Die maoistisch-leninistische Sportschau

Von der linken Tagesschau, noch linkeren Tarantinofilmen und einer merkwürdigen britischen Studie berichtet Henning Hirsch in seiner heutigen Kolumne

Clker-Free-Vector-Images auf pixabay

Eigentlich wollte ich heute was zur Heldenreise der AfD schreiben, die sich täglich in den heroischen Kampf gegen Meinungsdiktatur und Mainstreammedien stürzt. Da kam mir gestern Abend jedoch eine kleine Diskussion in Facebook dazwischen, zu der es sich lohnt, ein paar Sätze zu verlieren, weshalb die Heldenreise aufgeschoben, aber nicht vergessen, wird.

Die NZZ – neben der BILD das AfD-Versteherblatt Nr. 1 im mitteleuropäischen Sprachraum – berichtet unter dem Titel „ARD und ZDF haben laut Studie ein linkes Publikum“ über die Untersuchung eines britischen Meinungsforschungsinstituts, die belegen soll, dass die Zuschauer der deutschen öffentlich-rechtlichen Programme als politisch links einzustufen sind. Von linkes Publikum zu linkes Programmangebot ist es nur ein gedanklicher Katzensprung. Und so lauteten die Kommentare entsprechend:

Außer dem Börsenbarometer ist alles rot

Nicht ohne Grund schaue ich seit Jahren nur noch Netflix

Tagesschau = Sozialismus pur

ARD = Rotfunk

ARD = Rotfunk, das wusste bereits mein Vater – Gott hab ihn selig –, der sich in den 80ern am liebsten über Klaus Bednarz‘ Monitor aufregte, den er sich aber trotzdem immer wieder ansah. Vielleicht einzig aus dem Grund heraus, sich darüber aufregen zu können. Manche Menschen brauchen dieses Gefühl so wie andere den Kick, bei Rot über eine sechsspurige Schnellstraße zu laufen. Wobei wir der Fairness halber dazu sagen müssen, dass damals links weiter links begann, während links seit dem Spätsommer 2015 unmittelbar links von Herrn Seehofer losgeht. Ein Herr Blüm würde heute im Stamokap-Flügel der SPD verortet, während er früher noch als Herz-Jesu-Sozialist durchging. ARD = Rotfunk ist also keine grundlegend neue Erkenntnis; jedoch das kreuzbrave ZDF ebenfalls links??? Weil manche Politiker in Interviews angeblich härter in die Mangel genommen werden als andere?


An dieser Stelle eine kurze Zwischenbemerkung meinerseits: Die Demokratiefeinde, denen seit Jahren überproportional viel Raum in sämtlichen politischen Sendungen eingeräumt wird, werden dort nach wie vor mit Samthandschuhen angepackt. Ich wünsche mir oft, dass da mal ein Moderator richtig hart nachhakt, um manch menschenverachtende Aussage als das zu entlarven, was sie ist – nämlich demokratiefeindlich und menschenverachtend. Und den Rechten nicht ihre ständige Rumopferei durchgehen lässt. Aber das geschieht leider so gut wie nie. Ende dieser Zwischenbemerkung.

Studie mit fragwürdiger Repräsentativität

Zurück zur britischen Studie. Die stammt aus dem Reuters Institute der University of Oxford. Keine Ahnung, was sich dahinter verbirgt. Ich kenne Reuters und ich war auch schon mal in Oxford und hab mir dort die altehrwürdige Hochschule von außen angeschaut. Die Kombination von beiden ist mir jedoch fremd. Klingt ein bisschen wie Monsanto-Fakultät an der TH Köln. Sei’s drum. Ich frage mich allerdings, wie man seriös die politischen Präferenzen von zig Millionen Zuschauern, die sich über mehrere Dutzend Formate verteilen, evaluieren möchte. Welche Stichprobe wurde gezogen? Wie groß ist die Stichprobe? Wie lauten die Kriterien, um in die Stichprobe aufgenommen zu werden? Hier Repräsentativität sicherzustellen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Andersherum ausgedrückt: Hätten sich die Autoren auf die Analyse eines (in Ziffer dargestellt: 1) Politmagazins konzentriert – bspw. Panorama, plusminus, Frontal 21 –, hätte was statistisch Belastbares draus werden können; aber über alle Sendungen? Wer Bergdoktor und Traumschiff anschaut, ist linker als das Mock-the-week-Publikum der BBC? Wer sich Tatort und Donna Leon reinzieht, setzt sein Kreuz bei SPD, Grünen und der Linken? Wer soll solch einen hanebüchenen Quatsch denn glauben? Und sowas wird mir als ernstzunehmendes Studienergebnis verkauft?

