Radio Gaga

UKW ist die optimale Technologie zum schlichten Radiohören. Mehr braucht man dafür nicht. Aber es soll verboten werden.

WDR2 Trivialisierung Rundfunk

Ich bin nicht altmodisch. Ich habe mir vor einem Jahr ein neues Radio gekauft. Früher sagte man Kofferradio, also so ein kleines tragbares Ding, mit Batterien und einem Tragegriff.

Dieses Radio ist internetfähig, es kann über WLAN um die 4.000 Radiosender empfangen (womöglich mehr), es verfügt natürlich über DAB+ und eine USB-Schnittstelle.

Das Radio hat, wenn ich mich recht entsinne, 300 EURO gekostet.

Ich höre mit diesem Radio täglich ca. eine halbe Stunde WDR 2, über UKW.

Es gab in dem Laden ein ähnliches Radio der gleichen Marke, das konnte einfach nur UKW, es kostete etwas mehr als 30 EURO.

Aber ich will den Fortschritt.

Ich habe erst DAB+ ausprobiert, der Empfang war instabil. Ich wohne im Osten von Münster, der nächste Telekom-Funkturm ist nicht weit, aber der Raum in dem ich das Radio nutzen möchte, ist auf der Turm-abgewandten Seite. Dann habe ich auch das Internet-Radio probiert, aber bevor das Streaming startet, dauert es eine Weile. Außerdem ist das Streaming der realen Welt immer ein paar Sekunden hinterher. Also bin ich zum normalen UKW zurückgekehrt.

Überhaupt, die Dauer. Aus einem herkömmlichen UKW-Radio höre ich Musik, sobald ich es eingeschaltet habe. Dieses moderne Ding versetzt mich ins Röhren-Zeitalter zurück, auch beim UKW-Sender „startet“ das Radio erst einmal, das dauert – grob geschätzt – eine halbe Minute.

Kurz gesagt: Ich hätte mir das schlichte UKW-Radio kaufen sollen. Es kann genau das, was ich will: einen vorgegebenen Radiosender hören, in ausreichender Qualität und Stabilität, ohne viel Strom zu verbrauchen. Ich will nebenbei keine Zusatzinformationen lesen, ich brauche keine bunten Senderlogos, wenn ich Nachrichten oder Musik höre.

Übrigens kann auch mein Autoradio DAB+, das ist natürlich noch sinnloser, weil ich während des Autofahrens sowieso nicht lesen darf.

Es gibt hier tatsächlich einmal eine Technologie, die das Nutzerbedürfnis komplett befriedigt, und für alles, was darüber hinausgeht, gibt es bekanntlich dieses Internet.

Aber manchen vorschrifts- und regulationsverliebten Politikern, die sich gern fortschrittsfreundlich geben, ist das nicht genug. Jetzt sind sie auf die Idee gekommen, UKW-Radios zu verbieten. Genauer gesagt, es soll verboten werden, dass man sich in Zukunft noch ein solches Radio kaufen darf. Die Hersteller sollen verpflichtet werden, nur noch DAB+-fähige Radios in den Handel zu bringen. Nicht Angebot und Nachfrage sollen entscheiden, welche Technologie noch Zukunft hat, sondern das Gesetz.

Das ist einfach nur irre.

Es zeigt, dass ein ganz bestimmter Politikansatz in der Bundesrepublik Deutschland derzeit fehlt: die Idee, dass die Leute nicht blöd sind und erst mal selbst entscheiden können, was für ein Radio sie haben wollen. Und wenn diesen Leuten eine vorhandene Technik reicht, dann muss man sie nicht zwangsbeglücken. Es ist überhaupt keine Frage, die der Staat entscheiden muss, ob UKW Zukunft hat, oder nicht. Das finden wir ganz gut ohne einen Kulturausschuss eines Bundesrates heraus. Falls uns die Hersteller irgendeinen coolen Grund geben, ein DAB+-Radio zu kaufen, dann werden wir es tun. Und dann wird irgendwann auch die letzte Stunde von UKW geschlagen haben. Und wenn nicht, dann nicht.

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4 comments
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UJ

Für den Erhalt von UKW sprechen noch mehr Gründe:

1. Man kann sich sein Radio selber bauen – und das aus recht einfachen Bauteilen.

2. Hat man es gebaut, kann man die Empfangsleistung hervorragend tunen, indem man die Antenne beispielsweise an eine Heizungsanlage anschließt.

3. Theoretisch kann man auch auf Alpha Centauri deutsches Radio hören, ohne das Signal mühsam dekodieren zu müssen. ( Ich gestehe zu, dass dies nicht zwingend ein Vorteil sein muss…)

Aber mal im Ernst:
Im Katastrophenfall ist es m.E. besser, über redundante Informationskanäle zu verfügen. Was nützen einem die besten Notfallapps und die teuersten Geräte, wenn das Internet mal komplett ausfällt? Eben: Nichts. Alle wichtige Kommunikation über eine zentrale Infrastruktur laufen zu lassen, ist vielleicht kostengünstig, aber sehr risikoreich, wenn diese Infrastruktur einmal ausfällt. Vielleicht fällt das Herrn de Mazière & Co auch auf, wenn sie ihre Hamsterkäufe erledigt haben.

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Klausi

Einmal ein sehr gescheiter, der Liberalität verpflichteter Beitrag von Herrn Friedrich. Die Leute einfach selber entscheiden lassen, worauf sie Bock haben. Warum nicht auch auf anderem Gebiet?

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H E

Aus dem zitierten Heise-Artikel: „Die ARD-Vorsitzende Professor Karola Wille betonte dort, dass die
Politik die Digitalisierung des Hörfunks regulierend begleiten müsse“
Gerade in der Informationspolitik müsste eigentlich liberaler Grundtenor herrschen, immerhin ist der mündige Bürger Voraussetzung für eine funktionierende repräsentative Demokratie. Damit scheint es mittlerweile nicht mehr weit her zu sein, fürchte ich…
Und da wäre das Faß mit dem Thema „öffentlich-rechtliche Medienpolitik“ noch gar nicht aufgemacht.

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Eagle of Justice

Jeden Tag WDR 2? Eine halbe Stunde lang? Damit wäre wohl die Behauptung widerlegt, dass „die Leute nicht blöd sind“.

Aber mal ganz im Ernst: Wenn ich in Norderstedt, Delmenhorst, Crivitz, Bad Schwalbach oder Ingolstadt dasselbe tun möchte wie Sie, nämlich WDR 2 hören, dann stehe ich mit meinem UKW-Teil so ziemlich im Wald.

Im Übrigen macht es aus Verbraucherschutzgründen schon Sinn, den Verkauf von UKW-Empfängern zu begrenzen, wenn ich damit bald keinen Sender mehr empfangen kann. Die Älteren erinnern sich vielleicht noch an das Schicksal des Digitalen Satellitenradios DSR. Insoweit geht es doch nur darum, dass eine vernünftige Koordinierung erfolgt. Omas Röhrenfernseher, der terrestrisch analoges Programm empfängt, hat ja auch ausgedient. Oder schalten Sie den gelegentlich heimlich ein und freuen sich am Rauschen?