JAMES BOND RELOADED – Das Ringen um die ikonischste Rolle der Filmgeschichte

TEIL 2: CASTING CALL

Im zweiten Teil von JAMES BOND RELOADED widmet sich Mia Lécureuil der Frage, welcher Darsteller der nächste 007 werden könnte, und warum Medien eine Frage diskutieren, auf die es noch lange keine Antwort geben wird.

James Bond Casting Call
Bild: eigene Kreation der Autorin

Kaum ist ein James-Bond-Darsteller offiziell verabschiedet, beginnt eine der zuverlässigsten Debatten der Popkultur: das endlose Rätselraten über seinen Nachfolger. Diese Diskussion wartet nicht auf Informationen, sondern lebt davon, dass es keine gibt. Je größer die Ungewissheit, desto mehr Raum für Spekulationen. Die große Bondfrage – wer den Mythos künftig auf der Leinwand verkörpern darf – wird längst nicht mehr nur in halbseriösen Klatschblättern verhandelt, sondern geistert inzwischen auch durch Magazine für den arrivierten Gentleman und durch die etablierten Movie-Portale.

STAND DER DINGE

Tatsächlich lässt sich der Stand der Dinge erstaunlich knapp zusammenfassen: MGM, inzwischen Teil von Amazon, hält die Rechte an den Filmen. Ein neuer Bond-Film ist angekündigt, mit Denis Villeneuve als Regisseur, und das auch zunächst nur für den ersten Film der neuen Reihe, und Steven Knight als Drehbuchautor. Alles Weitere ist bislang weder inhaltlich noch personell konkretisiert. Und dennoch berichten Medien mit bemerkenswerter Unermüdlichkeit darüber, wer der nächste James Bond werden könnte. Diese Diskrepanz zwischen Wissen und Berichterstattung ist auch kein Zufall. Sie ist das eigentliche Thema.

SPEKULATIONEN

In der Welt der Wettbüros hat sich rund um diese Frage sogar ein eigenes Paralleluniversum gebildet, irgendwo zwischen Popkultur und Finanzmarkt. Betrieben mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit. Namen steigen und fallen dort wie Börsenkurse, abhängig davon, wer zuletzt besonders gut gekleidet auf einer Party erschien, sich als Markenbotschafter eines von Bond bevorzugten Labels ablichten ließ oder schlicht den Namen trägt, den ein ominöser Insider, dessen Existenz selbstverständlich nie überprüfbar ist, „ganz nebenbei“ fallen ließ.

In Deutschland jedoch bleibt dieses Spiel reine Beobachtungssache. Der Glücksspielstaatsvertrag verbietet Wetten auf kulturelle Ereignisse, und dazu zählt auch die Besetzung einer Filmrolle. Ausdrücklich selbst dann, wenn der Anbieter im Ausland sitzt. Seriöse Wettbüros schließen deutsche Kunden deshalb aus, meist per Geoblocking oder Wohnsitzprüfung. Wer es dennoch über ausländische Plattformen versucht, bewegt sich rechtlich mindestens in einer Grauzone, im Zweifel deutlich jenseits des Erlaubten.

Während anderswo also echtes Geld auf den nächsten 007 gesetzt wird, bleibt uns Deutschen das, was wir ohnehin am besten beherrschen: die Szene aufmerksam zu verfolgen, einige Favoriten ins Visier zu nehmen, und später sehr präzise zu erklären warum wir es selbstverständlich schon immer gewusst haben.

STRATEGISCHE MARKENPFLEGE

Dass Amazon über MGM nun die Bond-Filme kontrolliert, hat die Spekulationen eher befeuert als gebremst. Der Konzern denkt langfristig: Markenpflege, strategische Franchise-Entwicklung, Zielgruppenorientierung. Für Amazon ist Bond kein reines Filmkunstwerk, sondern ein kulturelles Asset. Erschwerend kommt hinzu, dass Ian Flemings originale Bond-Romane 2035 gemeinfrei werden sollen, was theoretisch anderen Studios erlauben würde, eigene Bond-Verfilmungen zu produzieren. Amazon ist also gut beraten, aufs Tempo zu drücken.

