Ich bin ziemlich sicher, dass gerade dieses Mal viel mehr Menschen wählen gehen werden als Demokratie-Untergangs-Beschwörer uns heute glauben machen wollen – und das wird natürlich an diesem kleinen Text liegen, den Sie hier gerade lesen. Denn ich erkläre Ihnen hier, dass Ihre verzweifelte Suche nach der Partei und den Politikern, die Ihre politische Meinung richtig vertreten, auf einem Missverständnis beruht.
Es gibt gar kein Programm irgendeiner Partei, in dem drin steht, was das Richtige für diese Gesellschaft wäre, und das liegt einfach daran, dass man nicht mal sagen könnte, wie die richtige Gesellschaft aussehen würde. Alle berechtigten Anforderungen an die Gesellschaft zusammengenommen lassen sich nie auf einen konsistenten Nenner bringen. Eine Gesellschaft kann niemals zugleich ökologisch und sozial, gerecht und leistungsfördernd, zukunftsorientiert und werterhaltend sein. Ganz abgesehen davon, dass es vermutlich keine Einigkeit über den Sinn dieser Begriffe gibt – alles gleichzeitig in gleichem Maße geht nicht, und niemand weiß wirklich, welche Mischung die richtige ist, damit möglichst alle Bürger möglichst nachhaltig mit ihrem Leben zufrieden sein können.
Also ist Politik die Aushandlung eines Kompromisses, und dazu braucht man Vertreter, organisiert in Fraktionen von Parteien, die die verschiedenen Standpunkte besetzen. Diese Vertreter müssen nicht ganz besonders sympathisch sein, sie müssen eine Funktion ausüben, eine Rolle spielen können.
Und als Wähler muss man sich weder mit einer Person, noch mit einem Parteiprogramm identifizieren. Man muss einfach entscheiden, welchen Pol man stärken will, welcher Position man zu etwas mehr Einfluss verhelfen will.
Es ist wie beim Malen: Ein monochromes Bild findet keiner schön (na gut, fast keiner). Am interessantesten sind die, bei denen die Farben Kontraste und Spannungen erzeugen und sich gegenseitig zum Leuchten bringen. Man muss keine Lieblingsfarbe haben um zu sagen: Da muss noch ein bisschen mehr gelb oder grün oder rot rein. Von mir aus auch gern Magenta-Pink und Cyan-Blau – aber das nur nebenbei.
Sie, verehrte Leserin, und Sie, geschätzter Leser, müssen sich also nicht fragen: Welche Partei vertritt meinen Standpunkt? – sondern sie müssen sich fragen: Wie sähe das optimale Mischungsverhältnis aus, damit meine persönlichen Wünsche – die ja auch widersprüchlich und inkonsistent sind – abgebildet werden? Sie wollen natürlich, dass die Umwelt geschützt wird, und dass es der Wirtschaft gut geht, finden Sie auch nicht schlecht, sie wollen Freiheit, aber auch Sicherheit, Sie wollen Traditionen bewahren aber auch Chancen der Zukunft nutzen. Welche dieser verschiedenen Wünsche ist derzeit zu wenig vertreten? Genau, die Partei, die suchen Sie aus, und die wählen Sie. Damit am Ende die Mischung ein bisschen mehr dem entspricht, was Sie selbst als Vorstellung von der Welt befürworten.
Natürlich werden die Politiker auch in der nächsten Legislaturperiode dann nicht genau das tun, was Sie für richtig halten. Und natürlich werden Sie sich wieder darüber ärgern, dass die nicht Ihre Interessen vertreten und Ihre Wünsche wahr werden lassen. Aber auf diese Weise geht es weiter, und es geht so weiter, dass wir alle damit leben können und nicht völlig unzufrieden mit unserer Welt sind. Und dazu werden Sie mit Ihrer Wahl beigetragen haben – das ist doch ein Grund, da hin zu gehen.
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5 comments
derblondehans
… meno, Uwe, in der ‚BRD‘ zur Schule gegangen, zum ABI Historie abgewählt. Daher! … mhmm?
