Es beginnt selten mit einem großen Skandal. Meist beginnt es mit einem Satz.
Einem Tweet. Einer Talkshow-Bemerkung. Einer scharf formulierten Empörung, die sehr genau weiß, wo sie wirken muss. Moral ist heute nicht mehr nur eine Frage des Gewissens, sondern eine Frage der Platzierung. Wer sie richtig platziert, gehört dazu. Wer zögert, wer zuckt, fällt auf. Wer widerspricht, riskiert mehr als nur Gegenargumente.
Die neue Währung heißt Haltung.
Und sie wird nicht im Stillen geprüft, sondern real-time öffentlich gehandelt, als wäre sie ein Finanzinstrument.
Gut sein reicht nicht mehr, man muss es zeigen
Es genügt längst nicht mehr, anständig zu handeln. Anstand ohne Sichtbarkeit gilt als verschenktes Kapital. Moral muss kommuniziert, markiert, performt und vermarktet werden. Möglichst eindeutig, möglichst schnell, möglichst ohne Grauzonen.
Differenzierung stört da nur. Zweifel wirken verdächtig. Wer nicht sofort weiß, was richtig ist, hat offenbar den Diskurs verpasst, die falschen Leute abonniert oder den falschen Stimmen zugehört. Die Erwartung ist klar: Positionierung jetzt. Einordnung sofort. Ambivalenz unerwünscht. Moral wird zu etwas, das man konsumiert und reproduziert — ein geteiltes Statement hier, ein empörter Kommentar dort und irgendwo dazwischen das gute Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Es ist warm, bestätigend und sozial hoch wirksam.
Was früher Gewissensfrage war, ist heute Teil der eigenen Außendarstellung. Wehe du brauchst zu lange, um dir eine Meinung zu den komplexen Geschehnissen der Zeit zu bilden. Wehe du recherchierst erst mal, liest und checkst Quellen, Gesetze und Texte, hörst allen Seiten zu, hinterfragst und bist womöglich nicht 100% auf der ad-hoc Rage-Linie. Wehe da ist womöglich noch die böse KI im Spiel, wehe die Bilder sind nicht echt, wehe die Bekennerschreiben sind gefälscht…
Wenn Du also als einigermaßen Intellektuelle(r) unverschämter Weise Zeit brauchst und am Ende noch irgendwo dazwischen liegst mit deinem Ergebnis, dann hast du eben Pech gehabt, dann hast du halt keine Haltung. Und das muss man sich erst mal leisten können, in 10 Minuten zu keiner klaren Haltung gelangen zu können. Vor allem in der Politik…Das ist ja fast wie im Hades, wo gehört man denn dann hin? Rechts, links oben unten? Mitte gibt’s nämlich nicht. Mitte ist Vakuum, Mitte verkauft sich ganz schlecht.
Wenn Moral zur Marke wird
Diese Entwicklung wäre harmlos, wenn sie nicht so folgenreich wäre. Denn wer Moral zur Marke macht, muss sie verteidigen, und das nicht nur argumentativ, sondern womöglich identitär. Kritik an der eigenen Position wird schnell als Angriff gelesen. Nicht auf die Meinung, sondern auf die Person.
Die moralische Kamera zoomt immer schneller und immer schärfer. Die Halbwertzeit von Überzeugungen schmilzt uns öffentlich dahin, weil die lauthals vorgetragene Haltung häufig doch nicht richtig ausgegoren war. In Talkshows und Sozialen Medien werden Positionen mit moralischem Absolutheitsanspruch vertreten, nur um später unter veränderten Umständen relativiert oder angepasst zu werden. Die moralische Gewissheit bleibt, die Realität ändert sich. Ein Muster, über das zahlreiche medienwissenschaftliche Beiträge bereits reflektieren.
Doppelmoral ist dabei kein Ausrutscher. Sie ist strukturell angelegt. Und sie ist Gift für Glaubwürdigkeit, Standing und Demokratie.
Die bequeme Grausamkeit der Gewissheit
Das Paradoxe ist, dass sich moralische Überlegenheit auch noch erstaunlich gut mit Rücksichtslosigkeit verträgt. Wer sich im Recht fühlt, glaubt häufig auf Maß, Ton und Empathie verzichten zu können. Die eigene Position gilt als so überlegen, dass sie keiner höflichen Erklärung mehr bedarf.
So entstehen Debatten, in denen nicht mehr gesprochen, sondern vorgeführt wird. Talkshows, in denen Unterbrechen als Stärke gilt. Kommentarspalten, in denen nicht mehr gestritten, sondern sortiert wird. Wer nicht eindeutig zuordenbar ist, wird misstrauisch beäugt und wer womöglich widerspricht, schnell abgewertet.
Der moralische Kompass zeigt dann nicht mehr nach innen, sondern nach außen. Er dient weniger der eigenen Orientierung und Manifestation der eigenen Haltung als der Abgrenzung.
Empörung als Ersatzhandlung
Dabei bleibt ein erheblicher Teil dessen, was heute als moralisches Engagement gilt, ist in Wahrheit erstaunlich folgenlos. Man empört sich, man positioniert sich, man distanziert sich, man teilt ein paar Sharepics. Die richtigen Begriffe werden verwendet, die passenden Hashtags gesetzt, die moralische Zugehörigkeit öffentlich bestätigt. Danach kehrt man in seiner warmen Bude gemütlich zur Tagesordnung zurück in der Gewissheit, dass morgen das nächste Thema durchs Dorf gejagt wird.
Wie praktisch, dass der eigene Lebensstil weitgehend unangetastet bleibt. Der eigene Komfort ebenfalls.
