„I surrender!“

Zwischen Endzeit und Entschleunigung

„Ey, Hörmal!“ Ulf Kubanke mit einer warmen Winterkolumne für icekalte Zeiten. Erneut eine wahre Geschichte mit passendem Musiktipp. Erneut ein Bastard – halb Literatur, halb Rezi.

Ulf Kubanke
Pic "Ulf Kubanke" 2013 by Judith School

„You tell me I’ve no need to wonder why. I just surrender.“
(David Sylvian)

Hamburg Sternschanze, mildes, sonniges Winterwetter.
Schon länger her.

Meine aktuelle Stimmung hingegen hält sich in gegenteiligen Gefilden auf.
Sich inmitten eines Krieges mit dem eigenen Körper befindend, den man lediglich selbst auszuführen hat, der Rest der Gesellschaft davon jedoch weder weiß, noch ihn sieht oder spürt.

Jeder von uns führt derlei Schlachten, ein jeder auf seine Art – mindestens einmal im Leben.

Schätze ich.

Nichts war im Lot.
Nichts war hell.
Alles quälte sich,
alles schälte sich unter Qualen heraus.

Ihr merkt es eventuell selbst,
einer dieser Augenblicke indem man peinlicherweise komplett in akkurat abgefucktem Selbstmitleid zu versinken droht.

Mit anderen Worten:
Es ist genau jener ausweglose Moment, in welchem man sich wünscht, überall zu sein,
jedoch n i c h t auf dieser Straße,
jedoch n i c h.t in irgendeiner Öffentlichkeit.

Ich überquere die Ampel von der Schanzenstraße direkt zum Vordereingang der S-Bahn mit dem Kiosk, wo dieser faszinierend charismatische, ältere Rastaman hinter der Kasse steht, wie ein Silberrücken.

Bremsen jaulen.
Reifen quietschen.

„Ey, bist du nicht Ulf? Ulf Kubanke?“

Eine Limousine kommt hollywoodreif neben mir zu stehen. Gerade 3 cm bevor es entweder den Fuß oder mich komplett erwischt.
Ja nun ..echte Maßarbeit.

ich peinlich dösig: „Ääh….jaa.“

Zeit gewinnen,
um die Personen mit meiner extrem agefu…. naja ihr kennt meine Augen… Optik zu erfassen, wer sich dort direkt vor mir befinde und so interessant überfällt.

Können dann ja immer zwei Sorten sein, oder?
Bislang war es bei mir, bis auf eine Ausnahme, stets jene Sorte, die mir am liebsten die Fresse einschlägt, weil ich „Blutengel“ runter geschrieben hätte, Unheilig für musikalisches Hochstaplertum halte zum oder Eloy für leberwurstigen Pseudoprog, etc.

Und wir wissen mit meiner Ansicht: „Alter, die haben sich allesamt ganz allein runtergespielt.“

Tja… das wird eher eng im konkreten Einzelfall.

Ohnehin war ich in extrem angepisstem Zustand befindlich.
Bedeutet:
Ich war ohnehin scheiß sauer auf bestimmte Umstände. So verfluchte ich meinen Anflug non-roland-deschain’scher Dösigkeit binnen Sekunden.

Knippste den inneren Eastwood an.

„Aber wer, verdammt, will das wissen?“

In dieser Zeit, die ich zu gewinnen trachtete, spähte ich ein wenig näher ins Auto.

Zwei Personen.
Eine Frau mit Punkschnitt, deren Haare sich mir in allen Farben das Regenbogens präsentierten.

Daneben ein junger Mann, der ein ebenfalls äußerst individuelles um nicht zu sagen höchst beeindruckendes äußerliches Bild bot.

Beide grinsen mich an.
Wie Honigkuchenpferde

„Judith…Das ist mein Sohn.“

„Goth, DU bist die Malerin bei Facebook?“

„Ja. Steig ein.“

Tat ich.

Crossroads, Baby, Crossroads.

In solchen Situationen weißte nie, ob man schlussendlich hinten, im verschlossenen Bereich der Gepäckaufbewahrung landet, analog „from dusk till dawn“.

oder

ob es die ultimativ positive Erfahrung, na mindestens der letzten Wochen werden könnte.
Der Clou:

Judith und ich hatten einander nie getroffen.
Nie gesprochen.
Keine Mimik, keine Gestik voneinander gekannt.
Nur etwas Sozialmedial als.

