„Du musst dringend was machen lassen, siehst mittlerweile aus wie ne Bulldogge, die demnächst eingeschläfert gehört“, sagt die alte Schulfreundin.
„Ich mach 5x/Woche was!“
„Ich mein‘ nicht das blöde Fitness, sondern dein Gesicht. Zerknitterter als meine Bluse nach ner 2 Stunden Kochwäsche.“
„So’n Botox-Zeug?“
„Ein bisschen Botox hat noch keinem 63-jährigen geschadet. Und wenn du schon dabei bist: tausch die morschen Brücken gegen Implantate aus und lass die Augenlider straffen. Ein bisschen Fettabsaugen an den Hüften wäre auch nicht verkehrt.“
„Nur über meine Leiche!“
Das Gesicht als letzte Baustelle
Aha. Mein Gesicht. Das eigentliche Problem. Zerknitterter als ihre Bluse nach zwei Stunden 90-Grad-Wäsche. Botox, Implantate, Augenlider, Hüften. Ein Komplettangebot, als wäre ich kein Mensch, sondern ein Altbau mit Schimmel, Asbest und unklarer Statik.
Wir leben in einer Zeit, in der Altern nicht mehr vorgesehen ist. Jedenfalls nicht sichtbar. Falten sind kein Zeichen gelebten Lebens, sondern mangelnder Wartung. Wer mit über 60 aussieht wie über 60, hat etwas falsch gemacht. Oder schlimmer: aufgegeben.
Früher wurde man alt. Heute altert man nur noch, wenn man es sich leisten kann, es zu kaschieren. Altern ist kein Naturprozess mehr, sondern ein Imageproblem.
Der Körper als Dauerprojekt
Der moderne Mensch ist nie fertig. Schon gar nicht mit sich selbst. Der Körper ist kein Zuhause mehr, sondern eine Baustelle. Und wer nichts macht, wird gemacht – nämlich aussortiert.
Die Industrie hilft gern. Sie spricht nicht von Schnitten, sondern von Behandlungen. Nicht von Narben, sondern von Ergebnissen. Nicht von Angst, sondern von Selbstfürsorge.
Die große Lüge vom gefühlten Alter
„Man ist so alt, wie man sich fühlt.“
Ein Satz wie ein warmes Bad. Leider endet seine Glaubwürdigkeit beim Blick in den Spiegel. Oder beim Aufstehen aus dem Sessel. Oder beim Geräusch, das die Knie dabei machen. Das Gefühl mag jung sein. Die Oberfläche ist es nicht. Und genau hier setzt die ästhetische Medizin an. Sie verspricht Ausgleich. Innen 45, außen bitte synchron.
Botox kann viel – nur keine Zeit anhalten
Was dabei gern verschwiegen wird: Altern ist kein Softwareproblem. Botox ist kein Update. Es lähmt Muskeln, nicht Jahrzehnte. Implantate ersetzen Zähne, nicht Biografien. Fettabsaugung entfernt Fett, aber nicht die Jahre, in denen man gelernt hat, sich selbst zu belohnen.
Aber Hoffnung verkauft sich besser als Realität. Und die Hoffnung lautet: Vielleicht merkt es ja keiner.
Die Vergleichshölle
Wir sind umgeben von Siebzigjährigen, die aussehen, als hätten sie einen Wartungsvertrag mit der Ewigkeit. Prominente, Nachbarn, LinkedIn-Profile mit Fotos aus der Ära Schröder I. Der Vergleich ist permanent. Und er ist brutal.
Wer nicht mithält, fällt auf. Wer auffällt, verliert. Sichtbares Altern ist heute ein Wettbewerbsnachteil.
Männer holen auf – leider
Lange durften Männer altern. Grau galt als interessant, Bauch als souverän, Falten als Zeichen von Denken. Diese Zeiten sind vorbei.
Heute gilt auch für Männer: Wer nicht optimiert, wird überholt. Der Bauch ist kein Genuss mehr, sondern Disziplinlosigkeit. Die Falte kein Denkmal, sondern ein Makel. Der alternde Mann ist nicht mehr würdevoll, sondern verdächtig.
Es bleibt nie beim „bisschen“
„Ich hab ja nur ein bisschen machen lassen.“
Das ist der Satz, mit dem alles beginnt. Ein bisschen Botox hier, ein bisschen Lidstraffung da. Man will ja nur wieder aussehen wie man selbst – nur weniger müde, weniger vergangen.
Das Problem: Wer anfängt, sieht plötzlich überall Defizite. Ist die Stirn glatt, stört der Mundwinkel. Sind die Augen offen, wirkt der Hals beleidigt. Der Körper wird zur Excel-Tabelle voller Optimierungspotenziale.
Wenn Gesichter ihre Geschichte verlieren
Irgendwann kippt es. Dann sieht man nicht jünger aus, sondern gemacht. Nicht gepflegt, sondern bearbeitet. Das ist kein moralisches Urteil, sondern ein ästhetisches.
