Die Kolumnisten

persönlich. parteiisch. provokant.

Die Spätition

„Rettet die Spätis“ lautet der Name einer brandaktuellen Petition, die sich auf Facebook sekundenschnell verbreitet. Die einmalige „Kiezkultur“ sei in Gefahr – so was kann nur von Zugezogenen kommen, meint Alissia Passia.

Brandenburger Tor, Reichstag, Schloss Charlottenburg, Goldelse – das nennen Sie Berlins Wahrzeichen? Nicht doch, es sind die Spätis, die die Hauptstadt so einmalig werden lassen. Noch. Die bösen Politiker waren es mal wieder, die den armen Berliner Bürgern ihren Sonntagseinkauf beim Späti ihres Vertrauens auf 08 – 16 Uhr begrenzen möchten.
Wie kann man nur so rücksichtslos sein, man denke an all die jungen Menschen, die erst um 16 Uhr aus dem Berghain kommen und sich dann noch die wohlverdiente Kippe danach reinziehen möchten. Die soll es nämlich bald auch nicht mehr im Späti geben und Alkohol gilt auch aus der Ladentheke verbannt.

Nicht mit uns, dachten sich zwei junge Frauen und starteten eine Petition bei Change.Org. Eine Plattform, auf der Menschen unter anderem Petitionen für die gesetzliche Verankerung der Sterbehilfe starten, sich für Rechte von Demenzkranken einsetzen oder eben Weltbewegendes wie die Öffnungszeiten von Spätis an den Pranger stellen.

Berlin is becoming Munich and we have to stop this sad trend!

Nicht auszudenken, wenn die Petition nicht erfolgreich und die Ladentüren nach 16 Uhr schließen würden. Man stelle sich das mal vor – kein spontanes Besorgen von Kaugummis und Co. mehr, kein Bier – der Weg zur Tanke sei schließlich viel zu weit, der Typ hinter der Theke viel zu unreal und überhaupt schmeckt die ganze Produktvielfalt doch besser, wenn kitschige Werbetafeln wie wild im Schaufenster vor sich hin blinken.

Für mich ist das die Logik von Neuberlinern. Zugezogene, für die Spätis zur Kultur eines jeden Kiezes gehören sollen. Ohne Späti eben keine Kultur und so schneidet Charlottenburg im Zugezogenen-Ranking auch stets nicht so gut ab, wie beispielsweise Neuköln. Hier  scheint der Beruf des Späti-Inhabers von ganzen Familiendynastien ausgelebt zu werden, jeder zweite Murat zeigt sich stolz zwischen Spirituosen und Bonbons.

Generation Y mag es ganz bequem

Das bizarre an dieser Logik: Vor gut 10 – 15 Jahren, als die, die heute wegen des vermeintlichen „Verbots“ heulen, noch in die Windeln geschissen haben, gab es in Berlin keinen Spätkauf. Berlin brauchte keine 24 Stunden-Bude, man war genügsam mit dem was man hatte: unendlich viele Tankstellen und der Gewissheit von Montags bis Samstags seine Besorgungen tätigen zu können.

Aber die verwöhnte Generation Y mag es ja besonders bequem und so soll sich wenn möglich die ganze Welt nach ihren Bedürfnissen richten.

Ich bin froh über jeden Späti weniger. Und jetzt geht weiter heulen.

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12 comments
Heiko Heinisch

Spätkauf hin oder her: Die Betrachtung der „Zugereisten“ in Berlin ist phänomenal. Das kenne ich sonst nur aus Dörfern und allenfalls kleinen Städtchen. Berlin ist vermutlich die einzige Großstadt, in der die Eingeborenen im Kopf noch im Dorf (ihr Kiez) leben, das sie gegen die Neuen glauben verteidigen zu müssen. 😉

    Deckard

    Vielleicht weil die Zugereisten sich in Berlin besonders „besonders“ vorkommen, und die Stadt quasi als crazy „Zwischenstation“ ihres Lebens sehen. Als Experimentierfeld und „Selbstfindungsversuch“. Und das nimmt dann Auswüchse an wie „Spätis sind Kulturgut“. Hier kann man mal ein paar Jahre schön auf die Kacke hauen, in Berlin geht ja eh alles und man darf alles. Echte Berliner gibts ja sowieso nicht mehr, nicht wahr. „Berliner“ ist man nun wenn man den Mietvertrag unterschieben hat, per Definition. Das Schöne ist ja, dass die Zugezogenen weitestgehend in ihren Reservaten bleiben (Neukölln, Kreuzberg, Friedrichshain, oder was eben grad angesagt ist).

    Aber denkt euch: es gibt auch ganz normale Menschen hier, die auf eure spätpubertäre Kacke keinen Bock haben. Und auf eure neu eingeführte „Folklore“. Und das darf man dann auch so sagen.

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    Alexander Wallasch

    nein, es ist in Braunschweig mit einer viertel Millionen Einwohnern genauso lieber Heiko. Und ich vermute mal, es ist weltweit genauso. Aber wahrscheinlich ist es in diesem entsetztlich spießigen Wien ganz anders 😉 Ich verrate hier mal was: Wer einmal die maximale Diskrepanz zwischen Großstadt und Großstadtleben, zwischen Wunsch und Wirklichkeit erleben will, der gehe bitte nach Wien.;)

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      Heiko Heinisch

      Hast schon recht, was Wien betrifft. Aber diese offene Ablehnung der „Schwaben“, kenne ich in dieser Form nur aus Berlin. Das gibt es hier auch, aber es wird nicht durch alle Schichten und politischen Richtungen hindurch dermaßen offen ausgesprochen

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        Andreas Kern

        Was in Braunschweig, Magdeburg, wherever passiert steht halt nie so im Fokus, wie in Berlin. Allerdings gab es da auch einen besonders großen Zuzug von außen…Und es passt zum neudeutschen Wutbürgertum, wegen jeder Petitesse eine Petition oder eine BI zu starten. Als hätten wir momentan keine anderen Sorgen…

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Andreas Kern

Man kann ja jede Kleinigkeit hochziehen. Ein Zeichen dafür, dass es uns doch ganz gut geht…

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Jörg Friedrich

Alles, was Berlin irgendwie interessant und liebenswert macht, haben die Berliner den Zugezogenen zu verdanken. Das beginnt bei der Boulette und endet nicht bei der hippen Kietzatmosphäre und den Szenekneipen. Was wären die Berliner ohne die Zugezogenen?

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    Deckard

    Es wäre vor allem weniger nervtötend und prätentiös, lieber Herr Friedrich.
    Und was „interessant“ und „liebenswert“ ist, bestimmen sie?
    Sie sind eben kein Berliner, das merkt man.

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      Jörg Friedrich

      Naja, wenigstens habe ich lange genug in Berlin gelebt um zu wissen, dass die Aussage, es habe vor 10-15 Jahren noch keine Spätverkaufsstellen in Berlin gegeben, schlicht falsch ist, jedenfalls, wenn man den Ostteil der Stadt zu Berlin dazu rechnet. Und gerade Prenzlauer Berg ist ja Kietzkultur. Von dort stammen die Spätis auch, da gab es die Spätverkaufsstellen seit Jahrzehnten.

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derblondehans

… Berliner? … die jibt ’s doch schon lange nich‘ mehr. Nur noch Taschenspieler, Rosstäuscher und Pferdediebe.

Der echte Berliner war ’ne Mischung aus katholischem Schlesier, französischen Hugenotten und den Dorfbewohnern an der Spree.