Die unwahrscheinliche Meisterschaft des 1. FCK ’98 und das Elend der Laberdokus

Dokumentationen schneiden heute oft nur noch Bildmaterial und „Experten“ aneinander, ohne kritisch einzuordnen. Eine schädliche Tendenz, findet Kolumnist Sören Heim.


Vor 25 Jahren wurde der 1. FC Kaiserslautern nach Abstieg in die 2. Bundesliga und direktem Wiederaufstieg überraschend Meister. Ich war damals zwischen 12 und 14, selbst noch Fußball- und Lautern-Fan, und habe das alles entsprechend hautnah miterlebt. Den Abstieg noch live am Radio, und ich muss sagen: Fußball im Radio sind meine herausragenden Sporterinnerungen. Dieser besonders intensive Live-Kommentar ohne Bilder, die Bilder, die man dazu selbst entstehen lässt, das war später nicht mehr zu erreichen. Auch das Jahr Zweite Liga war ein Erlebnis: Fußball live im Fernsehen! Und fast alle Spiele „meiner“ Mannschaft. Beinahe wurde einem da durch den Wiederaufstieg etwas weggenommen. Ja, und dann eben die unerwartetste Meisterschaft aller Zeiten. Ich erinnere mich daran, weil das SWR zum Thema eine 45-minütige Doku aufgelegt hat, auf die die TAZ hingewiesen hat. Und nachdem ich mir diese Doku angeschaut habe, weiß ich nichts über diese drei Jahre, das ich nicht vorher schon gewusst habe. Oder genauer gesagt: Sie hat mich an den DFB-Pokalsieg wenige Wochen nach dem Abstieg erinnert. Aber dass ich das vergessen habe, geht auf meine Kappe. Ich beschäftige mich ja kaum noch mit Fußball und werde auch langsam alt.

Dokumentationen sollten einordnen.

Warum es mir hier eigentlich geht, sind diese unsäglichen O-Ton-Dokus. Nicht nur im Bereich des Sports machen die mittlerweile gefühlt 90% aller Dokumentationen aus. Bei den Öffentlich-Rechtlichen, aber auch z.B. auf Netflix. Es gibt ein paar gute, die tatsächlich trotzdem die wichtigsten Fragen beantworten und sogleich diese Unmittelbarkeit herstellen, auf die die Technik es anlegt. Die zum Gladbeck-Geiseldrama zum Beispiel. Aber prinzipiell ist, ein paar Zeitzeugen schwätzen zu lassen und Originalbeiträge aus der Zeit dagegen zu schneiden, einfach nicht besonders informativ. Es erlaubt vor allem nicht, tiefer in die Materie einzusteigen. Die Idee dahinter scheint aber zu sein, dass eine solche Dokumentation besonders objektiv sei. Eben tatsächlich eine Dokumentation und nicht das Narrativ einer Regisseurin oder eines Regisseurs. Was für ein unglaublicher Bullshit, der aus dem Fetisch unserer Zeit nach Authentizität erwächst, und dann diese Authentizität mit Objektivität verwechselt. Um zu Kaiserslautern zurückzukommen: Das Gerede ehemaliger Spieler, Gegner und Fans mag ein emotional starkes Bild liefern, und das ist dann auch die Stärke der Doku: Sie beschwört noch einmal die Stimmung von damals herauf. Aber Rede und Gegenrede ersetzt nicht Einordnung, den Blick aus der Distanz, im Fall von Sport auch: das Abtauchen in Statistik. Ein eher nebensächliches Beispiel: Martin Wagner behauptet ernsthaft, sein Freistoßtor im Pokalfinale, bei dem Wagner einen Gegner in der Mauer tunnelt und dann auch Torwart Claus Reitmaier, sei geplant gewesen. Weil Reitmaier ja früher in Kaiserslautern gespielt habe, und man wisse, dass er immer mit breiten Beinen dastehe. Ein 20 Meter Freistoß mit zwei geplanten Tunneln? Ich zweifle. Mag sein, der Schuss unter die Mauer war Absicht. Vielleicht auch der erste Beinschuss. Aber sich bei einer relativ guten Torgelegenheit, wie es ein Freistoß nahe der Strafraumgrenze ist, auf die breiten Beine des Torhüters zu verlassen? Auf doppeltes Glück? Da glaube ich nicht dran. Eine bessere Doku hätte das nicht als Fakt stehen lassen, sondern vielleicht mal geschaut, ob sich Wagner auch direkt nach dem Schuss schon so geäußert hatte. Oder ob das nicht vielleicht die private Mythologie ist, die Erinnerung, die der Schütze sich nachträglich geschaffen hat. Denn ja: Wir erinnern Dinge oft so, wie wir sie uns erzählen.

