Rechts-konservative und Links-progressive Moral

Konservativ oder Progressiv, rechts oder links – Moralapostel gibt es überall. Nur in der Frage, was moralisch ist, unterscheiden sie sich.

Konservativ oder progressiv? Foto: Jörg Phil Friedrich

Das politische Spektrum wird heute gern zwischen Links und Konservativ aufgespannt, was komisch klingt, weil das Gegenstück zu Links eigentlich Rechts wäre. Komischerweise will aber keiner Rechts sein. Das Gegenteil zu Konservativ wäre, wenn Konservativ etwas mit „Bewahren und Erhalten“ zu tun hat, vielleicht „Progressiv“, jedenfalls irgendwas mit Veränderung.

Fortschreiten und Festhalten

Progressiv klingt toll, wer will nicht progressiv sein, fortschrittlich und der Zukunft zugewandt. Seit Jahrhunderten denkt man sich, dass Veränderung und Entwicklung etwas Gutes ist und jeder will dabei sein. Natürlich sind auch die Konservativen oft sehr progressiv, sie befeuern den technischen Fortschritt und die Globalisierung und die weltweite Modernisierung und da ist dann die Frage, ob die Progressiven, die die Linken sein wollen, eigentlich auch diesem Fortschritt so begeistert folgen.

Also konzentrieren wir uns lieber auf die gesellschaftlichen und die kulturellen Dinge, da ist die Sache auf den ersten Blick einfacher: Die Progressiven, die sich dann meist auch als Linke bezeichneten, wobei viele natürlich auch beanspruchen, eigentlich Mitte sein zu wollen, die meinen, dass die Welt sich ändern muss, dass die Gesellschaft eine andere werden muss, dass sich unser Umgang miteinander und der mit der Natur ändern muss, dass kulturelle und moralische Normen sich ändern müssen.

Die Konservativen, die aus unerfindlichen Gründen nicht rechts, sondern Mitte sein wollen, die wollen, dass alles bleibt, wie es ist, sie sehen keine Notwendigkeit der Änderung, weil eigentlich alles in Ordung ist, die Gesellschaft, die Moral, die Kultur.

In einer Gesellschaft, die sich nunmal aber ohnehin immer verändert, wollen die Konservativen allerdings nicht, dass alles bleibt, wie es ist, sondern dass es wieder so wird, wie es mal war. In der Unzufriedenheit mit der Gegenwart sind sich Konservative und Progressive sogar einig, den Progressiven gehen die Veränderungen nicht weit genug, die Konservativen wollen alle Veränderungen rückgängig machen. Die Konservativen haben den Progressiven gegenüber den Vorteil, dass sie meinen, ihr Ideal zu kennen, sie können sich dran erinnern. Die Progressiven hingegen haben nur das Ideal, die Vision, eine Vorstellung von einer besseren Welt. Ob die wirklich besser wäre, ist ungewiss.

Aber die Konservativen täuschen sich natürlich auch, denn auch ihre Erinnerung ist ja ein Ideal, eine Idealisierung. Sie wollen oft zu etwas zurück, was es nie gab. Vermutlich wollen die Progressiven hingegen etwas schaffen, was es nie geben wird. Eigentlich wollen beide die Welt verändern, beide natürlich zum Besseren und beide in Richtung eines vermutlich unerreichbaren Ideals.

Der Unterschied ist, dass die Konservativen meinen, dass die Welt schon mal gut war, sie benötigen deshalb keine neuen Normen, keine neue Moral, sie meinen, dass ihre Moral, die sie ja aus der Vergangenheit übernommen haben, schon völlig in Ordnung sei. Die Progressiven hingegen finden, dass die Welt bisher eigentlich immer schlecht war, dass die bisherige Moral dazu geführt hat, dass die Welt noch immer schlecht ist, und dass es deshalb eine neue Moral braucht.

Wo ist die Heimat der Moralapostel?

Chris Kaiser war in ihrer Kolumne vor gut einer Woche irritiert davon, dass ich kurz zuvor geschrieben hatte, im linken, progressiven Spektrum würde man erwarten, dass Politiker moralische Vorbilder seien. Sie vertrat die Meinung, die Heimat der Moralapostel sei doch eher der konservative Teil der Gesellschaft. Das mag ja sein, genauer, Moralapostel sind wohl hier wie dort unterwegs, man unterscheidet sich nur darin, was man für moralisch gut hält. Die Konservativen haben eben eine konservative Moral, die progressiven eine progressive. Wobei nicht ausgemacht ist, welche von beiden dem Einzelnen die größere Freiheit gewährt, denn offensichtlich schränkt jede Moral die Freiheit auf irgendeine Weise ein.

Mein Punkt war aber ein anderer, und der wird aus dem oben Gesagten nun auch verständlich: Die Konservativen sind ja der Meinung, dass sie die richtige Moral schon haben, einschließlich aller Freiheiten, etwa des ungezügelten Fleischkonsums, des zu schnellen Autofahrens. Sie brauchen und wollen keine Politiker, die besser sind als sie selbst. Alles, was sie sich selbst erlauben, gestatten sie natürlich auch den Politikern, dass er so sei wie sie selbst und so, wie auch die früheren schon waren, ist ihnen Garant dafür, dass er auch die Welt, die Kultur und die Moral so lässt, wie sie ist, oder so wieder herstellen will, wie sie mal war.

Die Progressiven aber brauchen eben Vorbilder, sie brauchen den besseren Menschen an der Spitze, in der Öffentlichkeit – und möglichst nicht nur an der Spitze der eigenen progressiven Bewegung, sondern, so die Idee, sie wollen, dass alle Politiker und jeder, der irgendwie die Öffentlichkeit moralisch beeinflussen könnte, die Moral der Zukunft verkörpert. Das aber ist in einer Demokratie zu viel verlangt. Mögen die Progressiven an ihr eigenes politisches Personal die Anforderung stellen, dass sie Vertreter der angestrebten zukünftigen Moral seien, den Konservativen aber müssen sie es lassen, dass deren Politiker eben auch die Moral der Vergangenheit vertreten – auch wenn sie noch jung sind. Denn auch Junge können konservativ sein.

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One comment
Mighty Quinn

… ‚lechts‘, ‚rinks‘ … poooh. Ich meine die Welt ist real. Ideologie ist nicht real. Das kann, beim Menschen, bis auf die Chromosomen runter gebrochen werden. 😉

Wer die reale Welt leugnet, ist Ideologe. Eigentlich simpel. Oder?