Bei immer mehr Menschen reicht das Geld nicht aus. Etwa 13,3 Millionen galten laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr als armutsgefährdet. Noch dramatischer fallen die Zahlen mit Blick auf die soziale Teilhabe aus.
(c) tagesschau.de am 3. Februar 2026: Mehr als 13 Millionen Menschen von Armut bedroht
13,3 Millionen Menschen gelten in Deutschland als armutsgefährdet. Wenn man nicht nur Einkommen, sondern auch Teilhabe (Wohnen, Bildung, Kultur, Konsum, soziale Kontakte) betrachtet, sind es sogar 17,6 Millionen. Umgerechnet auf die Gesamtbevölkerung bedeutet das 16,1 bzw. 21,3 Prozent, die am Existenzminimum herumkrebsen. Zahlen, die sich gut in einer Grafik machen, die in Nachrichtensendungen zwischen Wetter und Börse auftauchen und am nächsten Tag wieder vergessen sind.
Für mich stellen diese Zahlen jedoch keine abstrakten Werte dar. Sie sind ein Geruch, ein Gefühl, ein Geräusch. Sie sind der Klang des Kühlschranks, der nachts brummt, obwohl kaum etwas drinsteht. Sie sind der Blick auf das Konto am 20. des Monats. Sie sind das Warten.
Ich habe 4 Jahre so gelebt. Getrunken. Lausig entlohnte Gelegenheitsjobs, Kohle am Ende eines Arbeitstages bar auf die Hand. 1 Jahr lang Hartz IV, um mal wieder krankenversichert zu sein und mir Wurzelbehandlungen beim Zahnarzt leisten zu können. Klamotten aus der Kleiderkammer. Lebensmittel von der Tafel. Bier und Schnaps vom Discounter. Immer in Unsicherheit, ob ich morgen die Telefonrechnung und übermorgen den Strom bezahlen kann. Jeder Tag eine Kalkulation, jede Woche eine Herausforderung, jeder Monat ein Risiko.
Armut als Lebensmodus
Armut ist kein Zustand, den man einmal erlebt und dann abhakt. Armut ist ein Lebensmodus. Sie strukturiert Zeit, Denken, Beziehungen, Selbstbild. Sie frisst sich in den Alltag wie Feuchtigkeit in die Wände einer schlecht isolierten Wohnung.
Ich erinnere mich an das Rechnen. Immer das Rechnen.
Im Supermarkt die Addition im Kopf: Brot, Nudeln, Dosen, die billigste Margarine. Fleisch selten, Obst nur, wenn es im Angebot war. An der Kasse der Moment, in dem man hofft, dass die Summe mit dem übereinstimmt, was man im Kopf überschlagen hat. Wenn nicht, dann das leise Entfernen eines Artikels, begleitet vom leicht vorwurfsvollen Blick der Kassiererin.
Kleiderkammer, Tafel, Discounter
Ich erinnere mich an die Kleiderkammer.
Diese Mischung aus Dankbarkeit und Demütigung. Die Ständer mit gespendeten Jacken, die nie richtig passten. Die Hosen, die man umkrempeln musste. Der Geruch von fremden Haushalten. Und dieses Gefühl, dass man in den Augen der Helfenden immer ein bisschen Objekt ist, nie ganz Kunde, nie ganz gleichwertig.
Die Tafel war ähnlich.
Ich bin dankbar für jede Institution, die hilft. Aber Armut bedeutet, dass Hilfe immer mit einem Beigeschmack kommt. Man steht Schlange, man wird geprüft, man bekommt, was übrig ist. Es ist Versorgung, aber keine Wahl. Und Wahlfreiheit ist eine unterschätzte Form von Würde.
Getrunken habe ich viel.
Bier und Schnaps vom Discounter. Nicht aus Hedonismus, sondern aus Flucht. Alkohol ist billig, verfügbar und wirksam. Er dämpft die Scham, die Langeweile, die Angst. Er macht die Leere erträglicher. Aber er verstärkt das, wovor man flieht. Ein Teufelskreis, der in Statistiken als „Suchtproblem“ erscheint, im Leben aber oft als Symptom von Perspektivlosigkeit.
