Vielfältige Formen der Belästigung stehen gegenwärtig vermehrt am Pranger der rechtlichen wie gesellschaftlichen Diskussion. Von Yanni Gentsch (Catcalling-Petition) bis Collien Fernandez (KI-Problematik) entstehen nunmehr direkte Konfrontationen der Täter mit ihrem erbärmlichen Selbst.
Und dennoch:
Alles ist offenkundig noch längst nicht perfekt.
Alles ist noch nicht einmal ganz am gesellschaftlichen Breaking Point.
Alles ist noch im Schwunge begriffen.
Aber wenigstens das. Immerhin.
Anscheinend hat, wie sollte es auch anders sein, jede Frau ihre ganz eigene, individuelle Art, auf solche Vorfälle zu reagieren.
Was bedeutet das für mich?
Als Mann.
Als Autor.
Als Mensch.
?
Es treibt mich automatisch zu dem Gedanken, einem passenden Beispiel bereits selbst beigewohnt zu haben.
Treibt mich in alte Bilder. In eine Zeit, vor einem knappen Vierteljahrhundert, eine Zeit, deren Öffentlichkeit bei diesem Thema noch weit deutlicher Richtung bullyhafter Täter-Opfer-Umkehr gepolt war. Mindestens durch die Herabwürdigung mittels purer sozialer Ignoranz.
Es geschah in Bremen. Im hitzigen Sommer 2003.
Ich bin zu diesem Zeitpunkt 32 Jahre alt. Die junge Frau, um die diese Geschichte sich dreht, knapp 7 Jahre jünger. Sie ist Kellnerin. Kommt aus einem kleinen Land, dessen Sprache wie Schrift weltweit kaum jemand kennt, nach Deutschland. Nach Deutschland, einen Ort, an dem jeder einheimisch dahergelaufene Grobian ihr gern ein feistes „Achso, Russin, wa!“ entgegen rotzt, um sie sogleich frech duzend anzubaggern.
Wie erscheint die?
Schwarzes Top.
Enge Blue Jeans.
Diese Stiefel, die klingen wie Ansage auf Holz.
Und dieses Lächeln.
Nicht geschniegelt. Nicht gespielt. Nicht Gastro-Schickse.
Echt. Warm. Gefährlich.
Wer ist sie?
Nun, eigentlich eine Musikerin, eigentlich eine Vollblut-Künstlerin, eigentlich….. Doch das hatte sie zu diesem Zeitpunkt längst vergessen. Äußerst präsent hingegen: ihre gleichwohl sonnige Erscheinung. Eine Zugewandtheit zur Welt, von der man sich wünscht, nur einmal wirklich mit Blickkontakt bedacht zu werden, ein Lächeln gar erhaschen. Charisma, dass niemand kaufen kann.
Einige versuchen es gleichwohl. So auch an diesem Abend. Sie war unfreiwillig die Attraktion in einer dieser Kunst-Kneipen. Der Schuppen lag im beginnenden Steintorviertel, zwischen Kunsthalle und dem Goethe Theater, auf deren Straßenseite, irgendwo beim Wallgraben gegenüber der Contrescarpe. Fast noch im direkten Blickwinkel des Roland zu Bremen, dem ritterlichen Schutzherrn des Bürgers gegen die Obrigkeit.
Doch letzteres nutzte nichts.
Kennt ihr jene Sorte gehypter Kneipen, welche sowohl bezüglich ihres Standortes als auch bezüglich der Atmosphäre zwei absolut verschiedene Gesichter aufweisen? Folgendes: Mit einem Haufen freundlicher Menschen wirkt so ein Laden unter Umständen auf künstlerisch, schräge Art warm. Wird er jedoch von Menschen geführt, die vieles sein mögen, aber sicherlich kein Gentleman, und tritt solch geartetes Publikum hinzu, dann, ja dann: tja.
Dann degradiert sich der coole Style des Interieurs selbst zur abgefuckten Hipster-Charade, so kalt wie eine Leichenhalle.
Hier? Sie war ein Vulkan in diesem Kühlschrank. Natürlich begehrt das Eis das Feuer.
Feist.
Für sich.
Allein.
