„Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören.“
(Hermann Hesse 1919)
Als 1970 Abraxas erscheint, ist die Zukunft kein Pl Algorithmus.
Eher ein Versprechen.
Alben sind geschlossene Welten. Kosmen mit Dramaturgie.
Und Carlos Santana will keinen Hit schreiben – er will ein Weltbild vermitteln.
Ein Grundgefühl.
Der Auftritt beim Woodstock Festival hatte ihn schlagartig berühmt gemacht. Doch Ruhm als Status interessiert ihn nicht.
Er misstraut dem eigenen Debüt.
Zu roh. Zu zufällig. Zu wenig Bewusstsein.
So investiert die Band nahezu alles in neue Technik, arbeitet Tag und Nacht, schleift, ordnet, verwirft.
Zerstörung als Voraussetzung von Geburt.
Hier kommt ein Autor ins Spiel, der 1970 eigentlich schon Vergangenheit ist: Hermann Hesse.
Sein Roman „Demian“ liegt da bereits ein halbes Jahrhundert zurück.
Bildungsbürger-Regal. Schulstoff. Ach herrjeh.
Und doch wird genau dieses Motiv wieder Gegenwart:
„Der Vogel kämpft sich aus dem Ei.
Das Ei ist die Welt.
Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören.
Der Vogel fliegt zu Gott.
Der Gott heißt Abraxas.“
Santana zitiert Hesse nicht museal.
Er macht ihn funktional.
Was bei Hesse literarische Initiation ist –
die Einheit von
Licht und Dunkel,
Gott und Dämon,
Geist und Körper –
wird bei Santana Klang.
Percussion statt Paragraph.
Gitarrenton statt Innerer Monolog.
„Abraxas“ wird hörbar.
Das ist mehr als eine Referenz.
Es ist eine Übersetzung.
Man muss „Demian“ nicht durcharbeiten, um das Prinzip zu begreifen.
Es genügt, „Singing Winds, Crying Beasts“ aufzudrehen und zu spüren, wie Ruhe und Puls ineinanderfließen.
Ganzheit – als Ton.
In „Incident At Neshabur“ lodert Rock-Härte neben jazzy Elastizität, ohne dass beides einander ausschließt. Keine Selbstverständlichkeit in jenen Pionierjahren.
Und wenn „Black Magic Woman/Gypsy Queen“ – ursprünglich ein Stück von Fleetwood Mac, geschrieben von Peter Green – in Santanas Version dunkler, heißer, körperlicher wird, dann beginnt das eigentliche Spiel.
Das ist kein Cover.
Das ist Verführung.
Die Gitarre tastet sich nicht vor – sie umkreist.
Sie hält Blickkontakt.
Sie zieht die Spannung an, lässt sie stehen, verschiebt sie wieder.
Der Rhythmus pulsiert unter der Oberfläche wie ein zweiter Herzschlag.
Die Orgel antwortet nicht – sie lockt.
Hier wird nichts behauptet.
Hier wird angezogen.
Und genau in dieser Reibung aus Kontrolle und Ekstase, aus Eleganz und Gefahr, offenbart sich jene Einheit der Gegensätze, die Hesse Abraxas nannte.
Santana rettet Hessegrrade nicht durch Treue.
Er rettet ihn durch Sinnlichkeit.
Spiritualität geht hier über Predigt hinaus.
Sie wird erfahrbar.
Der Gedanke wird nicht ausgelöscht.
Nicht bagatellisiert.
Er wird Rhythmus.
Melodie.
Reibung.
Die Metapher wird Bewegung.
Und plötzlich ist etwas, das 1919 gedacht wurde, 1970 nicht nur aktuell, sondern zukunftsfähig.
Teaching without teaching.
Vielleicht liegt genau darin seine Relevanz heute.
Oberflächlich betrachtet ist „Abraxas“ ein Classic-Rock-Relikt. Vinyl-Kanon. Historie.
Aber wenn Hesse 1970 bereits Vergangenheit war und dennoch Zukunft stiften konnte – warum sollte ein Album von 1970 nicht 2026 dasselbe leisten?
Progressivität hängt nicht am Erscheinungsjahr.
Sie hängt an der Intensität, mit der ein Werk Gegenwart berührt.
Was sonst?
Wir leben erneut in einer zerrissenen Zeit.
Identität gegen Identität. Licht gegen Dunkel. Meinung gegen Meinung. Viel Theorie, viel Diskurs –
– wenig Erfahrung.
„Abraxas“ argumentiert bewusst nicht.
Es wirkt.
Vielleicht braucht es in einer Epoche permanenter Verfügbarkeit wieder etwas, das als Ganzes erdacht ist.
Neun Stücke als Dramaturgie.
Keine Playlist, sondern Initiation.
Keine Behauptung, sondern Durchgang.
Mehr Tür.
Weniger Antwort.
Santana illustrierte 1970 keinen Zeitgeist.
Er machte eine innere Wahrheit hörbar.
Dass ihm dabei ein Millionenpublikum folgte, war kein Kalkül.
Nur Konsequenz.
Mainstream als Mystik,
Erfolg als Ernstfall.
Und vielleicht ist mithin die eigentliche Quadratur des Kreises:
„Abraxas“ ist:
ein Werk, das alt genug ist, um historisch zu wirken –
und zugleich lebendig genug, um wieder Gegenwart zu werden.
„Abraxas“ ist kein Denkmal.
Es bleibt ein Angebot.
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