Es soll Leute geben, die sich im „Doomscrolling“ verlieren, also indem sie sich von schlechter Welt-Nachricht zur nächsten hangeln, immer schneller, immer vertiefter. Da ein dreister verbaler Angriff auf gute Menschen , dort der nächste Tweet (ich weigere mich, es anders zu nennen, auch wenn sowohl Musk als auch Trump das ablehnen würden) des mächtigsten Mannes der Erde; da schon wieder eine Messerattacke, dort das Jubeln von Menschen über die Absage eines Pride-Festivals in diesem Jahr – ja, hört das denn nie mehr auf? Wie ein Autounfall, in Zeitlupe, die aber immer schneller wird, und man kann nicht wegsehen. Und es gibt keinen endgültigen Aufprall, nach welchem man hineilen und helfen kann. Der Instinkt ist aber da und das Weiterklicken fühlt sich so an, und man macht weiter, aber der Autounfall ist immer noch im Gange …. Wie schrecklich, wie erschreckend böswillig und bösartig scheint jeder zu sein.
Eskapismus gibt es auch
Es soll jedoch Leute geben, die der so deprimierenden Nachrichtenlage durch eskapistische – also kitschige – Filme, Bücher, Musik etc. entfliehen. Ich gehöre definitiv dazu, denn das hat mir „mein Algorithmus“ am letzten Sonntag eindrücklich bewiesen. „Algorithmus“ – das System in meinen sozialen Medien, in meiner personalisierten Werbung, in meinen Google-Ergebnissen, das sich daran orientiert, was ich bisher ansah oder suchte und vorausschauen möchte, was ich noch sehen oder suchen will.
Auf meinem persönlichen youtube-Account tummeln sich harmlose „Americans react to …“-Videos und chinesische Short Dramas. Auf meinem Facebook bekomme ich Geronto-Werbung und linksliberale amerikanische Seiten. Bis auf den einen Tag, als plötzlich nur noch MAGA-Inhalte hereinschneiten, warum habe ich auch auf einer davon noch kommentiert?? – Aber zum Glück war es am nächsten Tag wieder wie gehabt. Ich werde sogar von allzu linken (die können auch nerven) Inhalten verschont, und ich bekomme Standup-Comedians zu sehen. In englischer Sprache, offenbar passt mir der deutsche Humor nicht allzu sehr. Oder ich verstehe die Deutschen doch zu gut, während mir in meiner zweiten Sprache Englisch die Flachheit entgeht?
Joyscrolling
Nein, Doomscrolling scheint nicht so sehr mein Ding zu sein. Zumindest merkt „der Algorithmus“ nichts davon, um darauf zu reagieren. Und der muss es ja wissen, er hat alle meine Daten.
Vielleicht hat am letzten Wochenende mein allzu sonniges Gemüt (keine Sorge, das habe ich nicht, das ist IRONIE!!) besondere Purzelbäume geschlagen, denn am Sonntagabend passierte etwas ganz Wunderbares: Ich war in einer Joyscrolling-Schleife gefangen und ich fing an etwas anderes zu fühlen. Lauter Clips mit Menschen, die Großartiges vollbrachten, die mit einer Lebensfreude ihre Perfektion oder ihre Anstrengung mir (und meinem Algorithmus) zur Anschauung brachten. Einfach so. Kostenlos (fast, es gab ja immerhin Werbung). Jaja, ich weiß, Joy sells auch, nicht nur Sex oder Doom. Aber das – das war jenseits dessen, es war übererfüllt. Es war …. Ha. Ich fühlte in mir eine Liebe hochsteigen. Eine einfach nur süße, mich beglückende Liebe für diese Menschen hinter den Vorstellungen, die ich ansah. Und dann sogar eine richtungsfreie für alle Menschen. DEM Menschen. An und für sich.
Selbstvernichtung programmiert?
