Menschen, deren Muttersprache Englisch ist, sprechen dann, wenn wir im Deutschen „Dom“ sagen, meist von der „cathedral“. Das „Münster“ hat als Pendant im Englischen „minster“, und das hat denselben Ursprung und bezeichnet historisch korrekt dasselbe. Aber es ist weniger im Sprachgebrauch als unser deutsches Wort. Aber was unterscheidet im Deutschen eine Kathedrale von einem Dom? Und wieso sollte der Bau von Justo Gallego Martínez nicht als „Kathedrale“ bezeichnet werden?
Don Justo, wie ihn seine Nachbarn liebevoll, aber wohl meist spöttisch nannten, ist 2021 im hohen Alter von 96 Jahren verstorben . Damit hat er genau sechzig Jahre und 2 Monate an seinem Projekt gearbeitet. Denn er fing mit dem Bau der Kirche mit 36 Jahren an, als Befolgen eines Gelübdes, das mit seiner körperlichen Verfassung zusammenhing. Er war nämlich gezwungen, aus einem Trappistenkloster wegen seiner Erkrankung an Tuberkulose auszutreten und er schwor sich, wenn er die Krankheit überwinde, würde er auf dem Grundstück seiner Eltern ein Gotteshaus bauen. Man möchte meinen, Gott habe das Gelübde voll ausgeschöpft. Er baute nicht ganz alleine, aber ohne Bauplan, mit dem, was er in Schutt- und Schrotthaufen fand, vieles davon mit den eigenen Händen, das meiste er selbst. Sein von ihm bestimmter Nachfolger, Pater Angél, sieht sich als Friedensbotschafter und möchte das unfertige Haus allen Religionen zum Beten anbieten. In der Presse gilt das Ganze seit langem als „Kathedrale als Müll“ { https://www.domradio.de/artikel/es-wird-eng-fuer-die-kathedrale-aus-muell-bei-madrid-erbauer-don-justo-gallego-wird-95-und }. Doch eine Kathedrale braucht ein „Katheder“, das heißt, sie muss offizieller Sitz eines (katholischen) Bischofs sein. Es reicht nicht aus, dass ein Kirchenbau groß genug ist und eine große Kuppel oder hohe Wände, oder Glasfenster aufweist, um so zu heißen.
Experten und Laien sehen vieles unterschiedlich
Nun ist ja nicht immer das, was Experten und Spezialisten für korrekt halten, auch allgemein bekannt oder genauso im Umlauf. Man weiß schon, dass „schizophren“ nicht „multiple Persönlichkeit“ heißt und „multiple Persönlichkeit“ nicht heißt, dass derjenige widersprechende Ansichten hat und verwendet beides doch im Alltag genauso. Und bei „er handelt autistisch“ als beiläufige Bemerkung heißt es nicht, dass man den Menschen wirklich auf dem Autismus-Störungs-Spektrum sieht, sondern meistens, dass er grundsätzlich Scheuklappen aufhat und nicht auf anderes und andere achtet. Und eine „Kathedrale aus Müll“ ist für einen Englischsprachigen naheliegender als für einen Deutschen. Dieser würde vielleicht „Dom“ sagen. Denn er hat dieses Wort in seinem sprachlichen Werkzeugkasten für diese Art von Zuschreibung parat.
Auf den Spuren des „Doms“
Als einen Dom bezeichnet man ein großes, imposantes Bauwerk, mit vielen Jahrhunderten auf dem Buckel, das einen etwas überwältigt mit seinen Ausmaßen. Die DomKUPPEL hingegen ist das, was der Engländer als „dome“ bezeichnet. Was aber seinerseits etymologisch über den Umweg des französischen „dôme“ von dem kommt, was man im Deutschen eben „Dom“ nennt, ein Gebäude mit so einer Kuppel, was seinerseits vom lateinischen „domus“ kommt, was „Haus“ oder „Heim“ heißt. Gemeint ist: „domus dei“, also „Haus/Heim“ Gottes. Und weil diese Heime Gottes im 18. Jahrhundert so imposant und meist mit einer Kuppel ausgestattet waren, voilá – „dôme“/“dome“, also auf deutsch: Kuppel. Ach ja, das Wort „Kuppel“ kommt aus dem Italienischen „cupola“, also kleines „Tönnchen“, Gewölbe, das in normal-groß „copa“ heißen würde. Man merkt im Deutschen da sogar eine Verwandtschaft mit dem „Kübel“. Und jetzt kommt der Clou – das deutsche Wort „Dom“ ist eine Rück-Lehnung des Wortes wiederum aus dem Französischen. Vorher soll es – also bis zum 17. Jahrhundert – eher „tuom“ oder „thum“ geheißen haben. Das Französische brachte wieder ein bisschen Nähe zum lateinischen Ursprung zurück, eben als „Dom“.
Wieder zum Thema zurück: Natürlich hat der Kritiker aus der Sicht des Experten für katholische Kirchenbauten recht, wenn er kritisiert, dass das, was Don Justo baut, eben keine „Kathedrale“ ist. Und dem Deutschen würde es im Sprachschatz knirschen, es einen „Dom aus Müll“ zu nennen, da die historische Imposanz fehlt, quasi die vierte Dimension (die Zeit), in die Vergangenheit reichend. Wobei es vielleicht wegen des Einflusses der lingua franca des 20. Jahrhunderts – dem Englischen – dann doch genommen wird.