Empörung ist eine der effizientesten Ersatzhandlungen unserer Zeit. Sie kostet wenig, ist sofort verfügbar und bringt schnelle soziale Belohnung. Zustimmung, Bestätigung, Gemeinschaftsgefühl — man hat etwas getan, ohne wirklich etwas tun zu müssen.
So liefert bereits psychologische Forschung Hinweise darauf, dass moralisierte Haltungen dazu neigen, politische Kompromisse zu erschweren und Widerspruch rigoros auszuschließen. Das führt zu einem Polarisierungszyklus, in dem Moral zunehmend als Identitätsmarke dient.
Veränderung hingegen wäre unbequem. Sie würde Konsequenzen verlangen. Sie würde fordern, Gewohnheiten zu hinterfragen, Widersprüche auszuhalten, vielleicht sogar auf etwas zu verzichten. Empörung hingegen verlangt nichts außer Präsenz zur richtigen Zeit.
So entsteht eine Kultur der moralischen Kurzstrecke: Viel Gefühl, wenig Wirkung. Viel Urteil, wenig Verantwortung. Moral wird zur emotionalen Reaktion, nicht zu einer praktischen Haltung.
Das Tragische daran ist nicht die Empörung selbst, sondern ihr Ersatzcharakter. Sie beruhigt das Gewissen, ohne es zu fordern. Sie simuliert Engagement, ohne Risiko einzugehen. Und sie erzeugt das trügerische Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, während sich real kaum etwas verändert.
Politik als Bühne der Widersprüche
Diese Dynamik ist besonders sichtbar in der politischen Arena, wo moralische Ansprüche oft höher formuliert werden als reale Maßnahmen greifen. Positionen werden mit Pathos vertreten, nur um später relativiert oder neu begründet zu werden, ohne dass dies öffentlich transparent wird. Das befeuert Politikverdrossenheit, weil viele Beobachter*innen erkennen, dass Rhetorik und Praxis auseinanderklaffen.
Der Verlust des Zweifelns
Vielleicht ist das der tiefgreifendste Schaden dieser Entwicklung: Der Zweifel gilt als Schwäche. Wer zögert, gilt als unsicher. Wer abwägt, als unentschlossen. Wer Fragen stellt, als jemand, der „es offensichtlich nicht verstanden hat“.
Dabei war Zweifel einmal eine Tugend. Die Grundlage moralischer Reife. Die Fähigkeit, die eigene Position nicht nur zu vertreten, sondern auch zu hinterfragen. Nicht um sie aufzugeben, sondern um sie zu prüfen.
Eine Gesellschaft, die den Zweifel verlernt, verliert ihre Beweglichkeit. Sie wird nicht klarer, sondern härter. Sie urteilt schneller, verzeiht weniger und verwechselt Konsequenz mit Unnachgiebigkeit. Haltung wird dann nicht mehr an Reflexion gemessen, sondern an Lautstärke. Der Zweifel aber ist kein Zeichen von Schwäche. Er ist das Eingeständnis, dass die Welt komplex und verdammt kompliziert ist. Dass moralische Fragen selten eindeutig sind und Verantwortung in klarer Gewissheit außerordentlich unbequem. Ohne Zweifel wird jede Moral zum Dogma. Und Dogmen (das sehen wir gerade leidvoll weltweit) brauchen keine Argumente, nur Loyalität.
Ein unbequemer Gedanke
Vielleicht wäre es an der Zeit, Moral wieder aus der Auslage zu nehmen. Sie weniger zu zeigen und mehr zu leben. Weniger darüber zu sprechen, auf welcher Seite man steht, und mehr darüber, wie man überhaupt dahin gelangt ist und wie wertschätzend man auf dem Weg mit denen umgegangen ist, die anders denken.
Vielleicht beginnt moralische Reife nicht mit Empörung, sondern mit Selbstironie. Mit dem Eingeständnis, dass auch die eigene Position zeitgebunden, widersprüchlich und vorläufig sein kann. Dass man irren kann und darf, ohne sofort alles zu verlieren.
Das wäre allerdings anstrengender als die schnelle Empörung. Weniger sichtbar. Und deutlich weniger belohnend.
Was bleibt
Moral, die nur glänzt, nutzt sich schnell ab. Moral, die spaltet, verliert ihren Sinn. Und Moral, die vor allem dem eigenen Status dient, ist am Ende nur ein weiteres Accessoire in einer Gesellschaft, die längst genug davon hat.
Vielleicht beginnt echte Haltung dort, wo man aufhört, sie ständig vor sich herzutragen.
Und vielleicht wäre genau das der Moment, in dem Moral wieder das wird, was sie einmal war: Eine reife, geprüfte, überzeugte innere Angelegenheit mit umso kräftigerer äußerer Wirkung.
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Lesen Sie von Isabel Wiest auch: Die neue Erschöpfungsgesellschaft
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Unsere Autorin Isabel Wiest ist im richtigen Leben eigentlich Wirtschafts-und Verwaltungsjuristin. Um dem Leben das nötige Drama hinzuzufügen, schrieb sie nebenher ein paar Jahre als Ghostwriterin für eine bekannte Late-Night Show die Witze. Das hat sie so gestählt, dass sie heute die Untiefen der kommunalen Politik als Hamburger Bezirksabgeordnete mit der nötigen Portion Humor durchschifft.
Von Ihr könnt Ihr unter der Rubrik: „Zwischen Zeitgeist und Zukunft“ scharfsinnige Texte über Politik, Gesellschaft, Zeitgeschehen und aktuelle Trends lesen.
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