…des´ Lied ich sing

Die Anfälligkeit für den Faschismus beginnt nicht im Kopf, nicht im Herzen, sondern in den Füßen der Mitläufer – sagt Wolfgang Brosche…und beweist das mit einem Beispiel aus eigener Erfahrung


Wie schnell sich rechtsextreme Skrupellosigkeit und Menschenverachtung verbreiten – und wie gerne sie aufgegriffen werden, konnte man zu Anfang der Woche feststellen, als Alice Weidels auf dem Parteitag der AfD haßerfüllt hinausgespieenes Diktum über die „Politische Korrektheit“, die auf den Müllhaufen der Geschichte gehöre, zum konservativen Mainstream in der CSU wurde.

Im Brustton kleingeistiger Überzeugung – Kopfstimme ist ja auch was Schwieriges – meinte Alexander Dobrindt (CSU) seiner „Konservativen Revolution“ noch etwas nachschmettern zu müssen und tümelte seinem Heimat-Minister liebedienend ein Meme ins Netz:

Multikulti ist gescheitert. Politische Korrektheit ist keine Heimat.

Abgesehen davon, daß die Präpotenten wohl durchdrehen, da noch immer nicht alle Deutschen und Zuwanderer Lederhosen und Dirndl tragen (aber bitte nicht gleichzeitig, das wäre ja wieder Genderideologie), Schmalzler durch die Nase ziehen oder braune Bremsspuren in der Unterwäsche haben, zeigt solch unterkomplexes Heimatgegreine, wie weit wir schon mit dem Volkschor in den Orkus der Gewöhnlichkeit gerauscht sind: Herr Dobrindt sitzt eben am liebsten mit Massen im Mief und summt das Deutschlandlied. Und was die politische Korrektheit angeht, schunkelt er jetzt mit der allerliebsten Alice Weidel im Gleichklang!

Dobrindts strohiger Mist

Was heißt denn eigentlich diese Hetze gegen die „Politische Korrektheit“, die ja nicht mal auf Dobrindts strohigem Mist gewachsen ist, sondern von Alice Weidel als Parole ausgegeben wurde?

Ganz deutlich:

Ich will endlich laut sagen, was ich bisher nur verschwiemelt gedacht habe – Ich bin besser als Du! Was Du machst, tust, sagst und denkst, vor allem aber, wer du bist – das ist alles minderwertiger als ich. Und deshalb habe ich das Recht und die Macht, dich zu beleidigen, zu verletzen, zu verdrängen und wenn es mir gefällt, dich auch abzuschieben oder zu beseitigen…

DAS ist die Wahrheit hinter diesen eiskalten Formulierungen!

Wie aalglatt und gedankenlos Unmenschlichkeit und Machtanspruch durchrutschen von den Schreihälsen auf die Mitläufer läßt sich nicht nur an diesem Beispiel beobachten – ich will noch zwei andere geben und mich selbst dabei gar nicht auslassen. Sie belegen aber ganz deutlich, daß das Gift, das die AfD verspritzt, das alte der NDSAP ist – noch immer toxisch und subkutan oder intramuskulär verabreicht wie damals; in der gleichen tödlichen Absicht.

Tomorrow belongs to me – Morgen die ganze Welt!

Das wundervolle Musical „Cabaret“ verknüpft auf verblüffende Weise private Schicksale mit dem historischen Aufstieg der Nazis in der Weimarer Republik. Fred Ebb und John Kander waren eben von anderem Autorenkaliber als der Maggitütenmusicalsuppen produzierende Andrew Lloyd Webber.

Die grandioseste Szene – das hat dann auch der Regisseur der Filmversion, Bob Fosse, mit Genialität begriffen – ist jene von der ländlichen Idylle (die mondäne Liza Minelli möge mir verzeihen), die sich in ein chorisches Schreckgespenst der Heimatbesoffenheit verwandelt.

Und dabei fängt alles so lieblich an: Maienduft, Lichtflecken im Laub, die Heiter- und Biederkeit des Wannsees: „Hier können Familien Kaffee kochen!“ Der Singenachmittag, der Sonntagsausflug, die völkische Wonne. Dieser bestrickend schöne Halbknabe oder blonde Jungmann, das frische Gesicht, die glockenhelle Knabenchorstimme, die ertönt:

The sun in the meadow is summery warm,

The stag in the forest runs free.

But gather together to greet the storm,

Tomorrow belongs to me.

Nur ganz nebenbei gesagt: daß faschistische Schwule von Köln bis Schöneberg in diesem Jüngling auch noch heute ihr Ideal finden, ist nachvollziehbar, aber nicht weniger abstoßend.

Dieser Arno Breker Schönheit mit der durch Grüne Tante sauber gewichsten Reinlichkeit lauert eine böszerfurchte Fratze unter der geglätteten Haut. Aber das wissen die, die in sein Gesinge einstimmen, nicht; sie grölen den Refrain mit, als wäre er vom Heimatministerium ausgegeben:

The branch of the linden is leafy und green,

The Rhine gives it´s gold to the sea.

But somewhere a glory awaits unseen,

Tomorrow belongs to me.

