Es war wie in den Slapstick-Filmen, die ich als Kind gesehen habe, und zwar nicht Charlie Chaplin oder Buster Keaton – die kamen immer mit viel Glück davon, sondern eher Stan Laurel und Oliver Hardy, vor allem der unglückliche Dickere der beiden.
Freitagmorgen, eilig noch etwas frühstücken wollend vor dem Fahren in die Arbeit, stand ich vor unserer Siebträgermaschine. Zuerst blieb ich beim Entsorgen des angesammelten Kaffeesatzes in dem Klopfgefäß hängen und verteilte die Wochenration davon im großen Bogen in die offene Spülmaschine, auf den Boden, in den offenen Geschirrschrank und auf der Ablage. Ich war noch etwas müde, so holte ich mir stoisch den kleinen Tischstaubsauger und dachte noch, dass es ein Glück war, dass die Spülmaschine noch nicht gefüllt war und auch ganz trocken, so dass ich mit dem Staubsauger hin konnte. Als ich alles zusammen hatte, kam ich auf die glorreiche Idee, den Auffangbehälter zu leeren, aber da das Gerät noch recht neu ist, und das Vorgängermodell anders funktionierte, klappte auf einmal alles in die andere Richtung auf, als ich vermutete, und ich verteilte alles noch einmal auf dem Boden und in den Unterschrank der Spüle. Als ich den Staubsauger wieder zusammengesteckt hatte – was auch nicht sofort klappte -, saugte ich ein zweites Mal das Pulver auf und traute mich erst nach einigen Minuten Zögern daran, den Auffangbehälter zu leeren. Ich atmete erleichtert auf, als alles glattging, womit ich aber nicht rechnete, war, dass der Milchbehälter nach dem Aufschäumen auch hängenblieb und sich der Schaum über die Herdplatte ergoss und Spritzer auf meinen Rock flogen.
Die Sprite-Flasche
Zum Glück habe ich über die Jahrzehnte meines Lebens gelernt, sofort nass drüberzugehen und danach mit Küchentüchern trockenzutupfen. Aber diese waren nicht an Ort und Stelle wie sonst, ich hatte sie erst am Vorabend aus der Küche ins Schlafzimmer getragen, denn – man glaubt es kaum, aber wirklich wahr – da hatte ich einen sehr unangenehmen Zwischenfall mit einer verdammten Sprite-Flasche, die ich faulerweise wie meine sonstige Wasserflasche ins Bett gelegt hatte. Ich hatte mich noch gewundert, warum sie Zischgeräusche machte, aber dachte, es passiere schon nichts. Vollkommene Fehleinschätzung, das Zischen kam natürlich vom Entweichen in die Atmosphäre und aufs Bettlaken, was damit endete, dass ich das komplette Bett mitsamt Matratzenüberzug waschen musste. Dass ich zwischendurch noch dachte, mit Zewa wäre alles erledigt, war auch ein Irrtum. Ich musste im Wohnzimmer auf der Couch übernachten, und war dann gegen halb elf so erledigt, dass ich besagte Papiertücher eben im Schlafzimmer gelassen hatte. Mit dieser Erinnerung und leicht angefeuchtetem Rock stand ich dann am Morgen in der Küche und setzte meine Lesebrille ab, die mich wahrscheinlich zu der fehlenden Hand-Auge-Koordination und dem Malheur mit Kaffeesatz und Milch geführt hatte. Den Sprite-Vorfall konnte ich damit nicht erklären. Und es war zwar Freitag, aber eine Woche nach dem 13. Es war der 20.
Früher mit Zusammenhang
Es hat Zeiten gegeben, da hätte ich einen Zusammenhang hergestellt, vielleicht sowas wie: Das Pech hatte zwei Monate Zeit, sich aufzustauen, mit dieser Doppel-Dreizehn, und hat sich jetzt eben dann doch ergossen, womöglich deswegen, weil ich ihm zu seinem gebührenden Tag nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt hatte, ihm davongekommen war und jetzt – buuuummmm – gleich in geballter Form. Ich hätte dann noch Ausschau gehalten, nach der schwarzen Nachbarkatze und überprüft, ob unsere Leiter noch in der Garage lehnte. Man kann dem Schicksal nicht ungestraft ein Schnippchen schlagen und davonkommen, Karma schlägt dann doch zu.
Wie stehe ich tatsächlich dazu, heute, so erwachsen, so aufgeklärt, so nüchtern? Ich würde lügen, wenn ich sagte, es gäbe keine Spur mehr davon, aber ich habe einen riesigen Berg davon schon abgebaut.
