Alle Jahre wieder, dieses Wortspiel muss erlaubt sein, kehrt pünktlich nach Weihnachten die Diskussion um das Böllerverbot in die deutschen Medien zurück. Kurz nach Neujahr hat sie nun auch die Kolumnisten erreicht, die Kollegin Cythia Tschoëk findet, die Tradition brauche ein Update und das Böllern gehöre endlich verboten, weil wir ja schließlich auch andere Dummheiten schon lange nicht mehr machen würden, etwa genüsslich bei der Vollstreckung von Todesurteilen zuschauen.
Das Tierschutz-Argument
Es sind immer die gleichen drei Argumente, die vorgetragen werden, in den letzten Jahren sind alledings die armen Haustiere, die so sehr unter der Silvester-Feuerwerkerei leiden würden, in den Mittelpunkt gerückt. Tierleid zieht schon lange am besten gegen jeden Spaß, den sich Menschen gern erlauben würden. Im Falle des Böllerns zu Silvester ist das allerdings besonders makaber: Diejenigen, die das ganze Jahr über Hunde und Katzen in engen Wohnungen und in Städten, die für Tiere nun wirklich nicht gemacht sind, halten, die, die ihre Tiere 365 Tage im Jahr wegsperren oder an einer Leine durch den Straßenverkehr führen, die, die sich für Exemplare von Tierrassen entscheiden, die künstlich gezüchtet sind und nur unter extrem künstlichen Bedingungen halbwegs überleben können, die ihre Tiere mit hochgradig denaturiertem Futter ernähren, das als Menschennahrung mit Sicherheit verboten wäre, die erregen sich darüber, dass andere an einem Tag im Jahr, konzentriert auf wenige Stunden, etwas tun, was diesen Tieren Angst macht und was sie dazu bringt, dass sie sich notdürftig unter einem Tisch oder einem Sofa verstecken, die mit ihren natürlichen Verstecken nichts gemein haben.
Dass Tiere sich erschrecken, wenn was knallt und blitzt, ist übrigens nicht so unnatürlich, bei weitem nicht so unnatürlich wie ein beliebiges „Gespräch“, das Katzen- und Tierhalter mit ihren „Schützlingen“ führen, wenn sie sie an der Leine führen, in den Kofferraum sperren oder auf ihren Schoß zwingen. In der Natur, das wissen vielleicht die wenigsten dieser besorgten Tierhalter, blitzt, kracht und brennt es immer wieder, nicht nur ein Mal im Jahr. Tiere verstecken sich dann, das ist in Ordnung und völlig natürlich. Allerdings bieten die Wohnungen der Tierhalter leider weder gute Verstecke noch Fluchtmöglichkeiten. Und ja, manche Tiere sterben auch, wenn sie sich erschrecken und in Panik geraten. Dass Tiere, die weitab vor der Natur leben müssen und gezüchtet wurden, um menschlichen Spiel- und Geselligkeitsbedürfnissen zu genügen, da besonders anfällig sind, ist tragisch, aber sicherlich nicht die Schuld von Feuerwerks-Liebhabern.
Umwelt- und Gesundheitsschutz
Das zweite Argument ist natürlich der Umweltschutz. Dass das Silvester-Feuerwerk eine größere Umweltsünde ist als einige andere menschliche Rituale, wie etwa das Osterfeuer, Kreuzfahrtschiffe, Lagerfeuer am Strand und vieles mehr, ist nicht bekannt. Es wäre natürlich nicht überraschend, wenn Leute, die gern das Feuerwerk in der Neujahrsnacht verbieten würden, auch gleich noch das Osterfeuer und die Kreuzfahrtschiffe mit verbieten würden. Dem Verbieten unvernünftiger menschlicher Handlungen kann man kein Ende setzen, das ist das Tolle daran, man findet immer noch was, was unvernünftig und irgendwie sogar gefährlich ist, was man noch verbieten könnte. Das Menschen Freude daran haben, ist egal, denn auf Freude kommt es nicht an, wenn man vernünftig sein will, koste es, was es wolle.
