Single-Lotto

„Wo kommst du her? Bist du zum ersten Mal hier?“ Ich antworte freundlich, vielleicht zu freundlich, dann kürze ich erschrocken die übertriebene Freundlichkeit, um nicht bettelnd zu wirken, werde schweigsam, die Gesprächspartner verwelken. Ich betreibe weiterhin meine absurde Tapferkeit und spreche selbst jemanden an. Wir, dien Kugel einer Lotto-Maschine, tummeln sich hier, einige werden gezogen, andere drehen sich weiter, es wird weiter geshakt und geschüttelt – bis zur Abreise.

Foto: Julia Grinberg

Mein Haar wurde grau, als ich ca. dreißig war. Ich habe es lange, zwanzig lange Jahre Monat für Monat gefärbt. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Vorsicht: um nicht ungepflegt, hässlich, zu früh gealtert und sonst noch was (name it) zu wirken. Nach über zweihundert Färbungen hörte ich auf. Nicht aus Mut. Aus Sinnlosigkeit. Ich wollte nicht mehr wirken. Die innere Erlaubnis, so zu sein, wie ich bin, hatte ich mir erarbeitet und bin nicht mehr, aber auch nicht weniger, als ich bin. Mit meinem Aussehen bin ich zufrieden, ich bin insgesamt im Frieden mit mir.

Neulich wurde dieser innere Frieden zerlegt. Ich habe meinen Urlaub in einem Hotel für Solo-Reisende verbracht und wider Erwarten festgestellt, dass es mir äußerst schwerfällt, auf fremde Menschen zuzugehen. Nicht generell, sondern ausgerechnet dort, wo ich mich locker und ungezwungen unter Singles einfinden sollte. Ich malte es mir rosig aus, mit allen diesen alleinstehenden Menschen Feiertage zu feiern und wusste plötzlich nicht mehr, wie das gehen sollte.

Ich fühlte mich schlecht, wenn die Gesprächspartner bei der nächsten Mahlzeit den Tisch wechselten, obwohl es zum Konzept gehört, damit man möglichst viele Leute kennenlernt. Ich registrierte Angst (nicht angenommen zu werden), Scham (selbst vor Fremden, die ich nicht einmal kenne) und den Schmerz der unerfüllten Erwartungen (vor allem an mich selbst). Ich nahm das Wechseln von Tischpartnern als persönliche Ablehnung wahr. Im Grunde war dieses Tischwechseln kein neutraler Akt, sondern eine Mikro‑Zurückweisung auf Dauerschleife. Ich traute mich kaum, diejenige anzusprechen, die mir sympathisch waren. Und selbst wenn ich es doch dank der Wirkung von Alkohol tat, wusste ich nicht, wie ich das Gespräch am Laufen halte. Was war nur mit meiner inneren Ruhe und Ausgeglichenheit passiert – hier?

Einige wirkten einsam oder stumpf, wussten nichts mit sich anzufangen oder wollten vielleicht ihre Ruhe haben. Viele fanden doch zueinander innerhalb dieser Woche, führten Gespräche, lachten und tanzten, bildeten feste Tischgemeinschaften, gingen zusammen zur angebotenen Aktivitäten.

Ich war dort keine gestandene Frau, ich fühlte mich plötzlich wie ein ausgesetztes Kind.

Während aus dem SPA-Bereich das ungehaltene Gackern hallt, lese ich Marguerite Duras‘ „Der Liebhaber“: „Er sagt, er ist allein, auf grausamste Weise allein mit seiner Liebe zu ihr.“ Ich bin auf grausamste Weise allein inmitten dieser Ansammlung von Einsamkeiten. Ich versuche, tapfer zu bleiben.

Einmal werde ich dumm angesprochen: „Sag mir die Zimmernummer, ich massiere dich zwischen den Füßen.“ Alle lachen. Ich auch, dann wende ich mich ab. Ich werde ab und zu anders angesprochen: „Wo kommst du her? Bist du zum ersten Mal hier?“, mehrmals. Ich antworte mehrmals, freundlich, vielleicht zu freundlich, dann kürze ich erschrocken die übertriebene Freundlichkeit, um nicht bettelnd zu wirken, werde schweigsam, die Gesprächspartner verwelken. Ich betreibe weiterhin meine absurde Tapferkeit und spreche selbst jemanden an.

Wo ist nur meine Eloquenz geblieben? Warum sind meine Bewegungen und Gesten dermaßen verkrampft? Es ist zum Heulen. Zum Heulen gehe ich aufs Zimmer. Dann ist wieder Abendessen: Umziehen, Schminken, weiter geht’s.

Mein Grau erweist sich hier als Test, als Marker, als Sollbruchstelle. Meine Weiblichkeit ist längst neu codiert, sie braucht kein Verkleiden – nur findet sie in diesem Setting keinen Platz. Wir, die Kugeln einer Lotto-Maschine, tummeln uns hier, einige werden gezogen, andere drehen sich weiter, es wird weiter geshakt und geschüttelt – bis zur Abreise.

Die zusammengetragenen Einsamkeiten multiplizieren sich, gefühlt bin ich diejenige, die sie alle in sich aufnimmt. Ich halte es nicht mehr aus und reise früher ab.

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