Der zärtliche Zerberster

Ein Jahr ohne David Lynch

Ein Jahr ist es her, dass David Lynch von uns gegangen ist. Seine Kunst ist zum Glück noch immer da. Heute wirft Ulf Kubanke in seiner Hörmal-Kolumne einen Blick auf die musikalischen Errungenschaften des Twin-Peaks-Erschaffers.

David Lynch: zärtlicher Zerberster
Foto: official Press Photo by Sacred Bones Records

Man mag sich in Dunkelheit und Verunsicherung befinden. Aber dahinter ist noch etwas anderes. Man sieht es erst, wenn man beides überwindet und dahinter ausbricht.

David Lynch

Ein Jahr ohne David Lynch.
Er war nie nur Regisseur.
Nie nur Musiker.
Geboren in Missoula, aufgewachsen zwischen amerikanischer Provinzidylle und unterschwelliger Paranoia, trug David Lynch diese seltsame Spannung sein Leben lang mit sich herum: weiße Zäune, darunter Ameisen.
Amerika als Versprechen. Amerika als Drohung.
Identität?
Bei ihm nie Figur – sondern Fragestellung.

Das Kino machte ihn berühmt.
„Eraserhead“ war der erste Albtraum.
„Blue Velvet“ die perfekte Demontage der Vorstadt.
„Twin Peaks“ schließlich ein Riss im Fernsehgerät selbst – plötzlich durfte Mystery langsam sein, absurd, gedehnt poetisch. Und niemand vergaß mehr diesen roten Vorhang.

Später kamen „Wild at Heart“, „Lost Highway“, „Mulholland Drive“, „Inland Empire“. Filme wie Traumprotokolle, in denen Logik nur Gast war.

Oft übersehen: Seine Filme waren immer auch Hörstücke.
Zusammen mit Angelo Badalamenti baute er Klangräume, die mehr erzählten als jedes Drehbuch. Die schwebenden Akkorde in „Laura Palmer’s Theme“ sind bis heute kollektives Unterbewusstsein.

Lynch verehrte Francis Bacon, predigte Transzendentale Meditation, gründete ein eigenes Label, sprach mit ruhiger Stimme über Dunkelheit wie andere über das Wetter. Er liebte Musiker. „Ich liebe Musiker einfach. Sie sind nicht immer gut drauf, aber wenn sie performen schon. Das finde ich wunderschön.“

Wer so spricht versteht die zarte Zerbrechlichkeit.
Wer so denkt, muss selbst performen.

Tat er.

„The Big Dream“

„Es ist eine fremde und seltsame Welt!“
Lulas Satz aus „Wild at Heart“ hängt wie ein Leuchtschild über diesem Album.
Nach dem experimentellen „Crazy Clown Time“ wirkt „The Big Dream“ fast konzentriert. Fast. Die Dunkelheit bleibt, aber sie ist gezähmt. Ein gefüttertes Tier, nicht vertrieben.
Nicht schlafend.
Harrend.

Die Songs schleichen mehr, als zu gehen.
Blues, der sich seiner Herkunft bewusst bleibt, sie ehrt – und notwendig doch abschüttelt.

Canossa & Rodeo simultan.

Man hört elektronische Narben. Verzerrte Gitarren wirken, als hätten Nine Inch Nails nachts mit Tom Waits Karten gespielt. „Got a Cold Wind blowing through my heart.“

Die Melodien sind größer, als Lynch zulässt.
Er kappt, schneidet Fleisch vom Knochen, bis nur noch das Skelett übrig bleibt.
Blues-Torso.
Verletzlich.
Aber zäh wie Teer.
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Hier geht es zur Video-Version der Kolumne:

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Per Film sein Leben lang gezeigt, wie unter der Oberfläche das Grauen lauert.
Auf „The Big Dream“ zeigt er 2011, mit einer Handvoll Songs die darunter dräuende Einsamkeit.

Und doch groovt es.
„Sun Can’t Be Seen No More“ cruist staubig fordernd vor sich hin, wie ein Driveby-Shooting durch Niemandsland. Zum ersten Mal komponierte er vieles aus Jams heraus – man hört die Luft, das Atmen zwischen Takten.

Per Ohrmuschel vernommener Raum.
Dann dieses Cover: „The Ballad Of Hollis Brown“ von Bob Dylan, ursprünglich auf „The Times They Are a-Changin'“. Lynch spielt das ohnehin finstere Stück nicht als Hommage. Er zieht es hinab in seine Schattenwelt, bis es endlich, endlich klingt, als sei es immer schon hier gewesen. Verzweiflung reinsten Schwarzlicht die keinerlei Zeugen benötigt.

Über allem schwebt in klingenden Sepia die Erinnerung Lynchs an seinen Freund Mark Linkous und dessen nicht minder grandioaes Sparklehorse.
Vereinigung in fragiler Melancholie.

Und dann „I’m Waiting Here“:
Lykke Li singt wie eine Erscheinung zwischen Diesseits und dunkelsten Dimensionen. .
Schwebendes Unheil.
Engel.
Schwarz.
Ende.

Link:

Epilog: „Polish Night Music“
Ein Nachtstück.
Zusammen mit Marek Zebrowski sitzt Lynch 2006 am Klavier, Synthesizer summen leise, es ist spät. Keine Songs, keine Struktur. Nur Stimmung.

„Night – City Back Street“ ist gleißendes Neon auf nassem Asphalt.
Pianotöne fallen vereinzelt, tastend. Kein Rhythmus, eher ein Suchen.
Kein Trost. Keine Erlösung. Nicht einmal Katharsis.
Nur stilles Ausharren im Dunkel.
Als Fragment ein kleines schwarzes Kleinod.

Link

Ein Jahr nach seinem Tod bleibt diese Musik wie seine Filme:
Immer noch keine Antworten.
Nur Türen.
Und Lynch lächelt, ganz langsam und sagt:
„It’s crazy to close doors to any genres, Folks.“

From Hamburg with Love

UK
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