Youtube macht es häufig besser.

Aber das ist eine Kleinigkeit, wie gesagt. Größer: Obwohl bestimmt 5 bis 10 Minuten auf die Abstiegssaison 1996 verwandt werden, erfahren wir fast nichts über den Verlauf. Wie kam eine zuvor sehr solide Mannschaft, ja, eine mit UEFA-Cup-Potential, in den Tabellenkeller? Und wieso nicht wieder raus, auch nach einer späten Serie unter neuem Trainer? Ja, einer der Spieler sagt: Zu wenig Siege, zu viele Unentschieden. Aber das ist das Ergebnis. Welche Probleme im Spiel lagen dem zugrunde? War die Bundesliga damals so stark oder der FCK so schwach? Und so weiter. Selbst über den Verlauf der Meistersaison erfährt man nichts als die beiden Siege gegen Bayern und die letzten beiden Spiele. Sonst bloß Stimmen. Sonst bloß Stimmung.

Es ist unglaublich, wie überlegen mittlerweile Sport-Youtuber mit wenig Geld den Gelddruckmaschinen wie dem Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen und auch den großen Sportsendern wie ESPN sind. In Football, Basketball, Baseball und Eishockey dürfte das mittlerweile bekannt sein. Die Freelancer auf YouTube sind besser darin, Statistiken zu analysieren und zu erkennen, welche Statistiken wirklich zählen. Sie beurteilen Verletzungen und die Ausfallzeiten meist besser und kritisieren feststehende Narrative klüger. Aber diese meist amerikanischen Sportyoutuber machen mittlerweile auch die besseren, weil informativeren, Dokumentationen über eine unerwartete Meistersaison im deutschen Fußball. Wäre Fußball wichtiger, wäre das schon besorgniserregend.

Unmittelbarkeit erzeugt nicht Objektivität.

Aber das Problem ist eben nicht nur ein Fußballproblem. Es ist das Problem eines Genres insgesamt. Die Idee ist, dass Unmittelbarkeit Objektivität erzeugt. Oder schlimmer noch: Dass es entweder keine Wahrheit gibt, oder Wahrheit nicht sonderlich relevant ist. Und so lässt man unmittelbare Bilder sprechen, ohne diesen Bildern zu widersprechen. Und man lässt Experten mit und ohne Anführungszeichen zu Wort kommen, ohne dass eine zentrale Stimme einordnet, die sich gewissermaßen dafür verbürgt, dass das Team hinter der Doku diese Expertenaussagen wiederum geprüft hat und intensiv rund um das Thema recherchiert.

Das Genre Dokumentation war schon immer ein problematisches, wenn man daraus wirklich solide Informationen ziehen wollte. Anders als wissenschaftliche Arbeiten in Textform und mittlerweile sogar Zeitungsartikel offenbart es seine Quellen äußerst selten. Eine Dokumentation, sei es über Haie, über Pharaonen oder über Beifuß kann auf breiter solider wissenschaftliche Arbeit aufbauen, auf der einseitigen Meinung von ein paar Fachleuten oder kann sogar größtenteils komplett aus dem Hintern gezogen sein. Es gibt im Abspann keinen Quellenteil, der uns erlaubt, das zu prüfen. Aber die heutige O-Ton-Doku hat nicht mal mehr den Anspruch, prüfbares und kritisierbares Wissen zu vermitteln. Sie will vor allem, dass wir hautnah dabei sind, und daraus erwächst dann „meine Wahrheit“(TM). Das passt perfekt in unsere Zeit. Zu begrüßen ist es nicht. Im Fall des 1.FC Kaiserslautern ist es nicht schlimm, und wer noch einmal diese unwahrscheinliche Zeit im Sport von 1996 bis ’98 atmosphärisch miterleben möchte, als noch nicht zu Beginn des Jahres klar war, wer Deutscher Meister wird, wird an der Doku seinen Spaß haben. Wer aber plausible Antworten auf die Frage sucht, wie es dazu kommen konnte, wird enttäuscht. Und spätestens wenn es um die Wunder unserer Tier und Pflanzenwelt geht, um Kriege, Königshäuser, Revolutionen und was es sonst noch alles an denkbaren Ereignissen gibt, die man in Dokumentationen aufbereiten könnte – dann erwarte ich mehr als „my truth“. Dann erwarte ich einen echten Versuch, den Stand der Wissenschaft zu vermitteln und (vielleicht durchaus bedenkenswerte) Außenseiterpositionen vom Mainstream zu scheiden.

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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