Wenn man Anfang Januar in Nordfinnland eine Backcountry-Ski-Tour von einer Wildnishütte zur anderen macht, dann hat man viel Zeit. Auch wenn die Sonne nicht aufgeht, bewegt man sich etwa 5 Stunden im Licht der Bürgerlichen Dämmerung, in der man keine Stirnlampen braucht, dazu kommt, in den klaren, kalten Tagen der letzten Woche, das Licht des allmählich abnehmenden Mondes. Die helle Zeit reicht, wenn man kurz vor der Dämmerung startet, um die nächste Hütte nach ca. 20 km zu erreichen, dort die Ausrüstung von der Pulka ins Haus zu tragen, Schnee für das benötigte Wasser zu sammeln, Holz zum Heizen aus dem nahen Schuppen zu holen. Und wenn die Hütte dann warm ist, dann hat man vor allem viel Zeit zum Reden. Über das, was man redet, kann man dann am nächsten Tag auf der Tour nachdenken, um abends weiterzureden.
Man redet über Politik
Man trifft natürlich nicht viele Menschen, abgesehen von den wenigen, mit denen man gemeinsam unterwegs ist. Mit ein paar Leuten aus Norwegen oder Finnland, die gerade ähnliches tun, sitzt man abends auf Bänken zusammen und isst die schlichten, aber energiereichen Malzeiten, deren Zutaten man auf der Pulka hierhergebracht hat.
Dann fängt man an zu reden, und irgendwann, meist dauert es nicht lange, kommt man auf politische Dinge zu sprechen. Oft geht es zuerst um Geschichte, denn wenn man als Deutscher in Finnland unterwegs ist – ich war es nun zum dritten Mal – merkt man schnell, dass Finnen und Deutsche eine Menge Geschichte verbindet, vor allem eine Menge Kriegsgeschichte. Und das wiederum vor allem mit Bezug auf den Nachbarn im Osten. Schon im Dreißigjährigen Krieg waren es vor allem finnische Kavalleristen, die für Schweden in Europa kämpften. Im Zusammenhang mit den Napoleonischen Kriegen wurde Finnland Teil des russischen Reiches, versuchte aber immer wieder, größtmögliche Eigenständigkeit und Unabhängigkeit zu erreichen. Das gelang 1907.
Finnland zwischen Deutschland und Russland
1917 organsierten die Deutschen Lenins Reise durch Deutschland, Schweden und schließlich Finnland nach Russland mit dem Ziel, Russland zu destabilisieren. Nach der Oktoberrevolution versuchten die Bolschewiki dann, auch in Finnland das sowjetische Rätesystem einzuführen, was nach einem erbitterten Bürgerkrieg allerdings misslang.
Als Hitler und Stalin ihren Pakt schlossen, teilten sie Finnland dem sowjetischen Einflussbereich zu, aber im Winterkrieg 1939 kamen Stalins Truppen erst mal nicht weit. Im Fortsetzungskrieg kämpften die Finnen deshalb zusammen mit Deutschland gegen die Sowjetunion, um die verlorenen Gebiete zurückzuerobern. Als sich allerdings die Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg allmählich abzeichnete, musste Finnland im Lapplandkrieg sich wiederum auf die Seite der sowjetischen Truppen stellen. All dies kann man an Abenden in einer finnischen Wildnishütte lernen, während das Birkenholz im Ofen verbrennt und allmählich den Raum erwärmt.
Finnland ist vielleicht dasjenige Land, das seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs am meisten und am nachhaltigsten aus seiner Geschichte gelernt hat. Es entzog sich geschickt den Bestrebungen Moskaus, es in den Ostblock zu integrieren, blieb parlamentarisch-demokratisch und marktwirtschaftlich, verstand sich immer als Teil der westlichen Welt, blieb aber politisch neutral und hatte im RGW, dem osteuropäischen Gegenstück zur EWG, sogar einen Beobachterstatus.
Mit dem russischen Angriff änderte sich alles
Umso interessanter ist es, den Stimmungsumschwung im Lande zu betrachten, den der Angriff Russlands auf die Ukraine ausgelöst hat. Mein abendlicher Gesprächspartner in der von arktischer Kälte umgebenen Wildnishütte am Polarkreis erzählte, dass bis zum russischen Überfall auf den Nachbarn 80% der Finnen gegen einen NATO-Beitritt und für die Neutralität des Landes gewesen seien, und dass dann innerhalb weniger Wochen die Meinung dazu völlig umgekippt sei und seitdem 80% den NATO-Beitritt des Landes forderten und zu dem inzwischen vollzogenen Beitritt weiterhin stehen würden.
Eine Recherche stützt das, auch wenn die Zahlen nicht ganz so dramatisch sind. Über Jahrzehnte beantworteten stabil rund sechzig Prozent der Finnen die Frage, ob das Land der NATO beitreten solle, mit „Nein“, je zwanzig Prozent antworteten „Ja“ oder „Weiß nicht“. In den ersten Monaten des Jahres 2022 drehte sich das um. Im April 2022 sagten dann 68%, das Land solle NATO-Mitglied werden, nur noch 12% sagten „Nein“.
Wahrscheinlich hat kaum ein Land aus eigenen Erfahrungen so klare Vorstellungen von den Bestrebungen und Plänen der russischen Machthaber wie Finnland. Es sollte wohl jedem, der denkt, Putin habe ganz sicher keine Pläne über die Ukraine hinaus, zu denken geben, wie die Menschen in Finnland das sehen – und dass sie zugleich ihre eigene Sicherheit und Zukunft keineswegs in der Neutralität oder gar in einer größeren Nähe zu Russland, sondern in der engeren Bindung an das westliche Verteidigungsbündnis sehen.
Wird die NATO Finnland beschützen?
Als ich am nächsten Tag wieder durch die weite arktische Landschaft Nordfinnlands stapfte, ließ mich allerdings die Frage nicht los, ob wir, die westeuropäischen NATO-Länder, wirklich in der Lage sind, den Finnen die Sicherheit zu geben, die sie bei uns suchen. Man stelle sich vor, Russland würde tatsächlich die finnische Grenze verletzen, würde in dieses weite, dünn besiedelte Land vorrücken – was könnte die NATO dem schnell und energisch entgegensetzen? Und würde sich die mitteleuropäische Bevölkerung, von der ein beachtlicher Teil nicht mal bereit ist, das eigene Land zu verteidigen, dazu bringen lassen, eine Politik zu unterstützen, die Geld, Waffen und womöglich Soldaten zur Verteidigung der finnischen Seenlandschaft, über deren Eis- und Schneeflächen ich gerade glitt, zu senden?
Vielleicht dreht sich aber auch hierzulande die Stimmung unter denen, die nach Diplomatie und Verhandlungen mit Putin rufen, wenn es für Finnland bedrohlich wird. Das wäre zu hoffen, denn es ist ein schönes Land mit freundlichen, klugen und kreativen Menschen. Sie bauen auf unseren Beistand und wir sollten sie darin sicher machen, dass wir den auch leisten würden, wenn es nötig wäre.
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