Damit sind wir auch schon beim dritten Argument, der Unfallgefahr. Denn es ist ja so gefährlich, in betrunkenem Zustand Feuerwerk zu zünden, es belastet die Feuerwehren und die Rettungsdienste. Das ist korrekt, aber der Mensch ist nun mal kein vernünftiges Wesen. Der Schreiber dieses Textes wird sich, kaum ist dieser Text erschienen, auf dem Weg in den hohen Norden befinden, mit einem Flugzeug wird er an die Nordspitze Skandinaviens reisen um dort sechs Tage auf Schi bei -25°C durch die Wildnis zu stapfen, von einer Wildnishütte zur anderen, die übrigens selbst mit Holz beheizt werden müssen, das ist auch irgendwie gefährlich und zudem völlig sinnlos – es ist unvernünftig. Wenn da was schief geht, rücken Rettungskräfte aus und sammeln ihn hoffentlich lebend wieder ein, um ihn dann in einem modernen Krankenhaus gesund zu pflegen, damit er schon bald wieder ärgerliche Kolumnen schreiben kann. Sollte man das nicht auch verbieten, so wie Bergsteigerei, übermäßigen Sport, Marathonläufe?
Das Unvernünftige ist das Sinnvolle
Wenn die Menschen nur noch vernünftige Dinge tun, dann stellt sich die Frage, wozu sind sie überhaupt da? Welchen Sinn hat ein vernünftiges Leben? Das, was wir uns erzählen, ist immer das Unvernünftige, das hat Bedeutung für uns.
Und dazu gehört auch ein buntes, glitzerndes, leuchtendes und ja, auch geräuschvolles Feuerwerk. Wir stehen da und staunen und sind begeistert. Das Wort Feuerwerk ist ja geradezu ein Synonym für den Rausch, nach dem wir uns sehnen und den wir genießen, weil wir wissen, dass er vergänglich ist. Ein Feuerwerk der Farben, ein Feuerwerk der Gefühle, selbst die Erklärung der Neurobiologen für das, was da geschieht, heißt Neuronenfeuerwerk.
Natürlich gäbe es auch Alternativen zu einem vollständigen Verbot, und an einigen wird ja schon lange gearbeitet. Feuerwerkskörper werden immer sicherer, und daran kann man weiter arbeiten. Es gibt Feuerwerke, die leuchtende Effekte erzielen ohne viel Krach zu machen. Man kann daran arbeiten, Schadstoffe zu reduzieren. Aber leider kennt die öffentliche Debatte, wie so oft, nur die Extreme, alles oder nichts. Es wird kein Konsens oder gar Kompromisse gesucht, es wird nur nach Verboten gerufen.
Deshalb ist zu befürchten, dass es mit dem Feuerwerk bald vorbei ist. Umfragen wollen ermittelt haben, dass 60% der Deutschen dafür sind, das Silvesterfeuerwerk zu verbieten oder allenfalls noch ein gesittetes, zentrales, offizielles Feuerwerk zu gestatten. Wie das den Hunden und Katzen hilft und warum es weniger umweltbelastend ist, bleibt das Geheimnis derer, die so etwas als „Kompromiss“ vorschlagen. Aber es wäre natürlich ein geschickter Schritt zum Komplettverbot: Hat man das Feuerwerk erstmal in städtische Hand gegeben, kann man im nächsten Schritt darauf hinweisen, dass die Städte doch viel zu wenig Geld haben, sowas zu finanzieren. Und denen, die Feuerwerke lieben, weil sie es auch gern selbst machen und in der Nähe erleben wollen, wird es bald egal sein, weil ein zentrales Feuerwerk an einem Platz eh nicht das gleiche Erlebnis ist.
Den 60% angeblichen Feuerwerks-Gegnern stehen zwar die steigenden Umsätze des Feuerwerkshandels entgegen, aber es ist zu befürchten, dass die Politik schon bald erwacht und verkündet, die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Nichts ist bekanntlich einfacher als etwas zu verbieten, von dem Umfragen behaupten, dass die Mehrheit der Menschen dagegen sei, und was zudem noch mit dem Vorwand des angeblichen Tier-, Umwelt- und Gesundheitsschutzes versehen werden kann. Wir sehen trostlosen, grauen Zeiten entgegen, in denen wir sehr sehr lange leben können, wenn man das dann noch Leben nennen mag.
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Sabrina
Und dennoch gibt es ein Argument, dass zu selten genannt und viel zu oft gar nicht bedacht wird, nicht ernst genommen wird, nämlich die Angst, die viele Menschen, etwa mit Ligyrophobie, Neurodivergenzen, Demenz und anderen Behinderungen und Erkrankungen bei Feuerwerk haben undd as lässt sich nicht so leicht entkräften.