Die erste Frau mit Hijab im Playboy und alle feiern… ja, was eigentlich?

Die Welt jubelt und klatscht – eine Muslima ist im Playboy zu sehen. Doch gar nicht so, wie man im ersten Moment denkt. Warum das bei unserer Kolumnistin nur Fragezeichen aufwirft.


Diese Schlagzeile sorgte wahrlich für ein großes Kopfkino. Eine Muslima mit Niqab im Playboy. Eine neue Art der Erotik, oder „versuchen wir es mal bei den Männern mit ordentlich Fantasie“. Ich stellte mir eine vollverschleierte Frau vor, eben so, wie man Damen in Niqab auch immer öfter auf Berlins Straßen sichtet. Ein echtes Kontrastprogramm, zu den barbusigen Schönheiten, die sich sonst im Playboy räkeln. Oder müssten die sich nun in der nächsten Ausgabe solidarisch zeigen und getreu der Merkelschen Integrationskultur auch verschleiern?
Anpassen ist schließlich die Tage alles, man siehe den Vorschlag zum Wissensurlaub in den arabischen Ländern.
Als ich dann doch mal nachgoogelte, kam die große Enttäuschung. Die ersten Quellen hatten demnach nicht richtig recherchiert, es war nun doch kein Niqab sondern „nur“ ein Hijab.

Eat my Hijab, bitch!

So erblickte ich keine womöglich nackte Frau (gibt es auch für solche Erotikfälle durchsichtige Niqabs?!), sondern ein Mädchen in Chucks und Jeans und Hijab auf dem Kopf. Auf jedem Bild der gleiche rebellische Gesichtsausdruck, die Oberlippe hochgezogen, die weißen Zähne gebleckt.
Als wolle sie sagen „Hey, seht mich an, ich bin so wahnsinnig emanzipiert, obwohl ich religiös bin. Eat my Hijab, bitch“


Und was soll nun an diesen Bildern so revolutionär sein? Oder besteht die pure Provokation allein darin, dass eine angezogene Frau im Playboy zu sehen ist? Shocking!! Daneben auch noch ein gähnend lang-langweiliges Interview mit Noor Tagouri, einer 22 jährigen Journalistin. Das Spiel mit den Medien beherrscht die amerikanische Muslima also bereits aus dem Effeff. Der Bericht über Noor Tagouri gehört zu einer Interview-Reihe des Playboys, in der Menschen mit Vorbildfunktionen vorgestellt werden. Inwiefern ist es erstrebenswert für eine Muslima, sich an Noor ein Beispiel zu nehmen?
Reicht wortwörtlich so viel Stoff bereits, dass die Medien dieser Welt wie kreischende Teenies auf einem Boygroup-Konzert reagieren? Frauen mit Hijab scheinen aktuell der neue Trend zu sein. Ein weiteres Buzzword auf der Trending Topic Liste. Nicht umsonst zeigen immer mehr Unternehmen, wie schön verschleierte Frauen doch aussehen können. Die Vogue postete erst kürzlich eine „halb verschleierte“ Frau auf Instagram und erntete dafür Likes ohne Ende.  Auch H&M hat den Hype erkannt und zeigt in seiner aktuellen Werbekampagen eine modische Muslima mit Hijab.  Was soll uns das sagen? Schaut her, ein Kopftuch ist ungemein modisch oder lässt sich bravourös jedem Trend anpassen? Das italienische Designerlabel Dolce & Gabbana brachte es Anfang des Jahres mit seiner Hijab-Kollektion auf die Spitze.

Warum muss sich eine emanzipierte Frau überhaupt für den Playboy ausziehen?

Kritiker, zu denen auch ich gehöre, kritisieren, ein Kopftuch bzw. Hijab und Co. stünde für die religiöse Unterdrückung der Frauen. Doch die Medienwelt möchte uns mit dem Zeigen von Einzelbeispielen vorgaukeln, dass Frauen durchaus emanzipiert und so gar nicht unter dem muslimischen Pantoffel stehen. Sie trügen die Bedeckungen freiwillig, seien religiös und dabei auch voll und ganz eine Frau. Das widerspreche sich doch nicht im Geringsten. Öhöm. Ernsthaft?

Ich teile diese Begeisterung nicht. Ich bin keine Muslima, ich kann es nicht nachempfinden wie es ist, sich für den Playboy in voller Alltagsmontur ablichten zu lassen. Die gezeigte Attitude des Nicht-Aktmodels empfinde ich persönlich als arrogant und provizierend. Warum muss sich überhaupt eine emanzipierte Frau für ein Magazin wie dem Playboy ausziehen?

Bloß ein Stück Stoff

Wie viele Kopftuchtragende und womöglich noch verheiratete Muslima hierzulande würden sich wohl diesen Schritt trauen? Und trügen dabei keine Konsequenzen davon?  Allein der Rummel um dieses Foto zeigt doch, dass an diesen „ach so bösen Mutmaßungen“, eine Hijab stünde für die Unterdrückung von Frauen, etwas dran sein muss. Keine andere Religion muss sich aktuell so immens behaupten, wie der Islam. Sahnehäubchen auf dieser Aktion ist Noors Herzenswunsch: Sie möchte die erste amerikanische TV-Moderatorin mit Kopftuch werden. Und da sage noch einer, das Kopftuch sei kein religiöses Symbol? Was symbolisiert es dann, wenn es bloß „ein Stück Stoff“ ist? Wäre es nicht viel emanzipierter, wenn sie sich ohne Kopftuch präsentieren würde? Grenzenlose Schizophrenie.
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Alissia Passia

Alissia Passia

Die gebürtige Berlinerin blieb bis heute der Hauptstadt treu, obwohl sie zu ihr eine gewisse Hassliebe pflegt. Kein Wunder, dass sie diesen inneren Konflikt auch gerne in ihrer Kolumne thematisiert. Passia hospitierte im Hause Axel Springer, wo sie ebenfalls nebenberuflich tätig war. Seit 2006 ist sie im Bereich Werbetext für verschiedene namhafte Agenturen, wie Jung von Matt oder BBDO, tätig. Sie konzipierte ebenfalls mehrjährig auf Kundenseite und zuletzt in der Berliner Agentur für digitale Transformation. Dem Digitalen bleibt Passia auch zukünftig treu und macht "irgendwas mit Medien".

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