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Islam und Händeschütteln

Das Vermeiden jedes Körperkontakts zwischen den Geschlechtern, selbst des unverfänglichen Händeschüttelns zu Begrüßung und Abschied, ist Zeichen einer Übersexualisierung der Geschlechter. Ein normaler Umgang zwischen Männern und Frauen wird so bewusst verunmöglicht.

Bild von un-perfekt auf Pixabay

Seit der Imam von Idar-Oberstein der CDU-Vorsitzenden von Rheinland-Pfalz, Julia Klöckner, ausrichten ließ, dass er ihr bei ihrem Besuch der dortigen Flüchtlingsunterkunft nicht die Hand geben werde, weil sie eine Frau sei, ist das Händeschütteln im Islam Thema der Integrationsdebatte. Ist die Weigerung des Imam ein Zeichen von Frauendiskriminierung?

Partnerwahl durch Händeschütteln?

Dagegen argumentieren S.K. unter dem Titel „reich mir (nicht) die Hand!“ in einem mittlerweile gelöschten Artikel [Anm.: Die Autorin distanziert sich heute von diesem Artikel, April 2019]  und Khola Maryam Hübsch, die auf Das Milieu vom „Drama ums Händeschütteln“ spricht. Beide betonen, dass es nicht um Frauendiskriminierung ginge, denn auch gläubige muslimische Frauen würden Männern nur ungern die Hand geben. „Der Körperkontakt zwischen Männern und Frauen, die nicht miteinander verwandt sind, ist im Islam unüblich“, so Hübsch. Dies entspreche „der Praxis des Propheten“. Zudem unterschätzten wir womöglich die „Macht der Berührung“, würden doch Studien belegen, „wie bereits ein einfacher physischer Kontakt durch das andere Geschlecht – ein Anfassen der Schulter oder ein Händeschütteln – zu einer höheren Risikobereitschaft führt.“ Zudem würde Händeschütteln unbewusst dazu dienen, Geruchsstoffe auszutauschen, die bei der Partnerwahl eine erhebliche Rolle spielten.

Wenn wir den Propheten einmal beiseitelassen, bleibt eine interessante Erklärung, die von einem merkwürdigen Menschenbild der Autorin und all jener zeugt, die im Händeschütteln einen problematischen Körperkontakt zwischen Menschen verschiedenen Geschlechts sehen, denen jede Berührung bereits als unschickliche Annäherung der Geschlechter gilt. Was hier zum Ausdruck kommt ist eine Übersexualisierung der Geschlechter. Jeder Kontakt, womöglich schon ein Blick werden als erster Schritt auf dem Weg zum Sexualakt wahrgenommen, der, sofern er außer- oder vorehelich erfolgt, eine schwere Sünde darstellt, die unbedingt verhindert werden muss. Als Mittel zum Zweck hat sich in der islamischen Welt die mehr oder weniger weitgehende Trennung der Geschlechter durchgesetzt – Saudi Arabien mit seiner fast perfekten Geschlechtertrennung ist da nur das extremste Ergebnis dieses Denkens. Es findet sich leider auch dort, wo man liberalere Ansichten vermuten möchte: Bei der Veranstaltung zur Begrüßung der neuen Studierenden am von Mouhanad Khorchide geleiteten Zentrum für Islamische Theologie in Münster gaben sich zumindest die Studentinnen und Studenten sehr konservativ. Sie setzten sich brav nach Geschlechtern sortiert in den Hörsaal, auf der rechten Seite die Männer, auf der linken die Frauen.

Sexualisierung der Geschlechter

Weder Männer noch Frauen können einen normalen Umgang mit dem anderen Geschlecht lernen, wenn über jedem Kontakt das Damoklesschwert des Verbotenen schwebt. Damit wird einzig der Sexualisierung des anderen Geschlechts weiter Vorschub geleistet. Ensaf Haidar, die Frau des saudischen Bloggers Raif Badawi, schreibt in ihrem jüngst erschienen Buch, Saudi Arabien sei ein durch und durch sexualisiertes Land: „Im Prinzip dreht sich alles um Sex – und die Frage, wie der möglichst effektiv verhindert werden kann.“ (Seite 69) Wer in europäischen Gesellschaften lebt und miterlebt, wie sich tagtäglich Millionen von Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht die Hand geben und darin eine Unsittlichkeit erblickt und glaubt, hier bestünde permanent die Gefahr des sexuellen Begehrens, hat vermutlich mehr Sex im Kopf, als ihm oder ihr gut tut.

Das Schütteln oder auch Geben der Hände ist ein kulturell gewachsenes Begrüßungsritual, wie es sie in allen Ländern dieser Welt gibt. Ursprünglich vermutlich ein gegenseitiges Zeichen des Respekts zwischen Männern und ein Bekunden der eigenen friedlichen Absichten – wer die rechte Hand gibt, kann in dieser keine Waffe führen – kann das Händeschütteln heute als Respektbezeugung und Geste der Höflichkeit, unabhängig vom Geschlecht des Gegenübers, gedeutet werden. Eine gesellschaftliche Konvention, mit der sich die Handelnden ihrer gegenseitigen Achtung versichern.