Rumänien – materialistisch und voller Aberglauben
Ich bin in den 80ern aufgewachsen, in Rumänien, einer Gegend und einer Zeit, in welchen Volksglaube und Esoterik unter dem Deckel des materialistischen Kommunismus so richtig sein Biotop gefunden hatte. Die alten Mütterchen spuckten dreimal, um kleine Babies nicht mit dem bösen Blick zu belegen, und das war kein Reflex mehr, das war tatsächlich gefühlt. Das ging so weit, dass man durch besonders eingeweihte Personen ein Ritual durchführen ließ, das mit Streichhölzern und Wasser zu tun hatte. Wenn das Kleinkind Glück hatte, musste es den Schmu nicht trinken, auf die Stirne streichen reichte aus. Die ethnische Abgrenzung half mir, als Deutsche, damit gleich zu fremdeln, aber dass es geglaubt wurde, das konnte ich sehen.
Esoterik aus dem Westen
Aber ich wurde dank eines zwar spärlich sickernden, aber stetig bleibenden Zustrom von entsprechender Literatur aus Westdeutschland, mit allerlei Zeug bekannt gemacht. Horoskope – westliche und chinesische, Handlinien, Wiedergeburtserzählungen, und wie das ganze Drumherum hieß – ich war auf dem Laufenden, wir alle waren das. Es ist nicht so, dass wenig Material zu weniger Einfluss führt, manchmal wird es durch seine künstliche Knappheit zur Esoterik im echten Sinne, etwas das man ehrfürchtig „Eingeweihten“ weitergibt. Die Kopie der Kopie der Kopie von den Daten zum chinesischen Kalender, hoffnungslos veraltet, so dass ich bis heute nicht weiß, ob ich im Jahr des Büffels oder der Ratte geboren bin, weil ich genau in der flexiblen Periode des Mondkalenders auf die Welt kam. Aber – wie man sieht – weiß ich immer noch, dass es eines von beiden ist. Und dass ich Wassermann bin, wie mein Onkel, und von einigen meiner Verwandten und auch von unserer Französischlehrerin bis heute noch deren Sternzeichen kenne – liegt daran. Dann kamen noch New Age-Geschichten dazu, wie Qi Gong, Die fünf Tibeter, Fußreflexzonenmassage, das Enneagramm und und und…Die Apfelessig-Kur und die Trennkost waren nur kleine Episoden. Nur zum Verständnis des Lesers – wir reden hier über ein fast komplett isoliertes Land hinter dem Eisernen Vorhang, das eine materialistische Doktrin fuhr, und in welchem meine deutsche Ethnie sich fest im Schoße der evangelisch-lutherischen Kirche fromm und nüchtern-protestantisch befand. Würde man meinen.
Kollektive Phantasmen
Aber Sätze, wie „Ich wusste, ich würde einen Brief bekommen, denn ich habe heute früh die Elster schreien gehört!“, „Ich träumte von toten Verwandten, also wird es heute regnen“ oder „Du hast doch hoffentlich keinen Uhu gehört, das bringt Unglück!“ waren ernst gemeint und von meinem Großvater gibt es unheimliche Geschichten zu seinem Todestag, die nicht nur mir kalte Schauer über den Rücken laufen ließen
Diese beschriebene Ansammlung von kollektiven Phantasmen hatten bei mir allerdings nur etwas oberflächliche Wirkung. Ich machte jeden Morgen die „Fünf Tibeter“, aber dass ich davon ins Shangri-La kommen werde, das glaubte ich nicht so recht, höchstens genauso wie ich glaubte, ich könnte mir von Gott oder einer Fee was wünschen. Ich wünschte mir, ich könnte mir wünschen; ich wünschte mir eine fantastische Welt voller Wunder, ich durchlebte sie beim Bücherlesen und Filmesehen, aber letztlich hielt ich meinen inneren Abstand dazu, der mir ein Outlet ließ.
Bermuda-Dreieck und Co
Ein bisschen anders verhielt es sich allerdings mit anderen Dimensionen der überschießenden Vorstellung. Ich war Science Fiction-Leserin und mochte auch Erzählungen und Filme, die mit dem Bermuda-Dreieck, Außerirdischen, Philadelphia-Experiment und Ähnlichem zu tun hatten. Diese Schauergeschichten fanden eher ihren Eingang, wohl auch deswegen, weil ich sie unmöglich selbst überprüfen konnte – die Karibik, Philadelphia und Roswell waren außer Reichweite. Abgesehen davon waren sie auch technischer Natur, scheinbar wissenschaftlich. Es gab in unserer Stadt sogar einen Erich-von-Däniken-Fanclub, wenn ich mich recht erinnere. Zwei der Mitglieder kannte ich persönlich, beide Nerds, einer davon unser Mathelehrer. Eine Mischung aus Techno-Esoterik und Verschwörungstheorie.