Der Körper altert im Zusammenhang. Wenn man einzelne Teile herausoperiert, zerfällt oft das Ganze. Junges Gesicht, alter Gang. Glatte Haut, müde Augen.
Instagram-Filter trifft Treppenhaus.
Natürlich gibt es gute Gründe
Ja, es gibt sie. Medizinische, funktionale, nachvollziehbare. Hängende Lider, die das Sichtfeld einschränken, sind kein Charaktertest. Rekonstruktionen nach Krankheit oder Unfall sind keine Eitelkeit. Und wer sich wohler fühlt, wenn der Spiegel nicht jeden Morgen „Endstadium“ ruft, hat jedes Recht zu handeln.
Der entscheidende Punkt ist nicht der Eingriff. Es ist der Grund.
Selbstfürsorge oder Selbstverleugnung?
Will ich etwas machen lassen, weil ich mich selbst kaum noch ertrage? Oder weil ich Angst habe, im Vergleich alt auszusehen? Will ich mir etwas Gutes tun – oder renne ich einem Ideal hinterher, das sich permanent verschiebt?
Denn dieses Spiel ist nicht zu gewinnen. Die Zeit ist ein geduldiger Gegner. Sie lässt sich irritieren, aber nicht besiegen. Jede OP kauft Aufschub, keine Erlösung.
Wenn Pflege in Panik kippt
Irgendwann übersteigt der Aufwand den Ertrag. Dann wird aus Pflege Nervosität. Aus Optimierung Angst. Aus Selbstbestimmung Zwang.
Man erkennt es daran, dass der Spiegel nicht mehr konsultiert, sondern bekämpft wird.
Die große gesellschaftliche Ausrede
Besonders unerquicklich ist die Behauptung, all das sei eine rein private Entscheidung. Ist es nicht. Jede geglättete Stirn verschiebt die Norm. Jedes „Sieht man gar nicht!“ erhöht den Druck auf alle, bei denen man es sieht.
Wir altern nicht mehr gemeinsam. Wir konkurrieren.
Die eigentliche Zumutung
Vielleicht sollten wir die Frage neu stellen. Nicht: Soll man im Alter Schönheits-OPs machen lassen oder nicht?
Sondern: Halten wir es überhaupt noch aus, alt auszusehen?
Nicht heroisch. Nicht würdevoll. Sondern einfach sichtbar.
Alter als Marktsegment
Was dabei gern übersehen wird: Altern ist inzwischen ein lukratives Marktsegment. Die Generation, die früher als „alt“ galt, heißt heute „Best Ager“ und verfügt über Zeit, Geld und diffuse Angst. Eine ideale Zielgruppe.
Die Botschaft ist immer dieselbe: Du darfst alt sein – aber bitte nicht danach aussehen. Du darfst Erfahrung haben – aber keine Spuren davon. Das Alter wird toleriert, solange es unsichtbar bleibt.
Würde ist kein Verkaufsargument
„Würdevoll altern“ klingt gut, verkauft sich aber schlecht. Würde hat keinen Vorher-Nachher-Effekt. Keine Rabattaktion. Keine Ratenzahlung.
Die ästhetische Industrie dagegen liefert klare Versprechen: jünger, frischer, straffer. Nicht glücklicher, wohlgemerkt. Aber konkurrenzfähig. Und das reicht offenbar.
Stille Verachtung fürs Alte
Hinter all dem steckt etwas Unangenehmes: eine tiefe Abneigung gegen sichtbares Alter. Alte Haut gilt als unästhetisch, alte Körper als störend, alte Gesichter als Zumutung.
Man sagt es nur nicht mehr so. Man nennt es jetzt Optimierung.
Illusion der Kontrolle
Schönheits-OPs verkaufen Kontrolle. Die Vorstellung, man könne den eigenen Verfall managen wie ein Projekt. Checklisten statt Schicksal.
Das funktioniert eine Weile. Und dann nicht mehr. Spätestens dann, wenn trotz aller Eingriffe das Alter zurückblickt – nicht im Gesicht, sondern im Gang, im Tempo, in der Erschöpfung.
Wenn Altern wieder sichtbar wird
Das ist der Moment, in dem viele noch mehr machen lassen. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Trotz. Gegen die Erkenntnis, dass der Körper kein Vertragspartner ist, sondern ein eigenwilliger Mitbewohner.
Was bleibt
Vielleicht wäre es an der Zeit, dem Alter wieder etwas Platz einzuräumen. Nicht als Heldentat, sondern als Normalität. Nicht jede Falte ist ein Problem. Nicht jede Veränderung eine Katastrophe.
Das heißt nicht, dass man nichts machen darf. Aber vielleicht, dass man nicht alles muss.
Ein letzter Blick
Die Bulldogge im Spiegel jedenfalls hat mir heute Morgen wieder zugezwinkert. Nicht optimiert, nicht gestrafft, nicht verhandlungsbereit. Ich habe zurückgezwinkert. Mit beiden, leicht hängenden Lidern. Und ohne Termin beim Chirurgen.
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