Und nach und nach, wie getrieben, als würden sie unziemlich in ihren Straminhöschen stimuliert, als würden sie feucht oder bekämen gewisse Verhärtungen in den Unterbuxen, stimmen immer mehr ein in das anfangs so liebliche Jünglingsliedchen, das aber rasch zur Hymne der vom Vaterlandsfusel Berauschten wird. Ihre Augen starren glasig, aus den Mundwinkeln rinnt der Heimatseim:

Oh fatherland, fatherland show us the sign,

Your children have waited to see.

The morning will come and the world is mine,

Tomorrow belongs to me.

Und so erigiert sich aus den deutschen Schrebergärten der Anspruch auf Weltherrschaft. Und alles was politisch korrekt und im Wege ist, wird niedergegrölt und getrampelt vom Biergarten bis in den Stacheldrahtverhau von Dachau!

Schaut euch diese grandios gedrehte und besetzte Szene an – wie sie umschlägt von der verlogenen Jünglingserotik in arschgesichtige Gier und Skrupellosigkeit…ein Brechmittel sondergleichen.

Aber dem Herrn Dobrindt wurde bei Frau Weidel nicht schlecht…er stimmt nun wie diese entsetzlich brutal-gefühllose und dumme Menge im Film als Refrainsänger ein. Ein Nazilied – ein garstig Lied!

Unsre Fahne flattert uns voran

Aber wir wollen nicht so selbstgerecht feixen, wir wären immun…

Vor vielen Jahren, ich hatte gerade meinen Zivildienst hinter mir…

Ich muß das noch schnell sagen: daß ich den Wehrdienst verweigerte, das habe ich meinem Vater zu verdanken, dem ich nicht viel zu verdanken habe – aber das ist schon allerhand. Er hat nur wenig über seine Soldatenzeit erzählt, er schwieg vor Gram darüber, aber dieses hat er schon berichtet: daß man ihn im November 1944, als er gerade mal 17 wurde, einzog in die Waffen-SS, tätowierte unter der Achsel, daß man ihn ins längst verlorene Frankreich zum Verheizen verschickte, daß gleich am ersten Fronttag sein Freund, den er wohl mehr liebte, als er sich zugestand, einen Bauchschuß bekam und die herausquellenden Gedärme mit dem Blechteller versuchte zurückzudrücken und dabei verreckte, daß er in der Gefangenschaft in Erdhöhlen schlief und sich noch immer zurechtweisen lassen mußte von unbelehrbaren ebenfalls gefangenen Nazioffizieren und daß er nachher mit dem Bagger Leichenberge in Kalkkuhlen zu schieben hatte, dabei den Gestank der verwesenden KZ-Insassen aushalten mußte und deshalb nie wieder – nicht einmal bei der Schießbude auf dem Rummel – ein Gewehr anrühren wollte und nicht ein einziges Mal die Jungvolk-Zeit lobte oder von ihr schwärmte wie meine maßlos dümmere Verwandtschaft, die ihn für einen Linken hielt…

Daß ich also diesen Zivildienst machte, verdanke ich diesen Berichten meines Vaters – und das versöhnt mich mit vielem, das er vergeigte. Ich eitles Geschöpf hielt mich deshalb für immun gegen die Verführungen von Volk und Vaterland… besonders also, als ich einige Jahre danach, im Filmstudium, besonders abscheuliche Nazipropagandafilme sah. Filme, die man zurecht auch heute noch nur unter bestimmten Bedingungen im Rahmen von Fortbildungen oder wissenschaftlichen Seminaren sehen kann. Auch wenn „Jud Süß“ oder der „Hitlerjunge Quex“ nach 80 Jahren eine Menge filmischen Rost angesetzt haben und vielen nur als schwarzweiße Gammelschätzchen scheinen, sind sie gefährliches Gift und bieten faschistische Subliminals en masse. Denn die Machart dieser Propaganda der Unmenschlichkeit ist noch heute die gleiche und hat dieselbe giftige Wirkung…

„Hitlerjunge Quex“ ist ein Film von Hans Steinhoff, den Hans Albers, der mit ihm aneinander geriet, zurecht einen „Scheißregisseur“ nannte, denn er verstand sich mehr auf die politische Liebedienerei als aufs Filmemachen. Daß der „Quex“ zu Steinhoffs – im Sinne seiner Auftraggeber – „gelungensten“ Film wurde, lag weniger an seinen Regiefähigkeiten, als an den Schauspielern, allen voran dem bärbeißigen Heinrich George und seiner Frau im tatsächlichen Leben, Bertha Drews. Beide hatten in der Weimarer Republik mit den Kommunisten sympathisiert, und sie spielten authentisch ein Proletarierehepaar, das sich mühselig in der Wirtschaftskrise durchkämpfen muß, um zu überleben. Ihr Sohn Heini, genannt Quex, weil er so geschwind ist wie Quecksilber, entgleitet ihnen. Der kommunistisch-formlose Jugendklüngel – so jedenfalls wird er mit denunzierender Absicht dargestellt – behagt dem Jungen nicht mehr, als er einmal eines stramm-zackigen Nazijugendlagers ansichtig wird. Der Riß in Politik und Gesellschaft zieht sich nun auch durch die Familie, da der Vater der Begeisterung seines Sohnes für die Nazis feindselig begegnet. Quex, der sich immer stärker für die Hitlerjugend engagiert, wird schließlich bei einer Straßenschlacht von Kommunisten erschlagen. An der Leiche seines Kindes, vom Kommunismus angewidert, schwört der Vater deshalb der KPD ab und wendet sich der nationalsozialistischen Zukunft zu, für die sein Sohn schon mit dem Leben bezahlte.