Gleichwohl:

Sie ist eine Malerin.
Sie malte.
Das war 2013.

Doch w i e sie es tat…noch ohne echte Anhaltspunkte.

So existenzialistisch,
so hinter die Fassade blickend,

ein wenig gnadenlos,
OK, fett gnadenlos
eigentlich das verfluchte „Pic of Dorian Gray“…heute.

Tja

Und dennoch,
und deshalb:
Alles andere wâre doch unzutreffend.

Es ist ihr Röntgenblick.
Durch Mark und Bein.
Mehr Klinge als Pinsel.
Darin liegt das Wunder.
Für mich.

Und nun dieser Zusammenprall.

So unerwartet.
So im ganz und gar falschen Augenblick
und
dabei exakt im goldrichtigen Moment.

Zufall?

Ah, ich mag womöglich mitunter ein Narr sein, aber kein solcher, dass ich dieses Unwort je in Betracht zöge.

Ich stieg ein. Mein Instinkt riet dazu.
Ich folgte ihm.
Er ließ mich nicht im Stich.

An jenem Wintertag lernte ich eine hochinteressante, ganz wundervolle Familie kennen.

Heute?

Alle drei (ihr Gatte trat hinzu) echte Freunde von Zizino und mir.

Tja, keine Ahnung, ob diese Zeilen irgendwas sagen, bedeuten…egal.

Immerhin gleichwohl die Gewissheit, diese seltenen Menschen bedeuten uns, bedeuten mir eine Menge.

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Wer die Kolumne vom Autor vorgetragen anhören möchte, kann das hier tun:

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UK, Februar 2026

Der Weg von David Sylvian führte vom Pop mit Japan bis zum Ambient. Auf halber Strecke erschuf er um die Jahrtausendwende sein ultimatives Meisterwerk „Dead Bees On A Cake“. Die Platte verzaubert mit wundervollen Liedern, die Glücksseligkeit und Melancholie zu reiner Poesie der Nacht verschmelzen.

Dass dieses Album 1999 überhaupt erscheint, mutet wie ein kleines Wunder an. Bis auf ein paar Projektarbeiten mit Langzeitfreunden wie Robert Fripp, Holger Czukay oder Ryuichi Sakamoto blieb der scheue Genius die gesamten 90er auf Tauchstation. Sein ebenfalls hervorragender Vorgänger „Secrets Of The Beehive“ datiert von 1987.

Im Frühjahr 1999 kehrt Sylvian inmitten aufkeimender Milenniumseuphorie hiermit zurück und setzt dem hektischen Trubel eines der unaufgeregtesten Werke der Musikgeschichte entgegen. Kaum jemand füllt die Position des großen Entschleunigers so souverän aus wie dieser entrückte Engländer.

Sylvians intensives Studium indischer Religion, Philosphie und Musik fließt als warmer Strom ein, der Zeilen wie Klänge gleichermaßen umspült.

„Opened up the pathway to the heart …“ Kein Meisterwerk ohne passenden Übersong! „I Surrender“ ist womöglich das wundervollste Lied, das Sylvian je schrieb. Auf zwei Gitarren (Marc Ribot, Sylvian), einem Rhodes-Piano (Sakamoto) und Strings (Sylvian, Sakamoto) plus Percussion gleitet man hinein.

Das Stück lädt nicht ein. Es verführt regelrecht und klingt nach Verheißung wohlig-warmer Stuben, die den von Frost wie Nässe ausgezehrten Wanderer als Oase des Glücks längst erwarte.

Spätestens sobald dann Flügelhorn und Flöte erscheinen, wird man unwillkürlich Teil dieses fein gesponnen Kokons.

Auch textlich legt er den Track als Ziel einer langen, entbehrungsreichen, teils sogar bitteren Reise an. Die Erlösung manifestiert sich in Form einer unbekannten Schönheit

– zweifellos Sinnbild von Chavez, seiner damaligen Lebensgefährtin –

deren Machtfülle den Erwählten aus seinem Käfig der Traurigkeit befreit. Ein bleierner Kummer, der nicht einmal durch Weisheit und Erkenntnis bei David gemildert werden konnte.

So entzündet sie all seine gelehrten Bücher, wirft deren lodernde Fetzen ins Meer und deklamiert sanft: „Come find the meaning of the words inside of me.“
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