Ich las einmal eine Fantasy-Geschichte, in welcher der Drache dadurch besiegt wurde, dass man seinen Namen kannte und aussprach. Der Name war sozusagen seine Achilles-Ferse, sein Lindenblatt, eben seine Schwäche. Zugleich war es auch seine Stärke, es war nämlich der HORT seiner Essenz, und wenn ein Gegner diesen Hort ausfindig machte, dann konnte er diese Essenz rauben. Ich bin kein ausgesprochener Fantasy-Fan, aber habe meinen Teil davon gelesen und auch geschätzt. In der gelesenen Kurzgeschichte war die Sache mit dem Namen des Drachen so dargestellt, als ob der Leser das schon kennen würde. Somit nehme ich an, dass meine weitgehende Unkennntnis des Genres Fantasy der Grund ist, dass ich sonstwo nicht mehr auf diesen Topos stieß. Aber er blieb mir in Erinnerung. Tatsächlich konnte ich in meinem eigenen Leben oder überhaupt im realen Leben solche „Drachen“ identifizieren, bei denen die Kenntnis ihres Namens zu seiner Überwindung führen konnte.
Eine andere Drachengeschichte
Ein anderer „Drache“, von dem ich einmal las, war expliziter als eine Metapher dargestellt. Die Geschichte von Johann Peter Hebel („Der geheilte Patient“)geht so: Ein sehr reicher Mann, der es sich jahrelang gutgehen ließ, dank einer großen Erbschaft wahrscheinlich, und sein Lebtag mehr als gut versorgt war, hatte eines Tages körperliche, aber auch psychische Beschwerden.
Er war sehr fett geworden, unbeweglich, hatte Verdauungsschwierigkeiten, wurde missmutig, war ständig erschöpft, you get the picture. Er konsultierte Ärzte und Scharlatane, probierte dies, probierte jenes, aber nichts half, denn er wollte seinen Lebenswandel eben nicht grundsätzlich ändern, er wollte einfach von der Krankheit schnell mal geheilt werden…
Der kluge Arzt
Eines Tages las er über einen sehr berühmten und erfolgreichen Arzt, der in einer fernen Gegend wohnte und kontaktierte ihn. Der Arzt verstand sofort, was mit ihm los war und schrieb ihm in einer sehr höflichen und freundlichen Sprache, dass er seinen Ort nicht verlassen würde, der reiche Mann müsse selbst zu ihm kommen. Aber er könne schon eine erste Ferndiagnose stellen.
Der Kranke hätte einen Drachen in seinen Därmen. Sicher einmal als kleines Drachenbaby mit dem vielen Essen verschlungen. Und jetzt ernährt sich dieser Drache in seinen Gedärmen von all dem Guten, dass ihm so reichlich zugeführt würde. Und dazu müsse der Patient zu ihm, dem Arzt kommen, da hätte er die Möglichkeit, ihn von diesem Parasiten zu befreien.
ABER, warnte der Arzt, auf keinen Fall mit der Kutsche! Das ganze Geschaukel mit diesem Wagen und der Gefahr, dabei mal durch das Fahren über einen Stein plötzlich aufgerüttelt zu werden, könnte den Drachen dazu führen, dass er ihm die Därme durchbeiße und der Mann sterben könne. Er müsse zu Fuß kommen.
Aber es sei sehr wichtig, DASS er käme, denn der Drache sei dabei, zu groß zu werden, und das wäre auch der Tod des Mannes. Und unterwegs solle er nur Vollkornbrot und Gemüse essen und Wasser trinken, alles was Fett und Alkohol enthielte, füttere den Drachen umso mehr.
Klappe zu, Drache tot?
Der reiche Mann war sehr erpicht darauf, gesund zu werden und so machte er sich auf den Weg. Zuerst wenige Schritte pro Tag, mit überaus schlechter Laune und viel Stöhnen und Hecheln. Dann immer mehr und immer fester ging der Schritt … Als er endlich beim Arzt ankam, lächelte über das ganze Gesicht und sah braungebrannt und sehr gesund aus. Er sagte zum Arzt: „Ich weiß schon, was für einen „Drachen“ Sie meinten. Schon gut, Herr Doktor, ich werde Ihnen dennoch das versprochene kleine Vermögen überreichen, auch wenn ich Ihre Untersuchung gar nicht mehr brauche.“ Der Arzt wiegte den Kopf und untersuchte ihn dennoch, um zu sagen: „Der Drache ist in der Tat tot und keine Gefahr mehr. Er ist verhungert und letztlich auch vor Erschöpfung von dem schnellen Schritt des Gehens gestorben. Aber der Drache hatte schon viele Eier gelegt, und ich kann nicht sagen, wann ihr Schlüpfen ansteht – bald oder sehr viel später.“ Deswegen müsse der reiche Mann weiterhin die Kutsche meiden, weiterhin seine Essgewohnheiten vom Weg einhalten und am besten jeden Tag ein-zwei Stunden holzhacken oder andere anstrengende Arbeiten verrichten. Das schüttele die Eier immer wieder durch und ab und zu würde eines dann abgehen. Da lachte der reiche Mann, er hatte verstanden. Und er hielt sich an diesen Drachenkampf sein Leben lang und schickte jedes Jahr dem Arzt einen guten Batzen Geld und ein schönes Dankschreiben.