GERÜCHTE

Entsprechend kursieren permanent widersprüchliche Gerüchte: Mal soll Bond kaum älter als Anfang dreißig sein, dann wieder sucht man bewusst einen Darsteller in den späten Dreißigern mit Lebenserfahrung, Gravitas und Autorität. Diese Unschärfe ist kein Informationsdefizit, sondern Teil der Strategie.
In der Medienökonomie sind Gerüchte ein mächtiges Werkzeug. Je weniger offiziell kommuniziert wird, desto mehr Raum entsteht für Spekulationen, und damit für kostenlose Aufmerksamkeit. Jeder kolportierte Name, jede angebliche Shortlist, jede „anonyme Quelle“ hält die Marke Bond präsent, ohne einen einzigen Marketingdollar zu investieren.

Die widersprüchlichen Gerüchte bedienen gleichzeitig unterschiedliche Erwartungen und widersprechen sich sogar innerhalb weniger Wochen. Entscheidend ist nicht, ob eines davon stimmt, sondern dass überhaupt darüber gesprochen wird.

CLICKBAIT

Für Journalisten und Magazine ist Bond ohnehin das ideale Thema: international verständlich, emotional aufgeladen, unverfänglich. Allein der Name im Titel erzeugt Aufmerksamkeit, also die Währung, in der Medien rechnen. Bekanntes wird dafür neu verpackt, leicht variiert und mit ausgedachten oder tatsächlichen Indizien aus Wettbüros oder angeblichen „anonymen Quellen“ angereichert.

ILLUSION DER TEILHABE

Bemerkenswert ist dabei die Beharrlichkeit der Bond-Debatte trotz völliger Ungewissheit. Nichts Genaues weiß man nicht – und genau daraus speist sich die Energie der Diskussion. Sie suggeriert Nähe zu einer Entscheidung, Teilhabe an einem abgeschotteten Prozess. Dabei sind diejenigen, die es wirklich wissen könnten, in Wahrheit scharf abgezählt, unterzeichnen strafbewehrte Schweigeerklärungen und wissen es vermutlich selbst noch nicht. Es geht auch gar nicht darum, wertvolle Hinweise zu liefern, sondern darum Bindung an die Marke zu schaffen. Leser werden eingeladen mitzudenken, zu bewerten und zu wetten. Nicht weil ihre Meinung Einfluss hätte, sondern weil ihre Beteiligung Bond lebendig hält.

DIE HEISSESTEN NAMEN

Dabei tauchen regelmäßig dieselben Namen auf: Theo James, Harris Dickinson, James Norton, Aaron Taylor-Johnson, Jack Lowden, Aaron Pierre und Callum Turner, um nur einige zu nennen. Jeder einzelne Name steht dabei für eine mögliche Interpretation von Bond – und gleichzeitig sprechen gleichzeitig auch wieder Gründe gegen ihn.

THEO JAMES
Theo James wirkt wie das Ergebnis eines Beratungsgremiums, das einen optisch ansprechenden Mann definieren sollte: alles an ihm ist Oberfläche. Nichts scheint erkämpft, alles wirkt geliefert. Er erscheint nicht wie jemand, der die Welt rettet, sondern wie jemand, der genau weiß, aus welchem Winkel er dabei gut aussieht. Bond sollte schon gut aussehen, ja. Aber bitte nie so, als genieße er es heimlich, dabei beobachtet zu werden.

JACK LOWDEN
Lowden strahlt wiederum die Autorität eines Lehrers aus, der die zukünftige Agentengeneration im Keller des MI6-Gebäudes ausbildet: kompetent, engagiert, moralisch und konsequent. Man glaubt ihm sofort, dass er Spionage erklären kann, aber nicht, dass er nachts allein Entscheidungen trifft, die sein Leben genauso verändern wie die Welt. Bond ist kein Ausbilder. Eher ein erschreckendes und doch faszinierendes Agentenbeispiel. Mit Sexappeal.

HARRIS DICKINSON
Dickinson wiederum vermittelt die Präsenz eines Twens, der nach einer Mission alles nochmal reflektiert, und darüber nachdenkt, ob das alles auch wirklich so sein musste. Seine gespielte Verletzlichkeit wird oft mit Tiefe verwechselt. Doch Bond ist verschlossen, ja geradezu versiegelt. Dickinson wäre die Art von Agent, der nach drei Einsätzen kündigt und dann ein Buch darüberschreibt. Bond schreibt keine Bücher. Er verschwindet.