Die Vertonung gibt ’s seit anno Schnee, 1797, von Joseph Haydn, damals *Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation* – https://www.youtube.com/watch?v=-z-bzUpPGq4
Fred Groeger
Also eigentlich hat Haydn bloss massiv ein banales kroatisches Liedchen plagiiert.
Tja. Wenn die deutsche Kultur der Deutschen beim Kroaten klaut und dann daraus sein Nationalhymnchen macht….
Der ausrasiertfrisierte Fred.
https://www.youtube.com/watch?v=fLJjbAqMHIc
derblondehans
… Wiki schreibt: ‚Haydn ließ sich bei seiner Komposition möglicherweise von dem kroatischen Volkslied Vjutro rano se ja stanem inspirieren, mit dessen ersten drei Takten die Hymne beginnt.‘
Das ist so viel Wert, als das Erdogan behauptet die Türken haben Amerika entdeckt. Aber selbst wenn die Melodie kroatischen Ursprungs sein sollte, F.G., was soll diese rassistische Bemerkung? Haben Sie ‚was gegen Kroaten? Mir gefällt diese Melodie und ich habe kroatische Freunde.





















derblondehans
… selbstverständlich gibt es *Programme* in denen drin steht, was das Richtige für unsere Gesellschaft das Richtige wäre. Für mich sind das, in der Reihenfolge, das Wort Gottes, die Evangelien, die amerikanische Verfassung in der Ursprungsform und das Grundgesetz. Wobei letzteres verbesserungswürdig ist. Etwa so:
Carlo Schmid: *Um einen Staat im Vollsinne zu organisieren, muß die Volkssouveränität sich in ihrer ganzen Fülle auswirken können. Wo nur eine fragmentarische Ausübung möglich ist, kann auch nur ein Staatsfragment organisiert werden.
Mehr können wir nicht zuwege bringen, es sei denn, daß wir den Besatzungsmächten gegenüber was aber eine ernste politische Entscheidung voraussetzen würde Rechte geltend machen, die sie uns heute (immer noch nicht, meine Anmerkung) noch nicht einräumen wollen.
Das müßte dann ihnen gegenüber eben durchgekämpft werden.
Solange das nicht geschehen ist, können wir, wenn Worte überhaupt einen Sinn haben sollen, keine Verfassung machen, auch keine vorläufige Verfassung, wenn vorläufig lediglich eine zeitliche Bestimmung sein soll. Sondern was wir machen können, ist ausschließlich das Grundgesetz für ein Staatsfragment…
Wenn man einen solchen Zustand nicht will, dann muß man dagegen handeln wollen.
Aber das wäre dann Sache des deutschen Volkes selbst und nicht Sache staatlicher Organe, die ihre Akte jeweils vorher genehmigen lassen müssen. Das Grundgesetz für das Staatsfragment muß gerade aus diesem seinen inneren Wesen heraus seine zeitliche Begrenzung in sich tragen.
Die künftige Vollverfassung Deutschlands darf nicht durch Abänderung des Grundgesetzes dieses Staatsfragments entstehen müssen, sondern muß originär entstehen können. Aber das setzt voraus, daß das Grundgesetz eine Bestimmung enthält, wonach es automatisch außer Kraft tritt, wenn ein bestimmtes Ereignis eintreten wird. Nun, ich glaube, über diesen Zeitpunkt kann kein Zweifel bestehen:
an dem Tage, an dem eine vom deutschen Volke in freier Selbstbestimmung beschlossene Verfassung in Kraft tritt.*
Außerdem meinte Prof. Dr. Carlo Schmid vor dem Parlamentarischen Rat am 08. September 1948 zum Schluss:
*Ein geeintes demokratisches Deutschland, das seinen Sitz im Rate der Völker hat, wird ein besserer Garant des Friedens und Wohlfahrt Europas sein als ein Deutschland, das man angeschmiedet hält wie einen bissigen Kettenhund!*
ODER?