Der 20. des Monats
Das Warten ab dem 20. war das Schlimmste.
Der Monat teilte sich in zwei Hälften: die Zeit des Überlebens und die Zeit des Wartens. Warten auf das Geld vom Amt, warten auf den Bescheid, warten auf den nächsten Termin. Zeit wurde zu etwas, das gegen einen arbeitet. Der Kalender war ein Countdown, kein Planungsinstrument.
Armut verändert die Wahrnehmung von Zeit.
Man plant nicht langfristig, weil langfristig ein Luxus ist. Man denkt in Tagen, manchmal in Stunden. „Reicht es bis Freitag?“ ist eine reale Frage. „Wo will ich in fünf Jahren sein?“ ist eine absurde.
Gut, wenn es einem gelingt, rechtzeitig den Absprung zu schaffen, bevor Hartz 4 zum prekären Dauerzustand wird.
Isolation mit System
Armut verändert auch Beziehungen.
Freunde gehen essen, man sagt ab. Kollegen planen Urlaub, man schweigt. Familie fragt, wie es läuft, man lügt. Armut isoliert, weil Teilhabe Geld kostet. Und weil man irgendwann müde wird, sich zu erklären.
Ich erinnere mich an die Post vom Jobcenter.
Jeder Brief ein potenzielles Problem. Sanktionen, Termine, Nachweise. Bürokratie ist für Wohlhabende ein Ärgernis, für Arme eine Bedrohung. Ein fehlendes Formular kann existenzielle Konsequenzen haben. Man lebt in einem administrativen Ausnahmezustand.
Die innere Veränderung
Und dann die innere Veränderung.
Armut macht etwas mit dem Selbstbild. Man beginnt, sich selbst als Problem zu sehen. Als Versager, als Abgehängter. Man internalisiert das Urteil einer Gesellschaft, die gern von Leistung spricht, aber selten von Startbedingungen. Man vergleicht sich und verliert. Jeden Tag ein bisschen.
Ich habe mich oft gefragt, wie ich hier gelandet bin.
Die Antwort war nie einfach. Schlechte Entscheidungen, ja. Alkohol, ja. Aber auch Brüche, Zufälle, fehlende Netzwerke, falsche Abzweigungen. Armut ist selten monokausal. Sie ist ein Knoten aus Biografie, Struktur und Pech (und Wodka).
In Statistiken heißt das „Risikofaktoren“.
In der Realität sind es Lebensgeschichten.
Unsichtbare Armut
Das Perfide an Armut ist ihre Unsichtbarkeit.
Sie spielt sich in Wohnungen ab, die niemand sieht. In Köpfen, die niemand hört. In Kontoauszügen, die niemand liest. Man kann arm sein und geschniegelt aussehen. Man kann arm sein und lächeln. Man kann arm sein und funktionieren. Gerade das Funktionieren macht Armut so schwer sichtbar.
Heute lese ich die Zahlen anders.
13,3 Millionen armutsgefährdete Menschen. 17,6 Millionen von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Das ist kein Rand. Das ist ein Fünftel der Gesellschaft. Das ist die Größe eines Landes. Und trotzdem reden wir über Armut, als sei sie ein Spezialproblem von Randgruppen.
Armut als Spiegel
Armut ist in Deutschland kein Randphänomen mehr.
Sie betrifft Alleinerziehende, Rentner, Niedriglöhner, Selbstständige, Studierende, Migranten, Ostdeutsche, Westdeutsche. Sie ist quer durch die Gesellschaft verteilt, aber ungleich konzentriert. Und sie ist politisch unbequem.
Denn Armut ist ein Spiegel.
Sie zeigt, wie eine Gesellschaft mit den Schwächsten umgeht. Sie zeigt, wie fair Chancen verteilt sind. Sie zeigt, ob Wohlstand nach unten durchsickert oder oben kleben bleibt.
Ich weiß, wie es ist, sich klein zu fühlen.