Ich betrete also das Lokal. Nur eine Kellnerin anwesend und der Besitzer, ihr Chef. Die Taverne ist nicht voll aber gut besucht. Kommt mir Schickimicki-mäßig vor. Als Bremer für mich aufgesetztes „Pseudo-1/4“.
Egal. Sie fällt mir sofort ins Auge. Wir kennen einander bereits ein wenig. Doch nicht lange und die Vorgeschichte besitzt hier keinerlei Relevanz.
Sie sieht mich sofort.
Winkt mir zu.
Lacht mich an.
Und weist mir schwungvoll den Weg zum besten Tisch.
Ich nehme Platz. Sie bringt mir argentinischen Wein, einen Letra de Tango. „Gaumadschos! Auf die Gesundheit“ sagt sie mit ebenso stolzen wie verschmitztem Blick der georgischen Bergtochter. Ihr Name lautet Zizino. Zizino – abgeleitet vom georgischen Wort für Glühwürmchen/Firefly stammt aus Tbilissi. Und ich sage Euch…
„Hey, werd ich auch mal bedient?“
Schnarrt eine empörte Stimme. Ein paar Meter gegenüber sitzt ein Mann um die 40, dessen spröder Tonfall ungeduldiges Gestikulieren umrahmt. Wie ein Schmetterling flattert Zizino zu ihm herüber, professionell genug, den schon jetzt unangenehm hierarchischen Eindruck zumindest vorerst zu ignorieren.
Selbstverständlich passieren bei ihr exemplarisch alle Klassiker, die man in derlei Szenen so im Kopf hat. Er versucht ins Private vorzudringen, erzählt demonstrativ während der Bestellung von seiner Firma, wie umwerfend gut er mit dem Chef könne, ob man mal was unternehmen könne und so weiter und so fort.
Ach herrjeh.
Zizino bleibt so charmant wie distanziert. Doch solche Typen geben selten auf nicht wahr? Sind in der Regel immun gegen Subtilität. Er wartet aufs Essen. Zieht dabei das erste Bier, einen halben Liter Becks, quasi auf Ex weg. Prahlt in der Zeit weiter, scherzt mit dem Chef. Letzterer steht stumpf hinter der Bar, während sie alle Tische der Taverne alleine am Halse hat.
Es wird hektischer. Der Raum füllt sich. Alle Hände voll zu tun. Genau jetzt krakeelt Mister Wichtig erneut. Sein Blick konstant auf ihrem Hüften festgetackert. Dieser faulige Pesthauch von:
„Ich darf mir alles erlauben.“
Natürlich, was sonst.
„Noch einen halben Liter Becks!“
„Gern.“
Sie bringt lächelnd das frische Bier, nimmt das leere Glas vom Tisch, wendet sich im obig bereits erwähnt graziösen Schwunge zum Gehen. Dreht ihm den Rücken zu.
„!!!KLATSCH!!!“
Landet des Neandertalers Pranke mit Schmackes auf ihrer zugegeben verführerischen Kehrseite.
Dann passiert diese eine Sekunde der Stille. Jener kleine Moment, in dem die Szene komplett einzufrieren scheint.
Ein Moment, der dich fragt:
Und jetzt, mein Freund?
Ich sitz‘ da.
Halb auf Standby. Halb auf Strom.
Warum?
Sowas ist dann immer ne Zwickmühle. Ihr kennt das eventuell ebenfalls.
Was ist der richtige Weg?
Was soll ich tun? Einschreiten, den ungefragten Ritter geben? Und hinterher hören: „Danke fürs Überspringen! Wer hat dich denn als Retter gerufen, egozentrischer Sack!“
Oder man unternimmt nichts, bleibt als stumpfer Stiesel so erbärmlichst feige wie selbstbezogen sitzen.
Auch gar nicht mal so gut.
Und jetzt? Ich schaue mit dem rechten Auge in ihre, ziehe fragend eine Braue hoch. Sie schüttelt leicht den Kopf. Die anderen Gäste? Vergesst es! Vom Chef war erwartungsgemäß keinerlei Solidarität zu erblicken. Zu gut verstanden die beiden Leuchten einander. Er signalisierte, das sei ja alles schließlich gar nicht sooooo gemeint gewesen, und man solle sich vielleicht nicht sooooo anstellen, gefälligst etwas Humor haben und bitte auch „mal als Frau verstehen und kalkulieren, dass die Gäste durchaus mal einen getrunken haben“.
