Der Lebens-Koffer

Das Leben ist wie ein Koffer, der irgendwann voll ist. Und dann kann man auch beruhigt sterben und muss den Tod nicht hinauszögern.

Lebens-Koffer

Wer will schon ewig leben? Die Frage stellte Freddy Mercury bekanntlich in einem Lied, das zur Filmmusik ausgerechnet für einen Film gehörte, in dem es irgendwie tatsächlich Aufgabe war, das ewige Leben zu erreichen, indem man alle anderen, die diese Fähigkeit auch hatten, eben umbrachte.

Es scheint ein hartnäckiger Konsens in der Gesellschaft zu sein, dass der Mensch, wenn schon nicht ewig, doch so lange wie irgendwie möglich leben wollen müsste. Wir würden am Leben hängen, behauptet man, wir würden, wenn das Ende naht, so sehr hoffen, dass es noch nicht zu Ende sei. Wir hätten so einen unbändigen Weiterlebenswillen, der uns plötzlich zu Kämpfern macht, die mit dem Tode ringen, wenn es ans Sterben geht oder gehen könnte.

Ich frage mich seit langem, ob das tatsächlich so ist, und wenn es so wäre, ob das vielleicht einfach aus diesem selbstverständlichen Konsens, dieser gesellschaftlichen Erzählung stammt. Es gibt für mich, ehrlich gesagt, gar keinen Grund, möglichst lange zu leben.

Meine Vorstellung vom Leben ist die von einem Koffer oder einem Paket. Man kann Erfahrungen und Erlebnisse hineintun, man kann auch welche wieder rausnehmen (die vergisst man dann eben), wenn was Neues hinzukommt. Aber die Menge, die da reinpasst, ist überschaubar. Das Faszinierende aber ist, dass irgendwann gar nichts wirklich Neues mehr kommt, was man hineintun müsste, weil eine Version dieses vermeintlich Neuen schon enthalten ist.

Familiäres

Beispiel Familie: Man macht zunächst die Erfahrung, Kind zu sein, mit Eltern, Geschwistern, Verwandten. Diese Erfahrung ist ohnehin einmalig, die macht man kein zweites Mal. Man verliebt sich, vielleicht ein zweites, vielleicht ein drittes Mal. Die Erfahrung „sich neu verlieben“ kann man im Laufe des Lebens mehrfach machen, aber wer meint, da müsse immer noch eine Erfahrung „Neue Liebe“ dazu, ist vielleicht einfach vergesslich und weiß nicht mehr, dass er die schon kennt.

Man macht die Erfahrung, selbst Kinder zu haben, die kann man auch ein paarmal machen, und die zweite unterscheidet sich auf jeden Fall von der ersten, aber die dritte ähnelt schon der zweiten und irgendwann weiß man, wie es ist, Kinder zu haben.

Natürlich gibt es Menschen, die diese Erfahrung, und einige Weitere, die ich noch nennen werde, nicht haben – aber denen nützt ab irgendwann auch kein längeres Leben mehr, sie haben diese Erfahrung verpasst und können sie nicht mehr nachholen.

Ich selbst habe inzwischen drei Enkel, und ich möchte die Erfahrung, Großvater zu sein, nicht missen. Ich spiele mit der Dreizehnjährigen gemeinsam Gitarre („Who wants to live forever…?) und mit den Achtjährigen Fußball. Ich freue mich darauf, diese Enkel noch als Erwachsene zus sehen. Ich bin auch erst 60, das passt also noch in meinen Koffer. Gern können noch ein paar Enkel dazukommen, aber die Erfahrung, Enkel zu haben, die hab ich schon, und Urenkel, was vielleicht noch mal anders ist, sind noch drin. Unbedingt noch Ur-Ur-Enkel zu haben – das muss nicht zwingend in den Koffer.

Ich weiß schon, wie es ist, wenn nahe Verwandte sterben, und ich weiß, dass diese Erfahrung in den nächsten Jahren noch auf mich wartet. Ich werde auch von den traurigen Erfahrungen noch genug in den Koffer packen können.

Was schaffen

Ich weiß, wie es ist, etwas zu lernen, eine Ausbildung abzuschließen (habe ich drei Mal in den Koffer gepackt), einen Beruf auszuüben, etwas zu schaffen, etwas nicht zu schaffen, zu scheitern, zu versagen, wieder Erfolg zu haben. Auch das kann man noch öfter wiederholen, klar. Man kann immer was Neues beginnen, und wer es noch nicht getan hat, der hat in meinem Alter noch genug Zeit, damit anzufangen und diese Erfahrungen noch einzusammeln.

