Der „moderne Mensch“ und die Stille

Der Mensch und die Stille. Zwei Elemente, die im 21. Jahrhundert beim Aufeinandertreffen stets durch Handlungen, Maßnahmen, Eingriffe wieder getrennt werden. Wie also mit der sog. Stille umgehen, wenn sie dann doch mal ohne „Airbag“ auf uns trifft!?

Stille
Foto: Matthias von Schramm

Es ist ungefähr zwanzig Jahre her, als ich regelmäßig in verschiedenen Formationen auftrat. Es waren Lesungen ohne und mit Musik. Literatur an der Basis sozusagen, an leisen und lauten Orten vorgetragen. Die Veranstalter waren immer darauf eingerichtet, vor unseren Auftritten das Publikum mit Musik in die Lokalität zu spülen. Und sie waren auch immer sehr bemüht, die Menschen nach der Darbietung nicht ohne Beschallung alleine zulassen.

Wenn Musik läuft und man nicht zwangsläufig im Smalltalk mit der Nachbarin rote Ohren bekommen will, regt das auch den Gang zu Häppchen- und Getränkeverzehr an. Aus Sicht des Veranstalters also ein durchaus nachvollziehbares Unterfangen. Man wird weich oder schrill von einem Klangteppich aufgefangen und fühlt sich nun ermutigt, die erste Basiskritik an dem was dargeboten wurde, seinem Nebenmenschen mitzuteilen.

Als in der Stille keine Kraft lag!

Es gab einen Ort, an dem ich auch gerne Solo vornehmlich meine Kurzgeschichten vortrug. Ich war da ganz gerne, sehr intim alles, Bücher, Blumen und zurückhaltende gesunde Snacks waren im Raum. Die Farben freundlich von orange bis maritim. Je nach Wochentag und Veranstaltungsstunde saßen so zehn bis vierzig ZuhörerInnen im Raum, die fast immer konzentriert lauschten und mich nur selten mit einer für alle verhältnismäßig laut vernehmlichen Zwischenfrage peinigten. Das war dann meistens zu laut für den Veranstaltungsort und nicht zuletzt für die anderen Menschen im Raum.

Hier gab es aber ein Novum. Sowohl vor, als auch nach meiner Lesung, gab es keine passende chillige Musik aus Lautsprechern. Es gab eben auch an diesem Ort gar keine Lautsprecher, so fern ich mich richtig erinnere. Vielleicht neben an, in einem kleinen Büro ein Radio von einer dort angestellten Person privat mitgebracht.

Als der Applaus verklang, was recht flott ging in einem so übersichtlichen Auditorium, war auf einmal fast umfassende schmerzhafte Stille. Die Menschen saßen im Halbdunkeln, ich noch vor dem letzten beschriebenen Blatt Papier und einer Art Schreibtischlampe. Es war eine Situation, die man am trefflichsten als peinlich beschreiben konnte. Ich hatte den Eindruck, als fühlten sich alle so, wie in einem illegalen Sit-In, ohne mit sich selbst vereinbart zu haben, ob man hier eigentlich sein wollte. Immerhin über GEMA-Rechte musste sich kein Mensch Gedanken machen.

Auflösung der Stille in Wohlgefallen!

Irgendwann schaffte es aber doch die kleine Gruppe, dass sie in Grüppchen zerfiel. Man begann wieder das praktische Denken mitzuteilen. Bei St. Pauli affinen Menschen z.B., ob man noch auf ein Bier ins Jolly gehen wolle, oder ob nicht die sperrige Kost des Autors Appetit gemacht hat und evtl. die Küche beim Lieblingsitaliener noch auf ist.

Auch menschlich fielen dann so manche Dämme. Endlich wurde durch meine bescheidene Mithilfe der Mensch fürs Leben gefunden. Aber auf dem Weg zum gemeinsamen Miteinander unter einem Dach und Fach, bitte keine Stille mehr.

