Die Disziplin der Väter

Unsere Väter haben es entweder als Männer des Erfolges „schleifen lassen“, oder sie haben sich in bemerkenswerter Weise selbst diszipliniert. Beide Formen des „auf Zack sein“ sind mir fremd. Ich habe es lieber bequem und lass auf Faulheit den Fleiß mit Freude und Komfort folgen.

Elternhaus
Elternhaus. Foto: Matthias von Schramm

Mein Vater war ein Freigeist: Künstler. Wenn es aber um den Brot-Job ging, wurde geradezu soldatische Disziplin an den Tag gelegt. Und dies ohne Not und ohne Druck. Sicher, im Büro musste er als Abteilungsleiter eines mittelständischen Unternehmens seine Arbeit erledigen. Aber viele Jahre hatte er dort freie Hand. Er durfte nach Gleitzeit schaffen, wie er immer stolz berichtete. Doch genau diese Gleitzeit nutzte er nie. Zumindest niemals zeitlich nach hinten.

Um halb sechs Uhr am Morgen klingelte der Wecker. Ein akribischer Ablauf eines Rituals folgte dann, den meine Mutter im Morgenmantel begleitete. Ich begann damals den Begriff „Morgenmantel“ zu verstehen, dabei hatte ich dieses heimische Kleidungsstück immer für einen profanen Bademantel gehalten. Es gab Toast und schwarzen Kaffee. Das roch penetrant jeden Morgen. Dadurch wurde ich wach und mir war regelmäßig schlecht davon. Es roch nach Disziplin.

Als mein Vater fertig war und mit Aktentasche seinen kurzen Fußweg zur Garage bestritt, war ich nun dran. Toast und weiße Milch. Alles gar nicht lecker. Durch die Terrassentür unseres Reihenhauses eilte ich mit fliegenden Fahnen und nicht selten mit noch unverschlossener Schultasche zum bereits wartenden Bus. Dabei immer den Druck spürend, den Vater diszipliniert an den Tag legte und dem ich nun über den Rasen unseres Vorgartens rennend, nachhechelte.

Soldatische Disziplin!

Punkt sechs Uhr dreißig verließ mein Vater in dem seiner Position angemessenen Mittelklassewagen das Zuhause. Morgen für Morgen war das so und Abend für Abend wurde es spät. Nur Freitag saß er am Nachmittag um vier Uhr wieder daheim am Esstisch und gönnte sich neben diesem schwarzen Kaffee einen Fruchtjoghurt, eine recht moderne Sache in den 1970er Jahren.

Er fuhr früh von einer kleinen Siedlung im Speckgürtel startend durch die halbe Stadt. So war er vor der Rush Hour unterwegs, wie er immer betonte. Nicht einmal am Sonntag trug er beim Lenken seines Fahrzeuges einen Hut. Eben ein Freigeist.

Ansonsten war es für ihn erhebend, davon zu berichten, dass er kein Arbeitskorsett für seine Tätigkeit bedenken musste. Er legte sich dieses aber selbst an, mit soldatischer Disziplin. Er genoss jahrelang das gute Essen in der Betriebskantine und schimpfte später jahrelang über das schlechte Essen in derselben, welches irgendwann aus einer Großküche in feinsten Alu-Behältern angeliefert wurde.

Dies funktionierte alles so lange, bis sich das Klima in der Firma änderte. Komische Vögel und auch Damen mit eigenen Ideen, veränderten viel im Betrieb. Dann hatte er in seinen letzten Arbeitsjahren keine Lust mehr, ließ sich die meiste Zeit krankschreiben und verbrachte die Tage lieber auf der heimischen Couch und wenn es ihm besser ging, an der Staffelei. Freigeist!

Der Vater einer Mitschülerin!

Als mein Vater noch Jahr für Jahr und Tag für Tag ungerührt seinen dienstlichen Pflichten nachging, verbrachte ich Tage und manchmal auch Nächte bei einer Freundin. Altbau mit hohen Decken in Hamburg-Harvestehude. Die Wohnung war drei Mal so groß wie unser Reihenhaus. Während Anja und ich uns am Sonntag am Kühlschrank abarbeiteten, schlief ihr Vater noch – mindestens bis Mittag. Etwas, was bei uns daheim undenkbar gewesen wäre. Als er dann aufstand, verabschiedete er recht sachlich die eine oder andere Frau an der Haustür. Dann nahm er seine Tochter in den Arm und mahnte mich, immer gut auf seine Anja aufzupassen, denn sie sei das Wichtigste, was er habe.

Wir waren allerdings Schulfreunde und kein Paar, aber das war Anjas Vater auch ziemlich egal und er machte da keinen Unterschied. Dann nahm er einen Katerdrink mit rohen Eiern zu sich und erledigte nebenbei zwei Telefonate. Anschließend grinste er über das ganze Gesicht: „Gutes Geschäft gemacht. Immer sauber bleiben Kinder. Ich leg mich wieder hin!“

Ich fand diesen Typen echt beeindruckend, obwohl ich ihn mir wirklich nicht als Vater vorstellen konnte.

Disziplin!?

Waren unsere Väter wirklich so viel disziplinierter als wir selbst? Mein Leben war immer geprägt von Selbstfindungsphasen. Diese gab es auch in der Jugend meines alten Herren. Doch ich erlebte ihn stets als Arbeiter, der es eben als leitender Angestellter zu etwas gebracht hatte. Der etwas vorleben wollte und sich so verstand, wie er funktionierte. Seine Antwort darauf, wenn ich unentschlossen über etwas grübelte, war stets: „Ist doch keine Frage, Junge!“

Ich hasse es bis heute, wenn es früh morgens nach zu starkem Kaffee riecht. Mit wird vom labberigen Toast mit Aufschnitt aus Plastik übel. In Verbindung mit dem Geruch von Rasierwasser, welcher durch das Haus zieht, kommen die nicht schönen Erinnerungen an das selbst angelegte „Korsett“ meines Vaters hoch. Ein Freigeist, der sich in meinen Augen eine massive Einengung verpasste.

Ich selbst lege auch Wert darauf, pünktlich bei der Arbeit zu erscheinen. Aber anders. Ich bin gerne am Vormittag für mich. Ich mache mir meinen Kaffee mit viel Milch, wenn es mir danach ist. Ich organisiere mir meine Einkaufswege so, wie sie mir am bequemsten sind. Und ich bin sehr dankbar darüber, dass ich seit ein paar Jahren meistens erst am Nachmittag mit meiner Schicht als Assistent anfangen muss. Aber ich liebe Routine und diese hilft mir ungemein. Und wenn ich darüber nachdenke, dann ist diese Routine, die ich so gernhabe, eine kleine Schwester von der Disziplin des Vaters.

Es steht mir also gar nicht zu, meine Befreiung von dieser eisernen Disziplin der Vatergeneration in der eigenen Familie, sozusagen lebenstechnisch höher zu stellen, als eben diese Disziplin selbst. Dennoch war das ein Leben, welches ich im wahrsten Sinne des Wortes mit Bauchschmerzen begleitete. Immerhin, in einem Reihenhaus im Speckgürtel der Stadt lebe ich nicht mehr. Und das ist gut.

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