Charlie und ich

Ein sehr persönlicher Abschied von Charlie Watts.


Bild von StockSnap auf Pixabay

Dienstagabend, 24. August 2021.

Ich laufe die Inönü Caddesi in meiner Wahlheimat Izmir hinunter und muss trotz der bereits fortgeschrittenen Dämmerung meine Sonnenbrille aufsetzen, denn ich habe so richtig feuchte Augen. Ich bin auf dem Weg an die Meerespromenade, wo ich mich mit Charlie Watts für ein letztes Gläschen Wein auf eine Bank am Meer setzen werde – um auf den ersten Schock einen zu heben.

Als ich dort ankomme, ist die Szenerie von Hochsommer-Abendhimmel und dem Meer Black and Blue – wie der Name Stones-Albums, mit dem sich mir die gesamte Bandbreite der Band so richtig erschloss und das mir mein liebstes ist. Die Menschen um mich sehen, dass ich traurig bin, aber gut 90% könnten nix damit anfangen, wenn ich ihnen sagen würde, warum. Denn Charlie Watts leistete einen unschätzbaren Beitrag zu genau dem Rhythmus, der meiner Meinung nach meiner Wahlheimat fehlt. (Aber das wäre jetzt eine andere Geschichte.)

Also gehe ich in einen inneren Dialog zwischen Charlie und mir und frage mich, wie einen der Tod eines mehr oder minder fremden Menschen so dermaßen treffen kann?

Von Beatles zu Stones

Nachdem unsere gesamte Gang Ende der 1960er von den eher perfekten Beatles zu den, ganz offensichtlich, wie wir, mit Mankos versehenen und schrägen Stones gewechselt war, schnupperte ich im Juni 1976 an mein erstes Konzert: Unsere Familie verbrachte den Pfingsturlaub in der französischen Hauptstadt und ganz Paris träumte von Mick Jagger & Konsorten. Jedenfalls war die ganze Stadt entsprechend für das Konzert im Palais des Sports plakatiert. Doch die Woche bis zum Auftritt waren für den Entscheidungsprozess meines damals bereits auf Lebenszeit verbeamtenen Vaters zu kurz und die Haare aller Beteiligten eindeutig zu lang („Ich habe nix gegen lange Haare, wenn sie gepflegt sind!“) und so wurde das nix. (Im Nachhinein vielleicht ganz gut für einen damals 15jährigen. )

1982 war ich dem erstmöglichen Tet-a-tet schon sehr nahe. Wochenlang himmelte ich die zungenförmige Eintrittskarte für den Gig in München an. Aber dann versaute mir im bombig heißen Juli 1982 eine Angina, die ich mir mit zu viel Bier, was-weiss-ich-alles und Rock’n Roll am Baggerseewochenende zuvor eingefangen hatte, das berühmte erste Mal. Damit war die Chance vertan, die Stones im Zenit ihrer dreckigen und schrillen Zeit zu erleben. Das Konzertalbum „Still life“ hörte ich danach rauf und runter – und sowohl der Name des Albums selbst, sowie Erzählungen derer, die das Konzert sahen, weckten erste Zweifel in mir, ob ich sie selbst noch einmal life and alive sehen würde. Denn schon die Vorberichterstattung zu dieser legendären Tournee hatte mich als Frisch-Twen geschockt: Charlie Watts ist bereits biblische Ü40, so wurde berichtet.

Sieben Mal habe ich die Stones dann doch noch auf der Bühne gesehen. Der Einstieg war die 1990er Steel Wheels-Tour und ich war mir recht sicher, dass das wohl zugleich Hello und Goodbye war. Dieses Gefühl vermittelte mir allerdings nicht Charlie Watts, sondern Keith Richards. Ich schämte mich fast ein bisschen, diesen wie ein Wrack wirkenden Künstler durch den Kauf meines Tickets mit zu der Qual eines Auftritts gezwungen zu haben.


