Liebes Frankfurt am Main,

C. M. Mayer – die Antwort auf Franz Josef Wagner. Ab sofort regelmäßig bei DieKolumnisten. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig, aber nicht unbeabsichtigt.


Liebes Frankfurt am Main,

der frühe Montagmorgen des 29. Juli 2019 war noch so schön. Goldgelb lächelte die Sonne am Himmel auf Deine Flussufer und in die letzte Ferienwoche in Hessen. Am Nachmittag jedoch wurde der Himmel dunkel, und mit ihm die Herzen vieler in Deutschland.

An jenem Montagvormittag wurde an Deinem Hauptbahnhof eine Frau und ihr Kind mitleidlos vor einen einfahrenden ICE gestoßen.

Gegen das kalte, tonnenschwere Ungetüm hatte der achtjährige Junge keine Chance.

In schrecklichen Sekunden wurde das Leben aus einem Kind gequetscht.
Wer die Todesschreie mit anhören musste, wird sie vermutlich nie vergessen.

Die Mutter konnte sich, wie durch ein Wunder, retten. Doch sie verlor ihr Kind. Ihr ganzes weiteres Leben lang muss sie nun das nicht Auszuhaltende, das Unfassbare ertragen. Eine Mutter, die ihr Kind nicht schützen konnte vor dem Tod. Eine größere Bürde ist kaum vorstellbar.

Das Schicksal ist manchmal  grenzenlos grausam. Die Wut darüber auch.
Mutter und Kind wollten mit dem Zug nach Österreich reisen, einen schönen Urlaub haben. Ein paar prickelnd kühle Almdudler genießen, vielleicht, im Heubett funkelnde Sterne zählen, oder Gämsen betrachten, die auf Felsen turnen. Es ist ein heißer Sommer.

Der Täter, der in Frankfurt das Verbrechen an Mutter und Kind beging, kam mit dem Zug aus der Schweiz. Diesem geordneten Nachbarland, mit all den herrlichen Seen, kristallklar und blau, mit den erhabenen Bergmassiven und den diskreten Banken.

Dort lebte Habte A. mit seiner Frau und seinen drei Kindern, in einem kleinen Ort, unweit von Zürich. Die Schweiz, in die er heimlich einreiste, gewährte ihm Asyl. Dort schien er angekommen. Vorläufige Endstation seiner Flucht vor einer grausamen Diktatur. In Eritrea herrscht eine der schlimmsten in Afrika. Möglicherweise haben die Gräueltaten von Präsident Afwerkis Folterknechten Habte A. traumatisiert. Er litt unter Paranoia, heißt es. Eine Psychose wurde diagnostiziert, ist zu lesen, in Behandlung sei er gewesen.

Als Täter ist Habte A. zuvor jedenfalls schon auffällig geworden, in der Schweiz. Dort war er zur Festnahme ausgeschrieben. 
Wäre das Schicksal gnädig gewesen, hätte Habte A. Frankfurt nie erreicht. Als er in der Schweiz in den Zug stieg, konnten die deutschen Grenzbeamten nicht ahnen, dass ein in der Schweiz zur Festnahme Ausgeschriebener an Ihnen vorbeifährt. In Deutschland lag kein Haftbefehl vor, und die Schweizer Beamten müssen bei Ausreise nicht kontrollieren. Wahrscheinlich tranken sie gerade arglos einen Schümli oder genossen ein cremiges Eis. Es war schließlich ein schöner, friedlicher Sommertag, und die Einreise nach Deutschland war legal.

Trauriges Frankfurt am Main. Bei ‘Handkäs mit Musik’ lachst Du uns sonst an. Mit Deinen hohen glasverspiegelten Türmen des Geldes versuchst Du unbekümmerte Wolken zu kitzeln. Aber an besagtem Montagvormittag wurde Dein Hauptbahnhof zur Endstation eines Menschenlebens.

Dort am Bahngleis 7 trafen sich unheilvoll Täter, Mutter und Kind. Mit vermutlich wirren Gedanken und dunklen Gefühlen stand Habte A. dort, während Mutter und Bub sich auf die Bahnfahrt freuten, auf die blühenden Almwiesen Österreichs. Der Eritreer mit seiner Psychose, die hessische Mutter und ihr Junge, sie kennen sich nicht. Ein zufälliges Zusammentreffen mit grausam tödlichem Ausgang. 

