Die Kolumnisten

persönlich. parteiisch. provokant.

Corona, Schmetterlinge und Serendipity

Ich habe früher die Menschen etwas beneidet, die sehr früh in ihrem Leben wussten, was sie wollten. Die einen Plan für ihren Weg ausgearbeitet haben. Die einen geraden Lebenslauf vorweisen konnten. Das Leben im modernen Deutschland schien mir diese Menschen zu bevorzugen, ja nur daraus zu bestehen. Dann kamen „Corona“ und die große Disruption, und die ungewisse Zukunft ist jetzt ein weit verbreitetes Phänomen geworden. Eine Kolumne von Chris Kaiser.

Gänseblümchen Asphalt

Ich muss meine Leser um Entschuldigung bitten. Denn ich fühle mich ein wenig wie ein Kriegsgewinnler, dass es mich insgeheim erleichtert, dass jetzt alle genauso unsicher sind, wie ich schon immer war. Es muss ja nicht so der Fall gewesen sein, dass (fast) alle alles richtig machten, vielleicht bilde ich es mir nur ein und die Sicherheit des geplanten Lebenswegs kam sehr viel seltener vor, als ich glaubte. Es schüchterte mich aber gewaltig ein, wie verbreitet die Diskussion darüber war, dass jemand eine „Lücke im Lebenslauf“ hatte. Dass ein Jahr schon sehr auffällig war. Bei mir waren es viel mehr und dazu noch ein abgebrochenes Studium und ein langes zweites. Ich konnte mich mit Begeisterung in neue Sachen stürzen und nach einer Weile für etwas ganz anderes brennen. Ich lernte mehrere Sprachen, war in der studentischen Vertretung, wohnte in verschiedenen Städten. Das Mutter-Werden war eine Achterbahn an Gefühlen und neuen Erkenntnissen. Ich habe in verschiedenen Lebensabschnitten völlig unterschiedliche Freundschaften gebildet. Ich liebe Neues und habe ständig ein schlechtes Gewissen gehabt, dass ich nicht bei einem bereits Gefundenen blieb. Ich zweifelte an mir selbst, und ob ich überhaupt durchhalte, bis ich alt werde. Alle anderen schienen dagegen sehr viel stabiler, bedeutsamer in ihrem Sein, ihrem Beruf, sehr viel besser mit Verpflichtung und Loyalität umgehen zu können.

Doch dann war alles anders

Doch dann kam Corona. Auf einmal war „Vermummen“ und „Vollverschleierung“ eine Sache für gute Bürger, während es vorher nur die leitkulturverweigernden „Kopftuchmädchen“(Thilos Sarrazin) oder der schwarze Block tat. Auf einmal waren Vereinsmeierei und Prosecco-Treffen für alle falsch, wie für mich schon vorher. Mit Aufkommen der KI brachen plötzlich die krisensicheren und zukunftsträchtigen Jobaussichten für Informatiker zusammen. Zuerst waren Firmen durch die Lockdowns gefährdet, danach gab es einen Fachkräftemangel und Saison- und Service-Aushilfskräfte wurden händeringend gesucht. Im Moment scheint die ach so sichere deutsche Autoindustrie in sich zusammenzubrechen. Plötzlich heißt es, dass die Studienanfängerzahlen für Geisteswissenschaften dramatisch einbrechen, während diese Generalisten begehrt werden. Dann doch nicht. Heute so, morgen anders.

Nichts ist mehr sicher. Pazifisten hatten früher recht und auf einmal nicht mehr. Querdenker waren mal gefragt, jetzt sind sie Störer. Konservative sind auf dem Vormarsch, Progressive gelten als autoritativ. Es heißt allenthalben, dass diese allgemeine Verunsicherung, diese Komplexitätssteigerung, die Leute in Scharen zu den Populisten und/oder in die psychiatrischen Einrichtungen treibt. Und überhaupt – Depressionen, Autismus, ADHS sind von verschämt versteckten Krankheiten zu solch präsenten geworden, dass die Komplexitäts-Phobiker von einer „Mode“ sprechen.

Wie schön ist doch „anders“!