Kleiner Exkurs: Was Albert Speer bei den großen Kundgebungen der Nazis auf dem Zeppelinfeld in Nürnberg inszenierte, hieß auf Deutsch „Lichtdom“, und war die Nutzung stärkster Scheinwerfer, die so angeordnet waren, dass sie eine Übermächtigkeit erzeugten, sie schienen weit in den Himmel, ohne dass sie unbedingt etwas direkt beleuchteten, sondern sie erzeugten eben Strahlen. Und diese Strahlen sind zwangsläufig eben gerade, somit nicht mit einer Kuppel zu verwechseln. Und deswegen spricht man im Englischen bei dieser historischen Schandtat eben nicht auch von einem „dome of light“, sondern von einer „cathedral of light“.
Dom, Kuppel, dome, cathedral
Man könnte somit sagen: Im Deutschen ist ein Dom eine historisch wertvolle, große Kirche, vor allem die eine bedeutsamste in einer größeren Stadt, oft, aber nicht immer, mit einer Kuppel ausgestattet (der Kölner Dom zum Beispiel ist als gotischer Bau spitz zulaufend, langgezogen nach oben, mit symmetrisch angeordneten Türmen). Eine der ältesten noch existierenden großen Kuppelbauten ist die Hagia Sophia in Istanbul, dem damaligen Konstantinopel. Ein noch älterer ist das Pantheon in Rom, aber es wölbt sich nicht so kühn nach oben. Eine Kathedrale hingegen ist kirchenpolitisch als Sitz eines Bischofs mit seiner Macht verknüpft, auch wenn im Volksgebrauch diese Bedingung nicht immer abgefragt wird. Und da sich die Größe einer Kirche für einen Bischofssitz anbietet, kommt diese volkstümliche Verwischung nicht von ungefähr. Im englischsprachigen Raum hingegen, der historisch durch die Anglikaner aus dem Katholizismus ausgetreten ist, verliert die Kathedrale diese kirchenpolitische Bedeutung. Ein Bischof im Protestantismus ist nicht dasselbe wie im Katholizismus. Und ein Bischofssitz ist somit gegenstandslos geworden. Da die Bezeichnung „cathedral“ aber geblieben ist, verliert sie diese Bindung an das Episkopat. Und was im Deutschen als „Dom“, kann somit im Englischen frei heraus als „cathedral“ bezeichnet werden.
Münster und Basilika
Kann ein Dom ein Münster sein? Selten. Aus zwei verschiedenen Gründen. Das Wort „Münster“ kommt vom lateinischen „monasterium“, also dem Kloster (siehe das Wort „Mönch“, oder auch „monastisch“), es bedeutet, dass es sich um eine Stiftskirche oder einer bedeutsamen Kirche im Zusammenhang mit einem Kloster handelt. Allerdings sind nach und nach auch Stadtpfarrkirchen so genannt worden, vor allem im südwestlichen deutschen Raum, ohne, dass man sich dabei an den Ursprung des Wortes gehalten hat. Somit ist ein Münster entweder deswegen kein Dom, weil im nördlicheren deutschsprachigen Raum darauf geachtet wird, ob sein Ursprung im Zusammenhang mit einem Kloster oder einer Stiftung ist. Oder weil es im Südwesten die bevorzugte Bezeichnung für solche großen Kirchenbauten ist und Dome nicht auftreten. Eine entweder geografische oder eine systematische Trennung von Dom und Münster. Und Kathedralen, also Bischofssitze, können sie zusätzlich sein.
Eigentlich sollte wenigstens bei der Basilika eine sehr einfache Definition vorliegen: Eine große Kirche mit drei Schiffen, in der das Mittelschiff höher als die beiden Nebenschiffe sind, ist eine Basilika. Eine architektonische Distinktion. Eigentlich. Aber die katholische Kirche hat eine Besonderheit: Der Papst verleiht einzelnen Kirchen eine besondere Auszeichnung, einen Ehrentitel, den diese Gotteshäuser wegen ihrer bestehenden Bedeutung, sei es geistiger, sei es historischer Natur (oder auch anderen Kriterien folgend) erhalten. Ein solches geehrtes Haus tritt somit quasi in das Blickfeld des Vatikans und kann zum Beispiel besondere Insignien tragen, die diese Nähe zum Papsttum öffentlich machen. Diese Verleihung heißt genauer „basilica minor“, also mit einem etwas niedrigeren Rang als die im Moment existierenden vier basilicae maiores .
Nachdem wir jetzt mit ein bisschen Grundwissen ausgestattet sind, können wir ja überlegen, ob Don Justos Bau tatsächlich richtig oder tatsächlich falsch als „Kathedrale aus Müll“ bezeichnet ist. Vergessen wir, dass es sich nicht unbedingt um Müll handelt, sondern um Wertstoffe, die recycelt wurden. Schauen wir nur auf das „Kathedrale“. Im Deutschen kann das nicht richtig sein. Da hat der Experte mit seiner Kritik recht. Es wäre eher ein „Dom aus Müll“. Doch wir wissen inzwischen, dass sich da vielleicht eine Art Übersetzungsfehler eingeschlichen hat, da im Englischen durchaus eine „cathedral“ ein „Dom“ ist. Wie das Lichtspektakel von Albert Speer eben durch die geraden Lichtstrahlen keinen gekrümmten „dome“ hergeben, aber eine „cathedral“.
Insofern ist die Kritik des Experten zwar richtig, aber setzt an der falschen Stelle an. Es ist eine sprachliche Verirrung, lost in translation, kein Kategorienfehler. Wir können jetzt mit dem Wissen ausgestattet, den Besserwisser noch mehr besserwissern.
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