Lasst dem Wal doch seine Wahl

Seit zwei Wochen bangt die Nation um Wal Timmy (oder auch „Hope“), der vor der Insel Poel im Sterben liegt. Dabei hat der Meeresgigant schon recht früh signalisiert, dass er einfach nur seine Ruhe möchte. Heinrich Schmitz hat das Thema bereits von seiner rationalen und rechtlichen Seite beleuchtet – Cynthia Tschoek widmet sich den Emotionen und der Vermenschlichung von Tieren.

Symbolbild, KI-generiert.

Der Buckelwal, der vor rund zwei Wochen am Timmendorfer Strand auf einer Sandbank festsaß, war schon zu diesem Zeitpunkt kein Fremder mehr in der Ostsee. Er irrte bereits seit sechs Wochen dort herum, war wahrscheinlich Heringsschwärmen vom Atlantik her gefolgt. Ein Teil eines Geisternetzes war aus seinem Maul entfernt worden und man hatte gehofft, er fände den Weg zurück in den Atlantik.

Spoiler: Hat er nicht.

Wir müssen dem Tier doch helfen

Der erste Rettungsversuch, nachdem sich der Wal festgeschwommen hatte, war noch nachvollziehbar. Es hätte ja sein können, er ist unabsichtlich auf die Sandbank geraten. Auch wenn er zu diesem Zeitpunkt schon krank und geschwächt war, da das Futterangebot für Wale in der Ostsee einem Klopapierregal zu Coronazeiten gleicht, und so eine Walhaut außerdem auf Dauer kein Süßwasser verträgt.

Man schaffte es, das Tier freizubaggern – und was machte es? Steuerte schnurstracks die nächste Sandbank an. Ich bin keine Walexpertin, aber wenn ich dieses Verhalten deuten müsste, würde ich sagen: Der arme Kerl wollte nicht mehr schwimmen. Er konnte nicht mehr. Er wollte ruhen und dabei nicht ertrinken (für alle, die in Biologie nur Kreide holen waren: Wale sind keine Fische und müssen regelmäßig an die Wasseroberfläche, um zu atmen). Und vor allem wollte er nicht, dass ihm Leute mit Booten und Baggern auf den Sack gehen und mit Paddeln auf das Wasser neben ihm dreschen.

Stellen Sie sich vor, Sie liegen auf dem Sterbebett und jemand rüttelt ständig an der Matratze, um Sie zu animieren, vielleicht doch wieder aufzustehen und Samba zu tanzen. Würde Ihnen das gefallen? Mir jedenfalls nicht.

Auch ich vermenschliche Tiere

In unserer modernen Welt haben wir den Hang, Tiere zu vermenschlichen. Ihnen die gleichen Gedanken und Gefühle zuzuschreiben, die wir haben, obwohl sie kognitiv nicht in der Lage sind, Konzepte wie Raum, Zeit und abstraktes Denken auf diese Art zu erfassen. Das heißt nicht, dass sie nicht denken und fühlen, aber es geschieht auf eine andere Weise als bei uns. Wir geben ihnen Namen, wir fantasieren eine Geschichte und eine Persönlichkeit in sie hinein.

Auch ich mache das. Meine Katzen haben nicht nur Namen, sondern auch Spitznamen, gar Adelstitel. Wir dichten ihnen Lieder und lieben sie wie eigene Kinder. Und wenn sie sterben … davon wollen wir lieber gar nicht reden. Die Trauer ist unermesslich.

An sich ist Anthropomorphismus ja auch nichts Schlechtes. Er hilft uns dabei, mehr Empathie für Tiere zu empfinden und sie dadurch besser zu behandeln. Aber manchmal, wie im Fall des Buckelwals Timmy, geht das auch nach hinten los. Nämlich dann, wenn die Vermenschlichung mit unserer westlichen Nichtakzeptanz des Todes zusammentrifft.