Aber ich fühle mich besser denn je. Optimistischer denn je. Sicherer denn je. Weil ich vorher so viel mit meiner instabilen Art gekämpft habe, scheine ich mir dabei auch ein paar Coping-Strategien angeeignet zu haben. Oder es hat mich nicht an sich gestört, so schmetterlingshaft von Neuem zu noch Neuerem zu fliegen, sondern, dass es eben als zu flatterhaft GALT, während alle anderen um mich herum zielstrebig oder standhaft ihren vorher ausgearbeiteten und gesellschaftlich akzeptierten Weg gegangen sind. Und jetzt – um im Bild zu bleiben – ist der Boden selbst in Bewegung, heute zeigt der Weg nach links, morgen nach rechts …. Und die Schmetterlinge wie ich müssen sich noch weniger bewegen, um eine neue Wiese zu finden. Die wechselt von selbst unter uns weg.

Ich weiß es nicht, ob es sich so verhält. Aber so fühlt es sich an. Alle müssen ständig die Richtung ändern, weil die Welt plötzlich kopfsteht. Alle müssen sich alle naselang neu orientieren, weil selbst die Grundlagen der Ethik (Pazifisten haben auf einmal nicht mehr recht, Rüstungsbetriebe und Rüstungsforschung sind nicht mehr das sichergeglaubte Böse, selbst für progressiv und links Denkende nicht mehr; Freizügigkeit bringt Probleme; Amerika ist nicht mehr der Hort der Demokratie etc.) sich völlig absurd verhalten. Doch das erschreckt mich im Gegenteil zu vielen derer, die mich vorher wegen ihrer (Selbst)Sicherheit so eingeschüchtert haben, nicht so sehr. Als ob das Rad des Schicksals neu gedreht wurde und Neue zum Zug kommen. Klar, auch solche, die man nicht will, aber plötzlich auch solche Abseitige wie ich. Unsicherheit für alle, nicht nur für mich!

Klingt ziemlich kriegsgewinnlerisch, nicht wahr?

Kein Biedermann, der brandstiftet

Doch ich möchte mich selber nicht so sehen. Und ich glaube auch einfach nicht, dass ich zu diesen brandstiftenden Biedermännern gehöre, die sich freuen, wenn alles brennt. Das kann es nicht sein, denn ich freue mich natürlich NICHT, wenn gute Menschen zu Schaden kommen. Ich gehöre nicht einmal zu denen, die sich ins Fäustchen lachen, weil jemand, den ich vorher beneidet habe, zu Fall kommt. Solche, die wirklich viel Schaden anrichten – ja, vielleicht. Aber jemand, den ich beneidet habe? Nein. Ich staune lediglich. Denn ich sehe, dass es eine Art von „Survival of the fittest“ (der ANGEPASSTESTE, nicht der „stärkere“) war. Die Umwelt war vorher für den Beneideten passend. Jetzt ist die Umwelt anders, jetzt passt was anderes, womöglich ich besser. Übrigens ich bin nicht erfolgreicher, weil sich die Umwelt geändert hat. Ich habe lediglich meinen Neid und mein Eingeschüchtertsein verloren. Ich habe gesehen, dass ich nicht schlechter bin. Nur einen historischen Moment lang vielleicht schlechter DRAN war. Und jetzt sehe ich, dass es ein Spiel der Gelegenheiten ist.

Echte Freiheit

Es ist eine gewisse Freiheit darin, sich nicht zu sehr auf Pläne und festgelegte Strategien festzulegen. Eisenhower hat über die Invasion der Normandie gesagt: „Planen ist alles, Pläne sind nichts!“. Es ist also ok, sich zu überlegen, was der logische nächste Schritt für ein bestimmtes Ziel ist. Aber man muss damit rechnen, dass sich die Umwelt, der Boden unter einem verändert und dann wird der ursprüngliche Plan Makulatur. Es ergeben sich aber neue Gelegenheiten und die Vorbereitungen, die man getroffen hat, die sind immer noch besser, als wenn man gar keine getroffen hätte. Aber das Allerwichtigste dabei ist, sich eben neu orientieren zu können. Die Realität, so wie sie sich – verändert – zeigt, akzeptieren. Sie als Spielwiese zu sehen, die Blüten zeigt, mit denen man nicht gerechnet hatte. Nicht nur lamentieren, dass die Blüte von gestern nicht mehr an dem Ort ist, an dem man sie ursprünglich wusste.

