„In Peru ist derzeit das Staatsoberhaupt die einzige Person, die nicht weiß, wann sie abtritt.“
— Anonymes Südamerika-Bonmot
Neun Staatspräsidenten in zehn Jahren. Man lese und staune. Neun. In einer Dekade. Zum Vergleich: Deutschland hatte in vergangenen zehn Jahren drei Bundeskanzler, und selbst das wird hierzulande als ungewöhnlich viel angesehen. Peru dagegen hat den Wechsel zum Dauerzustand erhoben.
Die Muster sind dabei stets ähnlich: Ein Präsident wird gewählt, der Kongress wartet ab, versammelt genügend Stimmen für ein Amtsenthebungsverfahren wegen „moralischer Unfähigkeit“ — eine Formulierung, die in der peruanischen Verfassung den praktischen Vorzug hat, maximal dehnbar zu sein —, und schon dreht sich das Karussell weiter.
So wurde Martín Vizcarra im November 2020 abgesetzt, sein Nachfolger Manuel Merino überlebte gerade einmal fünf Tage im Amt, bevor Massenproteste ihn hinwegfegten. Pedro Castillo, der linke Dorfschullehrer aus den Anden, der 2021 in das höchste Staatsamt gelangte, stellte mit über achtzig Ministern und fünf kompletten Kabinettswechseln in nur eineinhalb Jahren einen eigenen Rekord der peruanischen Unbeständigkeit auf. Im Dezember 2022 versuchte er dann, den Kongress per Dekret aufzulösen — woraufhin der Kongress ihn seines Amtes enthob, bevor der Tag zu Ende war. Ein parlamentarisches Schnellverfahren, das seinesgleichen sucht.
Aktuell regiert, als achter Präsident in zehn Jahren, José María Balcázar — ein 83-jähriger ehemaliger Richter, der vom Kongress eingesetzt wurde, nachdem dessen Vorgänger José Jerí im Februar 2026 wegen diskreter Treffen mit einem chinesischen Geschäftsmann aus dem Amt entfernt worden war. Vor seiner Amtsenthebung dürften Balcázar die bevorstehenden turnusmäßigen Neuwahlen schützen. Vorgänger Jerí hatte übrigens gerade einmal vier Monate regiert. Als er abtrat, dürften einige Peruaner seinen Namen noch nicht vollständig behalten haben. Und der neunte Präsident oder die neunte Präsidentin innerhalb einer Dekade wird bald folgen. Am 12. April wird wieder gewählt. Und sollte eine Stichwahl notwendig werden, dann wird sie am 7. Juni stattfinden.
Schalke 04: Das deutsche Trainerkarrussell
Vielleicht schaut man in Gelsenkirchen mit Sorge nach Peru. Rotiert das Personalkarussell in den Anden bald noch schneller als „auf Schalke“? Ist der Ruf, der „Hort des Chaos“ schlechthin zu sein, bald verflossen? Und geht dieser Titel womöglich in die Anden? Seit dem Ende der Huub-Stevens-Ära im Jahr 2002 reiht sich beim Ruhrpott-Kultverein ein Cheftrainer an den nächsten – wie Perlen an einer Kette. Marc Wilmots, Jupp Heynckes, Fred Rutten, Felix Magath, Ralf Rangnick (zweimal), wieder Stevens (natürlich), Jens Keller, Roberto Di Matteo, Markus Weinzierl, Domenico Tedesco, Stevens (das dritte Mal, als Feuerwehrmann), David Wagner, Manuel Baum, Huub Stevens (kurz nochmal), Christian Gross, Dimitrios Grammozis, Frank Kramer, Thomas Reis, Karel Geraerts, Kees van Wonderen, Miron Muslić — die Liste hinterlässt bei Schalke-Fans wohl einen ähnlich üblen Beigeschmack wie bei Peruanern, die im Februar ihren bislang achten Präsidenten in zehn Jahren begrüßen dürften. Auf Schalke und im Regierungsviertel von Lima gilt das wohl das gleiche Prinzip: Der Neue bringt frischen Wind. Der übernächste Neue bringt noch frischeren Wind. Irgendwann fragt man sich, warum es trotzdem so unangenehm zieht. Immerhin auf Schalke scheint momentan Windstille zu herrschen. Trainer Muslić sitzt fest im Sattel, schafft eventuell sogar den Wiederaufstieg in Liga Eins. In Peru sieht es schlechter aus.
Die strukturellen Hintergründe: Mehr als persönliches Pech
Es wäre natürlich etwas gar einfach, die peruanische Instabilität auf persönliches Versagen einzelner Präsidenten zurückzuführen. Die strukturellen Ursachen liegen tiefer. Peru hat eine Verfassung, die dem Kongress mit dem Instrument der „moralischen Unfähigkeit“ — dem berühmten Art. 113 — ein scharfes, zugleich aber unprofessionell unscharfes Schwert in die Hand gegeben hat. Weil für eine Amtsenthebung lediglich eine Zweidrittelmehrheit im Einkammerparlament genügte, war es strukturell angelegt, dass eine feindlich gesinnte Kongressmehrheit jeden Präsidenten zur Strecke bringen konnte, wann immer die politischen Konjunkturen es erlaubten.
Hinzu kommt ein Parteiensystem, das weniger System als Ansammlung persönlicher Vehikel ist. Peru hat 38 registrierte politische Parteien — keine davon mit einer gefestigten programmatischen Identität, die über Wahlslogans hinausginge. Der Odebrecht-Korruptionsskandal, der seit 2016 das politische Peru in Brand setzt, hat zusätzlich ganze Präsidenten-Generationen verbrannt: Mehrere frühere Amtsträger sitzen im Gefängnis, einer hat sich dem Zugriff der Justiz durch Suizid entzogen. Das Vertrauen der Bevölkerung in den Staat ist entsprechend abgrundtief.
April 2026: Das nächste Kapitel
Für die Wahl am 12. April 2026 stehen 36 Kandidaten stehen zur Wahl, die der oder die nächste in der Perlenkette werden wollen. Eine Rekordzahl, die einerseits die politische Fragmentierung des Landes illustriert, andererseits den Peruanern zumindest die Qual der Wahl lässt. Führend in den Umfragen ist Limas Ex-Bürgermeister Rafael López Aliaga mit rund zwölf Prozent. Seine Popularität verdankt López Aliaga vor allem seinem knallharten Law & Order Kurs. Auf Rang zwei folgt Keiko Fujimori, Tochter des autoritären früheren Präsidenten Alberto Fujimori, die bereits vierten Mal ins Präsidentschaftsrennen geht.
Umfragen zeigen, dass 51 Prozent der Peruaner sich einen Präsidenten vom Typ Nayib Bukele wünschen — den Präsidenten El Salvadors, der mit Maßnahmen, die manche als Autoritär bezeichnen, die Kriminalität durch Masseninhaftierungen drastisch senkte. Dass die Mordrate in Peru sich seit 2019 verdoppelt hat und Banden weite Teile des Landes terrorisieren, gibt diesem Wunsch eine verständliche Grundlage, auch wenn die rechtsstaatlichen Kosten eines solchen Modells hoch wären.
Ab 2026 kehrt Peru übrigens zum Zweikammerparlament zurück — eine Reformmaßnahme, die es künftig schwerer machen soll, Präsidenten per Schnellverfahren abzusetzen. Ein Senat würde die Amtsenthebungs-Impulse des Abgeordnetenhauses bremsen, so das Kalkül. Ob das die politische Kultur ändert oder nur die Bremswege verlängert, wird die Zeit zeigen.
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