Zurück also zur Frage, wieso mir sein Tod so verdammt nahe geht? Und wieder kommt Keith Richards in Spiel, diesmal mit seinem Spruch:

Es gibt Generationen, für die sind 3 Dinge omnipräsenter Bestandteil ihres Lebens- die Sonne am Himmel, die Luft zum Atmen und die Rolling Stones.

Darauf hatte ich mich wohl bis heute verlassen. Und falls mir, und das tat sie zweifellos etliche Male, eine Vorstellung so richtig Angst machte, dann die Schlagzeile, dass eben jener „Keef“ von uns gegangen sei.

Heute aber sah ich um 19 Uhr in den heute-Nachrichten den Namen „Charlies Watts“ in weißer Schrift auf schwarzem Grund.

Forever Stones


Spätestens 1995 jedoch, als ich die Stones drei Mal auf der „Vodoo-Lounge“-Tour sah, etablierte sich eine, gerade für einen Zahlenmenschen wie mich furchtbar unrealistische, Fata Morgana: Die Stones wird es für immer geben. Punkt. Fertig. Aus.
Und als der Schlagzeuger dann auch noch 2004 eine Krebserkrankung – und drumherum Keith Richards je einen Sturz in seiner Bibliothek und einen von einer Kokospalme jeweils direkt auf die Birne überstand und seither frischer denn ever wirkte, brachte nichts, auch nicht das kreischendste Riff von Meister Richards himself, diese Überzeugung ins Wanken.


Einer dieser drei 1995er Gigs fand an einem lauten und traumhaft schönem Augustabend in einem riesigen Aufmarschstadion aus kommunistischen Zeiten über den Lichtern von Prag statt. Die Stones fuhren zusammen mit Václav Havel vor und
ich sah bei der Gelegenheit Charlie für ein paar Momente außerhalb der riesigen Bühne – von der Limousine kommend dieser zustreben. Es war das erste und einzige Konzert, in das ich zum Nulltarif hineinflutschte, genauer gesagt musste. Das Drumherum war so chaotisch organisiert, dass wir uns plötzlich bereits hinter den ersten Absperrungen wiederfanden und es für cleverer hielten, sobald ein ebenso wachender wie berittener Polizist um die Ecke war, durch ein ramponiertes Stahltor für lau hinein zu stürmen, statt noch einmal zurückzugehen und auf Karten zu hoffen.

„Vodoo-Lounge“, das war ein genial gewählter Name für diese Epoche, bei denen sich erneut etwas zwischen den Rolling Stones und uns verband: Wir waren gereift, erfahren, aber noch topfit – fühlten uns im Filetstück unseres Lebens angekommen.
(Und überhaupt: Genau genommen bin ich ja einer der Millionen, wenn nicht Milliarden, die eigentlich einer der Stones sind, den sie halt bisher einfach nicht kennenlernt haben.)

Wegbrechende Fundamente

Das mag der Grund für diese besondere Trauer, diesen Schock sein: Die Grundsteine des Lebensfundamentes meiner Generation sind heute ins Rollen gekommen.

Wenn wir Menschen aus unserem Umfeld verlieren, dann war es für mich bisher immer so, dass das zwar traurig war, aber man es sich schönreden konnte. Ihre Zeit war gekommen, „es war besser so“. Gut, das würde für einen 80jährigen, der schon einmal Krebs hatte auch gelten, also muss da mehr sein.

Wenn man Geliebte aus dem Leben verliert, weil sie sich z.B. eben genau dafür entschieden haben, ihre Liebe fortan einem anderen zu schenken, dann bleibt einem wenigstens eine ordentliche Wut – aber wie könnte ich auch nur ansatzweise wütend auf Charlie Watts sein? Evtl. war es damals Mick Jagger, als er ihn in den wilden Jahren mitten in der Nacht auf seinem Hotelzimmer anrief und mit „Ich möchte sofort meinen Drummer sprechen“ zu ihm zitierte. Keith Richards war zum Glück mit in Jaggers Zimmer, an dessen Tür Watts ein paar Minuten später, frisch rasiert und in Anzug mit Schlips gekleidet, klopfte und Jagger mit den Worten „Nenn mich nie mehr deinen Schlagzeuger, Du bist mein Sänger!“ einen derartigen Schwinger versetzte, dass es Keef zu verdanken war, dass der frontman nicht durch das offene Fenster der Suite fliegend auf ordinärem Asphalt endete.


