Palmsonntag

Heute ist Palmsonntag. Obwohl unsere Autorin Chris Kaiser sich heute als Atheistin identifiziert, war das nicht immer so. Erinnerung an eine mythische Zeit.

Jesus als König auf einem Esel. - Palmsonntag
Jesus auf einem Esel nach Jerusalem - Palmsonntag pixabay

Das Ehepaar Kaiser wachte morgens auf und sprach mit gedämpfter Stimme über dies und jenes, bis Frau Kaiser (also ich) sagte: „Heute ist Palmsonntag. Weißt du, was das ist?“ Nein, meinte Herr Kaiser, so genau nicht. Aber da Herr Kaiser den Geschichten von Frau Kaiser so gerne lauscht, legte diese ihre Erzählstimme an und sagte: Es ist der Sonntag vor Ostern. Da ist Jesus in Jerusalem auf einem Esel eingezogen und wurde von mit Menschen gesäumten Straßen, die ihm zujubelten und mit Palmwedeln wedelten, wie ein König empfangen. Das musst du dir mal vorstellen. Und er wusste schon, dass er eine Woche später tot ist. Ah, meinte Herr Kaiser, das wusste ich wirklich nicht.

Religion unter einem Tyrannen

Ich bin Atheistin, aber ich bin eine geworden, nach langen Jahren, zum Teil sehr intensivem Glauben im Evangelisch-Lutherischen. Meine Transition auf „die andere Seite“ war weder erzwungen noch aus Enttäuschung. Eine friedliche Übergabe der Geschäfte, die meine Seele betreffen, durch Gott an mich selbst. Das hatte auch damit zu tun, dass ich Gott niemals als einen Tyrannen gesehen habe, dem man sich aus Furcht anschließen musste. Vielleicht ist das auch dem Umstand zu verdanken, dass ich in einer vorgeschriebenen Atheistokratie – dem „real existierenden Sozialismus“ Rumäniens unter Ceausescu aufgewachsen bin. Der Tyrann war aus Fleisch und Blut, und hatte seinen Schrecken und seine Unterwerfungstaktiken, aber nicht den Respekt der kleinen Leute. Wie könnte da die Kirche auch so einen Gott zum Unterwerfen präsentieren können?

Automissionierung

Mein Glaube entstand aber auch auf eigentümliche Weise, ich habe mich quasi selbst missioniert. Meine Familie mit den typischen Siebenbürger Sachsen, bodenständig, loyal, der Kirche als Identifikationspunkt verbunden, gläubig, aber nicht in diesem charismatischen, ekstatischen Sinne, wie wir es mitunter bei den „Bekehrten“ (so nannten wir sie) sehen konnten, die nur noch mit der Bibel rumwedelten und zum Teil die Wissenschaft und Technik als Teufelszeug ablehnten. Nein, meine Familie bestand aus Ingenieuren und mathematisch denkenden Menschen, die ab und zu, wenn die Zeit es hergab, in die Kirche gingen, und die Frömmigkeit ihnen Halt im persönlichen Leben bot, aber nicht, um damit anderen auf den Geist zu gehen. Ich lernte früh mein Abendgebet („Mein Herz ist rein ….“), das ich vor dem Schlafengehen aufsagte und wir beteten vor jeder Mahlzeit („Komm, Herr Jesus, sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast“). Ich fragte wohl schon mal danach, wie dieser Gott ist, und wer Jesus, aber ich könnte jetzt nicht mehr wiedergeben, was genau die Antwort war. Aber ich weiß noch, dass meine Familie bei Gelegenheiten, wo das Karma bei bösen Leuten zurückschlug, sagte: „Gott straft nicht mit Knüppeln“. Das führte in meinen kindlichen Vorstellungen aber dazu, dass ich einmal träumte, dass Gott mich von hinter den Wolken für etwas, was ich getan hatte, mit Steinen bewarf. Denn es waren keine Knüppel.

