Inzwischen ist es zum Meme geworden und wird in zahlreichen Reels und TikToks zu gern parodiert: Eine Frau Anfang 30, kinderlos (manchmal auch ein Mann oder ein Pärchen dieses Alters), steht schick gemacht zum Ausgehen an der Tür.
Gerade, als sie gehen will, klingelt ihr Handy. Am anderen Ende der Leitung: die Freundin, mit der sie sich für den Club oder das Konzert oder was auch immer verabredet hat. „Ich muss leider absagen, es tut mir so leid [Begründung folgt].“
Noch während die Freundin sich tausendmal entschuldigt und die Frau alles mit einem „O nein, wie schade“ kommentiert, zieht sie freudig grinsend ihre Heels aus, schlüpft in eine labberige Jogginghose und schminkt sich ab, nur, um sich nach dem Ende des Telefonats mit einem erleichterten Seufzen aufs Sofa zu werfen und Netflix einzuschalten.
Ich würde sagen, dass dieses Bildnis unsere Generation ganz hervorragend zusammenfasst. Aber wie kommt das eigentlich, nachdem unsere Eltern in ihren jüngeren Jahren recht feierwütig waren?
Was ist los mit den jungen Leuten?
„Was ist eigentlich los mit euch jungen Leuten?“, fragte mich mal eine ehemalige, etwas ältere Nachbarin, als ich Ende zwanzig war und meine Wochenenden grundsätzlich zusammen mit meinem Mann daheim verbrachte. „In eurem Alter waren wir an keinem Samstagabend zu Hause!“
Ich dachte kurz darüber nach, wie es wohl wäre, in einen Club mit lauter Musik zu gehen und dort abzutanzen und Alkohol zu trinken. Ein Schütteln des Grauens durchfuhr meinen Körper und ich beschloss, an diesem Abend Fingerfood und Zitronenlimonade zu machen und mal wieder irgendeine alte Comedyserie zu schauen.
Aber das sind ja nicht die abgesagten Verabredungen, sondern die, die ich von vornherein gar nicht erst gemacht habe. Diesen Teil meines Lebens habe ich komplett ausgelassen – wie viele Freunde von mir ebenfalls -, und bin heute, mit vierzig, immer noch froh darüber. Von mir gibt es keine peinlichen Fotos mit zu dunklem Make-up, toupiertem Haar und billigem Cocktail in der Hand, während irgendein betrunkener Hampelmann ungefragt seine Grabbelfinger an meine Hüften legt.
In meinen späten Teenagerjahren (schon da war ich ein nerdiger Stubenhocker) bin ich oft gefragt worden, wie ich denn mal jemanden kennenlernen will, wenn ich nie in Clubs und Diskotheken gehe. Meine Antwort war stets: „Ich will gar niemanden kennenlernen, der in Clubs und Discos rumhängt.“ Thema erledigt.
Vorfreude ist die schönste Freude – und danach geht’s bergab
Gelegentlich verabrede ich mich aber auch für Sachen, die mir gefallen könnten. Treffen, Hauspartys, Konzerte. Da freue ich mich auch vorher drauf. Ich mache Pläne, was ich anziehe, was ich mitbringe.
Und dann kommt manchmal dieser Anruf und ich bin einfach nie böse darüber. Auch wenn durchaus ein Hauch Enttäuschung dabei ist, verspüre ich vor allem Erleichterung.
Denn das Schönste am ganzen Verabreden ist ja das Planen vorher. Quasi das Vorspiel. Wenn es dann so weit ist und tatsächlich nicht abgesagt wurde, genieße ich die Unternehmung durchaus, freue mich aber schon währenddessen klammheimlich wieder auf zu Hause. Oder dass der Besuch wieder abreist, obwohl ich ihn sehr mag. Und darauf, auf der Couch bei irgendeiner Serie zu dekompensieren.
Vielleicht ist Corona schuld
Zum ersten Mal habe ich eine solche echte Absage-Freude am Anfang der Corona-Zeit verspürt. Nämlich dann, als die Buchmessen aufgrund der Lockdown-Regularien gecancelt wurden.
An sich waren – und sind – die Buchmessen in Leipzig und Berlin meine Jahreshighlights. Aber sie bedeuten auch Stress. Planung. Erschöpfte Tage, Schlafentzug. Und als es dann hieß, dass sie nicht stattfinden, habe ich einmal tief ein- und ausgeatmet und dachte: Huh, ein Jahr lang keine Messen planen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Gut. Und es war wirklich gut! Seitdem habe ich mich auch nach Ende der Lockdowns tatsächlich getraut, Dinge – auch Messen – gelegentlich mal ausfallen zu lassen. Einfach, weil ich es so möchte und manchmal eine Pause brauche.
Möglicherweise hat die Coronazeit uns ein bisschen verdorben. Oder, je nachdem, wie man es betrachtet, ein paar Dinge gelehrt. Ich war ja sowieso eher eine, die diese Entschleunigung genossen hat, aber auch viele andere haben gemerkt, dass man nicht immer unterwegs sein muss und so ein Abend auf der Couch bei einer netten Serie und Essen vom Lieferdienst auch eine schöne und entspannende Tätigkeit fürs Wochenende sein kann. Gerade in einer schnelllebigen Welt wie dieser.
Wir dürfen absagen
Wir haben gelernt, abzusagen, weil wir in dieser Zeit absagen durften. Und nach der Pandemie den Sprung von „Wir haben eine universelle Ausrede“ zu „Wir brauchen keine universelle Ausrede“ zu schaffen. Meine Generation hat es geschafft, Höflichkeitsausreden oder Gefälligkeitsbesuche abzulegen und einfach ganz ehrlich zu sagen: Mir geht es heute nicht gut, ich hab heute keine Lust. Zumindest einer von den beiden Verabredeten schafft das meistens.
Und der am anderen Ende des Telefons freut sich dann still über die Absage und springt eilig in seine ausgebeulte, graue Jogginghose.
Denn am Ende wohnt wohl in fast jedem von uns ein nerdiger Stubenhocker.
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