Privater Aberglaube
Und auf dritter Ebene, und am schwersten herauszureißen aus meiner Vorstellungswelt, war mein persönlicher Aberglauben, den ich mir bildete. Ein bisschen das, was einige Sportfans machen, wenn sie zum Beispiel „feststellen“, dass ihr Club verliert, wenn sie selbst in der Früh, beim Aufstehen, nicht dreimal über den Wecker streichen, oder dass sie niemals das Spiel im ZDF sehen dürfen, erst wenn sie in der zweiten Halbzeit dazuschalten, oder Ähnliches. Eine Art von falscher Mustererkennung oder Korrelation. Bei mir war es ein bisschen trickreicher, stark verwebt mit Psychologie und Coping. Ich „stellte fest“, dass ich mir vor jedem Schicksalsereignis, das auch ein wenig vom Glück oder Unglück abhängt, die möglichen Ausgänge vorstellen muss. Etwa: Wenn unsere Verwandten aus Deutschland auf Besuch kommen sollten, dann überlegte ich mir jede mögliche Ursache, die zu ihrem Nicht-Kommen führen könnten, bis hin zu schweren Unfällen und Naturkatastrophen. Alles, was ich mir Schlimmes vorstellte, trat NICHT ein. Und wenn ich etwas vergessen hatte, dann trat genau das ein. Es wurde zum Wettrennen, welche absurden und banalen und problematischen Ausgänge eines Ereignisses ich meiner Vorstellungskraft noch plausibel abringen konnte. Mit schwitzigen Fingern und starrem Blick zählte ich alles in meinem Kopf auf – nur weil ich nicht die Ursache sein wollte, dass etwas passierte. ES zählt heute noch manchmal in meinem Kopf mit, auch wenn ich es meistens resolut zum Schweigen bringe. Es gibt einfach keine Verbindung zwischen meinen Gedanken und der Welt. Und umgekehrt aus dem Schreien einer Elster oder eines Uhus kein persönliches Schicksal. Oder von der zufällig von der Erde sichtbaren Sternkonstellation.
Kulturell bedingter Abstand
Ich lese und sehe zurzeit vieles aus China mit dem Abstand zu einer fremden Kultur zeigt sich Absurdität schon etwas leichter. Die Zahl des Unglücks ist dort die „4“, weil sie sich ähnlich ausspricht wie „Tod“, dafür ist die „8“ sehr glücklich, aus komplexeren Gründen, aber auch in der völligen Zufälligkeit der Sprache verborgen. Man guckt dann schon etwas erstaunt drein, wenn ich erzähle, dass in Deutschland Nummernschilder mit „88“ mitnichten nett und glücklich gemeint sind. Und dass ein Chinese niest, wenn er erwähnt wird, aber ich es mit dem Schluckauf „gelernt“ habe, ist dann noch ein sehr harmloser Unterschied. Wichtig ist, dass man daraus die Unglaubwürdigkeit der eigenen Sätze lernt, und nicht bei der Absurdität des Fremden stehenbleibt. Sowohl die 13 als auch die 4 sind keine Unglückszahlen, und Niesen und Schluckauf bieten beide gleichermaßen keinen Hinweis darauf, wie beliebt oder berüchtigt man bei anderen ist.
Dinge der Schulweisheit und darüber hinaus
Ebenso sollte die Absurdität, die man in einigen Aberglaubens-Sphären deutlich sieht, mitnehmen in die Bereiche, die man ehrfürchtig mit Hamlet adelt: „Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt“. Meine Schulweisheit ist begrenzt, aber sie ist nicht grundsätzlich falsch – und deswegen werden weder Niesreize mit Überlichtgeschwindigkeit übertragen, noch zufällige Zahlen zum Todesboten. Und Hamlets Vater-Gespenst ist genau das – ein Zusammengesponnenes, das nur Realität im Kopf des Autors Shakespeare besessen hat.
Entwicklung ist möglich
Ich habe aus Berufsgründen mit alten Zeitungen zu tun, und es erstaunt mich immer wieder, mit welcher Naivität und Selbstverständlichkeit über Hellseher in Kriminalfällen und Poltergeister in deutschen Kanzleistuben berichtet wurden. Das Selbstverständnis des Journalismus wird in beiden Fällen Pate gestanden haben, früher mit „man weiß es nicht, obs nicht doch stimmt“, heute mit „man kann nicht jedem Blödsinn Raum geben“.
Und ebenso sehe ich meine Entwicklung vom Horoskop-Eifrigen, über die pseudowissenschaftlichen X-Files des Bermuda-Dreiecks hin zum Skeptiker, der bei „Chemtrails“ und „Homöopathie“ Abwehrreaktionen fühlt, als einen Lernprozess, der mir Vergleichsmöglichkeiten für noch kommenden Aberglauben in neuer und immer neuerer Form bietet. Ich bin sicher ein bisschen weniger zugänglich als zu Anfang meines Lebens, aber dass ich eine vollständige Immunität besitze, das kann ich nur wenig hoffen. Klopf auf Holz.
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