Der Wahnsinn reist nicht selten unerkannt. 
Horst Seehofer, unser Innen- und Heimatminister, brach unmittelbar nach der Tat seinen Urlaub ab. Vermutlich weil ein paranoid, psychotischer Eritreer aus der Schweiz nicht jeden Tag mordet, in einer deutschen Stadt. Vielleicht aber sah Innenminister Seehofer auch die Heimat in großer Gefahr. Es wächst an verschiedenen Stellen eine herbeifantasierte Furcht. Vor einer Sturmflut von Flüchtlingen, vor dem Islam, der mordend Deutschland sich einverleibe. So tönt ein scheinbar wachsender Chor in den Echokammern der Medien. Dieser hässliche Wahn, für manche ist er politisches Kapital.

Ob die Schreckenstat von Frankfurt nicht doch ideologisch motiviert gewesen sein könnte? Bis jetzt gibt es keinen Hinweis. Wir wissen es nicht. Anders als z.B. bei dem Mord an Walter Lübcke oder dem Mord an der Polizeivollzugsbeamtin Kiesewetter war der Mensch, der in Frankfurt tragisch zum Mörder wurde, kein vernetzt organisierter Extremist, soviel scheint sicher.

Vielleicht ist Habte A., der in Frankfurt zum Kindesmörder wurde, selbst auch ein mehrfaches Opfer: von den erlittenen Traumata in der eritreeischen Kindheit. Von Folter, Mißbrauch, Gewalt. Von der Erlebnissen auf der Flucht. Welche Wunden die Vergangenheit von Habte A. in seine Seele schlug, auch das wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass starke traumatische Erfahrungen Ursache sein können von Schizophrenie. Von Halluzinationen und Wahnvorstellungen.

Liebes Deutschland, schauen wir noch einmal kurz zurück:
Als Süleyman Taşköprü, am 27. Juni 2001 in Hamburg vom NSU mit kaltem Plan ermordet wurde, brach kein Minister seinen Urlaub ab. Vielleicht war keine Ferienzeit. Vielleicht auch weil keine Gefahr gesehen werden wollte. Sicher ist dies: Süleyman Taşköprü stammte nicht aus Deutschland sondern aus der Türkei. Und er war nicht der erste Türke, der von der rechten Terrorbande ermordet wurde. An jenem 27. Juni 2001 verdunkelte sich der Himmel über Deutschland jedenfalls nicht. Auch nicht am 27. April 2007, als die junge Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet wurde. Erst als Walter Lübcke, Regierungspräsident von Kassel, am 02. Juni 2019 durch einen gezielten Kopfschuss starb, trübte sich der Himmel ein.
Jedoch nicht für alle. Alice Weidel zum Beispiel, die kühle Blonde von der AFD, sie schwieg. Nicht der Mord an Lübcke machte sie wütend, sondern die klaren Worte, die Peter Tauber für rechte Extremisten dazu fand.

Schon am späten Nachmittag des 29 Juli 2019, wurde es finster, in den Herzen der völkischen Nationalisten.
Leuchtendes Sonnengelb verdüsterte sich plötzlich, wurde mit Rot und Schwarz wiedereinmal zu einem dräuenden dunklen Braun. Ein deutsches Kind kam zu Tode und der Täter kam aus der Fremde, hatte dunkle Haut. Wie das Raubtier seine Beute, so witterte das Braun-bräunliche seine Morgendämmerung. Verdunkelungen, immer von neuem.

Für Alice Weidel – die aus Gütersloh über Bayreuth, wo sie mit summa cum laude promovierte, in die Schweiz floh – ist die Tragödie von Frankfurt ein gefundenes Fressen: “Kinder werden vor Züge gestoßen, Frauen findet man mit 70 Messerstichen in Koffern und Männer werden mit Macheten auf der Straße abgeschlachtet“ twitterte eifrig die AFD – Vorsitzende.
Diese eiskalte Geilheit auf den Plural: Berge von zerquetschten Kindern und erstochenen Frauen in Koffern. Berge machetengemeuchelter Deutscher, von islamistischen Fluchtschmarotzern ermordet.