Weshalb interessieren sich Briten und Schweizer überhaupt dafür, wer in Deutschland abends welchen Kanal einschaltet? Bei den Schweizern kann ich es sogar verstehen. Das Land ist jenseits des Bankgeheimnisses derart langweilig, dass man sich notgedrungen täglich mit den Nachbarn beschäftigen muss, weil es sonst nichts zu schreiben gibt. Aber die Engländer? Die haben ja im Moment mehr als genug mit sich und dem Brexit um die Ohren, als dass man eine merkwürdige Studie zum Thema „Politische Präferenzen des deutschen ÖR-Publikums“ in Auftrag geben müsste. Die dann zu bahnbrechenden Resultaten wie diesem gelangt: „Eine Hälfte der Zuschauer [der BBC] verortet sich leicht links der Mitte, die andere leicht rechts davon, während sich das Publikum von ARD und ZDF fast vollständig in die linke Hälfte des politischen Koordinatensystems einordnet “. Wow! Was für eine [schwachsinnige] Erkenntnis.

Altbekannte Lügengeschichte von den linken Medien

Es ist dies natürlich Wasser auf die Mühlen derjenigen, die immer schon gewusst haben, dass wir von den öffentlich-rechtlichen Anstalten [links] zwangsindoktriniert werden, und die deshalb dem staatlichen Rotfunk die Geldzufuhr kappen wollen. Diese Forderung erschallt in schöner Regelmäßigkeit aus den Lagern von AfD und FDP. Den einen ist alles links von Gauland zu links, den anderen ist ebenfalls vieles zu links, sie stören sich aber v.a. am durch die Gebühren außer Kraft gesetzten Wettbewerbsprinzip. Vielleicht steckt auch bloß schnöder Geiz dahinter, weil man heute alles gratis auf den Monitor erhalten möchte. Nun kann man sich natürlich darüber unterhalten, ob 17,50 Euro pro Monat (entspricht zweieinhalb Schachteln Marlboro) eventuell zu hoch angesetzt sind für 24/7 Nachrichten, Politik, Sport und Entertainment, ob wirklich jede Vorabendserie und jede Klamauk-Show zum Bildungsauftrag der Öffentlichen dazugehört. Man kann ebenfalls darüber diskutieren, wie viel ein Intendant und ein Chefredakteur verdienen sollen, ob wir ständig mehr ör-Spartenprogramme benötigen, oder ob Erstes, Zweites und Drittes und ein bisschen ARTE nicht völlig ausreichen. Was ich persönlich allerdings auf gar keinen Fall haben möchte, ist der Wegfall der Öffentlichen bei gleichzeitiger Dauerberieselung durch RTL und Pro 7. Sollte das jemals geschehen, werde ich mich komplett in die (linke?) Scheinwelt von Amazon und Netflix zurückziehen.

Die Lügengeschichte (Märchen klingt in diesem Zusammenhang zu nett) von der flächendeckenden sozialistischen Umerziehung durch unsere Medien wird auch durch die Veröffentlichung [absurder] Studien und ihrer Verbreitung durch AfD-Versteherpublikationen nicht wahrer. Ner Lüge kann man auf den Leim gehen, oder man tut es eben nicht. Wer glaubt, der Fernsehgarten sei ne linke Sendung, der glaubt auch daran, dass die erste Mondlandung in Studio 613 von MGM und nicht auf dem Mond stattfand und der berühmte Satz, „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Sprung für die Menschheit“, aus der Feder eines (linken) Hollywoodautors stammt.

Ich werde mir heute Abend übrigens die maoistisch-leninistische Sportschau – in der Hoffnung, dass es der FC gegen Gladbach nicht verkackt – ansehen und direkt im Anschluss die linksextreme Tagesschau. Und danach schwanke ich zwischen einem linken Tarantino-Streifen und einem ultralinken Tim-Burton-Film.

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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