Vom Ochsen zum Dorsch

Kolumnist Matthias von Schramm umtreibt die Theorie, dass Wohlschmeckendes erst in einer gewissen Umgebung mit Menschen zur Sensation wird. Weil ohne Gesellschaft immer etwas fehlt. So beleuchtet er zwei Festivitäten, die zu familiären Legenden wurden.

Streetfood - Foto: Matthias von Schramm

Als Donnerstags-Kolumnist (ich liebe dieses Wort, weil es für deutsche Überlängen und 12-Ton-Musik taugen könnte) treibe ich mich zu Beginn der Woche sporadisch im Netz herum und schau, was die KollegInnen so machen. So hat zum Abschluss unserer Osterwoche Jörg Phil Friedrich seine Kolumne Ostermontag – Hinaus in die Stadt veröffentlicht. Dazu schrieb Vera Helene Zieglmeier, dass sie trotz ihrer Geburt am Pfingstsonntag kein Pfingstochse wurde und bemerkte zugleich, dass man im Süden Deutschlands und in Österreich gerne einen Ochsen „pfingstlich“ schmückte und dass dies altes Kulturgut sei.

Nun gehört es zu meiner Vita, vornehmlich in meiner Jugend, dass mein Vater immer wieder Bemerkenswertes aus seinen Geschäftsterminen am Familientische einstreute. Erwähnt wurden u.a. Einladungen zu Festen, bei denen Rustikalität einen besonderen Raum hatte.

Der Pfingstochse ersetzt das Spanferkel!

So geschah es einmal, dass bei so einem Termin der Pfingstochse das Spanferkel ersetzte. Er war wohl nicht traditionell geschmückt, sondern saftig gegrillt und von nicht veganen Geschäftspartnern umgeben. Somit war das Tier seinem Schicksal ausgeliefert, in den Erzählungen meines Vaters nicht selten und wiederholt erwähnt zu werden.

Besonders die Zartheit des Fleisches beschrieb er sehr oft. Es waren wohl die Gier und die Hemdsärmeligkeit der anwesenden Menschen um das Tier herum, die auf Vater einen besonderen Eindruck hinterließen. Die daraus resultierende Geselligkeit – so meine Theorie – machte den Ochsen am Spieß zarter denn je.

Das Menschen aus Essen entweder ein freudloses Nahrungsaufnehmen machen, oder aber ein erstaunliches Brimborium veranstalten, dürfte in ihrer Natur eine besonders die Gastrosophie betreffende Tatsache sein.

Auch ich selbst bin für solche Dinge empfänglich. Vermutlich aber dann doch abweichend, weil ich mir die Pfingstochsen-Herrschaften stets mit hochroten Köpfen und mit über die Schulter geworfenen Krawatten vorstellte, die zugleich ihren Hosenbund gelockert hatten. Zudem dachte ich mir, dass sie ihren heimatlichen Primär-Humor zum Besten gaben. Ein Humor, welcher nicht immer letztlich der Zartheit des hoffentlich halbwegs vernünftig gehaltenen Ochsen gerecht werden konnte. Was soll‘s! Es war gewiss so eine Art Volksfest. Wobei dem Volk etwas mit „dicker Hose“ präsentiert wurde. Da wurde Eindruck geschunden und in die Analen unserer familiären Vorträge väterlicherseits ist dies nachdrücklich eingeflossen.

Dönermann mit Fes!

Allerdings fasziniert mich jedes Mal, wenn ich einen Dönermann sehe. Einen Menschen, der mit langem Messer extrem dünne Scheiben vom Spieß herunterschneidet und seine Fertigkeit nicht mit „der Gerät“ ersetzt wird. Vielleicht noch mit einer gewissen Folklore verbunden, eine Vorstellung, die man gerne als „Touri-Splin“ abtun darf.

Am besten noch, wenn der Döner-Virtuose (was nie der Fall ist) einen Fes trägt (arabisch Tarbusch), einen schmucken tiefroten Hut in Form eines Kegelstumpfes, idealerweise noch mit goldener Quaste. All das wertet in meiner Phantasie das hoffentlich Wohlschmeckende sehr auf.

Gute Freunde um mich herum könnte ich dann als Kirsche auf der Sahnetorte betrachten.

Der Dorsch auf dem norwegischen Grill!

Es geschah auf einer Jugendreise im Jahre 1982. KollegInnen waren in den Fjorden angeln. Wir ruderten ein wenig im Wasser und mein Gegenüber im Boot meinte zu mir: “Wenn Du davon Leben müsstest, würdest Du verhungern!“. Es lief „DA DA DA“ von Trio im Walkman, einer hatte sich gar das Casio VL 1 besorgt. Jenen Synthesizer, welcher von Stefan Remmler im Original benutzt wurde und 149 DM kostete. Abends lief Fußball WM aus Spanien im Gemeinschaftsraum. Draußen war gute norwegische Luft in einem recht warmen Sommer.

Darum waren wir jungen Leute sehr hungrig. Das vom Veranstalter versprochene berühmte Koldtbord (norwegisches Büffet) war recht dürftig und man wurde nur in verschiedenen Einzelgruppen dafür zugelassen und musste wie für einen Eintopf zum Henkelmann anstehen und kräftig und vergebens mit den Leuten in der Schlange flirten. Dies sollte ein pädagogischer Ansatz sein, glaube ich.

Drum freuten wir uns wie Bolle zu Pfingsten, dass frischer Fisch auf den Grill geworfen wurde und wir in freier Natur endlich etwas Würdiges zu mampfen bekamen.

Es wurde der beste Fisch meines Lebens, aber vermutlich auch nur, weil der unter den lieben Menschen an dieser frischen Luft einfach unvergleichlich toll schmecken musste.

Immerhin, der Dorsch lag in Alu gepackt auf dem Rost und das war damals eben gängige Methode. Aber diese Geschichte konnte als Teil unserer Familienerzählungen mit der des gegrillten Ochsen durchaus mithalten.

Ambiente und brachiale Gewalt der Präsentation!

Immer dann, wenn die Nahrungsaufnahme in eine gewisse Performance gehüllt wird, wird eben auch Wohlschmeckendes zu einer Sensation. Schließlich war es auch mein Vater, der immer sagte, dass ein riesiger Topf Erbsensuppe auf dem Markt aufgrund seines Verdrängungsvolumens besonders lecker sei.

Naja, Francois Villon (nachgedichtet von Paul Zech) schreibt in seiner Ballade von den Lästerzungen:

„… in einem Saft von Krötenbauch und Drachenblut

in Wolfsmilch und dem sauren Rest der Rotweinkannen

in Ochsengalle und Latrinenflut

in diesem Saft soll man die Lästerzungen schmoren …“

Und dabei habe ich bei sehr viel leckeren Erwähnungen zuvor extra auf die schlimmsten Widerwärtigkeiten bei meinem Zitat verzichtet. Aber so lernt man, dass manche Aussage über eben potenziell Wohlschmeckendes auch eine Kehrseite hat, insbesondere wenn sie brachial und gewaltig in einem besonderen Ambiente präsentiert wird.

 

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