Ebenso ist es mit anderen wichtigen Dingen. Ich habe- mit mäßigem Erfolg – zwei Musikinstrumente zu spielen und sogar mal etwas Singen gelernt, ich ärgere mich über mangelnden Fleiß und Beharrlichkeit, und ich weiß, dass ich das wohl nicht mehr perfekt hinkriegen werde – aber da würde es mir auch nicht helfen, meinen Tod am Ende noch hinauszuzögern. Ich bin in die Berge gegangen, stand auf ein paar Gipfeln, nichts Extremes, ich habe Wildnistouren im Winter in Nordfinnland gemacht. Ich werde das auch zukünftig tun und Freude daran haben. Vielleicht werde ich auch neue Herausforderungen suchen, aber die Erfahrung, unter unwirtlichen Verhältnissen in der Natur klarzukommen, die habe ich schon ein paarmal im Koffer. Einiges, was ich mal machen wollte, werde ich nicht mehr schaffen, das weiß ich schon, aber auch das macht mir den Abschied vom Leben nicht schwer.

Spuren hinterlassen

Ich will Spuren in der Welt hinterlassen und ein bisschen was dazu tun, dass sie nicht schlechter wird und nicht kaputtgeht. Als Kind dachte ich, ich würde da was ganz großes, unvergessliches Notwendiges vollbringen. Inzwischen meine ich, dass das bisher niemandem gelungen ist und auch mir nicht gelingen wird. Zudem ist mir klargeworden, dass die Wirkung, die man erzielen will, nie die ist, die man wirklich erzielt, und es ist vielleicht besser, sich auf kleine, überschaubare Wirkungen zu konzentrieren, die man selbst noch ein wenig korrigieren kann, als etwas zu tun was „nicht in Äonen untergehen“ kann aber dann das Gegenteil von dem ist, was man beabsichtigt hat. Also habe ich einiges geschrieben und geredet und zu bewegen versucht und werde das weiterhin tun, auch da habe ich die Erfahrung kleiner Erfolge und großen Scheiterns bereits gemacht und in den Koffer gepackt, auch in der Ecke ist noch ein bisschen Platz, aber es würde sich nicht lohnen, um ein paar Wochen oder Monate weiteren Lebens zu kämpfen, damit da unbedingt noch die ganz große Leistung, der große Erfolg oder die Überzeugung, nun doch unvergesslich in die Ahnengalerie der Guten eingetragen zu sein, hinzukommt.

Fortschritt und Rückschritt

Ich habe staunenswerte technische Fortschritte und begeisternde gesellschaftliche Entwicklungen erlebt, ich habe die Kehrseiten und die Rückschritte ebenso kennengelernt. Auch da passt noch was in den Koffer, aber auch da ähnelt sich das Erleben von mal zu mal mehr, das Erstaunen und die Freude bleiben, aber sie werden durch die Sorge vor dem Kommenden schon getrübt.

Was die Welt und die Menschheit überhaupt betrifft, meine ich, dass sie in Schwingungen oder Wellen existiert, jedenfalls in einem endlosen Auf und Ab. Ich habe eine Zeit erlebt, in der wir schon mal dachten, alles wäre bald zu Ende (Kalter Krieg, Atomkriegsgefahr, Wettrüsten), ich habe in einer Zeit gelebt, in der wir dachten, nun käme doch der ewige Frieden, ich erlebe heute wieder, dass wir Angst vor den weiteren Geschehnissen haben müssen. Ich weiß nicht, wie schlimm es wird, aber der Blick in die Geschichte lehrt mich, dass es auch wieder besser wird – und ich hoffe, dass die bessere Zeit dann die ist, in der ich gehe – und dass ich mit dem Gedanken sterben kann, dass ich ein bisschen was dafür getan habe. Aber wenn es in einer schlechten Zeit mit mir zu Ende geht, dann bringt es auch nichts, auf ein klein wenig Verlängerung zu hoffen. Die Gewissheit, dass es irgendwann wieder aufwärts geht, habe ich schon heute, und die hätte ich dann auch.

Noch nicht ganz voll

Mein Koffer ist nach 60 Jahren eines intensiven Lebens schon ganz gut gefüllt, es passt noch etwas rein, aber das Meiste ist „im Kasten“. Wer in meinem Alter ist und das noch nicht sagen kann, dem kann ich nur empfehlen: Los geht’s, es ist noch nicht zu spät, jedenfalls für das Meiste, und das, was nicht mehr geht, das kann man noch durch anderes ersetzen. Bei mir passt noch einiges rein, und ich werde den Koffer gern bis zum Rand füllen, aber wenn es demnächst irgendwann, warum auch immer, zu Ende gehen würde, dann könnte ich auch sagen: es ist auch so schon genug.

Traurig ist es für die, deren Leben zu Ende geht, ohne dass sie ihren Koffer schon halbwegs gefüllt haben. Für die lohnt es sich, um das Weiterleben zu kämpfen, wenn es durch Krankheit oder Unfall auf der Kippe steht. Und da sehe ich auch die gesellschaftliche Aufgabe, diesen Menschen mit allem zu helfen, damit die Chancen bewahrt werden, dass sie ihren Koffer weiter füllen können, vielleicht anders als zuvor, aber es gibt ja so viele Möglichkeiten.

In meinem eigenen Koffer bleibt wahrscheinlich immer noch etwas Platz, um noch eine schöne oder eine traurige und dennoch bedeutende Kleinigkeit hineinzupacken. Ich stelle mir aber vor, dass ich, wenn es zu Ende geht, einfach sagen kann, er ist gut gefüllt, jetzt kann ich ihn schließen.

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