Das Gleichnis von dem Scherflein der Witwe

Aber sobald ich lesen konnte, las ich alles, was mir in die Finger fiel, und unvermeidlich stieß ich auf die Bibel. Eine Kinderbibel wurde mal extra für mich ausgeliehen, mit großen bunten Bildern und genau mein Geschmack. Aber auch die offizielle Luther-Bibel war vor mir nicht sicher. Das weiß ich genau, da ich im Grundschulalter fleißiger Besucher des Kindergottesdienstes war, und einmal nicht an mir halten konnte und laut hineinrief, mitten in die Erzählung der Betreuer: Das habe ich gestern erst in der Bibel gelesen! Ich weiß sogar noch, was es genau war: Vom Scherflein der Witwe, deren letztes Ersparnis, obwohl es sich so kärglich neben den reichen Gaben der Betuchten ausnahm, wertvoller war, weil es sie mehr kostete als diese.

Altes Testament: Geschichten galore

Was erstaunlich für mich im Nachhinein ist: Diese Story ist aus dem Neuen Testament. Das las ich zwar auch, aber es war mir nie so spannend, wie die abenteuerlichen Geschichten mit Kriegen, Plot-Twists, Heroen (Samson) und Antihelden (Jakob) über das, was dem jüdischen Volk mit ihrem Gott passierte, im Alten Testament. Dieser Gott, der da spricht und handelt, nicht immer gut ist, aber einer gewissen Logik folgte, oder auch dann nicht … Das war farbenfroh und ähnlich, was ich in Märchen, Wild-West-Geschichten von Karl May las oder in Mantel-und-Degen-Filmen sah. Und die Gespräche, welche die Figuren mit diesem Wesen Gott führten – besonders faszinierend. Ich sprach dann auch mit Gott. Irgendwie. Über dies und jenes. Ja, das war nicht seltsam, denn als oft alleine seiendes Einzelkind, das zwar viele Bekannte und Freunde hatte, aber mit diesen nicht tiefsinnig genug sprechen konnte, war das nur konsequent. Und nein, dieser Gott, mit dem das Kind Chris sprach, war nicht nur Geborgenheit, aber auch nicht Übermächtigkeit. Man konnte mit ihm hadern, man konnte ihm auch mal was vorwerfen. Man konnte ihn anflehen, man konnte ihm aber auch alles zeigen, was Freude bereitet hatte. Vor allem Letzteres, wenn ich mit IHM statt mit meinen Leuten sprach, war ein Garant, dass kein Entwerten stattfindet, im Sinne von: „Ach so, aber das ist doch nichts Besonderes.“ Oder „Das stimmt so nicht, da hast du falsch gesehen“. Das passierte nämlich gegenüber den nüchternen Siebenbürger Sachsen dauernd.

Liturgische Farben

Bei einem dieser Kindergottesdienste hatte ich ein kleines Büchlein als Belohnung erhalten (wahrscheinlich hatte ich ein schönes Bild gemalt), das in eine Hand passte und voller kleiner Gebete und erbaulicher Texte war. Ja, langweilig. Aber eines darin war es nicht: Eine Aufzählung der liturgischen Farben mit ihrer Bedeutung und dem Anlass, bei dem diese Farbe den Altar schmücken würde. Ich war besessen davon. Wenn ich mal doch zum „Erwachsenen“-Gottesdienst hinging – sei es ein hoher Feiertag, oder etwa wenn jemand aus der weitläufigen Verwandtschaft konfirmierte – fiel mein Blick sofort auf die Tuchdecke über dem Altar. Und ich grinste triumphierend, wenn ich es VORHER wusste, was es sein wird. Die „seltenen“ Farben hatten es mir besonders angetan. Etwa „schwarz“ für Karfreitag. Wie eine seltene Sammelkarte, die man plötzlich ergattert und sonst niemand im Bekanntenkreis hatte.

