Wasser – flüssiges Glück

Nach und nach ging Autorin Chris Kaiser auf, dass Augsburg recht nahe an ihren Traum von einer Stadt mit viel Wasser heranreichte. Sie wohnt inzwischen dort und freut sich darüber.

Ilsesee bei Augsburg - Foto: Chris Kaiser
Ilsesee bei Augsburg - Baden erlaubt Foto: Chris Kaiser (privat)

Es gab eine Zeit, da hatte ich ab und zu von Wasser geträumt. Mal schwamm ich durch ein tiefgrünes betoniertes Becken, mal blickte ich verträumt in die meereshorizontale Weite… Aber am eindrucksvollsten war die Art Traum, bei dem ich eine mit glasklarem Wasser überschwemmte Stadt erlebte, die mir keine Angst einflößte, sondern mich glücklich machte – ich liebe glasklares Wasser, in dem ich schwimmen kann.

Ich war mit meinem Mann im Sommer einen Tag lang in Konstanz und ich dachte, ich sehe meinen Traum verwirklicht! Der Bodensee so klar, so ruhig, mitten in der Stadt. Die durchzogen war von einem Kanal, der mich fast unwiderstehlich zum Einsteigen rief. Ich war kurz davor, meiner Familie meine Sehnsucht nach dieser Eintags-Stadt meiner Traumerfüllung aufzudrängen.

Kreta in Wellen

Aber dann erlebte ich dieses glasklare Wasser auch woanders – nämlich auf einem Kreta-Urlaub. Das Mittelmeer zeigte sich an diesem Strand von seiner türkisenen Seite und ich starrte in dieses Wasser mit einer begeisterten Fassungslosigkeit, dass ich am liebsten mich nur noch hineinwerfen wollte. Das tat ich dann auch, mit meinem Kind zusammen, das nicht genug kriegen konnte, so, dass wir uns mit Jauchzen immer wieder in die krachenden Wellen warfen. Ich wollte das – ich wollte diese Klarheit des Wassers nicht nur sehen, nicht nur darin herumplätschern, ich wollte sie mit vollem Körpereinsatz spüren. Am Abend wurde am Strand die rote Fahne gehisst – für den Rest des kurzen Urlaubs, und somit blieb es bei dem einen Tag, an dem wir diese Wassergewalten noch gerade so spüren konnten, ohne dass wir in Gefahr gerieten. Wir litten dann aber auch an Muskelkater und schaufelten am Abend das Essen herein, um die verlorene Energie wiederzuholen.

Untiefen und Dunkelheit

Es hatte aber eine Veränderung in mir gegeben, das Wasser in meinen Träumen bekam eine neue Dimension. Es war mächtig geworden, so, wie ich es in diesem hohen Wellengang auf Kreta erlebt hatte, mit Kraft, mit Gewalt, bis hin zu gefährlich. Ich träumte ab da öfter von dunklen Mäandern, die mich fortrissen, die Klarheit wich einer düsteren Undurchsichtigkeit, ich fürchtete mich davor. Das Wasser empfing und umfing mich nicht mehr mit Geborgenheit und Schönheit – es drohte mir mit seiner Tiefe und seiner Gewalt.