Die Stones sind nicht immer gut mit ihrem Personal umgegangen, bereits 1969 segnete Brian Jones das Zeitliche und das recht emotionslose Verhalten der übrigen Stones wurde kritisiert. (1969 übrigens war Charlie Watts bereits 5 Jahre mit Shirley Ann Shepherd verheiratet, die seit ein paar Tagen seine Witwe ist.)

Nur im Sarg
Der Bassist Bill Wyman schied, ohne Richards Spruch “Die Stones verlässt man nur im Sarg“ zu berücksichtigen, 1992 sang- und klanglos aus. OK, Wyman wurde wohl schon bei der Gründung nur aufgenommen, weil er eine für die anderen Stones zu dem Zeitpunkt noch unerschwingliche Verstärkeranlage mit einbrachte. Aber auch im letzten Möbel verließ ein weiterer Stone die Band, und über ihn kommen wir jetzt endlich zur Kernkompetenz von Charlie Watts, den Rhythmus. Der Pianist Ian Stewart, zu dem es natürlich wieder einen markigen Spruch von Keith Richards gibt („er war zweifellos englisch und weiß, aber seine linke Hand stammte direkt aus dem Kongo“) war vom Management aussortiert worden, weil er nicht zum Image der Band passte. Als Begleitmusiker war er zwar noch lange Zeit präsent, aber auch der Umgang mit ihm war alles anders als die feine, englische Art, die eben gerade Charlie Watts verkörperte. Stewarts Tod 1985 nahmen nur ein paar Insider so richtig zur Kenntnis. Immerhin werteten die Stones mit seinem „Key on the Highway“ ihre wohl unnötigste Platte,
Dirty Works“, auf.

Und auch Charlie Watts selbst, aber das ist wohl nur einer der genialen Marketing-Gag der Steine, soll bei der Aufnahme von „It’s only Rock’n Roll“ schon einmal dem Tod ins Auge geblickt haben: Die Band flutete während der Aufzeichnung des Videos das Zelt, in dem sie den Song spielten, mit einer Schaumkanone und übersah, dass der Wasserspiegel schnell ansteigen würde. Watts blieb, in eine Matrosenuniform gewandet, stoisch hinter seinem Rhythmusinstrument sitzen und soll im letzten Augenblick gerettet worden sein.

Bodenhaftung


Überhaupt: dieser unglaubliche Mix aus Coolness, Unschuld und Bodenhaftung des Drummers. Als nicht nur ich die Stones noch für eine Rockband hielt, da passte er scheinbar so gar nicht dazu. Es war die Zeit der Superlative. Egal, ob es die Ego oder die Instrumente der bombastisch Schönen und Lauten waren: Groß, größer, am größten musste es ein. Gerade die Schlagzeuger waren hinter ihren riesigen Drum-kits oft nur noch aufgrund ihrer ebenso riesigen, oft wasserstoffblonden, Mähnen auszumachen. Lange bis möglichst endlose, maximal komplizierte Soli waren das Maß aller Dinge. Und denen gegenüber saß nun Charlie Watts erst mit Seitenscheitel, und dann irgendwann sogar Reinhard Mey ähnelnd, hinter einem Schlagzeug, das jeder popeligen Coverband nur ein müdes Lächeln entlockte hatte. OK, müde lächeln war auch sein Metier. Vor allem aber: Charlie Watts‘ eher souveränes Lächeln konnte man hinter seinem Hauch von Schlagzeug sehen – er war immer als Bandmitglied mittendrin präsent. Und, Kenner mögen mich korrigieren: Ich erinner kein einziges Drum-Solo von ihm. Wir brauchten lange, seeeehr lange, um zu kapieren, dass gerade von ihm der Zusammenhalt der Band ausging, er aber auch der musikalische Kitt war, der die Stones so einmalig machte.