Pragmatische Frömmigkeit

Ich kannte aber auch den Rand, von dem man mit dieser Religiosität herunterfallen kann. Eine Schulkameradin war in einer evangelikalen Familie – kinderreich natürlich, und mit etlichen Ge- und Verboten für meine Freundin, wie etwa, dass sie nicht ins Kino ging. Ich war selten bei ihnen zuhause, für länger ging ich nur einmal hin und fand ihren Vater am Küchentisch vor. Freundlicher Mann, aber sofort in den Missionierungsmodus gegangen. Es war mir – klar – unangenehm, aber ich habe auch in Erinnerung, wie ich seine „Religion gut- alles andere schlecht“ als advocatus diaboli parierte und eine argumentativ gemeinte Position für den Atheismus der Kommunisten einnahm. Ich ließ mich nicht weiter ein und nahm mir nur noch die Zeit, die Familienbibliothek in Augenschein zu nehmen, wie es immer meine Vorgehensweise war. Lesestoff war meine Droge der Wahl. Aber eine dürftige, trockene Angelegenheit in dem Haus, alles nur Erbauungs- und Religionsliteratur, die ich zum Teil schon gesehen hatte und schnell erkennen konnte. Nichts für mich, ich verabschiedete mich und kam auch nicht mehr wieder. Jahre später ging mir auf, wie sinnbildlich das Ganze für meine geistige Einstellung war. Ich hielt nämlich eine perfekte Balance zwischen privater Religion und staatlicherseits erwünschtem Atheismus. Ich war religiös, im Vergleich zu vielen meiner Freunde, sogar ausgesprochener Fürsprecher, aber andererseits von der Vereinnahmung durch sie durch Schule und offizieller Doktrin geschützt. Und ebenso schützte mich meine Herkunft als Minderheit (Deutsche in Rumänien, evangelisch unter mehrheitlich orthodoxen Rumänen und Kommunisten) davor, von der Staatsdoktrin beeinflusst zu werden. Dass meine Familie von einer pragmatischen und stillen Frömmigkeit geprägt war, die Andersdenkende integrieren konnte – erlaubte mir, mir das zu holen, was ich geistig brauchte, und offensichtlich war das der Glaube an den christlichen Gott.

„Deine Follower sind komisch“

Viel, viel später, versuchte ich in Deutschland immer und immer wieder versucht, bei solchen Menschen Anschluss zu finden, die von einem nicht mehr wie im Kommunismus eingehegten Glauben beherrscht waren. Ob es die Gruppe St Egidio, dann später „Entschiedenes Christentum“ war, die christliche Jugendgruppe, Hauskreis, Taizé-Gruppe und auch einfach in der evangelischen Kirche – dieses angestrengte „Ewig seien die geistig Armen“ im wörtlichen Sinne zu interpretieren, aber genauso abgestoßen von der überheblichen Arroganz von Katholiken, die sich tatsächlich als Kat-holikos– „alles umfassend“ – erhaben sahen, ich sah meine geistige Heimat nicht mehr im Glauben. Es war kein empörtes Herauskrabbeln, kein wütendes Verlassen, kein „Befreien“, sondern eher die Erkenntnis, dass „Gott“ oder „nicht-Gott“ für mich keinen Unterschied in der Welt machte. Und seine Existenz überhaupt keinen Sinn in meinem Weltbild hatte. Es war ein freundlicher Abschied: „Tschüss, Papa, ich bin jetzt erwachsen, ich muss mich nicht mehr bei dir ausheulen, dir erzählen, mich trösten lassen. Dich gibt’s ja gar nicht. Und deine Follower sind komisch.“

Dankbarkeit und Menschlichkeit

Ich bin dennoch dankbar für diese Wiege, in der ich gewiegt wurde, die der Glauben mir gab. Ich greife dennoch auf diesen reichen Schatz an bedeutsamen Erzählungen und erzählten Bedeutungen zurück, so wie ich auf so vieles Gelesenes und Erlebtes zurückgreife, um mir Orientierung zu geben. Ehrfurcht habe ich vor der Kultur der Menschen, die diese Geschichten erschufen. Nicht vor denen, die sie mir mit Knüppeln oder ohne, ungefragt einflößen wollen. Das überaus Menschliche und Dialektische in einer Geschichte, dass einer auf einem Esel wie ein König gefeiert wird, und er es akzeptiert in dem Wissen, dass er mit einer Krone aus Dornen gefoltert werden wird und den Tod qualvoll erleidet. Jaja, er ist danach in Herrlichkeit auferstanden – aber das ist eine andere Erzählung, mit ganz anderer Bedeutung. Für ein andermal.

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One comment
Mighty Quinn

… arrogante Katholiken? Aus theologischer Sicht muss sich jede Religion, die etwas auf sich hält – für die einzig wahre halten. Ansonsten sie qua Selbstaufgabe überflüssig, was dem deutschen Protestantismus faktisch widerfahren ist.