Dauerkrach bei sog. Events!

Wenn man heute an irgendeinem Veranstaltungsort aufschlägt, wird man von einem Klangteppich hineingetragen. Meistens ist es Musik, die man auf keinen Fall privat hören würde und schon haben alle ein gemeinsames Thema: Die schreckliche Klangwelt der Untertanen, die übertriebenen Bässe. Gemeinsames beklagen, dass man sich nicht miteinander unterhalten kann. In Restaurants, vor Bretterbuden, in Mehrzweckhallen, in Fußballstadien und auf der Straße bei Volksläufen (woop woop Babara Streisand; Sweet Caroline).

Keine Stille in der Stadt!

Nun müsste man ja meinen, dass dann der „moderne Mensch“ im Alltag in der Stadt sich zur Stille abschottet. Überall kommen sie einem entgegen. Leute mit vorzugsweise weißen Hörnern in den Ohren, die Klang-Croissants der Moderne, gebogen wie klassische Blasinstrumente. Sie liefern Musik, Hörspiele, die Gespräche der Wale und anderer Tiere. Die Menschen schützen sich vor Lautsprecherdurchsagen auf Flughäfen und Bahnhöfen, sie entfliehen ihrer akustischen Verkehrsumwelt.

Sie schalten ab, ihre Augen auf das Smart-Phone als Steuereinheit des Lebens gerichtet, hören ihren geliebten „Scheiß“ und sehen und hören nichts von der Welt. Nebenbei sind sie dabei auch gar nicht verkehrsfähig und rennen sich gegenseitig über die letzten Häuflein ihrer Teilnahme am öffentlichen Leben.

Stille ist nicht absolut!

Der Komponist John Cage lehrte seiner Zuhörerschaft, dass keine absolute Stille existiert. Im Auditorium hört man das Husten der Menschen, ebenso verlegenes Räuspern. Blut rauscht durch den eigenen Körper, durch den Kopf. Er sprach von der „tosenden Stille“ und ließ diese in seinem Stück „4.33“ vortragen, eine Komposition in drei Sätzen, bei der nicht eine einzige Note gespielt wird.

Heute spricht man von der Atmo – dass, was man hört, wenn man ein Mikrophon in einen Raum hält, in dem alle Menschen um Stille bemüht sind und schweigen.

Wie gehen wir „modernen Menschen“ aber mit Stille um!?

Die Angst, dass die Stille zur Einsamkeit führt, bzw. diese erst bestätigt, scheint die Menschen umzutreiben. Man kommt nach einem langen anstrengenden Tag heim. Man hat mehr oder weniger sein Tagwerk der Notwendigkeit in den Rachen geworfen. Das Zuhause ist ruhig und sogar ein wenig idyllisch. Man schließt die Türe auf und niemand ist daheim. Man sucht nach für sich genehmes elektrisches Licht. Zu hören sind nur die eigenen Schritte oder der Mantel, der sich neu an der Garderobe in seine Form faltet. Ein Moment, der so manchen in Gefahr bringt, dass alleine sein deutlich zu spüren.

Entweder dreht man gleich sein Radio laut auf oder verbindet seine Handyplayliste sofort mit der digitalen Dose in der Wohnküche. Dazu lässt man den Wasserkocher lärmen für ein Heißgetränk mit einem Schuss guter Vitamine.

Oder man bleibt erst einmal im Dunkeln stehen, schaut durchs Küchenfenster in die vielleicht sogar recht klare Sternennacht, nimmt sich einen Apfel, reinigt seine Oberfläche sorgsam mit einem Tuch und hört nur sein eigenes wohlig gesundes Schmatzen in diesem stillen Moment. Da kann es durchaus hilfreich sein, wenn ein Haustier, etwa in Gestalt eines Hundes, um die Ecke kommt und nach freudig freundlicher Begrüßung lautstark einfordert, auf seine Kosten zu kommen.

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