Alice Weidel, die Splatter-Regisseurin.
Der Wunsch nach dem Notstand, nach einem möglichst schlimmen Ende des bestehenden Systems, das ist der Wahnsinn von Figuren wie Weidel oder Gauland oder Höcke, diesen kühl planelnden Propagandisten. Diesen Wahnsinn, mit rationalen Mitteln ausgestattet, kennen wir in Deutschland schon. Schutt und Asche waren seine Folgen, und millionenfaches Leid.

Entsorgungsfantasien für die Besorgten von der AFD.
Vom „Mett- oder „Schnittchenskandal“ bis zur „Parteispendenaffäre“, es herrscht eine Gefrässigkeit. Ein Hunger nach Machtergreifung. Kein Mitgefühl kann unter solcher Gier gedeihen. Nicht mit dem grausam zu Tode gekommenen Kind, nicht mit dem schrecklichen Unglück der überlebenden Mutter. Für zu viele sind sie reine Vernutzungsmasse, nicht anders als der Täter aus Eritrea. Für Weidel und Co ist jeder mordende Migrant ein verwertbares Schnittchen. Schließlich lässt sich Rassismus und Hetze damit prima verkaufen. Eine Willkommenskultur der anderen Art, die den propagandistischen Irrsinn nährt: “Islamisierung des Abendlandes“, „Umvolkung“,  „Deutschland schafft sich ab“. Ressentiment statt Mitgefühl. Hass statt Trauer. Ausnahmezustand statt Demokratie. Make den “Vogelschiss“ great again.


Liebes Deutschland, zuviel Kaltherzigkeit ergießt sich über Dich. Aber Du bist nicht kaltherzig! Du bist die Heimat von Hildegard von Bingen, von Albert Schweizer, Anne Frank und Paul Klee. Du bist die Heimat von Oskar Schindler, Cindy aus Marzahn und Carola Rackete.

Du bist nicht die kleingeistigen Vorurteile, nicht der feindselige Rassismus einer Weidel, eines Gauland, Höcke oder Maaßen. Liebes Deutschland, Du bist nicht diese leere Propaganda, die nur den Machtzuwachs ihrer Verkünder zum Zweck hat.

Ich verbleibe mit Tränen, für den kleinen Jungen, für das unfassbar grausame Los, das die Mutter zu tragen hat. Ich verbleibe mit Trauer für all jene, die das Grauen mit ansehen mussten. Als Christin kann ich nicht anders, als auch den unglückseligen Habte A. in meine Trauer einzuschließen, seine Frau und seine drei Kinder.

Eine Empfindung wie eine fahle, matte Stille, eine lange Betäubung.

Wahnsinn kennt keine Hautfarben und keine Grenzen. Geografische nicht und auch zeitlich-historische nicht.

Deshalb, mein liebes Deutschland, lass Dich von Verrückten nie wieder verrückt machen.

Draußen scheint auch heute wieder unbarmherzig die Sonne, es ist schwül und heiß.

Eure Charly Maria Mayer

C.M. Mayer

C.M. Mayer

C. M. Mayer ist in Südafrika, in Kapstadt, geboren und hat an der Stellenbosch University Arts & Social Sciences studiert. Nach einer beträchtlichen Erbschaft und einer wilden Zeit in New York (im Umfeld der feministischen Punkautorin Kathy Acker) landete Charly M. Mayer, am Ende einer 2 jährigen Weltumrundung mit der familieneigenen Segelyacht, schließlich in Hamburg, der deutschen Heimat ihrer Eltern. Dort studierte sie in Clubs und Kneipen die unterschiedlichsten Frauen, Männer, und andere Wesen der Nacht. Als Ghostwriterin hat sie für etliche Prominente, Politiker und Journalisten gearbeitet und dabei unzählige Zigaretten geraucht. Weil das ungesund war, bevorzugt sie heute lieber dicke kubanische Zigarren. Sie liebt Wein, Whiskey und ihren alten, dunkelblauen Maserati Granturismo. Mit der Zeit ist sie der Menschen überdrüssig geworden. Daher hat sich C. M. Mayer mit ihrer Lebensgefährtin und dem gemeinsamen Afghanischen Windhund 'Hush' in einen kleinen Ort, im mittelhessischen Lahn-Dill-Kreis zurückgezogen. Dort fand sie die notwendige Muße, um sich autodidaktisch der Philosophie, der Fotografie und dem Studium der Natur zu widmen. Als Autorin bevorzugt sie es, ihr eigener Geist zu bleiben.

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