Meine Göttin Serendipity

Ich bin selbst seit ein paar Jahren Atheist. Aber ich sage manchmal mit einem Schmunzeln, dass ich eine Göttin habe, die „Serendipity“ heißt. Serendip ist der Ort an dem in einer alten Erzählung drei Prinzen durch Aufmerksamkeit und durch Beobachten des Zufalls das Beste herausholen und zum Erfolg kommen . Im Englischen ist der Begriff bei weitem etablierter als bei uns, da ist es das Prinzip, wenn man bei einem Unterfangen plötzlich etwas Unerwartetes findet, das aber letztlich sehr viel bedeutsamer ist als das, was man ursprünglich verfolgte. Es gibt eine ganze Philosophie dahinter, die vor allem betont, dass man aufmerksam sein muss, um diese unerwartete Gelegenheit wahrzunehmen, aber auch diese am Schopfe fasst, zur rechten Zeit. Wer sich nur auf sein eigentliches Ziel konzentriert, der wird womöglich das viel Größere verpassen, das bei der Suche nach diesem strategisch vorbereiteten Ziel auftritt. Ich bin inzwischen so weit, dass ich öfter sage: Und wenn ich das geplant hätte, wäre es nie so gut geworden. Pläne sind für mich lediglich die Motivation, sich gründlich für etwas vorzubereiten, damit man eben zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, dennoch zu etwas völlig anderem greift.

Glücklich sein ist auch ein gutes Ziel

Mein Leben gestaltet sich seit ein paar Jahren sehr viel glücklicher, seit ich bestimmten Begeisterungen und Inspirationen folge, statt mich zu grämen, wenn Erwartetes nicht genauso eintritt, wie ich es mir vorgestellt (und daraufhin geplant habe). Es ist nicht nur ein resigniertes „Es hat nicht sollen sein“ oder ein esoterisches „Wer weiß wofür das gut ist“, es ist ein Folgen einer sich bietenden scheinbar „goldenen“ Gelegenheit. Die trügerisches Katzengold sein kann, oder eben doch gediegen und echt. Es ist in diesem Mindsetting sogar unwichtig, da ich genausogut, dieses Katzengold fahrenlassen kann, wenn eine neue leuchende Richtung aufblitzt. Enttäuschung ist nicht ausgeschlossen, aber sie ist viel weniger bedrückend, wenn man im Nicht-Erreichten nicht sein endgültiges Heil sieht, es als alternativlos glaubte. Und ein Ziel, dem man im verborgenen dunklen Inneren des eigenen Denkens eine Bedeutung zurechnet, worauf man seine Seele so unbeirrt zueilen lässt; ein Plan, der im eigenen Kopf vielleicht irrigerweise so wasserdicht aussah, kann sich leichter zerschlagen, als wenn man einer spontanen Ausleuchtung durch die Realität folgt. Es kann zwar einer momentanen Situation geschuldet sein, wie eine Fensterscheibe, auf die zufällig zu dem Zeitpunkt die Sonne scheint, aber es kann auch das Eigenleuchten einer Lichtquelle sein.

Beständigkeit ist weiterhin ok

Natürlich soll damit die Beständigkeit eines stabilen Charakters nicht plötzlich ins Lächerliche gezogen werden Und eine oberflächliche Persönlichkeit, die sich von jedem Tand ablenken lässt, die sich nur in Eskapismus von den Problemen der Welt befreit sehen will, ist nicht das, was ich gutheißen kann. Das wäre ja ein furchtbarer Tausch. Das Prinzip soll hingegen sein, das Ziel nicht mehr als Damoklesschwert der Zukunft zu sehen. Apokalyptische Düsternis ist auch nur ein Eskapismus, ohne das Farbenfrohe des Kitschliebhabers. Wer jedes Abweichen vom Plan als eine absolute Katastrophe sieht, der wird vielleicht alles daransetzen, dieses Ziel zu erreichen. Nur ist jedes Ziel erstmal eine Kopfgeburt und keine Realität. Ein Serendipist hingegen hat zwar dieses Ziel genauso vor Augen, aber er wird dieselbe Energie einsetzen und sehr viel mehr Freude finden, und dafür bereitsein, sich spontan doch etwas viel Besseres zuzuwenden. Und kein Ziel ist es wert, ein Besseres dafür zu opfern. Ein Serendipist wird auch spontaner anderen helfen können, denn er ist nicht mit den Scheuklappen des Zielgerichteten ausgestattet sein, sondern sieht nach links und nach rechts. Er kann sein zwischendurch Erreichtes leichter anderen überlassen, die es womöglich nötiger haben. Ein Serendipist freut sich öfter und mehr und nicht nur an dem einen fernen Zielpunkt, dessen Erreichen niemals 100 % sicher ist.

In diesem Sinne: Ein frohes Neues Jahr voller Gelegenheiten. Einen wachen und offenen Geist, der flexibel und risikobereit danach greift. Ein Miteinander und Füreinander, ein glückliches Auf und Ab.

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