Lasst mich doch alle in Ruhe! Der neue Provinzialismus …

… oder warum wir die große Welt nicht mehr aushalten und uns ins Kleine retten.

Unsere Welt ist nicht mehr weit und verheißungsvoll, sondern unberechenbar und bedrohlich. Während geopolitische Sicherheiten bröckeln, ziehen sich viele Menschen in überschaubare Komfortzonen zurück. Vom Bauernhof im Speckgürtel bis zur Milchtankstelle wird Provinzialismus zum Lifestyle. Influencer ziehen aufs Land, Pilates ersetzt Dating und politische Parteien verkaufen Nestwärme gegen Angst. Je fragiler die Welt wird, desto kleiner machen wir sie. Zwischen globaler Unsicherheit, politischer Überforderung und individueller Selbstverkleinerung erzählt diese Kolumne unserer Autorin Isabel Wiest von Rückzug, Kontrollbedürfnis, Lifestyle-Nestwärme und der Frage, warum Weltoffenheit gerade jetzt zu einer wichtigen demokratischen Überlebenskunst wird.

Neuer Provinzialismus
Bild von ChatGPT

Es beginnt mit diesem unguten Gefühl, das viele von uns in diesen Tagen nur zu gut kennen: Die Welt da draußen ist nicht mehr dieses große, verheißungsvolle Versprechen, das uns vor ein paar Jahren noch zur Verfügung stand wie eine gut sortierte Speisekarte. Ein Ort der Projektion von Hoffnungen und einem besseren Morgen, wenngleich uns die Gegenwart vielleicht gerade unerträglich erscheint. Sie ist unberechenbarer geworden – sprunghaft, voller Risse, voller Warnsignale. Das 250 Jahre alte amerikanische Freiheitsexperiment, das uns lange als eine Art globaler Nordstern galt, wirkt plötzlich brüchig. Ein Land, das einst Garant für Stabilität war, zeigt heute in Echtzeit, wie fragil Demokratien werden können, wenn sie müde sind.

Und während um uns herum die geopolitischen Platten zu knirschen beginnen, rückt die Welt nicht näher, sondern weiter weg. Nicht im geografischen Sinne – sondern im emotionalen. Das Außen wirkt bedrohlich, unser Morgen unklar und unsere Zukunftsmusik ist verstimmt wie ein altes Klavier nach dem Winter.

Der neue innere Provinzialismus den ich beobachte, entsteht daher weniger aus einem Überangebot an Möglichkeiten als aus einem Übermaß an Krisen. Nicht aus der Weite, sondern aus der Wucht mit der sich unsere Kompassnadel ständig dreht. Er entsteht nicht, wie noch vor Kurzem, aus dem Luxus der Vielfalt, sondern aus der Überforderung durch ein Dauerfeuer an negativen Nachrichten.

In diesen Januartagen allein könnte man das Gefühl bekommen, dass die Welt im Stundentakt kippt. Sie ist ein globaler Nachrichtenticker geworden, der nicht mehr stoppt, sondern nur die Dringlichkeit wechselt zwischen News, breaking news, world news, financial news… Die Welt ist ja glücklicherweise noch da. Aber sie dreht gefühlt an allen Ecken und Enden völlig frei.

Und Menschen reagieren darauf, wie sie immer reagieren, wenn die Verhältnisse ins Wanken geraten. Sie machen ihre Welt kleiner, enger, vertrauter.

Ein hyggeliger Ort, der nach basischem Kräutertee duftet und an dem noch etwas sicher scheint vor dem großen weiten Weltschmerz.

Der Rückzug in die Komfortzonen – jetzt mit Lifestyle-Siegel

Früher hieß Provinzialismus: Man blieb daheim, weil man nicht wegkonnte. Kein Geld, kein Auto, keine Möglichkeiten.

Heute heißt er: Man bleibt daheim, obwohl man überall hin könnte und man verleiht dem Rückzug ein ästhetisch gebürstetes Narrativ.

Influencer, die jahrelang aus cremefarbigen Hamburger und Berliner Altbauwohnungen heraus die urbane Globalgeistigkeit inszenierten, kaufen plötzlich halbverfallene Bauernhöfe im Speckgürtel und dokumentieren akribisch, wie man Feuerholz spaltet. Ausgerechnet jene, die früher das „Hinterland“ belächelt haben, stilisieren jetzt Stallgeruch zum spirituellen Erwachen und sammeln morgens bunte Eier von den eigenen Hühnern. Bloß keine politische Stellung zu irgendwas beziehen. Bloß keinen weiteren Mental Load, bloß atmen und weiterklicken.

Es ist die Rückkehr des Provinziellen in weiß gekalkten, sanft gefilterten Bildern.

Milchtankstellen werden zu Mikroabenteuern erklärt, als wäre der Weg zum Automaten im Deichkaff ums Eck eine Art existenzieller Selbstvergewisserung mit Naturbezug. Reformer Pilates wird zur sozialen Passkontrolle und der bunte Wochenmarkt zur Bohemien-Identitätspolitik zwischen Retro Food- und Coffee-Trucks. Der Dorfbioladen ist das neue Rückversicherungsbüro für Menschen, die das Gefühl haben, in dieser großen Welt nichts mehr mitbestimmen zu können, aber wenigstens noch mutig entscheiden zu dürfen, welche pflanzliche Ersatzmilch im Chai Latte landet.

Der Rückzug ist nicht stumpf, er ist wohl kuratiert und er ist eine Überlebenstaktik im Kleid dieses Lifestyles.

