Serienzeitalter eingeläutet hatte, ein innerer sich nicht einstellen wird. Schon allein weil der Markt ihn offenkundig nicht ausreichend nachfragt – die Anstrengung also nicht nötig ist.
In der zeitgenössischen Literatur gilt: Obwohl heute so viele schwache und mittelmäßige Texte produziert werden wie noch nie, entstehen auch jährlich zumindest von der handwerklichen Seite her so viele Meisterwerke wie früher in einem Jahrhundert nicht. Der Professionalisierung der Autorenschaft sei dank. Doch angesichts der Produktionskosten und dem damit einhergehenden sehr eingeschränkten Personenkreis professioneller Serienproduzenten würde mich in diesem Marktsegment eine ähnliche Entwicklung überraschen. Als erklärter Serienfreund lasse ich mich aber gern von der Zukunft widerlegen.
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11 comments
sh
Ned ist der Mentor – er ist Bambis & Littlefoots Mutter. Klassischer Heldenreisen-Tod im ersten Drittel. Tywin ist das Gleiche auf Lannister-Seite – er ging also eher zu spät. Rob musste für Jon irgendwann aus dem Weg, Joffrey war ein Stand-In für seine Mutter, den man töten konnte ja musste, weil die Mutter entscheidend ist, er war der cheap-shot übergaupt (und spiegelt das Mad-King-Motif). Für den Hauptplot relevant dürften am Ende die jungen Stark-Kinder, Jon, Tyrion & Cersei sowie Daenerys wichtig sein. Dass auch von diesen demnächst der/die ein oder andere das zeitliche segnen könnte, klar. Man bedenke: in einem 1000 Seiten Buch befänden wir uns längst auf den letzten 100 Seiten.
UJ
Ich weiß nicht ob es das in dieser Form schon einmal gab, dass der Buchautor den Drehbuchautoren derart hinterherhinkte. Und das, wo er doch mit soviel Vorsprung gestartet war. Ist „Game of Thrones“ jetzt die Serie zum Buch, oder wird „A Song of Ice and Fire“ die Buchreihe zur Serie? Ich weiß es nicht. Irgendwie scheint beides der Fall zu sein.
Man stelle sich vor, was Umberto Ecco dazu sagen würde: Ein doppeltes offenes Kunstwerk,in dem der Schöpfer des einen zugleich Rezipient des anderen ist und umgekehrt. Und dann sind da noch die Leser, bzw. Zuschauer, die mit ihren Erwartungshaltungen (zumindest bedingt) ebenfalls Einfluss auf den Schaffensprozess nehmen. Wiederum wird das eine transparent auf das andere. Ist das nicht herrlich dialektisch?
Es kann, nein: es muss! sich hier um Kunst handeln. Oder um Philosophie. Allerdings spielen weder Peter Sloterdijk, noch Richard David Precht eine Rolle in Westeros. Dann hat’s wohl auch nichts mit Philosophie zu tun. Es bleibt nur die Kunst. Vielleicht sollte jemand in Buch oder Serie noch einen Teebeutel an die Wand nageln, sicherheitshalber.
Oder noch besser: Ein in den Büchern bereits gestorbener Protagonist nagelt in der Serie den Teebeutel an die Wand und sein Mörder rahmt ihn dann in Band 6 (oder Band 39, ich bin da flexibel) ein, worauhin der TV-Untote in der nächste Folge dann sowas sagt wie „What’s up, Beuys?“.
sh
Haben Sie den verlinkten Artikel dazu gesehen 🙂 ? http://postmondaen.net/2016/01/10/game-of-thrones-ueberholt-buchserie/
UJ
Habe ich. Muss aber Kulik widersprechen. Es handelt sich eben nicht um zwei eigenständige Kunstwerke. Jedes ist auf das andere angewiesen, sonst würde es nicht fertig. Alles hängt mit allem zusammen, sozusagen.
Mystik.
sh
von einem eigenständigen Kunstwerk lässt sich für gewöhnlich in dem Moment sprechen in dem es aus sich selbst heraus begriefbar ist. Selbst wo das schwer ist sollte man eher an der Güte des Werkes als an der Eigenständigkeit zweifeln. Michelangelos David und die Bibel: 2 Werke. Der Schwimmer (Cheever) und Der Schwimmer (Lancaster) : 2 Werke. Dass sich Werke einen Stoff teilen ist nun nicht so neu, dass man für den Fall dass beide noch unfertig sind einen neuen „mystizistischen“ Kunstbegriff einführen müsste – der noch dazu heuristisch nichts leistet, mehr verdunkelt, als er erhellt. Die narrative Struktur der vierten Staffel von Ally McBeal wurde maßgeblich durch Robert Downey Jrs diverse Gefängnisaufenthalte bestimmt. Werk und Junky – ein gemeinsames Kunstwerk?