Respektlosigkeit kann keinen Respekt erwarten

Nun gibt es natürlich kein Gesetz, das dazu verpflichtet, gesellschaftliche Konventionen einzuhalten und etwa sein Gegenüber respektvoll zu begrüßen. Das von Julia Klöckner angedachte „Integrationspflichtgesetz“ wird kaum einen verfassungskonformen Passus enthalten können, der zum Händeschütteln verpflichtet. Frau Hübsch hat vollkommen recht, wenn sie bemerkt, dass sie in unserer Gesellschaft die Freiheit hat, selbst zu entscheiden, wem sie die Hand gibt und wem nicht. Sie muss dann aber auch zur Kenntnis nehmen, dass ihre Entscheidung, gegen eine gesellschaftliche Konvention zu verstoßen und jemandem die Hand nicht zu geben, als Missachtung und Unhöflichkeit verstanden werden wird – und auf Missachtung und Unhöflichkeit sollte, das hat Frau Klöckner mit ihrer Weigerung, den oben genannten Imam unter diesen Voraussetzungen überhaupt zu treffen, beeindruckend zum Ausdruck gebracht, keine respektvolle Reaktion erwartet werden.

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6 comments
Heinrich Schmitz

In Japan ist Händeschütteln auch nicht üblich. Nicht einmal zwischen Menschen des gleichen Geschlechts.

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    Heiko Heinisch

    In verschiedenen Ländern und Kulturen existieren unterschiedliche Begrüßungsrituale und verschiedene Konventionen den Umgang untereinander betreffend. Jemandem in Japan zur Begrüßung die Hand entgegen zu strecken wird ebenso auf Unverständnis treffen, wie hier den angebotenen Handschlag zu verweigern.

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Karl Rinast

Dass das Händeschütteln hier eine gewachsene gesellschaftliche Konvention ist, mag zutreffen. Allerdings sind solche Konventionen gewachsen und können weiterwachsen und sich verändern.
Auf eine Unhöflichkeit mit einer Respektlosigkeit zu reagieren, ist davon abgesehen aber eher ein Gegenangriff als eine angemessene Reaktion. Etwas mehr Gelassenheit dürfte man sich schon leisten. Man kann das tun, um seinen eigenen Status oder seine vermeintliche Macht zu demonstrieren. Ob es klug ist, darf man bezweifeln.
Ein sachlicher Hinweis auf eben die hier geltende gesellschaftliche Konvention und die Ankündigung, dass man aus Respekt keinen Händedruck anbieten werde, wäre ein Ausdruck von Souveränität gewesen.

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    Heiko Heinisch

    Wenn sich das Gegenüber erklärt, würde ich mich nicht unhöflich verhalten – meine Gedanken über das Gegenüber würde ich mir dennoch machen. Dass jemanden im Händegeben zwischen verschiedengeschlechtlichen Menschen eine Unsittlichkeit erblickt, finde ich zumindest merkwürdig und konservativ im schlechtesten Sinne.
    Wenn der andere bereits im Vorfeld über die Medien verkünden lässt, dass er mir bei einem Treffen sicher nicht die Hand geben werde, würde ich auf dieses Treffen, genau wie Frau Klöckner, verzichten. Respekt ist keine Einbahnstraße.

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      Sören Heim

      Das Problem sollte man tatsächlich eher an der vorherigen Ankündigung festmachen. Wenn ich mit jemandem zusammentreffe, der mir nicht die Hand gibt, aber sich zum Beispiel zur Begrüßung angedeutet verbeugt nehme ich das nicht als Respektlosigkeit war. Unterschiedliche Arten Freundlichkeit auszudrücken können Menschen im allgemeinen sehr gut deuten. Wer aber erklärt „ich gebe die XY nicht die Hand“ hat eine Intention, die über unterschiedliche kulturelle Begrüßungsrituale deutlich hinausgeht.

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        Heiko Heinisch

        Die vorherige Ankündigung, die Hand nicht geben zu wollen, würde ich auch als politisches Signal an die eigene Gemeinde deuten. Und natürlich gibt es verschiedene Möglichkeiten, Freundlichkeit bei der Begrüßung auszudrücken, denen ich mich im direkten Kontakt auch nicht verweigern würde (eine in der Luft hängen gelassene Hand gehört allerdings definitiv nicht dazu), aber es sagt eben auch etwas über die Handelnden aus, sich aus religiösen Gründen einem (orts-)üblichen Begrüßungsritual zu verweigern – weltoffen ist das jedenfalls nicht.