Einwanderung: Drei Lebenslügen

Chris Pyak berät internationale Fachkräfte beim Karriereschritt nach Deutschland. Er findet: Nicht Integration ist notwendig, sondern Akzeptanz von Individualität.

40% der Kinder, die 2017 in Deutschland geboren wurden, haben auch Wurzeln in anderen Teilen der Welt.

Ich unterstütze seit vielen Jahren internationale Fachkräfte beim Karriereschritt nach Deutschland. Das geplante Einwanderungs-Gesetz wird kaum wirken, weil es auf den Lebenslügen der Deutschen aufbaut.

Die deutschen Lebenslüge

Nicht die Anerkennung von Abschlüssen oder die Deutschkenntnisse verhindern, dass mehr Fachkräfte aus dem Ausland kommen. Sondern die Lebenslüge, dass internationale Fachkräfte genau so sein müssten, wie wir.

Die Lebenslüge, dass alles was nicht mit unseren kleinkarierten Erfahrungen absolut identisch ist, in irgendeiner Weise „schlechter“ wäre.

Und zuletzt die Lebenslüge, dass internationale Fachkräfte ganz konkret nach Deutschland kommen wollen – und nicht zwischen verschiedenen attraktiven Ländern wählen. Als ob sie uns „dankbar“ sein müssten, bei uns arbeiten zu „dürfen“.

In meiner Arbeit erlebe ich die fatale Wirkung täglich aufs Neue.

Angefangen bei der Anabin Datenbank, in der internationale Fachkräfte prüfen können ob ihr Studium anerkannt ist – und die natürlich nur auf Deutsch verfügbar ist.

Weiter bei den Verantwortlichen in den Personalabteilungen. Die eine Personalleiterin lehnt französische Kandidaten ab, weil die Stelle unbedingt Deutsch erfordere. Der Job: Reifen an Unternehmen in Frankreich verkaufen.

Die andere Personalerin entscheidet sich gegen eine qualifizierte Kandidatin, weil sie den „ausländischen Bildungsabschluss nicht bewerten“ könne. Es handelte sich um einen Master der Elite-Universität Cambridge.

Nur einer wollte in Deutschland bleiben

Über die Jahre habe ich hunderte internationale Fachkräfte gecoacht. Nur ein einziger wollte ausschließlich in Deutschland arbeiten.

Alle anderen haben begeistert meinen Vorschlag angenommen, sich auch mal in den Niederlanden umzuschauen. Dort werden 15% der Stellen auf Englisch ausgeschrieben. Bei uns sind es gerade mal 3 Prozent.

Wer wirklich an einen Ort gebunden ist, denkt in Kategorien von Stadt und Umland. Die Fahrtzeit von der gemeinsamen Wohnung mit Ehepartner und Kindern entscheidet über akzeptable Stellenangebote. Aber nicht die Landesgrenzen.

Und zu guter Letzt all jene internationalen Fachkräfte, welche die Nase voll haben und gehen, weil sie sich nicht willkommen fühlen. Wie eine indische Klientin, die ihre leitende Position in einer Forschungseinrichtung aufgegeben hat „weil hier alle so unfreundlich waren“.

Für sie selbst kein Problem: Sie bekam sofort ein besseres Angebot im Ausland. Aber der deutsche Arbeitgeber musste sein Projekt einstellen und 5 Laborassistentinnen stehen auf der Straße. Denn internationale Fachkräfte „stehlen“ keine Arbeitsplätze – sie schaffen Jobs.

Im letzten Jahr sind nur 100.000 non-EU Expatriates nach Deutschland gezogen. Obwohl ein Viertel der Deutschen im Osten leben, wollen weniger als 6% der internationalen Fachkräfte dort arbeiten. Chemnitz lässt grüßen. Doch auch die Westdeutschen haben Schwierigkeiten „anders sein“ als gutes Recht zu akzeptieren.

In der weltweiten Expats-Umfrage von InterNations erobert Deutschland den drittletzten Platz – als eines der unfreundlichsten Länder der Welt.

Das ist das wirkliche Problem. Nicht für internationale Fachkräfte, sondern für uns. Die Exportnation Deutschland ist darauf angewiesen, unsere Kunden in aller Welt zu verstehen. Das geht nicht, wenn in den Führungsetagen, Ingenieursbüros und Marketingabteilungen nur deutsche Michel durch ihre schwarzrotgoldene Brille die Welt betrachten. Wir brauchen den Blick von außen, um zu erkennen was sich Kunden in Asien, Afrika und den USA wünschen.

