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Das Spiel gegen den Ball

Fußball ist eine komplexe und fast komplizierte Sportart geworden, dessen Beschreibung seltsame sprachliche Blüten erzeugt hat. Spielanalysen basieren auf Messungen durch vielfältige Technik. Spiele in höheren Ligen werden komplett aus sämtlichen Blickwinkeln überwacht. Und man hat „das Spiel gegen den Ball“ erfunden.

Gegen den Ball
Foto: Matthias von Schramm

Wenn man als Fußballfan die Spiele seiner Mannschaft auf diesen ganzen skurril strukturieren Bezahlsendern betrachtet, lernt man ein eingeschworenes Expertentum der Szene kennen.

Ich bin Fan des FC St. Pauli, Vereinsmitglied, Genossenschaftsmitglied und hobbymäßiger Erkunder von Stadiongeschichte und dem Fußballspiel selbst.

Früher gab es Vorstopper, linke und rechte Läufer, heute gibt es Sechser, Achter und Zehner. Man greift nicht nur an, um am Ende dem Gegner Tore einzuschenken, man leistet viel mehr in dieser Sportart. Ich kenne noch das geflügelte Wort „Angriff ist die beste Verteidigung“! Das ist natürlich aus verschiedenen Blickwinkeln „unrichtig“, wie der ehemalige Nationaltorhüter Rudi Kargus sagen würde. Die Diplomatie unterscheidet Verteidigung und Angriff. Bei internationalen Konflikten wäre es fatal Verteidigung nicht vom Angriff zu unterscheiden.

Verteidigung als Überlebensprinzip!

Derzeit spielt der FC St. Pauli in der Bundesliga, der höchsten Spielklasse des mächtigen und mächtig fragwürden DFB. Der Trainer unserer Profis, aktuell ein gewisser Alex Blessin, legt besonders viel Wert auf ein erfolgreiches Defensivspiel. So ein Spiel setzt sich ein Ziel mit einer sprachlich besonderen Blüte: „Die Null soll hinten stehen!“ Zahlen und Ziffern beinhalten also das Vermittlungsprogramm eines Trainers und einer Trainerin.

St. Pauli muss vorwiegend verteidigen, um im Ligabetrieb der 1. Bundesliga mitzuhalten. Das hat viele Gründe, aber Experten sind sich sicher, wenn man knallhart auf Offensive setzen würde, wäre das „Hurrafußball“ und man würde alle Spiele hoch verlieren. Drum verteidigt das Team um Blessin mit mehr oder weniger Erfolg, befindet sich im unteren Drittel der Tabelle und bewahrt so die Chance nicht abzusteigen. Das funktioniert vielleicht. Aber nur so schafft man z.B. gegen ein eigentlich komplett überlegenes Team wie Bayern München fast ein Unentschieden und verliert mit viel Glück nicht gegen deutlich aktivere Kölner.

Die Mär vom Anti-Fußball!

Man ist im Fußball nicht nett zum Gegner, sondern vorwiegend eklig. Man überlässt dem auf dem Papier stärkeren Gegner das Spielgerät und verteidigt. Das ist gemeint mit „gegen den Ball“ anstatt „mit dem Ball“. Das ist aber ganz genauso Fußball. Denn Strategie und Taktik, statt dem „Hauruck – Stürmen“ geben dem Wort „Rasenschach“ wieder eine echte Existenzgrundlage. Viele reden hier vom Antifußball. Sie regen sich auf, denn sie haben dafür bezahlt, dass stürmische hochbezahlte Eleganz durch die Stadien gleitet, dass Zuckerpässe, aufregende Athletik und Akrobatik das Herz höher springen lassen.

Damit das manchmal passiert, wird dann umgeschaltet. Nicht mit der Fernbedienung des TV Gerätes mit decodierter Empfangskraft, sondern auf dem Hybrid-Rasen im Stadion. Der stets anstürmende Gegner verliert den Ball und man nimmt gegen den Ball selbigen nun mit, idealweiser so, dass z.B. unser derzeit schnellster Spieler mit dem wohlklingenden Namen Ricky-Jade Jones die natürlich nicht so dicht agierende letzte Reihe des Gegners überläuft und dann doch für Offensivgefahr sorgt.

Vom Konter zum Umschaltspiel!

Früher nannte man das Umschaltspiel Konter. Ein übrigens absolut sehenswerter Vorgang, der die oben bereits erwähnte fragliche These „Angriff ist die beste Verteidigung“ schlanker Hand umkehrt und ins Absurdum führt. Hier entsteht aus der Verteidigung der Angriff und das ist dann wie im sonstigen Leben Abseits des Platzes.

Wer ständig Angriffen und Unabwägbarkeiten ausgesetzt ist, der verteidigt sich möglichst wirksam, damit ihm möglichst wenig faule Eier hinten ins Netz fallen. Und wenn es einem zu bunt wird, dann wird zum Gegenangriff geblasen. So kann man übrigens auch Fußballspiele gewinnen.

Der Kaderwert bestimmt nicht immer das Spielergebnis!

Mannschaften wie der FC Heidenheim und der FC St. Pauli sind gemessen am Kaderwert ihrer Teams aus finanziell nachvollziehbaren Gründen am unteren Ende der Bundesligatabelle zu finden. Dies bedeutet auch, dass man sich eine Spielweise aussucht, mit der man gegen Gegner mit viel teurerem Kader nicht komplett untergeht. Dies heißt ferner, dass mutiges Offensivspiel gegen diese Gegner sehr schnell im Genickbruchblues enden kann.

Natürlich kann ein Dr. Tim Eckart von Millernton.de ein Spiel viel besser analysieren als ich, Taktiken erklären und eine Vielzahl an Statistiken, die vollkommen unübersichtlich ins Detail gehen, meisterhaft aufschlüsseln. Aber ich sehe Menschen gerne zu, wenn sie sich erfolgreich verteidigen. Es ist also viel mehr als Antifußball oder dass agieren nur gegen den Ball.

Ein Hoch auf die erfolgreiche Verteidigung!

Wer sich aufgrund von Kompetenz und Wissen zu verteidigen weiß, der hilft dem Miteinander und zeigt, dass der scheinbar Schwächere nicht nur überleben kann, sondern dass die Kraft für die Verteidigung Stärke ist und ein Grundrecht. Gelingt diese Verteidigung nicht, so verliert man mehr als nur ein Spiel. Ich weiß nicht, ob die Profis meines Vereins die nächste Saison noch in der 1. Bundesliga spielen werden, ich bin lediglich davon überzeugt und wäre beim Gegenteil als Fußballfan naturgemäß schwer enttäuscht.

Aber ich habe gelernt, dass „Anti“ für das defensive Agieren ein zumindest unausgegorener Begriff ist und das Angriff bestimmt nicht generell die beste Verteidigung darstellt. Dies schützt mich nicht davor, dass auch ich bei besonders schlechten, langweiligen und mutlosen Spielen meine Umschaltmomente mittels Fernbedienung für das TV Gerät habe.

Letztlich bin ich auch nur ein emotionaler Fan und Konsument, der lautstark, verzweifelt und in seltenen Momenten erfreut das mediale Spektakel von Rasenprofis betrachtet und mit viel Verteidigungswillen erträgt.

In diesem Sinne: Forza!

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One comment
Sabine Krüger-Brott

Und ich dachte bisher nur : „Der Ball ist rund- oder auch – ein Spiel dauert 90 Minuten- und manchmal sogar – das Runde muss ins Eckige“. So haben sich die Zeiten geändert!