„Mein Vorsatz fürs Neue Jahr: Ich trink nix im Januar. Nullkommanull, Zero, nada. Hab das jetzt schon 5 Tage durchgezogen“, erklärt Clemens, ein notorischer Schluckspecht, vorgestern Abend bei unserer allmonatlichen Skatrunde.
„Respekt, Bro!“, sagt Klaus und passt dann bei 23.
„Und du, Henning; du sagst nichts dazu?“
„Was soll ich dazu sagen?“
„Du könntest beispielsweise sagen: Finde ich super, Clemens. Wenn du das schaffst, bin ich stolz auf dich.“
„So einen Kack soll ich erzählen?“, antworte ich, während ich versuche, mit 1 Buben und auch sonst nur Mist auf der Hand mein Spiel zu machen, weil ich eben dummerweise 24 gesagt hatte.
„War klar, dass man es einem protestantischen Abstinenzler nicht recht machen kann. Menschen wie dir geht jegliche Sinnenfreude ab. Ein buddhistischer Mönch in einem tibetischen Kloster führt ein lustvolleres Leben als du.“
„Lasst uns nicht streiten, sondern aufs Spiel konzentrieren“, sagt Klaus und trumpft mit der Kreuz 10 mein Ass Herz, weil ich nicht aufmerksam mitgezählt hatte. „Ich bin auf jeden Fall stolz auf dich. Die restlichen 26 Tage schaffst du locker.“
„Und danach kannst du dir mit gutem Gewissen wieder die Kante geben“, sage ich, zähle den vor mir liegenden Kartenstapel, komme nur auf 59 und fluche: „Scheiße!“
„Hör nicht auf ihn, Clemens. Der ist nur sauer, weil er heute Abend mal wieder verliert, der Mann mit dem klarsten Kopf von uns allen. Auch nach 10 Jahren Abstinenz spielt Henning wie ein somnambuler Alki, der große Probleme mit der Impulskontrolle hat.“
„Leck mich“, sage ich und reize dann bis 36, weil ich auch das nächste Spiel unbedingt spielen will. „Morgen sind es bloß noch 25 Tage. Schau’n wir mal, ob du das ohne Turkey hinbekommst“, erwähne ich noch und danach spiele ich einen Herz ohne 4.
„Du bist so ein Arsch“, jammert Clemens.
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Trockener Januar: Detox fürs Gewissen
Kaum ist das Silvesterkonfetti aus den Teppichen gesaugt, beginnt wieder die Zeit der kollektiven Selbstoptimierung. Fitnessstudios verzeichnen Neuanmeldungen von Menschen, die man dort ab Februar nie wieder sehen wird, Kühlschränke füllen sich mit Chiasamen, und irgendwo zwischen guter Vorsatz und Selbstbetrug taucht jedes Jahr aufs Neue ein alter Bekannter auf: der Dry January.
Ein ganzer Monat ohne Alkohol. Kein Bier. Kein Wein. Kein „Ach komm, ist ja nur ein Glas“. Stattdessen Leitungswasser, Kräutertee und das wohlige Gefühl moralischer Überlegenheit. Die Idee stammt aus Großbritannien, wo Alkohol nicht nur gesellschaftliches Schmiermittel, sondern handfestes Gesundheitsproblem ist. Dort gilt er seit Jahren als eine der häufigsten Todesursachen bei Menschen zwischen 15 und 49 Jahren – eine Statistik, die den Begriff „Feierabendbier“ in ein eher ungünstiges Licht rückt. In Deutschland sieht es, wenig überraschend, kaum besser aus.
Die Verheißungen des trockenen Januars klingen entsprechend paradiesisch: besserer Schlaf, Gewichtsverlust, schönere Haut, stabileres Immunsystem, klarerer Kopf. Kurz: Man wacht nach 31 Tagen als eine Art alkoholfreie Version seiner selbst auf – jünger, wacher, moralisch einwandfrei. Kein Wunder also, dass ich jedes Jahr eine ganze Reihe Menschen kenne, die in der Silvesternacht mit glasigen Augen schwören, ab morgen „erst mal gar nichts“ zu trinken. Wir reden hier ausdrücklich über Alkohol. Januar ohne Zucker, Nikotin, Sex oder soziale Medien lassen wir außen vor – wobei ein Monat ohne Instagram für viele vermutlich schmerzhafter wäre als ein Jahr ohne Schnaps.
31 trockene Tage sind besser als 31 nasse – Überraschung
Fangen wir mit einer banalen Wahrheit an: 31 Tage ohne Alkohol sind für Körper und Geist besser als 31 Tage mit Alkohol. Das ist keine gewagte These, sondern Biologie. Alkohol ist ein Zellgift. Punkt. Eine Pause davon ist nie verkehrt, ganz egal, wie sehr die Weinlobby etwas anderes behauptet.
Neuere Studien zeigen sogar, dass sich bereits nach vier Wochen messbare Effekte einstellen: Der Blutdruck sinkt, die Insulinsensitivität verbessert sich, Leberfett wird abgebaut. Auch der Schlaf wird tatsächlich tiefer – nicht weil man früher ins Bett geht, sondern weil Alkohol die nächtliche Regeneration sabotiert. Selbst die oft belächelte Sache mit der Haut stimmt: weniger Entzündungen, weniger aufgedunsene Gesichter, weniger „Ich-habe-gestern-nur-zwei-Gläser-getrunken“-Augen.
Das Problem ist nur: All diese Effekte sind reversibel. Der Körper freut sich über die Pause, aber er vergisst auch schnell. Wer ihm ab Februar wieder regelmäßig Ethanol zuführt, darf sich darauf verlassen, dass Blutdruck, Schlafqualität und Leberwerte ebenso zuverlässig zurückkehren wie der Kater am Sonntagmorgen.
