Menschen müssen bewerten

In der letzten Woche habe ich die menschliche Qualität des Wertfrei-Seins beleuchtet. Leider aber müssen Menschen ständig Dinge bewerten und einschätzen, um zu überleben.

Der Autor beim Bewerten

Wie so ein Klaas (wie es wohl Altnorddeutsch heißt), gehe ich mit Freunden immer wieder in dieselben Speiselokale und bestelle mir dort auch immer die gleiche Nahrung. Warum? Das Essen ist nichts Besonderes, aber auch nicht ganz schlecht. Vom Verzehr wird nicht abgeraten, aber man hat nicht soviel davon, dass man schwärmen müsste.

Wichtig aber ist, dass die Gemeinschaft einen netten Abend zusammen verbringt. In diesen Lokalen kennt man uns und man behandelt uns dementsprechend menschlich. Wir lassen regelmäßig Trinkgeld da und sprechen den kostspieligen Getränken zu. Irgendwann habe sogar ich die Nase voll davon und gehe allein und heimlich zu einem Ort, an dem es mir wirklich richtig gut schmeckt.

Wollen wir essen und trinken gehen!?

Neulich wurde ich Zuhörer eines dieser Mobiltelefonate in der U-Bahn. Die Menschen reden ja gerne laut und vernehmlich, wenn Dritte unfreiwillige Zeugen von Privatgesprächen werden sollen. Dabei sprach eine junge Frau eine Sinnkonstruktion, welche mir zu einem langen aber zutreffenden Romantitel taugen würde. Sie sagte doch tatsächlich zu einer Person am anderen Ende einer technisch vermittelten Leitung: „Wollen wir zusammen essen gehen – wir können dann auch gemeinsam etwas trinken! Weißt was ich mein!?“

Diese Aussage bewerte ich als lyrische Prosa vom aller Schönsten. Sie beinhaltet auf extrem ästhetische Weise, meine oben erzählte Problematik des gemeinsamen Seins. Dieser mutmaßliche Buchtitel beschreibt auch bereits eine ganze Geschichte unserer bekannten Werteskalen. Weißt was ich mein? Um in dieser Schwierigkeit zu überleben, müssen wir ständig bewerten, damit wir nicht auf der Strecke bleiben.

Ich saß also noch lange auf einer Bank unter einem Hochbahn-Viadukt und dachte über die Worte dieser Frau nach.

Wer nicht bewertet, der schätzt nicht ein!

Im Laufe unseres Lebens entwickeln wir alle unsere wunderschönen Vorurteile gegenüber anderen Menschen. Wir lernen Vorsicht und Obacht zu haben. Deswegen sind Menschen dazu gezwungen, ständig zu bewerten. Und wenn man dann einmal nach einigen menschlichen Enttäuschungen die Notwendigkeit des Einschätzens begriffen hat, kommen die Leute daher und fordern solche Dinge wie: Toleranz, Wertfreiheit, Offenheit, Nächstenliebe.

Vor allem soll man nun plötzlich in neue Lernprozesse eintauchen. Dabei wurden wir nachhaltig darauf trainiert, Einschätzungen vorzunehmen, um letztlich immer und immer wieder gewappnet zu sein. Gewappnet vor unnützen Geldgeschäften, gewappnet vor naheliegenden menschlichen Begegnungen, mit letztlich nicht nahestehenden Leuten und gewappnet vor teurer Technik, die dann am Ende doch nicht begeistert.

Wohlmöglich – vielleicht – aus Erfahrung – weil man ja so einiges hört!?

Vertrauen ist gut – Menschenkenntnis ist besser!

Es ist mir klar geworden, dass ich nicht von den auf Bewertung trainierten Menschenkindern aus dem Nichts verlangen kann, nur noch wertfrei zu beobachten. Man braucht zumindest grobe Muster, letztlich auch um einen eigenen Geschmack zu entwickeln.

Allerdings, wenn man zu sehr diesen Mustern verfällt und zum „Mustersklaven“ generiert, dann ist es auch Essig.

Ja wie denn nun? Wir sind neugierig, haben dafür bestimmte rhetorische Worthülsen erobert, um Dinge zu beschreiben. Kunst z.B., oder die Kunst Ahnungslosigkeit in Formulierungen zu packen: „Mir sagt das was!“ „Das macht was mit mir“, oder auch neogermanisch in der Sprachart des Social-Media Kochs Bernd Zehner: „Ich fühl das!“

Und Gefühle soll man ja bekanntlich nicht verstecken und darf man ruhig zeigen. Nur eben nicht zu viel davon. Nur halt nicht im falschen Moment und am ungeeigneten Ort.

Reden – statt bewerten?

Erst in längeren sozusagen ergebnisoffenen Gesprächen, habe ich gelernt, wann hilfreiche Maßstäbe Sinn ergeben. Erst in solchen Dialogen, habe ich verstanden Ressentiments von der Warnung vor toxischer Vereinnahmung zu unterscheiden. Vor allem waren das Unterhaltungen, bei denen Hautfarbe, Herkunft und Geschlecht der Menschen keine Rolle spielten.

Auch in solchen Dialogen werden Menschen bewertet. Aber eben Menschen und keine Schattierungen aus irgendwelchen Farbmusterkarten. Nicht Jede und nicht Jeder ist für alles gleichsam geeignet. Aber jede Person hat das Recht auf eine faire Bewertung. Und vielleicht ist diese nüchterne Feststellung so eine Art Schlüssel zwischen Wertfreiheit und letztendlich doch notwendiger Einschätzung. Wenn ich dann bei so einem Gespräch feststelle und auch feststellen darf, ob ich etwas gut, schlecht oder so lala finde: dann haben idealer Weise alle etwas davon.

Newsletter abonnieren

Sie wollen keine Kolumne mehr verpassen? Dann melden Sie sich zu unserem wöchentlichen Newsletter an und erhalten Sie jeden Freitag einen Überblick über die Kolumnen der Woche.