Wir als Leser verstehen natürlich genauso wie der erleuchtete reiche Mann, was der Arzt hier mit seinem eigentümlichen Humor sagen wollte. Interessanterweise ist aber gerade die Verschleierung des „wahren Namens“ des Problems die Lösung gewesen. Wenn der Arzt gleich von schlechter Ernährung und ungesunden Gewohnheiten gesprochen hätte, das war schon vorher beim Reichen auf taube Ohren gestoßen.
Bunte Brillengläser
Tatsächlich kenne ich auch Situationen, in denen ich innerlich schon ahnte, was die Realität eigentlich ist, aber es hätte mich entmutigt und auch selbst gekränkt, hätte ich das mir selber gegenüber offengelegt. Ich musste mich im Schwebezustand des Schrödingers Selbstverleugnen halten, obwohl ich es eigentlich genau wusste, eben damit ich es wirklich schaffe.
Wer niemals seine rosa Brille aufsetzt, niemals dem Optimismus und Idealismus des „ich schaffe das“ nachgeht – wie kann derjenige überhaupt etwas schaffen, das nur ein wenig jenseits seiner bisherigen Komfortzone liegt? Wenn ich weiß, dass mich Lernen und Prüfungen so fertig machen, dass ich sowieso nur gerade das absolute Minimum schaffe, wenn überhaupt – dann womit könnte ich mich motivieren, es überhaupt zu versuchen?
Die Fraktion, die rosa Brillen aus Prinzip ablehnt, ist sie denn erfolgreicher? Oder hat sie vielleicht genauso eine Brille, nur eine andere Farbe, mit Graustich, in dem alles düsterer erscheint, als es ist? Wir wissen ja grundsätzlich nicht, wie die „Realität“ aussieht, wir verleihen automatisch eine persönliche Färbung zu dem, was passiert.
Und wieviel schwerer ist die Anstrengung, überhaupt etwas anzufangen, wenn man sich selbst eher als gewohnheitsmäßiger Versager oder als anderen immer und überall unterlegen kennt? Wir müssen manchmal fantasievolle Drachen erfinden, die wir mit imaginierten Schwertern besiegen, als selbstausgedachte Recken in eingebildeter Rüstung, damit wir das karge reale Dasein menschlich gestalten und überhaupt lebenswert.
Drachen mit Namen
Der Drache des reichen Mannes war ein medizinisches Problem, das mit gesundem Menschenverstand und einer fantasievollen Motivation therapiert wurde. Ein Drache, der sich nachher als keiner herausstellte, aber seine Eigenschaften trug, also sich als Drache verkleidete.
Keiner in der Geschichte sprach von „Adipositas“ oder „krankhafter Fettleibigkeit“. Während in der ersten Geschichte das ganze Setting fantastisch war und der Drache innerhalb dieses Narrativ eben tatsächlich einer war – musste es der explizite Name sein, der zu seinem Besiegen führte. Und ich bin überzeugt, dass es durchaus diese Art von „Drachen“ real gibt, deren Name hilft, ihn zu besiegen. Vor allem genau im medizinischen Bereich.
Wir lesen gerade so viel von depressiven Promis und ganze Instagram-Kanäle beschäftigen sich mit dem Selbst-Outen von Betroffenen. Oder ADHS. Oder Autismus. Sehr viele – fast alle – sagen, dass sie erst nach KENNEN ihrer Diagnose erleichtert waren. Endlich einen NAMEN hatten. Für diesen „Drachen“. Der sie so lange bewohnte.
Denn in dieser Betrachtung (und bei Metaphern kann man durchaus gegensätzliche Bilder nehmen) erlaubt die namentliche Kennung des Drachens, der einen bewohnt, das richtige Werkzeug zu ergreifen und ihn zu besiegen. Und vor allem und vorweg: Der „Drache“ HAT einen Namen! Es gibt ihn! Nicht ich bin das, es ist der DRACHE in mir, mit genau diesem Namen!
Was nun – Ignorance is bliss oder Kenne es selbst?