Tja.
Alle Stereotype misogynen Versagens einträchtig beisammen. Ich erspare uns Einzelheiten seines Vortrages.
Derweil sitzt sein Kumpel breitest grinsend am Tisch und signalisiert, dass er ja eigentlich „immer noch auf das Bier warte.“
Sie dreht sich auf dem Fuß herum. Sagt kein Wort. Begibt sich zum Zapfhahn. Fabriziert ungerührt das Becks. Kommt zurück. Sie lächelt nonchalant, geradezu zuckersüß.
Doch es liegt Stahl in ihrem Blick.
„Hier dein Becks. Gaumadschos. Auf deine Gesundheit.“ Das komplette Glas ergießt sich extra eiskalt über seinen Kopf. Langsam.
Geradezu genießerisch.
Wie mit einem Soßenschwenker.
Alles.
Restlos.
Der Schaum läuft ihm ins Gesicht, in den Kragen, in sein beschissenes Ego.
In dem Moment dachte ich: „OK, d i e will ich heiraten. D i e und keine andere.“
Unser Freund am Nachbar Tisch artikulierte sein Innenleben ebenfalls.
„Was zum Teufel …Du blöde Fo…., du Schlampe, du Hexe, du Hexe, du Hexe…“
Beleidigungen, die nach Keller riechen. Nach Bleikeller.
Klar. Kenn ich.
Sie sagt nichts.
Geht zum Hahn.
Zapft ein Bier.
Ganz ruhig.
Kommt zurück.
Lächelt ihn an.
Süß. Zu süß.
„Ja…
Hier.
Gaumadschos.“
Dann gehaucht, fast zärtlich, dabei versteinerten Tones:
„Und wenn D U das noch einmal bei einer anderen Frau machst, dann spüre ich das und finde ich dich.“
Sie sagte dann noch irgendetwas Schlimmgeorgisches, von dem ich mir sicher bin, dass es besser ist, bis heute nicht genau erfahren zu haben, was für ein Fluch dies im Wortlaute war. Denn ihr Fluch wirkt.
Archaisch.
Georgisch.
Vernichtend.
Nun wendet sie den Blick zu mir. Die Versteinerung der Medusa löst sich langsam. Sie lächelt sonnig.
Als hätte sie gerade nur ein Glas abgeräumt.
„Na? Können wir?“
Ich grinse.
„Immer.“
Tja, wie gesagt, jede Frau hat wohl ihre eigene Art mit derlei Erfahrungen umzugehen, schätze ich. Doch wird es nicht Zeit, dass sie in vergleichbaren Situationen nicht länger nahezu alleine da stehen, so vernachlässigt, so „Down by Law“?
PS: Achso, ein Song fehlt noch.
Was passt zur Story?
Eine Kampfeshymne?
Eine Feminismushymne?
Ein Kneipenlied?
Warum überlassen wir das letzte Wort nicht der Heldin dieser Geschichte? Wem sonst? Immerhin ist es ihre ganz ung gar hauteigene Story, so exemplarisch sie in des Lesers Auge auch klingen mag.
Hier kommt Zizino heute – 23 Jahre später – mit dem Soundtrack zu ihrem eigenen Erlebnis plus sinnbildlichem Text:
Zizino – Look Into My Eyes
Look into my eyes
Tell me what I feel
Look into my eyes
And guess what I want
Look into my eyes
Tell me what I need
Look into my eyes
And guess who I amMaybe I’m a little dreamer
My dreams are so deep
Maybe I just wanna play
So many funny GamesMaybe I’m a woman
Driving too madAnd don’t dare to touch
Or l‘ lI wound you with my claws
Music & Lyrics by Zizino
Newsletter abonnieren
Sie wollen keine Kolumne mehr verpassen? Dann melden Sie sich zu unserem wöchentlichen Newsletter an und erhalten Sie jeden Freitag einen Überblick über die Kolumnen der Woche.




Ihr Kommentar