Rücksichtsvolles Verhalten, gelassen reagieren, wenn mal jemand nicht korrekt vorgeht, auch mal jemanden vorlassen und vor allem nicht auf seinem Recht bestehen – das sind gute Regeln im Alltag, und vor allem auch beim Fahren. Aggressives Verhalten, Rücksichtslosigkeit, egoistisches Wegdrängen anderer – das kann mal Erfolg bringen, aber nur bis man bei sowas auf ein Spiegelbild seiner Selbst trifft oder wenn dem anderen der Kragen platzt. Und beim Autofahren mit diesen Tonnen Blech und hohen Geschwindigkeiten kann das auch schon mal existenziell werden.
Im direkten Umgang mit anderen Menschen kennen wir Höflichkeit {…} und kulturell gewachsene Formalitäten. So dass auch etwas unsensible Zeitgenossen, denen die Bedürfnisse anderer Menschen unbekannt sind und auch der Zugang dazu fehlt, eine To-Go-Taktik bei der Hand haben, um dennoch sozial wirksam und unschädlich zu agieren. Diese Umgangsformen sind standardisiert, und somit auch recht unflexibel. Sie müssen für die meisten Umstände ausreichen, aber sie werden eben nicht annähernd an die Wirkung heranreichen, die ein einfühlsamer Mensch einem Bekannten zukommen lassen kann. Man könnte vielleicht sagen, dass Gesetze das gröbste Raster sind, das gesellschaftlichen Umgang starr und standardisiert regelt. Weicher und diffuser, mehr auffangend, wo Gesetze nicht mehr hinreichen, sind es dann die gesellschaftlichen Umgangsformen und Mechanismen. Aber am feinsten und präzisesten, in die engsten Ritzen des sozialen Umgangs hingegen, ist es, wenn man in der Lage ist, sich hineinzufühlen und eine zugeschnittene Lösung findet, die sowohl den Akteur als auch das Gegenüber in eine zufriedene Situation versetzen kann.
Unter der Ebene des Rechts
Nun ist beim Autofahren ja auch eine Ebene des absoluten Rechts und der Pflicht, der Gesetze, die ahndbar sind. Welche Schilder was bedeuten, welche Geschwindigkeit erlaubt ist, Park- und Überholverbote, etc. Das, was in der Fahrschule abgefragt wird, was prüfbar ist, es geht um Wissen und Anwendung von Wissen. Aber offenbar ist das nicht ausreichend, um die Bandbreite des Autofahrens mit seinen Gefahren und der Verantwortung (die Tonnen Blech in hoher Geschwindigkeit) auch zu erfassen. Denn dann gibt es diesen eindringlichen Satz: „defensiv fahren.“ Was soll das aber genau heißen? Das lässt sich in diversen Fahrschulungs-Texten lesen, was es mit sich bringt und konkret bedeutet. Zum Beispiel vorausschauend fahren. Nicht auf sein Recht (etwa die Vorfahrt) bestehen. Vorsichtiges Heranfahren an potenzielle Gefahrenzonen wie Kreuzungen oder unübersichtliche Stellen. Und so weiter. Man versteht als Fahrer recht schnell, was gemeint ist und kann es selbständig ausweiten. Es gilt das Prinzip des „Nachgebens“ und der „Vorsicht“.
Risikominderung
Das Ziel ist dabei: Risikoverminderung. Denn Autofahren birgt nunmal Risiken. Tödliche dazu. Wenn man sich das vor Augen führt, dann kann man die Verpflichtung zum defensiven Fahren mit konkreten Situationen füllen. Aber dann gibt es diese Autofahrer, die so vorsichtig und langsam fahren, dass sie die anderen Verkehrsteilnehmer ungeduldig werden lassen. Wenn sie ein-zwei Sekunden länger an der Kreuzung stehen, als man es eigentlich erwartet, wenn man sich einen Überblick verschafft hat. Die 20 Autos abwarten wollen, bis dass wirklich nichts mehr kommt – aber dabei mit ein bisschen Mut schon fünfmal fahren hätten können. Die auf die Kreuzung mit der grünen Ampel schon verlangsamt zufahren und damit erst recht noch drei weitere Autos ausbremsen, die jetzt mit warten müssen. Und so weiter. Das ist doch defensiv fahren!
Risikovermehrung
Ja, aber sie können – abgesehen vom psychischen Zustand der anderen Verkehrsteilnehmer, was auch gefährliche Fahrstile nach sich zieht – konkret eine Gefahrensituation herstellen. Etwa wenn sie zu einem Zeitpunkt bremsen, bei dem der Nachfolgende noch nicht damit rechnet und eine Kettenreaktion mit Vollbremsung folgt. Aber es ist dennoch ein „defensiver Fahrstil“. Er erzeugt aber Risiken, statt sie zu vermeiden. Während das Ziel für diesen Ratschlag eben genau das war.