Warum sich der Mensch zurückzieht – eine Welt im Dauerblitzlicht

Allein die ersten Wochen dieses neuen Jahres reichen, um das Gefühl zu erzeugen, die Welt stünde im Dauerblitzlicht. Ständig neue Kriegsdrohungen, diplomatische Verwerfungen, bedrückende Klimaberichte, ein entfremdetes Amerika, europäische Unsicherheiten. Dem globalen Stakkato ist menschlich eigentlich nur noch jemand gewachsen, der ansonsten keinerlei Sorgen und Nöte hat. Wer jetzt noch gesundheitlich strugglet, einen unsicheren Job hat, Herzschmerz oder Geldsorgen, der hat wahrscheinlich längst das Handtuch geworfen zu irgendwas noch irgendeine mutige Meinung haben zu wollen. Für Polarisierung braucht man Kraft.

Dabei ist das Problem ist nicht mal die Informationsfülle, es ist die Informationsdrohung. Menschen sind nicht dafür gemacht, stündlich über Dinge informiert zu werden, die sie überhaupt nicht beeinflussen können, aber für die sie sich verantwortlich fühlen sollen. Die Welt wird dadurch nicht größer, sondern schlicht unerträglich.

Der neue Provinzialismus ist dann die erträgliche Antwort auf eine Welt, die permanent Alarm schlägt.

Komplexitätsflucht: Wenn die große Welt zu groß wird

Die Selbstverkleinerung hat einen unschlagbaren Vorteil: Sie ist wieder gestaltbar.

Man kann die Weltpolitik nicht ändern, aber man kann die eigene Essenswahl aus der Kochbox kuratieren, man kann die NATO nicht retten, aber man kann entscheiden, ob man Hafer- oder Erbsenmilch nimmt. Man kann nicht verhindern, dass Demokratien schwanken, aber man kann den eigenen Alltag arrangieren wie ein kleines Bühnenbild.

Es ist eine Form von Mikro-Souveränität in einer makro-chaotischen Gegenwart.

Der einst globale Freiheitswille „ich will die Welt in meine Hosentasche stecken“ schrumpft zu einem alltagspraktischen Freiheitsrest „ich will verdammt nochmal entscheiden, wie mein Cappuccino schmeckt.“

Und auf eine seltsame Weise ist das alles absolut logisch. Und keiner kann es besser verstehen als ich selbst, die ich an manchen Tagen nach langen Sitzungswochen einfach den kompletten Detox von allem und jedem brauche, um irgendwie wieder ein Mindestmaß an Sozialverträglichkeit zurückzuerobern.

Der hyperinformierte Mensch, der wieder engstirnig wird

Noch nie waren Menschen so informiert und gleichzeitig so überfordert. Und das befördert unseren Confirmation Bias. Wir klicken lieber, was wir kennen, wir lesen, was uns bestätigt, wir hören, was uns beruhigt. Wir glauben lieber, was in unsere Komfortzone passt, weil da draußen so viel Irrsinn unterwegs ist, der uns schlicht enorm viel abverlangt.

Was herauskommt, ist nicht Unwissen aber es ist eine strategische Selbstverengung.

Der hyperinformierte Mensch ist überwältigt und wird dadurch engstirniger, nicht einmal aus bewusster Ignoranz, sondern aus schlichter Überlebensökonomie.

Die politische Variante: Nestwärme gegen Drohkulisse

Auch politische Kräfte nutzen diese Erschöpfung. Manche haben daraus beinahe ein Geschäftsmodell gemacht. Die AfD zum Beispiel zeichnet eine Welt, in der überall Gefahr lauert: Überfremdung, Kontrollverlust, Identitätsauflösung. Ein Schreckensszenario, das so konsequent erzählt wird, als würde es in Dauerschleife am Broadway laufen. Und im gleichen Atemzug bietet sie die warme Hülle einer kleinen, überschaubaren Gesellschaft an, die familiär, homogen und rein ist und die gegen alle anderen zusammenhält.

Es ist die perfide Dramaturgie des Provinziellen: Erst Angst erzeugen, dann Geborgenheit verkaufen. Mich erinnert das immer an den Film „The Others“, wo die Menschen durch ein Haus irren und Schattengestalten fürchten, die bei Licht betrachtet oft sie selbst sind.

Kleines Plädoyer für eine neugierige Weltoffenheit ohne Naivität

Die Antwort auf den neuen Provinzialismus sollte keine naive Weltverklärung sein, sondern eine sicherlich mühsame, aber reife Form der Weltoffenheit die hoch aufmerksam, skeptisch aber niemals abgeschottet ist.

Neugier darf kein Luxus werden für den man Kapazitäten braucht. Sie ist eine demokratische Grundkompetenz. Je kleiner wir unser eigenes inneres Weltmodell werden lassen, desto größer wird die Gefahr, manipuliert zu werden und zwar auf Marktebene, auf politischer Ebene, auf menschlicher Ebene.

Weltoffenheit heißt nicht, überall mitreden zu können. Sie heißt nur, nicht sofort abzuwinken, wenn die Welt anklopft, sondern die Tür immer einen Spalt weit offen zu halten, auch wenn es nervt.

Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe dieser Zeit: Die verrückte Welt da draußen auszuhalten, ohne sich von ihr bedrängen zu lassen und sie nicht kleiner zu machen, nur weil sie schwerer geworden ist. Weltoffenheit ist keine Attitüde, sie ist Kultur, sie ist politisch und sie ist vor allem eine wundervolle Überlebenskunst.
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