Das sieht ein bisschen wie das Gegenteil aus, was der Arzt und der reiche Mann taten. Aber man kann es auch anders sehen. Nämlich, dass es eben nicht „Drache“ heißt, sondern „Adipositas“ oder „Depression“.
Jede Depression ist anders, die Gründe für Adipositas sehr unterschiedlich. Aber beides sind Krankheiten. Sie sind etwas, das einen – selbst wenn man vielleicht dazu beigetragen hat – befällt. Sie sind da.
Es ist nicht mehr einfach bewältigbar durch das alltägliche Tun. Und es gibt ein paar schon bekannte Waffen dagegen. Die kann man kaufen, die kann man bauen, es gibt einen Bauplan. Man ist nicht der Einzige, der diesen Drachen hat.
Bauen wir die Metapher etwas aus – wenn der Drache nicht mehr das ist, was einen individuell befällt, sondern die Krankheit an sich, ein Wanderdrache sozusagen. Der immer dahin geht, wo man seinen Namen noch nicht kennt und somit ihn noch nicht bekämpfen kann. Erst wenn der NAME mitwandert, ist er bekämpfbar.
Kompetenz in Fantasie und Kontrolle
Es ist letztlich egal, wie man seine medizinischen (und sonstigen Probleme) erfolgreich bekämpft. Ob man sie „Drachen“ nennt (und namenlos, aber bestimmt sieht) oder „Adipositas“ (also einen Namen hat) – wir Menschen funktionieren eben nicht nur auf der realen Ebene, sondern auch und vor allem auf der Fantasie-Ebene. Kein Wunder, dass das Genre Fantasy so erfolgreich war und ist.
Wir brauchen – von uns Menschen auch bei realen Dingen erfundenen – Namen, Bezeichnungen, Wörter; blumige und stachelige, wir brauchen die Vorstellungskraft genauso wie die Ernüchterung davon. Der holzhackende Reiche wusste ja irgendwann genau, dass er einfach fettleibig aufgrund seines ungesunden Lebensstils war.
Und dennoch war der Schlüssel zu seiner Therapie – wie der kluge Arzt richtig bemerkte – das Verschleiern mit einem nicht realen Drachen. Und als er sich tagein, tagaus, im Laufe seines Lebens daranhielt, Holz zu hacken und im Lebenswandel zu mäßigen, wissen wir nicht, ob es half, dass er WUSSTE (und das tat er, wie er selbst zugab), dass es keinen Drachen gab, sondern ob er sich an das Bild der Krankheit in Form des Drachens hielt.
Verkleidete Drachen
Das Leben – gerade zu diesen Zeiten, wie jeder sagt – ist gerade sehr düster und die Realität treibt viele zur innerlichen Verwahrlosung und zu Parteien, die sich verschleiern als „Alternativen“, als großmachende Retter/Ritter, als Recken mit Kettensägen, als Krieger, die das Böse wie Sternchen und Tofuwürstchen für einen bekämpfen. Diese „Drachen“ unter der Verkleidung haben die Kraft der Imagination verstanden und ihr echter Name, ihre echte Natur und Absichten, die sind ihr Hort der Stärke, deren Name sie als jämmerlich und gefährlich entlarven würde. Statt dem Drachen seinen tatsächlichen Namen zu geben, oder ihn zu bekämpfen, glauben ihre freiwilligen Helfer und Anhänger ihnen, dass Regenbogenfahnen das Banner der Verwirrten ist, da sie selbst einem Banner der Verwirrten folgen und mit genau dieser Verblendung kämpfen, die sie in den anderen sehen. Wir führen Schattenkämpfe, weil wir Fantasie haben, wir Menschen. Weil wir das brauchen. Die Realität sehen wir sowieso durch eine Brille, es wird Zeit, dass wir uns eine fröhlichere Farbe derselben aussuchen! Drachen sind zum Bekämpfen da, während das Leben dafür da ist, die Kraft der Imagination einzusetzen, damit man – wie der Reiche in der Geschichte – sich dem realen Schädlichen entgegensetzt.
Wir brauchen diese Duplizität des Mannes, der beim Holzhacken (wahrscheinlich) sich die Dracheneier im Leib vorstellt, um motiviert zu bleiben und zugleich verstanden hat, dass er ganz nüchtern seinen Lebenswandel ändern muss, um gesund zu bleiben. Er hatte Glück: Der Arzt, der ihm diese Vorstellung einimpfte, hatte sein Wohl im Auge und versetzte den „Drachen“ in ihn selbst, nicht in andere, auf die er damit eine Zielscheibe malen hätte können. „Drachen“ und „Einhörner“ sind eingebildete Wesen, und wir sollen in und aus dieser Einbildung immer nach Bedarf ein- und auftauchen können. Selbst das in die Hand nehmen.
Alles andere wäre Verblendung.
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