Augsburg – Wasser um Wasser

Ein paar Jahre später zog meine Familie – nicht nach Konstanz, sondern – nach Augsburg. Ich bin eher ein Ausgehmuffel, so dass ich Augsburg nicht wirklich näher kennenlernte, da wir auch etwas außerhalb wohnen. Aber ich fing an, die Gegend mit meinem Fahrrad zu erkunden, und nicht selten führten meine Radwege zu oder an Wassern entlang. Ob Lech oder Wertach, bis hin zu deren Vereinigung kurz vor dem Eingang der Stadt, ob die Seen drum herum, ob der Weitmannsee, der mit kleinen Fischerbooten und vielen Wasservögeln bestückt ist, oder der Kuhsee – der beliebteste, oder zumindest bestbesuchte Badesee. Nicht weit vom Hochablass, ein Wehr mit Fußüberweg über dem Lech, genau neben dem die Olympia-Strecke von 1972 für die Kanuten gebaut wurde. Und dann mein liebster Badeort, der Ilsesee, mit derselben Glasklarheit wie die kretische See, allerdings dann auch ziemlich kalt. Mitsamt Tauchstation und großen, etwas angsteinflößenden Fischen, angeführt vom namentlich bekannten Igor, dem Stör . Nicht dass Augsburg etwa die künstlich betriebenen Badeanstalten fehlen – das gibt’s natürlich, wie in jeder Stadt auch. Und im benachbarten Neusäß ein überdachtes Wellness-Spaßbad, in Gersthofen, knapp hinter der Vereinigung von Lech und Wertach – das Wellenbad unter freiem Himmel …

An den Ufern des Lech und der Wertach

Ab und zu begeben sich Menschen auf die Kiesbänke des Lechs, dort wo er „der weiße Lech“ heißt, wegen der weißen Farbe der Steine, eben weil sich im ganzen Sediment kaum noch Rinnen zeigen, in welchem sich das Wasser noch vorwärtsbewegen kann und wo man trockenen Fußes oder zumindest nur wadentief bis zur Mitte des Flusses laufen kann. Bei der dunkleren, aber dennoch klaren Wertach kann man im Sommer beim niedrigen Wasserstand an einigen Stellen überqueren. Zwei Lokale haben ihren Außenbereich in Stufen zum Ufer herab gebaut, und sind bei Sonnenschein mit Menschen übersät.

Freibad mit Fischen und Wasservögeln

Im Stadtteil Haunstetten entdeckten wir per Zufall dann das Naturfreibad, das man als Mitglied in einem Verein mit einer Jahreskarte besuchen konnte. Ein naturbelassener, chlorfreier großer See, mit künstlichem Ufer, mit Liegewiesen, mit einer kleinen Wirtschaft. Aber ein Wasser“becken“ mit weit größeren Dimensionen als es normalerweise Stadtfreibäder haben. Das Wasser seegrün und darin konnte man zahlreiche Fisch-Schulen sehen! Nicht jedermanns Sache, sicherlich, aber wenn man Igor aus dem Ilsesee kannte, dann absolut kein Problem! Und die Enten und Wildgänse konnte man großzügig umschwimmen.

Von Kanälen durchzogen

Und dann gibt es diese ganzen Kanäle durch Augsburg durch! Keine gondolierefähigen Lagunen-Kanäle, dafür sind sie zu schmal und mit niedrigen Überbrückungen oder gar Überbauungen an vielen Stellen unpassierbar. Aber dafür wirklich durch die ganze Altstadt. Ein besonderer Wasser-Hotspot ist bei dem kultigen Programmkino Liliom in der Jakober Vorstadt. Nicht nur kann man durch den Glasboden im Eingang auf das darunter rauschende Wasser blicken, sondern gleich daneben über das kleine Fußgängerbrückchen zu der einmaligen Kreuzung der Kanäle gelangen, die übereinander führen. Und dahinter, an der großen Straßenkreuzung der Pilgerhausstraße steht das historische Stadtbad, das mit seiner spektakulären Gründerzeit-Architektur dem Besucher das etwas langweilige kleine Becken kompensiert.

Wasserstadt und Kulturerbe

Da Augsburg schon seit dem Mittelalter eine herausstehende Wasserwirtschaft hatte – nicht zuletzt wegen der wasserintensiven Textilproduktion – war es nur folgerichtig, einen Antrag an das UNESCO Kulturerbeverfahren zu stellen und siehe da, auch noch erfolgreich! Seit 2019 sind „wir“ Kulturerbe! Wasserstadt  sowieso .

