Shira ist tot

Plötzlich ist der Terror ganz nah. Plötzlich sind da nicht nur Zahlen und Fakten, plötzlich ist da ein Gesicht, eine Stimme, wehendes Haar.

Shira Tzur. Ermordet am 08.01.2017 in Jerusalem Foto: Israel Defense Forces

Wir waren am 27.12. in der Negev unterwegs, um für eine Wanderung Wasservorräte im Wüstenboden zu vergraben. Es war ausnahmsweise ein regnerischer Tag. Neben der Schotterpiste stand eine Gruppe junger Soldatinnen und Soldaten in viel zu großer Regenbekleidung, und auch die Maschinenpistolen, die sie umgehängt hatten, wirkten viel zu groß. Die Frauen trugen die Haare offen, paarweise schauten sie in Landkarten und dann wieder in die Umgebung. Sie übten wohl, sich im Gelände zu orientieren.

Man gab uns ein Zeichen, anzuhalten. Dann sahen wir dich. Idan, unser Begleiter, sprach mit dir. Du fragtest etwas in dein Funkgerät. Es ging ein paar Mal hin und her. Deine Haare wehten im Wind, du hast freundlich zu uns herübergesehen. Dann hast du ein Zeichen gegeben, und wir konnten weiterfahren.

Dein Name war Shira. Du warst Leutnant. Heute steht dein Name in den Zeitungen, ich sehe dein Bild, das Lachen und deine wehenden Haare.

Heute bekam ich eine Nachricht von Idan, mit einem Foto von dir und deinen drei Kameraden. Idan schrieb

Remember the group of soldiers from the military officers school? This 4 was a part of that group. The girl in the right was the one that talked with me and let us in.

Erinnert ihr euch an die Gruppe Soldaten von der Militärschule? Diese 4 waren Teil der Gruppe. Das Mädchen ganz rechts war die, die mit mir gesprochen hat und die uns durchgelassen hat.

Ich möchte, und deshalb schreibe ich diesen Text, dass dein Tod, und der von Yael, Erez und Shir, nicht nur mir nahe geht, weil ich dir für ein paar Minuten begegnet bin. Ich habe in Israel viele junge Menschen in Uniform gesehen, sie saßen mit mir im Bus, sie schauten auf ihre Smartphones, sie lachten. Ich hab sie nach dem Weg gefragt und sie haben mir den Fahrplanaushang übersetzt.

Es gibt keine Rechtfertigung für deinen Tod. Nicht, weil du noch jung warst, nicht wegen deinem Lächeln und deinen wehenden Haaren. Sondern weil du nicht im Krieg warst, als du sterben musstest. Du hast nichts weiter getan, als deine Pflicht zu erfüllen, dich bereit zu machen für die Verteidigung des Landes, in dem du lebst. In dem ihr friedlich miteinander leben könntet, wenn auch eure Nachbarn anerkennen würden, dass auch ihr ein Recht darauf habt, in dieser Gegend der Welt glücklich zu sein.

Ich habe in diesen Tagen in Israel verstanden, warum du und deine Landsleute dort zu Hause seid. Darüber wird noch zu schreiben sein. Heute bin ich voller Trauer über deinen Tod und über den von Yael, Erez und Shir.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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