Wie bei der formalisierten Höflichkeit, die zum Selbstzweck wird, kann „defensives Fahren“, das sich nicht mehr an seinem Ziel orientiert (Risiken zu vermeiden) eben auch ins „Toxische“ gleiten. Der Ratschlag dazu ist zu einseitig. Man könnte natürlich sagen, dass „risikoarmes Fahren“ es besser treffen würde. Aber „defensives Fahren“ wie beschrieben, ist für den Akteur selbst durchaus risikoarm. Für die anderen unter Umständen aber nicht. Es ist eine andere Art von „rücksichtslosem Fahren“ als der „offensive Fahrer“, der etwa riskant überholt.
Mehr Spaß beim Fahren
Ich habe zwar schon sehr viel länger meinen Führerschein, aber die Liebe zum Fahren habe ich erst vor wenigen Jahren entdeckt. Was mich vorher immer abschreckte, war unter anderem die Unsicherheit, das Richtige zu tun, jenseits von Verkehrsregeln. Mal zu langsam, mal zu schnell, mal zu forsch, mal zu zögerlich. Ein paarmal angehupt werden von ungeduldigen Leidensgenossen hinterm Steuer und auch Verständnis dafür haben. Denn auch ich war manchmal schnell auf der Überholspur auf der Autobahn unterwegs und ärgerte mich über Fahrer, die gemächlich und selbstbewusst zum Überholen ansetzten und mich dabei dann ausbremsten. Als ich mehr Erfahrung hatte, und mich vor etwas komplexeren Routine-Situationen nicht mehr erschreckte, fuhr ich tatsächlich „vorausschauend“ auf potenziell Überholende zu. Ich integrierte ihr mögliches Verhalten in mein eigenes Verhalten. Ich eröffnete sogar manchmal die Möglichkeit ihres Einscherens auf meine Spur, wenn ich erkannte, dass es für die Situation am besten ist.
Verschieden unterwegs
Ich glaube, es gibt Fahrertypen, die es lieben, in Konkurrenz mit anderen zu treten. Schneller sein. Forscher sein. Riskanter fahren. Kann ich gut nachvollziehen. Aber dazu ist der Alltagsverkehr mit verschiedenen Menschen und Gründen, zu fahren, nicht geeignet. Da ist der termingeplagte Lastwagenfahrer, der gegen seine Fahrzeitbegrenzung fährt. Da ist der untermotorisierte Mini, dessen Fahrer dennoch nicht mit 80 auf der rechten Spur fahren will. Die elegant schnittige Corvette, die kein Problem damit hat, mal schnell auf 210 zu drehen. Die geplagte Familienperson, die ihre Kinder noch von der Kita abholen muss. Die ältere Dame, die ihren Mercedes noch ein bisschen ausfahren möchte, aber kein Interesse an Schnelligkeit hat. Jeder mit seiner Geschichte, jeder mit seinen Ablenkungen und Einschränkungen. Alle im idealen Fall mit, neben- und hintereinander einen flüssigen Verkehr herstellend. Nur angeführt durch die Choreografie der Verkehrsregeln und -schilder.
Freiraum für Eigenheiten
Wir sitzen nicht im selben Boot, aber wir fahren auf derselben Strecke und haben ein Interesse, dass der Verkehr gleichmäßig fließt, mit und für uns. Warum sollte ich das Interesse haben, hier jemanden bestimmtes hinter mich zu lassen? Ich habe meine Wohlfühlgeschwindigkeit, der andere eine andere. Ganz zu schweigen von der Motorisierung oder den Vorgaben, die bestimmte Fahrzeugtypen betreffen. Ich verschaffe mir einen Freiraum für meine Geschwindigkeit, und erlaube dem anderen seinen Freiraum für seine Geschwindigkeit. Wo es eben geht. Ich rechne auf der einspurigen Landstraße damit, dass ich ab und zu in einer Autokolonne hinter Lastwagen mit 80 hinterherzuckele. Warum sollte ich mich darüber aufregen. Schwierig wird es erst, wenn vor mir auf gerader, gut sichtbarer Strecke, der Vordermann keine Anstalten trifft, zu überholen, aus Übervorsicht. Und dann der hinter mir ansetzt, gleich drei Autos und den Laster hinter sich zu lassen.
Wollen wir ihn reinlassen?
Und bei Einfahrten erst – oh, bei Einfahrten. Lasst ihn um Himmels willen rein!