Eigentlich ist dieses abscheuliche Machwerk eine hymnische Feier des Todes – wenn die Zukunft mit dem Sterben beginnt, kann sie nur das Gegenteil von großartig sein. Der ganze Film jedoch ist darauf angelegt, uns vom perversen Gegenteil zu überzeugen. Sein stärkstes Gestaltungsmittel sind nicht die an die russischen Revolutionsfilme erinnernden Bilder, sondern das Lied der Hitlerjugend, geschrieben vom Reichsjugendführer Baldur von Schirach. Ein böses Meisterwerk reimerischen Unrats. Die Musik von Hans Otto Borgmann ist natürlich nichts anderes als ein Marsch aufs Schlachtfeld: ein besinnungsloser Lemminglauf, ein molto agitato in den Tod. Denn damit enden Text und Lied, nachdem der Führer als Erlöser des Vaterlandes gepriesen wurde:

Wir marschieren für Hitler

Durch Nacht und durch Not

Mit der Fahne der Jugend

Für Freiheit und Brot!

Alles läuft hinaus auf die letzten Zeilen des heroischen Verreckens, ein Verrecken der wiedererlangten jugendlichen Männlichkeit – von der Björn Höcke heute wieder schwärmt und mit deren Deutschlandfahne er ja auch bei seinem ersten großen TV-Auftritt in Günther Jauchs Talkshow herumwedelte:

Unsre Fahne flattert und voran.

Unsre Fahne ist die neue Zeit.

Unsere Fahne führt uns in die Ewigkeit

Unsere Fahne ist mehr als der Tod!

Nicht nur aus der historischen Retrospektive muß man deutlich sagen: es handelt sich hier um ein Mordlied. Denn woher kommt der Tod? Woher die Not? Weder durch Krankheit oder Elend, sondern durch Marsch, Wehrhaftigkeit und folgerichtigem Krieg.

Ja, es ist schon eine dreckige Meisterleistung der Autoren dieses Liedes, Mord und Totschlag als Ausdruck der Jugend, ihrer „Kraft und Schönheit“ zu verlaufen…

All das war mir damals, als ich den Film sah, völlig bewußt. Ich wußte ja schon vorher Bescheid. Aber nicht über die Infiltration des Negativen. Das Lied wird im Film nämlich immer wieder gesungen, erst stückchenweise und dann in immer längeren Teilen – bis es zum Schluß heroisch und ohrenbetäubend geschmettert wird. Eigentlich übersättigend „over the top“…aber dann, während der Schlußapotheose mit den flatternden Fahnen und den marschierenden Hitlerjungen fiel mir auf, wie das Gift bei mir wirkte, denn ich hatte wohl schon zuvor unbemerkt den Rhythmus mit dem Fuß getippt und nun bewegte ich schon das ganze rechte Bein, als müsse ich gleich aufspringen und mitmarschieren. Es war schon zu spät – ich war mitgefangen und und zum Gehangenwerden bereit.

Ich war dabei in den Rausch der Gewalt abzugleiten und das mit einer wohligen Wonne und Ungeistigkeit, die mich vor mir selbst erschaudern ließ. So schnell geht das!

SO funktioniert Faschismus. Auf diese Weise haben die Abermillionen mitgemacht, es gefiel ihnen, Nazis zu werden, es war eine Wonne Nazi zu sein, es erhob aus dem Elend des Individuellen in das strahlende Katzengold der heimatlich-überlegenen Identität – Goldhagen hatte Recht…sie waren willig! Und sie sind es noch immer!

Was wir nun anhand des vaterländisch-heimatlichen Gejodels, das Alexander Dobrindt unter die Leute brüllt, beobachten können, ist genau dieses Phänomen: die Wollust an der verheißenen Unmenschlichkeit, das Vergnügen an der unendlichen Rohheit, an der Macht zum beleidigen, verletzen und beseitigen, um sich selbst aufzuwerten – nichts anderes bedeutet Heimat: Du bist schlechter und deshalb darf ich Schlächter werden!

Heimat ist das wonnige Gefühl sich drinnen auf dem scheißeweichen Kissen der Gemeinsamkeit zu räkeln, während man nach draußen spuckt, schlägt und tritt. Und dabei so unschuldig-selig, kleinkindhaft ausschaut wie Alexander Dobrindt. Er lutscht noch am Daumen, während die Scharführerin Alice schon mit der Weidelgerte anderen über die Finger fährt!

Tomorrow belongs to me“ – “Cabaret”

„Unsre Fahne flattert uns voran“ –„Hitlerjunge Quex“

 

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