Ich bin seit langem der Meinung, dass Niedertracht und Dummheit keine Grenzen kennen, vor allem nicht diejenigen meiner Vorstellungskraft. Nichts, was man sich Bösartiges und Schreckliches – und physikalisch Mögliches – vorstellen kann, das nicht noch durch den einen oder anderen in unserer so langen Geschichte noch überboten werden konnte. Ob Foltermethoden, Deckung von Straftätern, Massentötungen, Verrat, Labung an Ungerechtigkeit, Glauben an himmelschreienden Blödsinn und das Ausdenken von diesem – dafür, wie gesagt, reicht meine Vorstellungskraft einfach nicht aus, sich alles auszudenken – es ist aber alles da. Nur, dass die technologische Macht uns Menschen davon abhielt, uns mehrfach und sowas von plötzlich zu zerstören. Seit dem zwanzigsten Jahrhundert haben wir jetzt dieses Wissen und somit die technologische Macht. Nicht nur Dürrenmatt hat sich damit schon ausgiebig auseinandergesetzt. Nicht nur Hitler hat sich darin schon ausgiebig versucht. Vielleicht geht es anderen auch wie mir, dass sich eine fatalistische Haltung einstellte, die dem Zufall die letzte Hoffnung schenkt, uns vor der endgültigen Vernichtung zu behüten, solange, bis halt der Krug doch bricht. Immerhin sage ich nicht: Ich gönne den Menschen, dass sie untergehen. Es ist lediglich ein: Es wäre kein Wunder, dass wir uns selbst vernichten, von sowas kommt halt sowas.
Doch schau – wir haben immerhin 80 Jahre durchgehalten, seit wir die Technologie hatten. Doch schau – selbst diese Untergangsmaschine Social Media, selbst dieser Depressions- und Dummheitsverstärker – schenkte mir diesen Blick auf Menschen, die sich über Schönheit und Perfektion Gedanken machen. Und es ist nicht im Technologischen oder in dem Ziel versteckt, die Menschheit „weiterzubringen“. Denn Wissenschaft und Technik hat einen Zweck und kann dazu missbraucht werden. Die Duplizität des Wissens hat schon Platon in der Politeia thematisiert, im dritten Buch, über den Arzt: „Auch wohl wer sich vor Krankheit versteht zu hüten und sie nicht zu bekommen, ist der geschickteste sie einem anzutun?“. Also dass das Wissen um die Verhütung von Krankheit, dazu nützen kann, diese hervorzubringen. Denn Wissen ist Macht – und spätestens seit Spiderman wissen wir ja: „Große Macht kommt mit großer Verantwortung“ .
Kunst?
Doch das, was mich da am Sonntag so begeisterte, in dieser Dichte, in dieser Qualität, das war nicht Technologie und Fortschrittsversprechen. Es war – Kunst! Nicht irgendwelche Kunst natürlich, nicht die mit einer Botschaft, nicht die, welche die Feuilletons der Republik füllt – das könnte sie auch, aber wir sprechen hier von Instagram und Facebook. Es war ein Clip vom Got Talent Global. Es könnte irgendeiner von jenen sein, sie sind sehr oft fantastisch, aber es war an diesem Abend eben dieser über einen überraschenden Tanz: Pasha und seine „Partnerin“ . Russische Artisten – traditionell mit einem extra Twist. Und gleich danach stolperte ich über einen Clip einer pädagogischen und kommerziellen Webseite, bei der mir der Mund offen blieb, da ich zuerst nicht wusste, wie ich das einordnen sollte. So kann Werbung und zugleich Information aussehen? Sich so anhören? Wie kommt man drauf? Wer arrangiert am laufenden Band solche hohe Qualität? Ja, es ist KI-generiert, aber mit viel Liebe und Hingabe gepromptet und das sieht und hört man: Ein Song über den synthetischen Rubin.
Aus Afrika
Und dann stieß ich zusätzlich über afrikanische Facebook-Profile. Man verzeihe mir bitte, dass ich diesen so diversen Kontinent aus eurozentrischer Perspektive in einen Topf werfe, letztlich war es mir sogar egal, dass es „afrikanisch“ war – die Betonung darauf kam von den Künstlern oft selbst. Wichtig war die Lebensfreude, die Kinder in einem Dorf zeigten, als sie in improvisierter Glamour-Kleidung ihre Tanz-Moves in Choreografie brachten, wichtig war das Farbenfrohe, in welcher diese Dame ihre fabulösen Abendkleider zeigte , wichtig war das Charisma der Tänzerin und ihre Lässigkeit, mit der sie performte .
Was mich aber am meisten verblüffte – anders als beim Doomscrolling, hatte dieses Joyscrolling einen Sättigkeitsgrad. Eine Zufriedenheitsgrenze. Eine Balance zu all dem Mist, den es da draußen gibt, wurde erreicht und überholt, eine Überschuss an Wahrem, Guten, Schönem erreichte mich und dann wars gut.
Wenn Menschen in der Lage sind, sich so etwas auszudenken, Zeit und Aufwand hineinzulegen, der Welt zu präsentieren – wie großartig sind wir doch!! Wir. Wir, Menschen. Ja, wir sind auch furchtbar. Und der Schrecken des Planeten. Aber auch das. Wie gewaltig – o, und wie wunderbar, ist der Mensch!
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