Erst als ich auf unserer Überlandfahrt bei einem Urlaub in Amerika sah, wie bei Auffahrten auf die Highways absichtlich kein Platz gelassen wurde, sich einzufädeln, dass riskante Manöver dadurch an der Tagesordnung waren, da ging mir auf, wie entspannt und höflich hingegen im Vergleich – bei aller Raserei und Konkurrenzgehabe – auf deutschen Autobahnen für Einfahrende Platz geschaffen wird. Auch im Stadtverkehr ist es eher Regel als Ausnahme, dass jemand anhält und einscheren lässt. Natürlich ist das defensives Fahren. Aber auf der anderen Seite muss ich diese Geste auch schnell erkennen und entschlossen in die Lücke fahren, denn die Geduld des Wartenden ist begrenzt durch seine eigene Zielvorgabe, rechtzeitig irgendwo anzukommen. Ich muss also offensiv fahren, um seiner defensiven Fahrweise die Reverenz und Ehre zu erweisen. Der andere war bereit, mir etwas zu geben, das ich gerade brauchte – nämlich diese Lücke. Und ich muss jetzt auch schnell und entschieden annehmen. Und an anderer Stelle dann wieder selbst die Lücke für andere schaffen, wenn sie gebraucht wird.
Geben und Nehmen
Ich arbeite also Hand in Hand mit den anderen, geben – nehmen, erlauben – sich verschaffen, langsam werden – schnell und zügig sein. Mal ich, mal der andere. Es geht nicht darum, immer nachzugeben. Es geht darum, dass man mal nachgibt, weil jeder mal das Nachgeben des anderen braucht. Es ist eine Kooperation! Ich nenne das deswegen „kooperativer Fahrstil“. Und seit ich das bewusst mache, entspanne ich mich beim Fahren. Ich muss nicht Angst haben, übervorteilt zu werden oder immer perfekt zu fahren. Ich fahre so, dass ich anderen und mir kleine Fehler erlaube, aber auch das Miteinander im gemeinsamen Verkehrsfluss befördere. Diese Idee halte ich der des „defensiven Fahrens“ für überlegen! Es kommt auch dem Ziel der „Risikoverminderung“ für mich und für alle anderen auch, am nächsten.
Kooperation
Das Interessante ist, dass Kooperation sonst meist mit dem Wissen aller Beteiligten und in einer ausgehandelten vertragsähnlichen Situation stattfindet. Aber hier habe ich das nicht. Ich handele einseitig kooperativ. Und es funktioniert dennoch, weil ich diese Kooperation, diese „ausgestreckte Hand“ einseitig ausführen kann und schon das Ziel der Entspannung beim Empfänger erreiche. Ich arbeite nicht gegen meine eigenen Interessen und zu meiner Benachteiligung, wenn ich den anderen Verkehrsteilnehmern das Risiko minimiere. Es führt auch in den meisten Fällen zu einer unmittelbaren Verbesserung meiner eigenen Verkehrssituation. Denn von dem flüssig bleibenden Verkehr profitieren wir alle, die hier gerade fahren.
Seit ich diese Fahrweise für mein persönliches Wohlbefinden adoptiert habe, merke ich, dass diese Idee auch in anderen Bereichen ähnlich funktioniert. Ich muss kein altruistischer Engel sein, um die Vorteile einer kooperativen Lebensweise zu feiern. Wie beim Fahren erreiche ich bei rücksichtslosen und ängstlich auf den eigenen Vorteil bedachten Entscheidungen keine nennenswerten Vorteile. Jedes Risiko, das ich für andere erzeuge, hat auch Auswirkung auf mich. Jede Glättung eines Hindernisses für andere, die zu einer flüssigeren Bewegung der anderen führt, erlaubt mir selber, flüssiger voranzukommen. Kooperieren wir!
Newsletter abonnieren
Sie wollen keine Kolumne mehr verpassen? Dann melden Sie sich zu unserem wöchentlichen Newsletter an und erhalten Sie jeden Freitag einen Überblick über die Kolumnen der Woche.




Mighty Quinn
… ohne US-Bashing geht in Steinmeiers ‚… besten Deutschland, das es jemals gegeben hat‘ nix mehr … mhmm? Das ist Framing unterster Schublade.
Ein festes Reißverschlussverfahren im Straßenverkehr, wie in Deutschland, ist nicht flächendeckend vorgeschrieben oder üblich. Es gilt das Prinzip, sich vorsichtig und angepasst in den Verkehr einzuordnen. Ich habe Amerikaner rücksichtsvoll im Straßenverkehr, auch beim ‚Einfädeln‘, erlebt.