Ostermontag – Hinaus aus der Stadt

Ostermontag ist der Tag, um aus der Stadt herauszulaufen und auf dem Weg mit Fremden zu reden, die vielleicht gar keine Fremden sind.

Foto: Jörg Phil Friedrich

Zufällig ist in den letzten Tagen eine kleine Feiertagsserie bei den Kolumnisten entstanden, begonnen hat Chris Kaiser am Palmsonntag, Gründonnerstag hat Matthias von Schramm übernommen, gefolgt von Ulf Kubanke am Karfreitag. Gestern war am Ostersonntag Chris Kaiser noch einmal dran, und diese Ostermontagskolumne bildet nun den Schluss.

Ich bin an einem Ostermontag geboren worden. Allerdings war das für mich nichts Besonderes, denn in dem Land, in dem ich aufgewachsen bin, wurde der Ostermontag als gesetzlicher Feiertag bald nach meiner Geburt abgeschafft – was allerdings nichts damit zu tun hat, dass meine Geburt auf diesen Tag fiel. Es ist eigentlich erstaunlich, dass ich immer gewusst habe, dass ich an diesem zweiten österlichen Feiertag das Licht der Welt erblickt habe, denn einerseits, wie man weiß, ist so ein Geburtstag im ersten Frühlingsmonat keineswegs jeder Jahr in Feiertagsnähe und andererseits bin ich in einem sehr atheistischen Land in einer sehr atheistischen Familie zu einem sehr atheistischen Menschen herangewachsen, der mit Ostern keinerlei religiöse Gefühle verband und der den Ostermontag deshalb auch nicht vermisst hat.

Nachdenken über Religion

Wann ich angefangen habe, mich mit den christlichen Feiertagen und den Geschichten, die mit ihnen verbunden sind, zu beschäftigen, weiß ich nicht mehr. So richtig erwacht ist mein religiöses Interesse erst mit meinem Philosophiestudium, bei der Beschäftigung mit der Religionsphilosophie. Ich begann, darüber zu spekulieren, wie man sich einen Gott überhaupt denken kann, wie ein Gott mit unserem Erleben der Welt zusammenpassen könnte. Eine Beschäftigung, die schließlich darin mündete, dass ich das Buch „Der plausible Gott“ geschrieben habe, und die zunächst natürlich nichts mit den christlichen Feiertagen zu tun hatte. Allerdings passte in meine Überlegungen sehr gut, dass Autoren – nicht nur die der Bibel, aber auch die – von einem göttlichen Geist inspiriert sein könnten, und dass das erklären könnte, warum manche Geschichten, eben auch die der Bibel, uns über einen Zeitraum von Jahrtausenden immer noch „etwas sagen“ können.

Was an den biblischen Texten ja so erstaunlich ist, sind diese Geschichten, die mit bestimmten Tagen im Jahr verbunden sind und die jedes Jahr wieder dazu einladen, über existenzielle Aspekte des menschlichen Lebens nachzudenken. Ostermontag ist da keine Ausnahme, auch wenn das Geschehen dieses Tages, welches da gefeiert wird, den meisten Menschen nicht so präsent ist wie die Ereignisse in der Heiligen Nacht, am Karfreitag oder gar am Ostersonntag.

Was geschah an diesem Montag nach der Auferstehung?

Zwei der Jünger Jesu hatten Jerusalem, den Ort des Leidens und der Niederlage, verlassen und waren voller Trauer auf dem Weg. Zwar wussten sie schon, dass das Grab leer war und dass die Frauen erzählt hatten, Jesus sei ihnen erschienen, aber offenbar glaubten sie es nicht. Ein Fremder schloss sich ihnen an und fragte nach dem Grund ihrer Traurigkeit. Sie waren irritiert, dass er offenbar über die Ereignisse der letzten Tage in Jerusalem nichts wusste und erzählten ihm, was geschehen war. Er, natürlich war es der auferstandene Jesus, den sie nicht erkannten, erklärte ihnen, warum der Menschensohn dieses ganze Leid ertragen musste.

Im nächsten Ort luden die beiden den Fremden zum Essen ein, und als er das Brot brach, erkannten sie Jesus plötzlich, der aber im gleichen Moment verschwand. Sie eilten nach Jerusalem zurück und erzählten den anderen Jüngern von ihrer Begegnung mit Jesus.

Diese Ostermontagsgeschichte ist, wie viele anderen Geschichten der Bibel, ein Geschehen, das symbolisch steht für vieles, was uns Menschen charakterisiert, hier für unseren zweifelnden und blinden Umgang mit der Realität. Was andere erzählen, glauben wir schon mal nicht, wenn wir es für unglaublich halten, selbst wenn diese Leute gute Freunde sind und eigentlich vertrauenswürdig. Und wenn wir in unseren Überzeugungen auch emotional tief gefangen sind, dann erkennen wir die Wirklichkeit nicht, auch wenn sie uns vor Augen steht.

Vor allem aber ist an der Ostermontagsgeschichte bedenkenswert, in welchem Moment die Wahrheit dann doch offenbar wird: nicht Worte und lange, beeindruckende Erklärungen überzeugen, sondern die einfache, sichtbare, physische Handlung, das Brechen des Brotes – daran erkennen sie ihren Freund und das macht ihnen schlagartig sichtbar, dass er es ist.

Osterspaziergang

Darüber kann man heute beim Osterspaziergang sinnieren, und es heißt, dass der Osterspaziergang überhaupt an diese Wanderung der beiden Jünger am Ostermontag erinnern soll. Pass auf, liebe Leserin, wem du heute begegnest, achte auf seine Worte, aber vor allem auf seine Hände, auf das, was er tut – vielleicht erkennst du jemanden, auf den du nicht mehr gehofft hast. Heute oder an einem anderen Tag.

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