Das eigentliche Problem beginnt am 1. Februar
Der trockene Januar scheitert nicht am Januar. Er scheitert am Februar. Wer am 31. Januar stolz verkündet, man habe nun „bewiesen“, dass man kein Problem habe, und sich zur Feier des Tages eine Flasche Rotwein öffnet, hat exakt gar nichts verstanden. Ein Monat Abstinenz kompensiert kein Jahr Überkonsum. Das ist ungefähr so, als würde man im August einmal Salat essen und erwarten, dass sich das auf die Weihnachtsfigur auswirkt.
Der trockene Januar kann nur dann sinnvoll sein, wenn er als Startpunkt gedacht ist – nicht als Ausnahmezustand. Und genau hier wird es unerquicklich, denn man muss die Menschen nun einmal grob in drei Gruppen einteilen:
Typ A trinkt gelegentlich, kennt seine Grenzen und braucht keinen Aktionsmonat, um sonntagabends Wasser zu bestellen.
Typ B trinkt regelmäßig. Kein Absturz, aber kaum ein Abend ohne Alkohol.
Typ C trinkt regelmäßig und deutlich zu viel. Filmrisse inklusive.
Drei Typen, drei Effekte – und nur einer profitiert halbwegs
Typ A braucht keinen trockenen Januar. Er macht vielleicht mit, weil es gerade en vogue ist oder weil der Partner zu Typ B oder C gehört. Medizinisch ist der Effekt überschaubar, psychologisch nett, aber entbehrlich.
Typ C hingegen wird mit einem Monat nichts reißen. Falls er ihn überhaupt durchhält. Und falls doch, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er im Februar genau dort weitermacht, wo er aufgehört hat – nur mit dem guten Gefühl, es „ja schon mal geschafft“ zu haben. Für diese Gruppe sind Kampagnen, Challenges und Lifestyle-Hacks ungefähr so hilfreich wie ein Pflaster bei offenem Bruch. Hier helfen nur professionelle Unterstützung, Therapie, Selbsthilfe – und ja: oft lebenslange Abstinenz. Alles andere ist Selbstbetrug mit Filterkaffee-Aroma.
Bleibt Typ B. Und nur hier entfaltet der trockene Januar eine gewisse Berechtigung. Für Menschen, die sich an den täglichen Alkohol gewöhnt haben, kann ein Monat Pause tatsächlich ein Augenöffner sein. Neuere Langzeituntersuchungen zeigen, dass ein Teil der Dry-January-Teilnehmer auch Monate später noch weniger trinkt als zuvor. Nicht alle – aber einige. Und das ist mehr, als man von den meisten Neujahrsvorsätzen behaupten kann.
Medizinisch begrenzt – psychologisch nicht völlig nutzlos
Bringt der trockene Januar also medizinisch viel? Nein. Dafür ist er zu kurz. Die Leber applaudiert höflich, das war’s. Wer 334 Tage im Jahr trinkt, kann nicht erwarten, dass der Körper sich mit 31 Tagen Pause zufriedengibt.
Aber: Der Januar kann ein Denkanstoß sein. Eine Art Probewohnen in einem Leben mit weniger Alkohol. Für Menschen, die bei „lebenslang verzichten“ sofort innerlich kündigen, ist ein Monat überschaubar genug, um ihn überhaupt zu versuchen. Der Dry January ist keine Therapie, sondern PR. Öffentlichkeitsarbeit für das Thema Konsum. Und das ist, bei aller berechtigten Kritik, nicht nichts.
Das Problem bleibt nur: Ausgerechnet die, die am dringendsten etwas ändern müssten, profitieren am wenigsten davon. Und die, die ohnehin halbwegs vernünftig trinken, können sich danach selbstzufrieden auf die Schulter klopfen.
Also alles Quatsch? Nicht völlig nein. Leider auch nicht ja.
Heißt das, wir können uns den trockenen Januar sparen? Jein. Wer fest vorhat, ab Februar wieder nahtlos weiterzutrinken wie zuvor, kann sich den Aufwand tatsächlich sparen und stattdessen direkt ehrlich zu sich selbst sein. Wer den Monat hingegen nutzt, um dauerhaft etwas zu verändern – von täglich zu gelegentlich, von regelmäßig zu bewusst –, für den kann der Januar der Startschuss sein.
Das werden nicht viele sein. Aber selbst wenn es nur wenige sind, ist der Schaden gering und der mögliche Nutzen vorhanden. Nur sollte man sich nichts vormachen: Ein Monat ohne Alkohol macht niemanden gesund. Er zeigt höchstens, wie es sich anfühlen könnte, wenn man weniger trinkt.
Und das ist vielleicht die ehrlichste Botschaft des Dry January: Nicht der Januar ist das Problem. Die restlichen elf Monate sind es.
PS: Falls Sie in der kommenden Silvesternacht wieder überlegen, beim Dry January mitzumachen: Lesen Sie diesen Text ruhig noch einmal. Vorausgesetzt, Sie finden ihn wieder. Und erinnern sich. Was erfahrungsgemäß unwahrscheinlicher ist als ein alkoholfreier Februar.
PPS. Was mit Clemens passiert ist? Der hat nach der Skatrunde im Spätie eine Pulle Wodka gekauft und die noch am selben Abend zur Hälfte geleert. „Schuld bist du, Henning“, erklärt mir Klaus gestern am Telefon, „weil du unseren gemeinsamen Freund völlig demotiviert hast.“ – „Er kann ja im Januar 2027 den nächsten Versuch starten. Wenn er dann noch lebt“, antworte ich. – „Du bist so ein Arsch.“
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