Unser Motto ist dann „Leben um jeden Preis“, und gerade für Wildtiere ist das nicht immer die beste Option.

Warum können wir nicht alle retten?

Das Lebewesen, das gerettet werden soll, muss diese Rettung auch selbst wollen. Und Tiere können erstaunlich stur sein, wenn sie sich anders entschieden haben.

Als verkündet wurde, dass die Rettungsversuche für Timmy eingestellt werden, weil dem Tier nicht mehr geholfen werden kann, gab es sofort eine Demo. Man kann doch jetzt nicht einfach aufgeben!

Jemand soll sinngemäß gesagt haben: „Wir können auf den Mond fliegen – wieso schaffen wir das nicht?“

Meine Antwort darauf ist, dass bei einer Mondmission alle freiwillig dabei sind und aktiv daran mitarbeiten. Wenn aber ein 15 Tonnen schwerer Wal sagt: „Nö!“, dann ist das so.

Einer schlug gar vor, das Tier in ein riesiges Netz zu packen und ihn mit einem Helikopter in den Atlantik zu fliegen. Das müsse doch möglich sein.

Und solche Ideen zeigen, wie fern wir manchmal der Realität sind. Abgesehen davon, dass das eben nicht so easy-peasy möglich ist, portraitiert dieser Vorschlag sehr schön das, was bei allen erzwungenen Rettungsmaßnahmen für manch einen selbsternannten Tierschützer am wenigsten zu zählen scheint: der Wille des Tiers.

Timmy darf nicht sterben, weil wir wollen, dass er lebt, ob es ihm nun passt oder nicht. Schließlich haben wir ihm schon einen Namen gegeben, eigentlich sogar zwei, und ihn irgendwie in unser Herz geschlossen.

Der Tod ist selten schön

Eigentlich, so heißt es, wolle man das Tier nun endlich in Frieden lassen, und so durfte es jetzt seit ungefähr einer Woche auch relativ unbehelligt in der Wismarer Bucht liegen. Jetzt ist plötzlich wieder von einem Katamaran die Rede. Und von einem Gutachten. Ich hoffe, dass dieses Gutachten besagt, dass man das arme Tier weiterhin in Frieden lassen soll und ihn nicht noch sterbend in die Nordsee verschifft.

Irgendwann wird sein eigenes Körpergewicht seine Organe zerdrücken und seinen Kreislauf versagen lassen. Nein, das ist keine schöne Vorstellung. Doch der Tod da draußen in der Natur ist selten friedlich und würdevoll.

Aber es gibt auch keine besseren Optionen. Einschläfern ist bei so einem Giganten nicht möglich, weil keiner weiß, welches Medikament man ihm literweise verabreichen müsste – und wie überhaupt, denn so eine Walhaut lacht nur über eine Kanüle. Erschießen funktioniert genauso wenig. In Australien und Neuseeland werden gestrandete Wale manchmal gesprengt, aber das kann auch schiefgehen, und – hier sind wir wieder bei unseren menschlichen Animositäten – das ist kein schöner Anblick.

Was ich Timmy wünsche

Ich wünsche mir, dass der arme Kerl es bald geschafft hat. Dass er ins Jenseits schwimmt, ohne dass Boote um ihn kreisen oder irgendjemand ihn immer wieder untersucht.

Noch vor zweihundert Jahren hätte er gar nicht so lange in der Bucht gelegen – da wären die Anwohner mit Hacken und Sägen gekommen und hätten sich über Fleisch, Tran, Haut, Knochen und Barten gefreut. Ein gestrandeter Wal war da der Hauptgewinn.

Aber so was geht nur, wenn man Tiere nicht vermenschlicht. Was auch nicht immer die richtige Entscheidung ist, denn am Ende sind sie ja, genau wie wir, fühlende Wesen. Und als solche haben sie auch das Recht, zu entscheiden, dass sie unbehelligt sterben wollen.

 

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