KollegInnen und ich sind in der ambulanten Pflege, bzw. als AssistentInnen für Menschen tätig. Unser Arbeitsplatz befindet sich demnach die meiste Zeit in Privatwohnungen anderer Leute. Dort pflegen wir, gehen im Alltag zur Hand, haben ein freundliches ermunterndes Wort, möglicherweise einen bestenfalls hilfreichen Rat.
Die Menschen, auf die wir treffen, lassen uns in ihrem Privatesten agieren. In ihrem eigenen Dach und Fach. Unser Bewertungsfeld beschränkt sich auf unsere Arbeit. Eine Begrenzung z.B. auf pflegerische Handlungen, die in solchen Umfeldern nach menschlichen ermessen möglich sind. Alles andere, was in den Privaträumen passiert, haben wir nicht zu kommentieren, nicht zu bewerten, allerhöchstens für uns selbst in angemessener fleißiger Stille einzuordnen. Soviel zu einem gewissen Ideal, etwas was man auch graue Theorie nennen kann.
Andauernd werden Dinge unnötig bewertet!
Dennoch ist es in meinem Arbeitsumfeld üblich, dass vor allem laut vernehmlich folgende Dinge unaufgefordert von Pflegenden und Assistierenden mit einem Urteil versehen werden: Wohnungseinrichtungen, Ernährungsweisen (nicht medizinisch), Musikgeschmack, TV Sender, Kleidung und das Äußere derer, die uns in ihre Wohnung lassen (body shaming).
Letzteres dergestalt nassforsch von plauderfreudigen Pflegepersonen im ersten Stadium in etwa so formuliert: „Deine Hose ging auch schon mal besser zu!“ Oder als Steigerung: „Die Hose passt Dir nicht mehr!“ Und dies, obwohl alle anderen KollegInnen eines Teams täglich beweisen, dass genau diese Hose der Person passt und bei der Hilfeleistung eine gewisse Bequemlichkeit der helfenden Arbeitskraft das eigentliche Hindernis darstellt. Letztlich sind wir mit den Menschen in ihrem Zuhause alleine. Es gibt keine weiteren Zeugen.
So gehört u.a. auch zu meiner Tätigkeit, Abende vor dem Fernsehapparat mit den KundInnen zu verbringen. Von Trash TV – Netflix und politischen Talkshows im öffentlich rechtlichen Fernsehen, kann alles dabei sein. Situationen, die freilich Meinungsdifferenzen zwischen den Leuten und mir fördern. Da kann es auch schon mal passieren, dass einem der Fernseher zu laut ist, einem das Programm gar nicht zusagt, oder irgendeine Politikernase zu viel Raum bekommt, um viel Unsinn an die Menschheit zu senden.
Diese Menschen aber sind Zuhause. Sie nicht zu bewerten, zumindest nicht laut und unaufgefordert, ist unsere Aufgabe. Und dies ist komplett unbestritten.
Die Kunst, wertfrei zu bleiben!
Es ist also ein komplexes Thema, professionell herauszufinden, wo man seine unqualifizierten Kommentare hinterlässt und wo es geboten ist, diese Reflexe zu unterlassen. Das Leben der anderen Person ist nicht das eigene.
In einem Fotoforum gibt es einen Bereich der intensiven Bildbesprechung. Eine kleine Passion von mir, seit ich in der Schule von einer sehr guten Kunstpädagogin an dieses Thema herangeführt wurde. Ich war einer der wenigen in der Klasse, die das cool fanden. Ein kleiner erster Schritt zum Nerd: zu beschreiben, was man sieht, ohne zu sagen, ob man es gut oder schlecht findet. Etwas länger betrachten, anstatt sofort zu urteilen. Sich bei der Meinungsbildung sozusagen in Geduld zu üben.
Ähnliches soll bei der Bildbesprechung im besagten Forenbereich geschehen. Der Kreis, der sich darauf einlässt, ist klein. Nicht der vernichtende Teil eines Feuilletons zu sein, ist für manchen Menschen schwer auszuhalten. Ein gedachter „Muskelfaselkrampf“ stellt sich ein.
So gab es gefühlt jahrelang dort einen Teilnehmer, der jede Fotografie wie folgt kommentierte: „Mir sagt das Bild gar nichts!“ Irgendwann, als immer wieder aufgefordert wurde, nicht zu bewerten, sondern sein geschultes oder schulendes Sehen zu zeigen, gab er auf.
Er ging dazu über jetzt jeden Kommentar zu liken, der „Ich kann mit dem Bild nichts anfangen!“, „Verdammtes Knipsbild!“, oder ähnlich lautete. Was für eine konsequente Festigung einer starken Persönlichkeit ich da rauslesen muss.
Oh oh, sorry, ich fürchte, ich habe jetzt bewertet.
Speisereste, die uns im Gedächtnis bleiben!
Der einstige Privatmann Holle (bürgerlich Holger Schwietering) hat irgendwann bei YouTube angefangen, in dieser unserer „Dönerrepublik“ eben besagte Speise von Nord nach Süd und Ost nach West zu testen. Der heutige Unternehmer mit eigenem Dönerrevier in Hamburg, hat dabei das Wesen von Ranglisten auf eine gewisse Spitze getrieben. Die Bewertung eines profan bekannten Essens, Alltag in Dorf, Stadt und Land in Zehntelpunkten von 0 – 10. Beim Verspeisen schließt er stets die Augen, erbittet sich ungestörte Prüfung bei höchster Konzentration und würzt seinen Test mit menschlich nachvollziehbarer Flachwitzkultur.
Dabei möchte ich anmerken, dass Holle wohl über die Jahre, was Produktion, Qualität, Anbau und Endprodukt betrifft, gewiss kein unwissender Geselle blieb. Nein, er erarbeitete sich glaubwürdig Kompetenz auf diesem speziellen Gebiet.
Aber, dem durchschnittlichen Verbraucher und potenziellen Kunden von Nahrungsmitteln in Restaurants und Imbissen, erschließt sich nicht, wie auf diese pseudowissenschaftliche Weise Bewertungsdifferenzen von 7.8 oder 7.9 getroffen werden können. Diese für sich genommen vermutlich originelle Persönlichkeit, hat seine Nachahmer gefunden.
Menschen mögen Ranglisten!
Der Fußballfan soll Stadien beurteilen, andere Fanszenen, Auswärtsblöcke und vor allem Schiedsrichter. Jeder ist für sich genommen eine eigene „Stiftung Warentest!“
Es geht längst nicht mehr um Dinge wie Verbraucherschutz und Orientierungshilfen. Es ist egal, ob man nun besonders ahnungslos, oder Experte ist: man meint etwas dazu: „Meine Meinung!“
Dies geschieht in einer Gesellschaft, in der zeitgleich immer mehr BürgerInnen dazu übergehen, die Klage vom Verlust der Meinungsfreiheit hochzuhalten.
„Sie sind der Meinung, das war Spitze!“ Hans Rosenthal.
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