Und noch viel direkter: Es gibt doppelt so viele Babyboomer wie junge Deutsche der Generation Z. Wer soll die Renten und die Pflege der Babyboomer bezahlen, wenn wir keine internationalen Fachkräfte für uns einnehmen – und dauerhaft an uns binden?

Statt der überheblichen und weltfremden Diskussion über „Integration“ sollten wir uns fragen: Sind wir eigentlich gute Gastgeber?

Was geschehen muss

Hier sind drei Vorschläge, wie wir dauerhaft die internationalen Talente gewinnen, die wir für unsere Wirtschaft brauchen. Die Vorschläge sind eine Zumutung. Denn es ist nicht „die Regierung“ gefordert, sondern wir alle als Bürger, als Nachbarn, Kollegen und Arbeitgeber:

1. Fragen wir bei Bewerbungen nicht mehr nach willkürlichen Mindestvoraussetzungen. Sondern definieren wir die Ergebnisse, die ein Mitarbeiter in der Position erreichen muss. Dann liegt es an der Kandidatin zu erklären, wie sie diese Ergebnisse erreicht. Das würde auch vielen Deutschen helfen, die fähig sind, aber nicht in die „DIN Norm“ passen (wollen). Viele Personaler sind wie Schiedsrichter, die nicht wissen, dass es beim Fußball ums Tore schießen geht. Sie sollen aber die Spieler bewerten.

2. Verabschieden wir uns von der Illusion, dass wir international hochspezialisierte Fachkräfte werben können, die erstens einen neuen Job suchen, zweitens bereits sind ins Ausland zu ziehen, drittens dabei auch Deutschland erwägen und viertens auch noch fließend Deutsch sprechen. Allein die Vorstellung ist lächerlich.

Die Wahrheit ist: Wirklich gute Fachkräfte haben die ganze Welt zur Auswahl. Und sie nehmen diese Wahl war. Niemand lernt zuerst eine Regionalsprache, in der Hoffnung, vielleicht irgendwann in diesem Land zu arbeiten.

Wir müssen stattdessen begabte Fachkräfte auf Englisch einstellen und ihnen ermöglichen Deutsch „on the job“ zu lernen. Unternehmen wie Trivago in Düsseldorf praktizieren das schon lange – und können sich vor hervorragenden Bewerbungen nicht retten.

Und drittens: Es wird Zeit, dass wir uns an unsere gute Kinderstube erinnern. Wenn wir die besten Fachkräfte zu uns einladen, dann ist es unsere Aufgabe als Gastgeber, dafür zu sorgen, dass sie sich bei uns wohlfühlen.

Das alles ist von uns gefordert. Von uns Bürgern, Nachbarn, Kollegen und Arbeitgeber. Wenn wir das „anders sein“ von internationalen Fachkräften als freie Selbstentfaltung respektieren – dann finden wir vielleicht auch mehr Toleranz gegenüber unserem jungen Nachbarn mit den langen Haaren, der älteren Dame, die ständig Volksmusik hört und der kinderreichen Familie, die am Sonntag auf dem Spielplatz gegenüber unserem Haus rumtobt. Kurz gesagt: Wir könnten herausfinden, dass das Leben viel fröhlicher ist, wenn wir nicht darauf bestehen, dass alle „genau so sind wie wir“.

Recht „anders“ zu sein

Jeder Mensch hat ein Recht so „anders“ zu sein wie er will. Das steht übrigens in unserem Grundgesetz.

Wenn die Regierungen von Bund und Ländern sich wirklich nützlich machen wollen: Dann führt die Änderungen durch, die ihr vorgeschlagen habt, aber gebt vor allem der Einwanderung ein Ziel: Macht die mehrfache Staatsbürgerschaft zum selbstverständlichen Recht für jeden Deutschen. Das würde zeigen: Wir respektieren Dich in Deiner ganzen Vielschichtigkeit. Wir wollen das Du zu uns gehörst. Und: Du darfst so bleiben wie Du bist.

Und außerdem: Übersetzt die Anabin Datenbank endlich ins Englische. Stop embarrasing yourself, for Vishnu’s sake.

chris pyak

chris pyak

Chris Pyak ist Geschäftsführer der Immigrant Spirit GmbH. Der Kommunikationsexperte berät Unternehmen bei der Anwerbung und Integration internationaler Fachkräfte. Als Journalist hat Chris in fünf verschiedenen Ländern gearbeitet und Teams in vier verschiedenen Kulturen geleitet. Chris Pyak ist verheiratet und lebt in Düsseldorf.

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