JAMES NORTON
Norton ist wiederum der Typ, der britische Eleganz und Sicherheit ausstrahlt. Alles an ihm ist korrekt und kontrolliert. Aber Bond lebt auch von Eskalation und Rohheit. Norton überzeugt hingegen am besten als jemand, der eine Krise elegant managt, während James Bond selbst die Krise IST. Norton wäre Bonds perfekter Vorgesetzter M in spe.

AARON TAYLOR-JOHNSON
Taylor-Johnson kennen wir explosiv, schnell und hart. Bond ist jedoch gefährlich, weil er kontrolliert agiert, und nicht, weil er ausrastet. Taylor-Johnson liefert Action. Bond liefert Präzision.

AARON PIERRE
Pierre stellt man sich am besten als einen Agenten vor, der die Mission überlebt und dann befördert wird. Er vermittelt Kontrolle, Planung und Kompetenz. Aber Bond darf nicht wie jemand wirken, der nach Vorschrift arbeitet. Bond wird auch nicht befördert. Er wird verbraucht.

CALLUM TURNER
Turner wirkt wie ein junger Mann, der gerne Bond spielen würde und ihn in eine „Origin Story“ verpacken könnte. Charme, Zuverlässigkeit, Bewegung, ja. Tiefe, Schwere, Vergangenheit – nein. Bond braucht auch keine Darstellung seiner „Origin Story“. Er HAT eine.
Ein jungenhafter Bond müsste ohnehin auf ganz bestimmte Art und Weise inszeniert werden, um ihm trotz jugendlichen Alters die nötige Autorität und Glaubwürdigkeit einzuhauchen. Zwei Männern ist dies übrigens auch schon mal gelungen: Sean Connery war zweiunddreißig, als er mit Bond begann, sein Nachfolger George Lazenby war dreißig. Beide wirkten durch Make Up, Drehbuch und Auftreten aber deutlich älter, eher wie Anfang vierzig. Unter diesen Voraussetzungen kann es also manchmal klappen mit der Autorität.

Soll ein jugendlicher Bond ernsthaft Gravitas ausstrahlen, bleibt ihm noch eine weitere Option: Er muss Frauen, die ihn begehren, höflich, aber bestimmt auf Distanz halten. Eigene Initiative wäre strikt tabu – ein Privileg, das offenbar erst mit den Vierzigern zuverlässig erworben wird. Ein junger Mann, der aktiv verführt, verliert augenblicklich seine Autorität, und wäre damit schlicht kein Bond mehr. Mit diesen altbewährten dramaturgischen Kunstgriffen ließe sich ein junger 007 jedoch notfalls noch retten – zumindest so weit, dass man ihm seine Lizenz zum Mythos nicht sofort entzieht.

GEDULD BIS ZUM ABSPANN

Und doch kann aus jedem dieser Darsteller mithilfe der richtigen Inszenierung doch noch ein James Bond werden, der den Namen dann auch verdient. Genauso wie aus einigen anderen. Am Ende bleibt nur Geduld. Wer das Zeug zu einem guten James Bond hat, entscheidet sich nicht anhand von Pressefotos, bereits gespielten Rollen aus früherem Filmen oder gar Casting-Gerüchten und Kommentarspalten, sondern erst im Kinosaal. Eine Bondversion entsteht aus Drehbuch, Inszenierung, Musik, Timing und aus Momenten, die sich vorher nicht messen lassen.

Vor dem Film erkennt man nur eine Projektion seiner eigenen Erwartungen. Erst wenn der Abspann läuft, weiß man, was daraus geworden ist. Und dann ist es auch an der Zeit, darüber zu diskutieren. Alles davor bleibt leere Spekulation.

Wem aber die Zeit nicht schnell genug bis zum Release vergehen kann, dem seien bis dahin ein paar gute Bondfilme der Vergangenheit empfohlen. Und wer diese schon in und auswendig kennen sollte, auf den warten dann noch die Bond-Romane Ian Flemings.
+++

Lesen Sie auch: JAMES BOND RELOADED, Teil 1: THEN. NOW. NEXT. BOND.
Wer wird der nächste James Bond? Teil 1

Newsletter abonnieren

Sie wollen keine Kolumne mehr verpassen? Dann melden Sie sich zu unserem wöchentlichen Newsletter an und erhalten Sie jeden Freitag einen Überblick über die Kolumnen der Woche.