UJ
Das mit der Mystik war nicht ganz ernst gemeint. Das andere aber schon.
Ich gebe Ihnen Recht, dass sich Werke einen Stoff teilen und trotzdem eigenständige Kunstwerke sein können. Da ist das Beispiel Bibel sehr eindrücklich, wenn man nur einmal an die unzähligen Psalmvertonungen, Passionen denkt, oder auch die verschiedenen Kunstwerke, die das Abendmahl thematisieren.
Aber die Interdependenzen zwischen den Werken sind anders geartet, als bei GoT/ASoIaF. Niemand würde z.B. das alte Testament umschreiben, damit es die makellose Gestalt, die Michelangelo seinem David gegeben hat, besser zur Geltung bringe.
Kein Autor käme zudem auf die Idee, sein bereits veröffentlichtes Buch nachträglich umzuschreiben, damit es besser zum Film passt. Umgekehrt wird sich jeder gute Regisseur oder Drehbuchautor da von der Buchvorlage lösen, wenn er der Ansicht ist, das diese einem guten Film im Wege steht. Eben das macht z.B. auch die beiden „Schwimmer“ zu eigenständigen Kunstwerken. Das eine Kunstwerk (der Film) ist durch Rezeption, wegen mir auch: Hermeneutik, des vorangegangenen (die Shortstory) entstanden. Ein Künstler hat sich vom anderen inspirieren lassen. Buisiness as usual, könnte man sagen.
Dass ein Kunstwerk mit seiner Veröffentlichung nicht ein für allemal als „fertig“ oder „abgeschlossen“ gelten kann, das hat Umberto Ecco in seinem Buch „Das offene Kunstwerk“ meisterhaft auf den Punkt gebracht. Zum Kunstwerk gehört die Rezeption und Interpretation durch Dritte schlichtweg dazu. Andernfalls wäre es keine Kunst.
Die zeitliche Abfolge ist dabei immer die gleiche. Ein Künstler veröffentlicht sein Werk. Danach wird es von Dritten rezipiert und interpretiert. Das Zepter hat der Künstler dabei wie ein Staffelholz aus der Hand gegeben, denn auf die Interpretation hat er nur bedingt Einfluss. Die machen andere.
George Martin dagegen hat sein Staffelholz gegen einen Ping-Pongschläger eingetauscht. Oder tauschen müssen, wie man’s nimmt. Und die Drehbuchautoren von GoT spielen mit. Es ist ein ständiges Hin und Her. Der eine Auttor schafft, die anderen Autoren rezipieren. Dann wieder umgekehrt. Sind die einzelnen Bücher Martins, oder ist eine einzelne Staffel GoT eigenständig? Ich bin mir da nicht sicher.
Dass mehrere Werke sich auf denselben Stoff beziehen, ist nicht neu. Aber dass zwei Werke mit- und gegeneinander einen solchen Stoff erst erschaffen und gleichzeitig verarbeiten? Das ist neu. Zumindest für mich. Und es gibt Anlass, einmal darüber nachzudenken, wie sehr unser Kunst- von unserem Zeitbegriff abhängt.
sh
Ich will nicht widersprechen dass die Situation für die Untersuchung der Rezeption und der Einwirkung dieser auf Kunstwerke hochgradig interessant ist, ebenso ist der spezifische Fall der Interdependenz sicher ungewöhnlich. Dennoch, da mögen sich Eco und andere modische Theoretiker noch so sehr verbiegen, beeinflusst der Diskurs um ein Werk zwar dessen Wahrnehmung und sicher kann man ohne dessen Wahrnehmung über ein Werk schlecht diskutieren, das „Ding an Sich“ entzieht sich also dem Zugriff, aber dass die Wahrnehmung das Werk selbst verändert ist so genauso wenig zwingend wie sein Gegenteil, ist allerdings rein empirisch ebenfalls fragwürdig. ASoIaF sollte ebenso von einem isolierten Leser gelesen werden können, der von dem Hype & der Serie nix mitbekommen hat. Dieses Buch des isolierten Lesers dann zu einem ganz anderen Kunstwerk zu erklären halte ich für überaus gewagt.
Und auch wenn die Doppelkonstellation zweier „Unvollendeter“ ungewöhnlich ist, dass Ping-Pong mit der Fernerwartung spielte auch schon Rowling, und wer Sterne zB alles in den Tristram Shandy rein redete, lässt sich aus Seitenhieben im über Jahre seriell veröffentlichten Buch ersehen.




















Andreas Kern
Unser „Lieblingsthema“ Game of Thores…Sind mit Ned und Robb Stark, Joffrey Baratheon und Tywin Lannister nicht doch einige Hauptfiguren gestorben? Und wirkte Jon Snow – zumindest in den ersten beiden Staffeln – nicht bloß wie eine Nebenfigur?