Nach und nach schlich sich diese Wasserbedeutung in mein Bewußtsein, nach und nach erkannte ich, dass mein Traum sich tatsächlich realisiert hatte! Ein bisschen zumindest. Wasser, überall Wasser, und an einigen Stellen sogar mit dieser Glasklar-Qualität! Ja, sicher, die Kanäle durchschneiden die Stadt, aber man sollte sie nicht unbedingt durchschwimmen.

Vor der Haustür

Wirklich? Ist das so? Sicher, beim Liliom ist das Wasser etwas schnell und dunkel, und die Wände zu glatt. Da würde ich sowieso davon abraten. Und weiter vorne, Richtung Jakobertor – das schimmert durchsichtig grün bis zum sichtbaren Boden, aber es wäre dann doch zu komisch, glaube ich. Doch als ich im Textilviertel meinen Zahnarzt aufsuchte, sah ich sie dann doch. Die Anwohner in Badehose, auf dem Handtuch liegend, und daneben einen, der an einem Leitereinstieg ins Wasser ging. Das ist so ausgelegt und ausdrücklich erlaubt! Wie wunderbar! Wie neidisch….ich da wurde. Da wohnt man daneben und wenn man sich abkühlen möchte, kann man einfach vor dem Haus ins gemächlich fließende Gewässer. Ich war aber jetzt überzeugt. Augsburg hat sich in meine Träume geschlichen, und es hat mich in diese Stadt gerufen. Auch wenn ich vorher keine Ahnung hatte, dass sie meine Traumstadt würde.

Letztes Tröpfchen

Aber jetzt muss ich meinen Lesern noch erzählen, wie ich überhaupt auf den Gedanken kam, darüber zu schreiben. Denn das letzte Wassertröpfchen, das meine Liebe zu dieser Wasserstadt überlaufen ließ, kam in der letzten Woche hinzu. Es fing damit an, dass ich eine Strecke mit meinem Mann auf einem Spaziergang erkunden wollte, die ich bislang immer nur von weitem gesehen habe und aus praktischen Gründen mit dem Fahrrad umfahren hatte. Dabei gibt es eine kurze Strecke der Auskoppelung der Wertach über einen Fabrikkanal, so dass sich quasi eine Art von „Insel“ zwischen den beiden danach wieder zusammenführenden Armen gebildet hatte. Diese „Insel“ wollte ich jetzt mal spaziergängig erschließen. Wir stießen bald auf das alte Fabrikgelände, das hübsch und adrett renoviert ist  und noch heute als „Kraftwerk“ mit einer kleinen Wehr in Betrieb ist. Wir genossen die Aussicht auf das Wasser, das hinter einer mannshohen Mauer sich nicht zu schnell und nicht zu langsam auf seinen turbinenen Zweck zubewegte und kreuzten dann entschlossen auf die andere Seite, einfach weil wir dabei wieder einmal das Wasser von oben betrachten konnten. Dabei aber fing etwas meinen Blick ein, womit ich nicht gerechnet hatte und was mich elektrisierte. Entlang des Ufers, auf einer Strecke von ca. 200 m konnte man ein paar Einstiegshalterungen sehen und dazwischen mit Planken versehene Ränder, die offenbar für nackte Füße gemacht waren. Das Ganze mit einer weitläufigen, aber frei zugänglichen Wiese versehen. Auf dem gegenüberliegenden Ufer ein paar Schritte abseits davon fangen die Häuser an, und deren Bewohner beneidete ich sofort, aber zugleich hüpfte mein Herz vor Freude. Ein paar Mutige haben den ersten warmen Apriltag auch schon genutzt und stiegen ins Wasser, um sich von der Strömung in Richtung Wehr ziehen zu lassen.

Die paar Menschen, die in Badeanzug über die Wiese liefen, sahen glücklich und zufrieden aus – wie sonst, bei einer solchen Gegebenheit!

Und ja, so sieht Glück aus – es ist glasklar, es ist leicht kühl, es ist manchmal fließend und manchmal stehend und lädt ein, einzusteigen.

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