Es war einmal – im Jahr 1990. Oder vielleicht 1991. Ich ging zu einem Freund ins Wohnheim der physikalisch-technischen Fakultät, zum Lernen und zum Chillen, wie man heute (nicht) schön sagt. Der Freund, Sascha, mein ehemaliger Mitschüler, brachte mir Physik bei, ich ihm Chemie – man wusste sich in der Klausurphase zu helfen.
Die Zimmer waren spartanisch eingerichtet: keine ergonomischen Arbeitsplätze, Hefte auf den Knien, Bücher auf dem Boden, dazwischen Schmierbrote. Nichts Besonderes.
Das war bestimmt kein Grund dafür, dass ich aus heiterem Himmel einen Hexenschuss bekam – meinen ersten heftigen, mit ein paarundzwanzig Jahren. Ich konnte mich nicht aufrichten, der Schmerz war kaum zu ertragen.
Was machte man damals im Krankheitsfall? Den Notruf betätigen? Ein Telefon gab es nur unten an der Pforte, streng bewacht von einer mürrischen Wächterin – benutzen durfte man es meistens nicht. Außerdem war die Idee, dass ein Krankenwagen käme, genauso abwegig wie die Vorstellung, hier und jetzt ein UFO landet.
Alle hatten Vorräte an Schmerzmitteln, Fiebersenkern, Mullbinden und Brillantgrün-Lösung – das musste für allerlei Wehwehchen reichen. Nun trat mir Sascha die letzten zwei Analgetikum-Tabletten aus seinem Fundus ab. Die Wirkung blieb aus. Er ging zu den Nachbarn, klopfte an jede Tür im langen Korridor, bis er mit einem Blister Tempalgin zurückkam. Die lackgrünen, großen Tabletten konnte ich nicht schlucken, ich zerkaute sie hastig – noch zwei Stück, oder mehr, das weiß ich nicht mehr. Sie schmeckten bitter. Danach war mein Speichel wunderbar süß.
Ich richtete mich auf und verließ Saschas Zimmer. Ich ging durch den langen dunklen Gang ins Treppenhaus und suchte mir eine Position zwischen der vierten und fünften Etage, um exakt im Scheitelpunkt des Treppenwinkels zu stehen – mit maximalem Durchblick nach oben und unten. Symmetrie war in diesem Moment außerordentlich wichtig.
In dieser geometrisch durchdachten Location begann ich, Lieder der Buckel- und Orkawale zu singen. Ich weiß sogar noch, wie eines der Lieder hieß: „Die Orkaklage“ – „Platsch Kasatki“.
Der arme Sascha bekam einen riesigen Schreck. Die Studenten, die hin und her vorbeihuschten, blieben stehen – erst lachten sie, dann wurden sie besorgt und boten Sascha Hilfe an. Er versuchte, mich nach Hause zu befördern, aber ich klammerte mich fest an das Geländer und sang weiter.
An das Ende der Geschichte erinnere ich mich nicht. Wahrscheinlich brachte mich der verantwortungsbewusste Sascha irgendwann doch in mein Wohnheim.
Ich kann auch gar nicht sagen, wie ich auf diese Lieder kam, woher ich sie kannte, warum ausgerechnet Wale, wie ich es schaffte, diese Geräusche aus meiner Kehle zu pressen.
Diese alte Geschichte kam wieder hoch, als ich „Songs of the Humpback Whale“ entdeckte – die Vinylplatte, 1970 von dem Bioakustiker Roger Payne veröffentlicht (mein Jahrgang; hat das etwas zu bedeuten? Bestimmt nicht, stimmt mich aber nostalgisch bis mystisch ein). Die Lieder sind von erschütternder Schönheit.
Der Versuch, mitzusingen, scheiterte – ach, Mensch.
Ein Unterwasser-Bach wird irgendwo weiter schweben und seine Fugen in die Welt schicken.
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