Wie man sich entschuldigt, überhaupt da zu sein. Wie man den Raum verlässt, wenn Geld Thema wird. Wie man das eigene Leben als Randnotiz betrachtet.
Der mentale Aspekt
Das ist vielleicht der tiefste Effekt von Armut:
Sie verkleinert Menschen. Nicht körperlich, sondern mental. Sie schrumpft Träume, Ambitionen, Selbstanspruch. Sie macht aus Bürgern Bittsteller, aus Kunden Empfänger, aus Individuen Fälle.
Und doch gibt es in dieser Erfahrung auch eine merkwürdige Klarheit.
Wenn Geld fehlt, wird sichtbar, was wirklich zählt: Wärme, Essen, ein Dach über dem Kopf, ein Mensch, der anruft. Der Rest ist Dekoration. Aber diese Klarheit ist teuer erkauft.
Heute habe ich Abstand.
Ich habe einen anderen Blick auf Konsum, auf Sicherheit, auf Reichtum. Ich weiß, wie fragil alles ist. Wie schnell man fallen kann. Und wie schwer es ist, wieder aufzustehen, wenn man einmal unten ist.
Die falsche Debatte
Deshalb ärgert mich die moralische Debatte über Armut.
Wenn Politiker über „Anreize“ sprechen, wenn Talkshows über „Arbeitsunwillige“ diskutieren, wenn Kommentare suggerieren, Armut sei vor allem ein individuelles Versagen. Diese Debatte ignoriert, was Armut im Inneren anrichtet.
Armut ist Stress. Chronischer Stress.
Sie ist ein permanenter Alarmzustand. Und Stress macht krank, unkonzentriert, kurzsichtig. Er verengt den Horizont. Wer im Überlebensmodus ist, denkt nicht strategisch. Das ist kein Charakterfehler, das ist Biologie.
Armut ist auch eine Form von Gewalt.
Keine physische, aber eine strukturelle. Sie zwingt Menschen in Lebenslagen, die sie sich nicht ausgesucht haben. Sie begrenzt Freiheit. Sie diktiert Entscheidungen. Sie schreibt Biografien vor.
13,3 Millionen Geschichten
Wenn ich heute die Zahl 13,3 Millionen lese, sehe ich mich selbst in dieser Statistik.
Ich sehe die Flaschen im Einkaufswagen. Ich sehe die Schlange vor der Tafel. Ich sehe den Kontoauszug mit null. Ich sehe das Warten auf den Geldeingang. Und ich sehe die innere Stimme, die sagt: „Das ist jetzt dein Platz.“
Diese Stimme ist das Gefährlichste.
Denn sie macht Armut reproduzierbar. Wer sich klein fühlt, greift seltener zu Chancen, traut sich weniger zu, erwartet weniger vom Leben. Armut ist dann nicht nur mehr materiell, sondern wird zum mentalen Problem.
Moralischer Befund
Vielleicht ist das der Grund, warum mich diese Statistiken wütend machen.
Nicht wegen der Zahlen, sondern wegen der Gleichgültigkeit, die sie begleitet. Man kann sich an 13,3 Millionen gewöhnen. Man kann sie als Hintergrundrauschen betrachten. Man kann sie politisch instrumentalisieren. Aber man sollte sie nicht normalisieren.
Armut ist kein Naturgesetz.
Sie ist das Ergebnis von Politik, Wirtschaft, Kultur, Geschichte. Sie ist gestaltbar. Aber sie erfordert Willen. Und Empathie. Und die Bereitschaft, über Zahlen hinauszusehen.
Ich habe Armut erlebt.
Ich habe sie überlebt. Aber ich habe auch gesehen, wie sie Menschen bricht. Wie sie Beziehungen zerstört. Wie sie Leben verkleinert. Wie sie Zukunft raubt.
Gesellschaftlicher Offenbarungseid
In einem der reichsten Länder der Welt darf Armut kein Randproblem bleiben – sie ist ein fortwährendes kollektives Versagen, das wir schulterzuckend akzeptieren, weil wir uns damit arrangieren.
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