Watts musikalische Liebe galt dem Jazz. Hier lebte er sich musikalisch aus und war glücklich (Ich denke allerdings nicht, dass er bei den Stones unglücklich gewesen sein mag). Der US Jazz war für ihn die Initialzündung, Musiker zu werden. Um Jazz zu trommeln, baute er sich als 10jähriger aus einem Banjo sein erstes Schlagzeug. Und mit Alexis Korner begann er 1960 vor Publikum zu spielen. Zu den Stones kam er, mehr oder minder zufällig, erst 3 Jahre später.

Während zu der Zeit Mick Jagger noch eher mit dem Gros der Kollegen ging und eine laute Rampensau war, spann sich zwischen Richards (der nun auch alles andere war, als ein Prototyp seiner Gilde und Zeit) die „Rhytmusmaschine“ der Stones.

Ich möchte auf der Bühne möglichst alle anderen hören, aber Mick und Keith muss ich hören, der Rest ist Staffage

so beschrieb es Watts.

In seiner Herzangelegenheit Jazz lebte er sich im „Charlie Watts Quintett“ aus. Und ich muss es zugeben: Meine einzige Chance, dieses Idol mal in einem kleinen Rahmen zu sehen, habe ich Anfang der 1990er mit wohl noch zu viel Rock’n Roll im Blut vergeigt.
Da wäre er als Jazzer in einem überschaubaren Berliner Club aufgetreten.


Den Stones schenkte er einen Groove, der seines Gleichens sucht und nie mehr so richtig zu finden sein wird. Er hatte ein unbeschreibliches Gefühl für die „Off beats“, die, die eben Spannung und Begierde erzeugen. Er stolperte, scheinbar unbeholfen, aber bis ins Letzte ausgeklügelt, immer den Hauch eines Wimpernschlags den anderen hinterher.

Klar, das wird sich rein technisch wohl ersetzen lassen, mit Steve Jordan hat er ja selbst den Drummer ausgesucht, der ihn nur auf der auf der bevorstehenden US-Tour ersetzen sollte.

Skandalfrei

Er war der leiseste, ich kann mich an nicht einen mit Charlie Watts verbundenen Skandal erinnern (er fuhr weder wie sein Kollege Keith Moon mit der Harley über den Hotelflur zum Pinkeln, noch packte er Goldfische in seine Trommel) und zugleich und ohne jeden Zweifel der Coolste der Stones. Der jedes Mal glaubhaft verlegen wirkte, wenn Jagger am Ende eines Konzerts immer wieder die Band aufs Neue vorstellte und mit „Charlie Watts from Wembley“ die Reihe an ihn kam.

Er wird fehlen. Ab jetzt. Und für immer.


Und jetzt kapiere ich, was mich heute so tief umgräbtt:
Es ist der unwiderrufliche Anfang vom Ende von etwas, das, rational betrachtet, kommen musste, das ich aber so gekonnt und micht selbst belügend verbannt hatte, wie der Vogel Strauß seinen Kopf in den Sand steckt.

Und so denke ich, An der Bucht von Izmir – in Black and Blue, bei eiskaltem Rotwein am Sommerabend des 24. August 2021 mit 1.001 Stones-Songs im Ohr an Charlie Watts. An seinen letzten Live-Auftritt in Form einer Corona-Online-Session, als er in seiner einzigartigen L.m.a.A.-Manier zu „You can’t always get what you want“ Drums spielte – ohne dass da selbst auch nur die mickrigen Charlie-Watts-Drums zu sehen gewesen wären.

Charlie Watts – die Coolness, der Beat, in Ewigkeit, Amen.

Michael Hendl

Michael Hendl ist freiberuflicher Berater für Organisation und Marketing. 60 Jahre alt, in Bayreuth geboren. Er lebt er seit 10 Jahren inder Türkei, mittlerweile in Izmir.

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